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Wofür kämpft Kobane?

von Metin Yeğin

Wie hält sich eine von drei, sogar vier Seiten belagerte Stadt gegen eine Armee von Plünderern, die auf blutigen Gewinnen errichtet wurde, die in jeder Weise überlegen ist und unbegrenzte logistische Unterstützung erhält?

Diese Stadt liegt nicht an einem steilen Hang oder auf einem hochaufragenden Hügel, sie liegt nicht an einem schwer zu überwindenden Fluss. Kein geografisches Detail begünstigt die Verteidiger. Auch keine andere Gerechtigkeit der Natur ist in Sicht, wie sie etwa die Nazi-Armeen in Stalingrad im Eis erstarren ließ. Daher meine Frage: Was lässt Kobane, das alle längst aufgegeben hatten, weiterhin Widerstand leisten?

Kobane besitzt den Zaubertrank aus Gleichheit und Freiheit. Sehen wir uns nur die Behausungen derjenigen an, welche die Stadt verteidigen und die Volksräte leiten, die Behausungen der Kommandantinnen und Kommandanten. Die Art, wie sie leben – ihre Kleidung, ihre Familien, ja sogar ihre Waffen… Was unterscheidet sie von anderen Menschen in der Stadt? Auch wenn das Ziel einer „Ökologischen Demokratie“, die in Kobane errichtet werden soll, die Kollektive, Kooperativen und Kommunen noch nicht vollständig sichtbar sind: Ihre grundlegende Dynamik macht dieses Wunder möglich, der Gedanke von Gleichheit und Freiheit.

Die Zauberkraft dieses Widerstands ist seine Philosophie von der Befreiung der Geschlechter, seine Frauenguerilla (YPJ), die Frauen, die an jeder Volksversammlung teilnehmen, ihr Recht auf freie Meinungsäußerung und Entscheidungsmacht praktisch werden lassen. Und dass sich dies alles im Mittleren Osten abspielt, einer Region, die weltweit die Verachtung gegenüber Frauen symbolisiert. Kurz: das Wunder vom Widerstand in Kobane beruht auf der Revolution.

Deshalb sind Rojava und Kobane heute so wichtig. Mein früherer Vergleich mit dem Spanischen Bürgerkrieg, oder richtiger: mit der Spanischen Revolution, erweist sich jeden Tag deutlicher als begründet. Insbesondere kann heute niemand mehr abstreiten, dass sich – ebenso wie damals in Spanien – Rojava im Mittelpunkt einer internationalen Auseinandersetzung befindet.

Umso wichtiger ist es, nicht zu ignorieren, dass dieser Krieg eine revolutionäre Seite aufweist. Das mag vielleicht in einer Phase intensiver, zugespitzter Konflikte weniger wichtig erscheinen. Doch es ist eigentlich umso wichtiger. Denn die Frontlinien verlaufen nicht nur dort, wo geschossen wird, sondern an jedem Ort der Welt, an dem über diesen Kampf gesprochen wird.

Dieser Krieg kann nur gewonnen werden, wenn die Völker der Welt verstehen, was Rojava will, und was das für den Mittleren Osten und die ganze Welt bedeuten kann. Für seine Verteidigung ist die „Diplomatie des Volkes“, die bisher spürbar fehlt, genauso wichtig wie Waffen an der Front. Es ist dringend nötig, vor allem in Europa mitzuteilen, wofür Rojava kämpft und über die Revolution von Rojava, den Aufbau alternativer gesellscjaftlicher Strukturen zu sprechen.

Für die weniger Informierten stellt der dortige Kampf nicht mehr dar als die Selbstverteidigung der Völker gegen einen vollendeten maskulinen Faschismus. Das Grundlegende, das viele nicht verstehen, ist dass hier eine revolutionäre Situation besteht. Der Islamische Staat (IS) möchte sie verindern, deshalb greift er so ausdauernd Kobane an. Deshalb zögerte der Westen gegen den IS vorzugehen.

Der männliche Faschismus

Der IS, dieser männliche Faschismus, ist durch die Besatzung des Irak erst geschaffen worden. Er bedient sich der selben grausamen Methoden wie die mexikanische Mafia. Die westliche Intervention gegen den IS, der die Medien mit immer neuen Bildern von Journalisten mit abgeschnittenen Köpfen versorgt, hört dort auf, wo die Revolution von Rojava beginnt.

Diejenigen, die hauptsächlich zum Ziel der Gewalt werden, sind aber eben nicht nur Opfer und Unterdrückte – in Rojava und andernorts kämpfen sie gegen diese Grausamkeit und für Geschlechtergerechtigkeit. Dies ist auch eine Auseinandersetzung zwischen den Frauen, die von Männern stets versklavt wurden, die immer an zweiter Stelle standen, die nur als Mutter zählen und beschützt werden müssen, und den Frauen, die den Kriegsverlauf an der Front bestimmen und in jedem Bereich der Gesellschaft ein Recht hat zu reden.

Übrigens besitzen auch die Frauen der YPJ nicht, wie es von auβen scheinen mag, jene Freiheiten, von denen in der Theorie des kurdischen Befreiungskampfes die Rede ist. Jeden Zipfel ihrer heutigen Rechte haben sie sich mühsam erkämpfen müssen. Das macht diesen Widerstand gegen den sektiererischen, männlichen Faschismus des IS zu einem historischen Ereignis. In ihr kommen alevitische Araberinnen und Araber, Christinnen und Christen, Assyrer und Assyrerinnen, Jesidinnen, schiitische Turkmenen und natürlich Kurdinnen und Kurden zusammen. Er beruht, was vielleicht das wichtigste ist, auf gleichen Rede- und Entscheidungsrechten der Frauen.

Auch wenn Kobane fallen sollte, wird dieser Kampf weiterleben. Seine Bedeutung wird einmal neben der Spanischen Revolution stehen, neben der Verteidigung Madrids. An den Internationalen Brigaden beteiligten sich im Verlauf der Spanischen Revolution 32.000 Freiwillige – Menschen, die sich dem Widerstand der Menschheit anschlossen. Länder wie Frankreich, England, die USA hatten damals beschlossen, sich nicht in diese Angelegenheit einzumischen.

Die Bourgeoisie hatte noch nie zuvor mehr Angst vor den Kommunisten, den Anarchistinnen und Anarchisten, den Kommunalistinnen, und vor etwas anderem ohnehin noch nie – und so nahm sie auch den Tod von Millionen Leben in Kauf. Genau wie zu Zeiten der Spanischen Revolution kann auch diese Revolution, und die Solidarität mit ihr, nur eine internationale Brigade aus Freiheitskämpferinnen und Freiheitskämpfern, aus Revolutionärinnen und Revolutionären weitertragen – überallhin, an jeden Ort der Welt.

Ökonomie der Plünderung

Aus dem Blick gerät derzeit außerdem, dass der IS in einer Form der Entlohnung arbeitet und wirtschaftlich Profite macht. Er nutzt die im Krieg erbeuteten Güter: So hat es die Welt erschüttert, als dem IS Tausende Jesidinnen und Jesiden in die Hände gefallen waren und die Männer als Sklaven, die Frauen als Mätressen verkauft wurden. Der IS begründete dieses Vorgehen damit,  dass das Jesidentum eine ‚polytheistische‘ Religion ist.

Mit diesen Bildern wird Politik gemacht und Zustimmung zur Bombardierung aus der Luft generiert. Dabei wird vergessen, dass dahinter im Grunde genommen eine ganz gewöhnliche Ökonomie steht, durch die das tägliche Leben bestritten wird. Der IS steht nicht nur, wie so oft besprochen, für eine auf das Jenseits ausgerichtete Aktivität. Die Situation, die sich nach der Intervention am Golf und der Besatzung des Irak abzeichnete, schuf für manche die geradezu zwingende Notwendigkeit zu „besonderen“ wirtschaftlichen Aktivitäten.

Wie jedes autoritäre Regime beruhte auch die Herrschaft Saddam Husseins auf einer breiten Schicht von Verwaltungsbeamten, sowie auf Angehörigen von Armee und Sicherheitsapparaten, die nach der Auflösung des Regimes auf der Straβe standen. Diese Schichten wurden vom schiitisch dominierten neuen irakischen Regime ausgeschlossen. Der Löwenanteil der Einkommen aus dem Erdöl, die wichtigste Einnahmequelle des Landes, wurde von internationalen Multis angeeignet. Was übrigblieb verteilten die Besatzer an Nahestehende, an die Barzani- und Talabani-Regierungen sowie an schiitische Kräfte. Für die sunnitischen Bevölkerungsteile blieb nichts.

Gleichzeitig zerstörte die Besatzung auch die Landwirtschaft, die den Irak über Jahrtausende ernährt hatte. Die auf jährliche Stabilität ausgerichtete agrarische Wirtschaft brach zusammen. Gerade die sunnitischen Bevölkerungsteile des Irak verloren dadurch ihre seit Jahrtausenden bestehende Haupteinkommensquelle. Schlimmer noch, sie konnten sich nicht einmal mehr selbst sicher mit Nahrungsmitteln versorgen. Für sie blieb nur noch die Kriegsökonomie.

Die Kriegswirtschaft ist nicht auf den oben erwähnten Verkauf von Angehörigen der polytheistisch-jesidischen Religion beschränkt. Die Auslösung entführter Christen gegen Lösegeld, die Sklaven und leibeigenen Nebenfrauen, das Gold und das Geld, die Einkünfte aus dem Erdöl, die gewinnträchtige Nutzung und Vermietung erbeuteter Ländereien, die Entrichtung von 20 Prozent Steuern auf alle Gewinne an den IS – all das stellt einen zusammenhängenden Raum wirtschaftlicher Aktivitäten dar. Diese Situation bestätigt ein weiteres Mal die häufig benutzte Redensart „Wo Soldaten auftreten, wächst kein Gras mehr“ – auβer einer Ökonomie der Plünderung ist im Krieg nichts geblieben.

Arbeit und Arbeitslosigkeit sind jedoch, jenseits all dessen, nicht nur eine Frage des Einkommens. Verbunden damit ist auch ein sozialer Status. Die ausgeschlossene sunnitische Gesellschaft hat nicht nur ihr Einkommen verloren, sondern mit ihm auch ihren traditionellen Sozialstatus. Die ehemaligen Beschäftigten der staatlichen Verwaltung, aus dem Militär und den Sicherheitskräften sowie die Vertreter der Stämme haben ihren verlorenen gesellschaftlichen Rang heute durch die Explosionen der Autobomben, durch den Ruhm der „für den Islam“ eroberten Landzüge und natürlich den Status des Märtyrers ersetzt.

Die Kultur der Märtyer, die im Westen so wenig verstanden wird, besteht in nichts anderem als in einer Dynamik, die in eigentlich jeder gesellschaftlichen Utopie angelegt ist: Bessere Tage werden kommen. Außerdem bestimmt das Märtyrertum nicht nur den Status des Toten in der anderen Welt, sondern auch den Status seiner Familie und seines Stammes im Diesseits. Die Familie und der Stamm des Märtyrers erhalten, zusätzlich zu einem direkten Anteil an der Kriegsökonomie, das Prestige mit erhobenem Haupt auftreten zu können. Mögen sie auch noch so arm sein.

Darin besteht der eigentliche Gewinn. Gerade in einer Gesellschaft, die die Massaker von Falludscha und die Folter in Gefängnissen wie Abu Ghraib durchleben musste, besteht keinerlei Schwierigkeit, eine Ökonomie der Plünderung – wie die des IS – mit mit einer ‚islamischen‘ Theorie ideologisch zu untermauern.

Den Liberalen, die meinen, die kurdische Befreiungsbewegung könne erfolgreich sein, wenn sie auf die Utopie der Kollektive, Kooperativen und Kommunen verzichten würde, denen sage ich: Die Kraft des Widerstands liegt in Gleichheit und Freiheit, in der Revolution… Darum wäre es unser Fehler – mich selbst eingeschlossen – die Revolution im Stich zu lassen, indem wir sie der Welt nicht zu Gehör bringen. Obwohl es fast zu spät ist, müssen wir immer wieder und aufs Neue erzählen, was die Revolution von Rojava bedeutet: Die Revolution in Rojava – ihre Kollektive, ihre Kooperativen und Kommunen – kämpft für eine ökologische Demokratie und vertritt ein Paradigma der Geschlechterbefreiung. Wissen Sie das?