| »Wir kämpfen, andere leugnen« − Worte einer Pflegekraft

November 2020  Druckansicht
Von Thomas Brückner

Ich bin müde.

Wir gehen alle unseren Berufen nach.
Wir auf der Intensivstation, auf den Normalstationen, dem OP, der Anästhesie, der Psychiatrie,
in den Kinderkliniken, dem Labor und den vielen anderen Bereichen eines Klinikums.
Wir sind, wenn man es mit etwas Pathos sagen möchte, die letzte Instanz vor der Ewigkeit.
Und das stimmt wirklich.

Covid-Patienten sind einsam.
Sie sehen wochenlang kein bekanntes Gesicht. Sie sehen eigentlich gar kein Gesicht.
Sie sehen nur vermummte Menschen.
Sie sehen nur Augen. Augen, die durch Schutzbrillen gucken.

Covid-Patienten sind einsam.
Und sie sterben einsam.
Das Letzte, was sie in ihrem Leben sehen, sind vermummte Menschen.
Augen, die durch Schutzbrillen gucken.
Es ist keine vertraute Stimme bei ihnen, kein vertrautes Gesicht, keine vertrauten Augen.
Keine vertrauten Hände. Kein Lächeln. Nur vermummte Gesichter. Fremde Augen.

Covid-Patienten leiden. Wir leiden mit ihnen.
Sie kämpfen. Wir kämpfen mit ihnen.
Wir kämpfen um sie. Um jedes einzelne Leben.
Sie zerbrechen daran. Wir zerbrechen daran.

Wir kämpfen einen Kampf, der keinen Sieger kennt.
Wir alle verlieren. Unseren Verstand, unseren Beruf, unsere Gesundheit, vielleicht unser Leben.

Ich bin müde.
Müde vom Anblick der Coronaleugner.
Müde vom Anhören irgendwelcher kruden Ideologien.
Müde vom ganzen Hass und der Häme.
Müde von einer Gesellschaft, in der einige wenige so laut sind,
dass sie die große Masse der Vernünftigen, der Leisen, völlig übertönen.

Ich bin müde.
Müde von Fake-News, verdrehten Fakten, Populismus und Verschwörungsfantasien.
Müde von Menschen auf Querdenker-Demos in Berlin, in Leipzig und anderswo.
So müde.

Wir kämpfen hier um jedes Leben. Nicht nur um das von Covid-19-Erkrankten.
Doch diese werden in den nächsten Wochen die Krankenhäuser dominieren.
Wir kämpfen. Andere leugnen, relativieren, lügen.
Es ist ihre Welt. Ich lebe in meiner.
Und in meiner Welt möchte ich bald nicht mehr kämpfen.
Nicht für diese Menschen. Nicht für diesen Teil der Gesellschaft.

Ich merke, wie ich mich so langsam innerlich von meinem Beruf verabschiede.
Ich habe die Hoffnung aufgegeben, dass sich Dinge ändern.
Ich habe die Hoffnung aufgegeben, dass mein Beruf noch etwas wert ist.
Er ist ramponiert. Absichtlich. Für Jahrzehnte. Wenn nicht gar für immer.

Ich bin müde. Wir sind müde.
Müde von den Demütigungen der Menschen. Ihren Vorurteilen. Ihrer Gehässigkeit.
Müde von der Politik.
Einer Politik der Phrasen, der Fantasien, der Schuldzuweisungen, der Verantwortungslosigkeiten.

Mein Beruf, die Pflege, stirbt.
Sie stirbt vor unseren Augen.
Wir schauen zu und machen nichts.
Die Politik schaut zu und macht #Ehrenpflegas.

Ich bin einfach nur so müde.
Ich werde mich bald umdrehen. Und gehen.
Gehen aus meinem Beruf.
Und es wird sich niemand dafür interessieren.
So wie es niemanden interessierte, dass viele Tausend Menschen in den letzten Jahren diesen Beruf aufgegeben haben.
Aus Frust. Aus Müdigkeit.
Man hat es nickend hingenommen.
Schweigend mit den Schultern gezuckt.

Ich bin seit 18 Jahren Intensivpflegefachkraft.
18 Jahre und ein Monat.
6612 Tage. Unzählige Minuten.

Noch nie war ich so müde wie heute.