| »Wir haben keine Zeit zu verlieren«

September 2018
Ein Gespräch mit Caitlin Breedlove über SONG und Bündnisse gegen Rechts, ländliche Räume und darüber, wie Politik auch anders geht

SONG wurde 1993 gegründet, um LGBTIQ*-Personen im ländlichen Süden der USA zu organisieren. Nicht leicht in einer Region, in der die rassistische und homophobe Rechte schon immer stark war. Was habt ihr erreicht?

SONG hat einige starke Impulse gesetzt – hier im Süden, aber auch für die Queer- und Trans*-Bewegung in den USA insgesamt. Am wichtigsten ist, dass wir eine tragfähige Basis aufgebaut haben, denn NGOs haben oftmals kaum direkten Kontakt zu denen, die sie angeblich vertreten. Mit mehr als 11 000 Aktiven sind wir inzwischen eine der mitgliederstärksten LGBTIQ*-Organisationen des Landes. Durch gezieltes Organizing und kontinuierliche Arbeit vor Ort ist es uns gelungen, Menschen über die Grenzen von Race, Klasse, Alter und Geschlecht hinweg zusammenzubringen, und zwar um gemeinsame Ziele und Werte herum. Denn es geht neben politischen Interessen auch um die Bereitschaft, uns in dieser Arbeit selbst zu verändern.

Wir arbeiten mit und als Menschen, die in Gesellschaft und Politik permanent Ausgrenzung erfahren. Auf der Grundlage unserer geteilten Erfahrungen entwickeln wir in unserer gemeinsamen Arbeit Strategien, um uns Räume anzueignen und Strukturen zu verändern. Es geht dabei einerseits um gleichberechtigte Teilhabe, andererseits aber auch darum, was wir zur Veränderung dieser Gesellschaft beizutragen haben. In letzter Zeit haben wir verstärkt mit anderen Organisationen, etwa von People of Color, zusammengearbeitet, was unserer Kampagnenarbeit eine neue Richtung gegeben hat: Wir mischen uns in konkrete politische Konflikte ein und können dort auch etwas erreichen – das ist sehr motivierend. Ein Beispiel ist unsere aktuelle Kampagne Black Mamas Bail Out.

Worum geht es da?

Die Kampagne richtet sich gegen das System sogenannter money bails, durch das Menschen in den USA wegen geringer Vergehen im Gefängnis landen, einfach weil ihnen das
Geld fehlt, um gegen Kaution freizukommen. Das trifft insbesondere arme Menschen und People of Color, die wegen teils banaler Dinge wie nicht bezahlter Strafzettel über Monate eingesperrt sind, ihre Jobs verlieren und weder ihre Kinder versorgen noch ihre Miete zahlen können. Gemeinsam mit anderen haben wir begonnen, Geld zu sammeln und Leute für Aktionen zu mobilisieren, die insbesondere Schwarze Frauen und Queers aus dem Knast holen. Diese Arbeit hat ganz neue Bündnisse ermöglicht.

Was ist besonders wichtig und wegweisend an eurer Arbeit, auch für andere?


Dass wir mit Partnern zusammenarbeiten, die für eine queere Organisation nicht unbedingt naheliegen. Und dass wir unsere eigenen Überzeugungen und Methoden in diese Arbeit einbringen. Nur so konnten unsere Bündnisse die Welle des politischen Purismus und den absurden »Wettbewerb ums Unterdrückt-Sein« überstehen, die große Teile der radikalen Linken in den USA vergiftet und handlungsunfähig gemacht haben. Wir setzen auf verbindliche Arbeitsweisen, schulen unsere Mitglieder und geben unsere Methoden auch an andere Gruppen weiter. Beispielsweise haben wir bei SONG immer das Prinzip »organische Führung« starkgemacht: Leadership muss auf den gelebten Erfahrungen derer basieren, die an den Rändern stehen und von ›unten‹ kommen. Es geht darum, dass sie sich Gehör verschaffen, nicht, dass andere für sie sprechen. Ebenso wichtig ist, dass wir in strategischen Fragen nie ›fundamentalistisch‹ agieren: Wir wollen unseren Vorstellungen von Freiheit treu bleiben, suchen aber flexibel und kompromissbereit nach Wegen dorthin. Mit der Zeit hat sich so auch unsere Art der Intervention in öffentliche Debatten verändert. Anfangs hatten wir eher eine kleine Gruppe von Mitgliedern im Blick. Inzwischen nutzen wir unsere Macht, um auch staatliche Politiken zu beeinflussen und uns landesweit in linke Politik einzumischen.

Diese beständige Arbeit – auch an uns selbst – ist wichtig, weil wir in einem politischen Klima des Zynismus, der Abstumpfung und Konkurrenz agieren. Dagegen sind auch wir nicht immun und müssen uns immer wieder klarmachen, wie wir miteinander umgehen und arbeiten wollen: Für unser Selbstverständnis
ist zentral, dass wir bereit sind, uns selbst in unseren Kämpfen zu verändern und uns und unsere Geschichte zu reflektieren. Wir wollen gemeinschaftlich agieren und Führung als »Wir-Projekt«, nicht als »Ich-Projekt« verstehen.

Wie arbeitet ihr in ländlichen Gegenden, wo es kaum eine linke oder LGBTIQ*-Infrastruktur gibt, auf die ihr euch stützen könnt?


Wir müssen die Leute auf dem Land, die sich ermächtigen und Verantwortung übernehmen wollen, dort unterstützen, wo sie leben – und können nicht erwarten, dass sie die Dinge so anpacken wie wir oder so reden wie wir. Zugleich müssen wir viel besser darin werden, eine ländliche Öffentlichkeit anzusprechen. Denn in diesem Punkt enthalten die Lügen der Rechten auch ein Körnchen Wahrheit: Wenn sie von einem »Mitte-links-Establishment« reden, greifen sie reale Erfahrungen mit urbaner weißer Überheblichkeit auf. In den USA wie in Deutschland haben sich viele Linke in die städtische, mediale und akademische Sphäre zurückgezogen und die Arbeiterklasse auf dem Land den Rechten überlassen. Wir müssen LGBTIQ*-Personen in ländlichen und konservativen Gegenden ansprechen, vor allem dort, wo Armut und Deklassierung groß sind. Und wir müssen ihnen konkrete Praxen anbieten, die Alternativen zum Status quo erfahrbar machen. Hier gibt es großartige Beispiele wie etwa das Rural Organizing Project in Oregon. Dort protestieren die Einheimischen gegen die immensen Kosten für Grenzschutz und Polizei – und skandalisieren die Tatsache, dass Notarzt und Feuerwehr
in ihren Gemeinden aus Kostengründen nur
bis 21 Uhr zur Verfügung stehen. Mit solchen Argumenten haben zuletzt auch progressive Kandidat*innen im Wahlkampf gepunktet und etwa die Verschuldung durch Studienkredite und die mangelnde Gesundheitsversorgung angeprangert. Für arme und LGBTIQ* of Colour sind die größten Probleme natürlich weiterhin Polizeigewalt, massenhafte Inhaftierungen, rassistische Strukturen und mangelnder Zugang zum Arbeitsmarkt.

Wie hat sich eure Arbeit durch die Wahl von Trump, aber auch durch neue Bewegungen wie Black Lives Matter verändert?


Black Lives Matter hat SONG grundlegend verändert. Wir selbst haben die Bewegung hier in der Region mit aufgebaut und Leute von
uns haben darin wichtige Funktionen. Trump hingegen hat unsere Arbeit nicht so sehr verändert, allerdings kann es nun auch innerhalb des Mainstreams keinen Zweifel mehr darüber geben, dass es sich hier um eine rechtsextreme Bewegung handelt. Trump konnte nur Präsident werden durch eine klassenübergreifende Mobilisierung, die sich auf die tradierte Vorstellung weißer Überlegenheit und auf aggressiven Nationalismus stützt. Insofern ist klar, dass wir eine noch breitere gesellschaftliche Mobilisierung anstoßen und mit den zentralen Bewegungsakteuren zusammenarbeiten müssen.

Wer könnten Verbündete sein?

Das Problem ist, dass die Interessen von Geldgebern, etwa von philanthropischen Stiftungen oder von Unternehmen, die Arbeit und Bündnisfähigkeit linker Kräfte in den USA massiv beeinflussen, und zwar meistens negativ. Unter potenziellen Bündnispartnern herrscht oft eine Kultur der Konkurrenz und der Verlogenheit sowie eine politisch defensive Haltung. Es ist schwer, vertrauensvoll gemeinsame Strategien zu entwickeln, wenn finanzstarke Interessen im Raum stehen. Dennoch gibt es neue und vielversprechende Entwicklungen. Erstmals bewegen sich die Akteure aus dem Transformative Organizing und der Parteipolitik aufeinander zu und befruchten sich gegenseitig. Es gibt mehr bewegungsorientierte Aktivist*innen (insbesondere People of Color und Frauen), die sich auch parteipolitisch engagieren: Kandidat*innen schulen, Wahlkämpfe organisieren oder sogar selbst bei Wahlen antreten. Viele können mit demokratisch-sozialistischen Positionen die Vorwahlen an Orten gewinnen, wo der traditionelle Flügel der Demokraten keine
Chance mehr hat. Diese neue Art
der Parteipolitik ist auch offen für
die Zusammenarbeit mit intersek-
tionalen Bewegungen. Interessante
Beispiele sind die Working Families
Party und die Democratic Socialists
of America. Aber auch große Basisorganisationen engagieren sich bei
den Wahlen oder in antirassisti-
schen und feministischen Bewe-
gungen und sogar in progressiven Glaubensgemeinden. Das macht
Hoffnung, denn es zeigt eine
gewisse politische Reife und die Einsicht, dass wir angesichts der Lage unbedingt gemeinsam agieren und die politischen Kräfteverhältnisse effektiv verändern müssen – und können.

Euer »Manifest« spricht eine kraftvolle und inspirierende Sprache. Ihr plädiert dafür, über eine reine Kritikhaltung hinauszukommen und die Fähigkeit zur gemeinsamen Problemlösung zu stärken. Wie kann das gehen?

Bernice Johnson Reagon hat den lehrreichen Satz gesagt, dass Bündnisse kein »Zuhause« seien. Umgekehrt dürfen sie aber auch keine Arenen skrupelloser Auseinandersetzungen sein. Wir müssen uns entscheiden, ob wir gewinnen wollen und ob wir es gemeinsam wollen – und uns dann entsprechend verhalten. Wir müssen Konflikte austragen und uns zugleich gegenseitig vor destruktiver Kritik und Diffamierungen schützen. Wir brauchen mehr direkte Kommunikation, müssen aber auch in der Lage sein, die Zusammenarbeit mit Leuten oder Gruppen zu beenden, die unsere Handlungsfähigkeit, Einheit und unsere Kräfte schwächen. Entscheidend ist, was die Leute tun, nicht nur, was sie sagen. Sind sie wirklich bereit, sich zu organisieren? Übernehmen sie Aufgaben oder kritisieren sie nur alles? Wollen sie vor allem theoretisieren, aber gar keine wirkliche Stärke gewinnen? Wir haben keine Zeit zu verlieren. Darum müssen wir diejenigen finden und schulen, die wirklich zuhören, lernen, hart arbeiten und die Probleme lösen wollen. Solche Menschen gibt es innerhalb, aber auch außerhalb unserer Organisationen. Wir schenken ihnen oft zu wenig Aufmerksamkeit. Auch sie haben zuweilen Kritik, aber sie kümmern sich darum, Meinungsverschiedenheiten konstruktiv zu bearbeiten, Vertrauen wieder aufzubauen und »weiterzumachen«. Und genau darum geht es.

Das Gespräch führte Barbara Fried. Aus dem Amerikanischen von Andreas Förster und Noemi Y. Molitor