| Wiedergelesen: Hausarbeit neu gedacht

August 2019
Von Lise Vogel

Der vorliegende Text ist ein Vorabdruck aus dem Buch »Marxismus und Frauenunterdrückung« von Lise Vogel, das 36 Jahre nach seiner Veröffentlichung im Englischen im Oktober 2019 im UNRAST Verlag erscheinen wird. Vogel schrieb diesen Nachtrag im Jahr 2000 als Erweiterung und Überarbeitung ihrer Theorisierung der Reproduktionsarbeit.[1]

Von den späten 1960er Jahren bis in die 1970er hinein versuchten sozialistische Feministin­nen, unbezahlte Familienarbeit von Frauen innerhalb eines Rahmens marxistischer politischer Ökonomie zu analysieren.[2] Sie hofften, dass eine solche Analyse als Grundlage für ein Ver­ständnis der unterschiedlichen Stellungen von Frauen als Mütter, Familienmitglieder und Ar­beiterinnen und damit für eine materialistische Analyse der Frauenunterdrückung dienen könne. Damals schien das Interesse an der Haltung marxistischer Theorie zur Frauenbefreiung völlig normal – nicht nur unter sozialistischen Feministinnen. Auch linke Feministinnen über­nahmen und passten an, was sie als marxistische Konzepte verstanden.[3]

Aus diesen Bemühungen ging eine umfangreiche Literatur hervor. Aktivistinnen der Frauen­bewegung studierten marxistische Texte, rangen mit marxistischen Konzepten und schufen zahlreiche originelle Fassungen, die Marxismus und Feminismus miteinander verbanden oder irgendwie vermischten. Es ist schwierig, heute den Enthusiasmus zu erklären, den diese Frauen ihrer Arbeit gegenüber an den Tag legten.[4] Doch wie sich schnell zeigte, hielt er ohne­hin nicht lange an. Ende der 1970er Jahre war das Interesse an der Theoretisierung von Haus­arbeit fast völlig erloschen. In den Vereinigten Staaten war die Abkehr von der ›Hausarbeits­debatte‹ besonders massiv.

In diesem Text stelle ich mich erneut der Herausforderung, unbezahlte Hausarbeit, das Gebä­ren von Kindern und ihre Erziehung zu theoretisieren. Ich zeige, dass das Forschungspro­gramm der Literatur der frühen Hausarbeitsdebatte missverstanden wurde, und reflektiere in diesem Zusammenhang auch meine eigenen Beiträge. Danach betrachte ich die Rezeption solcher Bemühungen durch ihre Leserschaft und plädiere dafür, dem unabgeschlossenen Vor­haben der frühen Theoretikerinnen der Hausarbeit die Aufmerksamkeit zu schenken, die es verdient.

Theorien und Theoretisieren

Der Impuls, die sogenannte ›Hausarbeit‹ zu theoretisieren, kam von nordamerikanischen Theoretikerinnen der Frauenbefreiung in den späten 1960er Jahren. Schnell wurde er auch anderenorts aufgenommen, insbesondere in Großbritannien. Obwohl die unbezahlte Arbeit und die Pflichten des Familienlebens im Leben von Frauen eine wesentliche Rolle spielen, hatte ihnen weder die linke Theorie noch die sozialistische Praxis bis dahin viel Aufmerksam­keit geschenkt.

Die Aktivistinnen der Frauenbewegung, die ihr eigenes Engagement durch eine angemesse­nere Theorie untermauern wollten, begannen, den theoretischen Stellenwert der in den Fami­lienhaushalten normalerweise von Frauen verrichteten Hausarbeit und Kindererziehung zu hinterfragen. In den folgenden Jahren widmete sich eine Vielzahl von Texten dem, was als Hausarbeitsdebatte bekannt wurde.[5]

Die Literatur zur Hausarbeit betrachtete Familienhaushalte als Stätten der Produktion. So konnten häusliche Tätigkeiten und Kindererziehung, neu gefasst unter dem Begriff Hausar­beit, als Arbeitsprozesse analysiert werden. Aus diesem Ansatz ergab sich eine Reihe von Fragen. Wenn Hausarbeit ein Arbeitsprozess ist, was ist dann ihr Produkt? Menschen, Waren, Arbeitskraft? Und hat das Produkt einen Wert? Wenn ja, wie wird dieser Wert bestimmt? Wie und durch wen oder was wird das Produkt konsumiert? Was sind die Umstände, Bedingungen und Begrenzungen häuslicher Arbeit? Was ist ihr Beitrag zur Reproduktion der Arbeitskraft? Zur allgemeinen gesellschaftlichen Reproduktion oder zur kapitalistischen Akkumulation? Kann von einer Reproduktionsweise der Menschen gesprochen werden, die zwar vergleichbar mit, aber getrennt von der Produktionsweise ist? Können Antworten auf all diese Fragen die Ursprünge der Frauenunterdrückung erklären?

Zunächst schien die aufkeimende Literatur zur Hausarbeit die doppelte Verpflichtung der sozialistischen Feministinnen zur Frauenbefreiung und zum Sozialismus zu bekräftigen, ja sogar zu legitimieren. Doch schon bald zeigte sich eine Reihe von Problemen; Konzepte und Kategorien, die zuvor selbstverständlich schienen, gerieten ins Wanken. So erwies sich bei­spielsweise der Begriff der Reproduktion der Arbeitskraft als überraschend dehnbar und reichte von biologischer Fortpflanzung bis hin zu jeder Art von Arbeit, die zum täglichen Er­halt der Menschen beitrug – ob bezahlt oder unbezahlt, in Privathaushalten, auf dem Markt oder am Arbeitsplatz. Auch die Bedeutung der Kategorie Hausarbeit war unklar. Bezog sie sich schlicht auf die Arbeiten im Haushalt? Oder schloss sie auch das Gebären und die Ver­sorgung von Kindern ein?

Zirkelschlüsse waren weit verbreitet. So wurde beispielsweise Hausarbeit regelmäßig mit der Arbeit von Frauen gleichgesetzt und umgekehrt, was die geschlechtliche Arbeitsteilung be­reits voraussetzte, die es erst zu erklären galt. Dass sich die Debatte fast ausschließlich um unbezahlte häusliche Arbeit drehte, führte außerdem zu einer Geringschätzung der Bedeutung bezahlter Arbeit von Frauen, sei es als Hausangestellte oder als Lohnarbeiterinnen. Und die Konzentration auf ökonomische Aspekte ließ drängende Fragen zu Politik, Ideologie, Psy­chologie und Sexualität außen vor.

Die Aktivistinnen der Frauenbewegung empfanden auch den hohen Abstraktionsgrad der Li­teratur zur Hausarbeit als frustrierend. Die Debatte entwickelte sich auf eine Art und Weise, der nicht nur schwer zu folgen war, sondern die kaum noch etwas mit den Fragestellungen der Aktivistinnen zu tun hatte. Die Konzepte schienen sich aufeinander zu beziehen, hatten je­doch keine Verbindung zur wirklichen Welt. Die Diskussion war nicht nur abstrakt, sondern mutete auch unhistorisch an. Den wohl größten Schaden hat der funktionalistische Deutungs­rahmen vieler Texte zur Hausarbeit angerichtet. So wurde beispielsweise unterstellt, dass der Bedarf eines Gesellschaftssystems an häuslicher Arbeit unweigerlich auch befriedigt würde. Viele fragten sich, ob die menschliche Handlungsfähigkeit in dieser Debatte überhaupt noch eine Rolle spielt.

Bald standen sowieso ganz andere Fragen auf der Agenda der Feministinnen, sowohl in der Theorie als auch in der Praxis. Anfang der 1980er Jahre hatten sich die meisten sozialistischen Feministinnen entschieden, die »Hausarbeitsdebatte hinter sich [zu] lassen«. Zurück blieben die Mehrdeutigkeit, die konzeptionelle Unklarheit, die Zirkularität und die vielen offenen Fragen eines unvollendeten Projekts.[6]

Es schien sinnvoll, dass viele Aktivistinnen der Frauenbewegung den Versuch aufgaben, Hausarbeit innerhalb des Rahmens der marxistischen politischen Ökonomie zu theoretisieren. Die meisten von ihnen waren der Ansicht, dass eine Theorie sich unmittelbar auf die tagtäg­lichen Tätigkeiten beziehen und eindeutige politische und strategische Konsequenzen haben sollte. Sie hielten eher empirische Darstellungen der Geschichte und der gegenwärtigen Be­dingungen für die angemessene Grundlage einer Theorie.[7] Die abstrakten Überlegungen der frühen Hausarbeitsliteratur lehnten sie ab und suchten stattdessen nach einem begrifflichen Ansatz, mit dem sich die Sachverhalte im Leben von Frauen einordnen und auswerten ließen.

Dieser Ansatz spiegelte eine bestimmte epistemologische Richtung wider, die Theorie in eine Art Eins-zu-Eins-Beziehung mit dem Empirischen setzt und davon ausgeht, dass sie von glei­cher Gestalt ist wie das, was als Wirklichkeit verstanden wird. Als solche könne sie erfah­rungsbasierte Verallgemeinerungen, Aussagen über Regelmäßigkeiten und Modelle liefern. Damit wären Erklärungen und Vorhersagen von der Herleitung aus vermeintlich präzisen Darstellungen abhängig. In dieser Betrachtungsweise, die man aus der sozialwissenschaft­lichen Literatur kennt, ist Theorie eine breit gefächerte intellektuelle Tätigkeit, die im Empiri­schen verwurzelt ist und die Fähigkeit besitzt, Beschreibungen, Erklärungen und Vorhersagen – genauso gut wie politische Richtlinien oder Strategien – zu liefern.

Dies ist aber nicht die einzige Art und Weise, wie Theorie betrachtet werden kann. Ein Groß­teil der frühen Literatur zur Hausarbeit nahm indirekt eine andere Perspektive ein, die auf bestimmten Lesarten der marxistischen Theorie der 1960er und 1970er Jahre beruhte. Diese andere Perspektive, die vor allem mit dem französischen Philosophen Louis Althusser in Ver­bindung gebracht wird, weist Theorie eine epistemologische Genauigkeit und einen engen Rahmen zu. Theorie ist aus dieser Sicht ein mächtiges, aber höchst abstraktes Unterfangen, das sich stark von der Geschichte unterscheidet.[8] Oder wie Althusser es ausdrückte, als er über Marx’ Kapital sprach:

»In der Tat und wider allem Anschein analysiert Marx keine ›konkrete Gesellschaft‹, auch nicht die englische, von welcher im Ersten Band ständig die Rede ist, sondern die kapi­talistische Produktionsweise und nichts anderes. Dieses Objekt ist abstrakt: Das heißt, dass es schrecklich real ist und dass es niemals in reinem Zustand existiert, da es ja nur in kapitalisti­schen Gesellschaften vorkommt. Einfach gesagt: Um diese konkreten kapitalistischen Gesell­schaften analysieren zu können (England, Frankreich, Russland usf.), muss man wissen, dass sie von jener schrecklich konkreten und dem bloßen Auge ›unsichtbaren‹ Realität beherrscht sind, welche die kapitalistische Produktionsweise darstellt.«[9]

Aus dieser Perspektive ist Theorie notwendigerweise sowohl abstrakt als auch in ihren Aus­wirkungen stark eingeschränkt. Sie kann auf zentrale Bestandteile und Entwicklungen hin­weisen, jedoch keine detailreiche Darstellung des gesellschaftlichen Lebens liefern. Noch weniger kann sie konkrete Ereignisse unmittelbar, Strategien vorschlagen oder die Erfolg­saussichten politischer Aktionen bewerten. All das sind Fragen einer qualitativ anderen Form von Untersuchung – einer, der es um die Besonderheiten bestimmter historischer Umstände in bestehenden gesellschaftlichen Formierungen geht.

Man kann auch sagen, dass dieser andere Ansatz Theorie als eine Art Linse begreift. Für sich genommen kann uns eine Linse nur wenig über die Besonderheiten einer bestimmten Ge­sellschaft in einem bestimmten Moment sagen. Erst durch ihren Gebrauch können die Be­obachter solche Besonderheiten bewerten und Strategien für die Zukunft entwickeln. Im Ver­gleich zum Theoretisieren – der Herstellung der Linse – stellen diese Aufgaben empirischer Untersuchung und politischer Analyse eine intellektuelle Arbeit anderer und, so würde ich behaupten, herausfordernderen Art dar.

Ein anderer Ausgangspunkt

Ich wende mich jetzt meinem eigenen Werk zur Hausarbeit zu. Damit möchte ich ein Beispiel für Theoriebildung im Sinne der Frauenbefreiung innerhalb des gerade beschriebenen, ab­sichtlich abstrakten Rahmens liefern. Aus dieser Perspektive war die Hausarbeitsdebatte eher ein theoretisches als ein geschichtliches oder soziologisches Projekt, das am Ende eine Reihe abstrakter Konzepte, möglicher Wirkungsweisen und Entwicklungen erwarten ließe. Diese könnten, für sich genommen, nichts Konkretes ›erklären‹ – weder den vielfältigen, eigenwil­ligen und konstruierten Charakter von Erfahrung, noch die besondere Natur und Richtung einer Massenbewegung oder gesellschaftlichen Veränderung. Noch weniger könnten sie poli­tische Strategien ableiten. Solche Fragen wären Gegenstand empirischer Untersuchung und politischer Analyse durch die beteiligten Akteure.

Die Herausforderung bestand also darin, Kategorien zur Theoretisierung unbezahlter Fami­lienarbeit von Frauen zu finden oder zu entwickeln. Aktivistinnen der Frauenbefreiung, da­runter ich selbst, untersuchten die klassischen Texte von Marx, Engels, Bebel und anderen und fanden im besten Fall ein lückenhaftes theoretisches Erbe vor. In meinem Fall führte diese Entdeckung zu einer ausführlichen und kritischen Lektüre von Marx. Dabei folgte ich, was ich als Althussers Rat verstand:

»In Das Kapital weder ein Buch der ›konkreten Geschichte‹, noch auch eines der ›empiri­schen‹ politischen Ökonomie zu suchen, in dem Sinne wie Historiker und Ökonomen diese ihre Begriffe verstehen. Sondern darin eben ein Buch der Theorie zu finden, in welchem die kapitalistische Produktionsweise analysiert wird. Die (konkrete) Geschichtsschreibung und die (empirische) Ökonomie haben ein anderes Objekt.«[10]

Ich hoffte, durch diese Herangehensweise zur Entwicklung einer befriedigenderen theoreti­schen Linse für die Analyse der Frauenunterdrückung beitragen zu können.

Mein Ausgangspunkt waren zwei Begriffe, die in Marx’ Werk von grundlegender Bedeutung sind: Arbeitskraft und die Reproduktion der Arbeitskraft. Arbeitskraft bedeutet für Marx eine dem Menschen innewohnende Fähigkeit, die von seiner körperlichen und gesellschaftlichen Existenz zu unterscheiden ist. Das Potenzial der Arbeitskraft wird ausgeschöpft, wenn sein Träger etwas Nützliches – einen Gebrauchswert – hervorbringt, der getauscht werden kann oder auch nicht. Doch die Träger der Arbeitskraft sind sterblich und unterliegen der Abnut­zung; jedes Individuum stirbt irgendwann. Gesellschaftliche Reproduktion setzt daher Verfah­ren voraus, die einerseits die persönlichen Bedürfnisse der Träger der Arbeitskraft befriedigen und andererseits diese Träger mit der Zeit ersetzen. Diese Abläufe des täglichen Erhalts und der langfristigen Erneuerung werden unter dem Begriff Reproduktion der Arbeitskraft zu­sammengefasst.

In Klassengesellschaften machen sich herrschende Klassen die Fähigkeit der Arbeitskraft, Gebrauchswerte zu produzieren, auf die eine oder andere Art und Weise zu ihrem eigenen Vorteil zunutze. Der Klarheit halber habe ich das Konzept der Reproduktion der Arbeitskraft auf solche Vorgänge beschränkt, die jene Arbeitskraft erhalten und ersetzen, die in der Lage ist, einen Mehrwert für eine aneignende Klasse zu produzieren.[11]

Zunächst möchte ich ganz kurz auf einige Merkmale der Reproduktion dieser Arbeitskraft eingehen: die damit verbundenen Abläufe, die Rolle der biologischen Fortpflanzung und be­stimmte inhärente Widersprüche. Das bereitet den Weg für den nächsten Abschnitt, in dem schließlich die Reproduktion der Arbeitskraft in kapitalistischen Gesellschaften diskutiert wird.

Für Marx war die Reproduktion der Arbeitskraft ein zentrales Element der gesellschaftlichen Reproduktion, doch er hat nie gründlich erklärt, was genau sie beinhaltet. Bisweilen kon­zentrierte er sich auf die Erneuerung des individuellen Arbeiters; anderswo unterstrich er die Bedeutung des Erhalts und Ersatzes der nicht-arbeitenden Mitglieder der Arbeiterklasse. Ich habe daher, erneut im Sinne der Klarheit, drei Arten von Prozessen unterschieden, die die Reproduktion der Arbeitskraft in Klassengesellschaften ausmachen.

Erstens stellt eine ganze Reihe alltäglicher Tätigkeiten die Energie der direkten Produzenten wieder her, so dass sie zur Arbeit zurückzukehren können. Zweitens erhalten ähnliche Tätig­keiten nicht-arbeitende Mitglieder untergeordneter Klassen – diejenigen, die zu jung, zu alt oder krank sind, die selbst in die erhaltenden Tätigkeiten eingebunden oder die aus anderen Gründen nicht Teil der Arbeiterschaft sind. Und drittens sorgen Prozesse der Erneuerung der Arbeiterschaft für die Ersetzung derjenigen Mitglieder der untergeordneten Klassen, die ver­storben sind oder nicht länger arbeiten.

Indem diese drei Arten von Prozessen entflochten werden, lässt sich das Konzept der Repro­duktion der Arbeitskraft von normativen Annahmen über biologische Fortpflanzung in hete­rosexuellen Familienumfeldern befreien. Auch wenn die Reproduktion von Arbeitskraft in bisherigen Gesellschaften für gewöhnlich Kindererziehung innerhalb verwandtschaftsbasier­ter Umfelder – die wir Familien nennen – meinte, kann sie prinzipiell anders organisiert wer­den, zumindest für eine gewisse Zeit. Die gegenwärtigen Arbeiter könnten in Lagern unterge­bracht, kollektiv versorgt und zu Tode gearbeitet werden, um dann durch neue Arbeiter von außerhalb ersetzt zu werden. Einem solch harten Regime war die Geschichte schon oft nahe. Man denke nur an die Goldminen im römischen Ägypten, an die Gummiplantagen in Franzö­sisch-Indochina oder an die Arbeitslager der Nazis.

Üblicherweise jedoch wird die bestehende Arbeiterschaft auf zwei Wegen wieder aufgestockt: Erstens durch Prozesse, die ich ›generationelle Erneuerung‹ nenne, in denen Arbeiterinnen Kinder bekommen, die aufwachsen, um selbst Arbeiter zu werden. Und zweitens, indem neue Arbeiter Teil der Arbeiterschaft werden. Beispielsweise können zuvor nicht eingebundene Individuen beginnen, an Lohnarbeit teilzunehmen. Dies geschah zum Beispiel in den 1950er Jahren, als Ehefrauen in den US-amerikanischen Arbeitsmarkt eintraten. Andere können nur vorübergehend der Arbeiterschaft beitreten, während der Ernte zum Beispiel oder in wirt­schaftlichen Krisen. Migranten können nationale Grenzen überschreiten, um Teil der Arbei­terschaft einer Gesellschaft zu werden. Auch können Menschen gewaltsam entführt, ver­schleppt und gezwungen werden, Teil neuer Arbeitskräfte zu werden, so wie es auf den Skla­venplantagen der Neuen Welt war.

Aus theoretischer Sicht ist die Reproduktion der Arbeitskraft also keinesfalls an private ver­wandtschaftsbasierte Haushalte gebunden, wie die Hausarbeitsdebatte gemeinhin annahm. Insbesondere umfasst sie nicht zwangsläufig irgendeine oder alle der folgenden Komponen­ten: Heterosexualität, biologische Fortpflanzung, Familienformen oder generationelle Erneue­rung.

Nichtsdestotrotz haben die meisten Klassengesellschaften Prozesse des täglichen Erhalts und der generationellen Erneuerung in einem System heterosexueller Familienformen institutio­nalisiert. Dass solche Arrangements empirisch so geläufig sind, spiegelt vermutlich ihre Vor­teile – umkämpft und ständig neu ausgehandelt – gegenüber den Alternativen wider.

Klassengesellschaften, die für die Reproduktion der Arbeitskraft auf biologische Fortpflan­zung angewiesen sind, sehen sich mehreren Widersprüchen ausgesetzt. Während der Schwan­gerschaft und einige Zeit danach sind Frauen der untergeordneten Klassen nur eingeschränkt arbeitsfähig und in der Lage, sich an der alltäglichen Versorgung zu beteiligen. Die Frauen müssen in diesen Phasen geringeren Tätigseins sogar selbst unterstützt werden. Auf diese Weise kann das Kindergebären den Anteil verringern, den Frauen der untergeordneten Klas­sen als direkte Produzentinnen und als Teilnehmerinnen an Versorgungstätigkeiten leisten.[12] Aus der Perspektive der herrschenden Klassen ist das Gebären von Kindern daher möglicher­weise kostspielig, da die Arbeit der schwangeren Frauen und derjenigen, die für sie sorgen, ansonsten Teil der Mehrarbeit sein könnte. Andererseits erneuert das Kindergebären in unter­geordneten Klassen die Arbeitskräfte und ist daher für die herrschenden Klassen von Vorteil. Insofern besteht ein latenter Widerspruch zwischen dem Bedürfnis der herrschenden Klassen, sich Mehrarbeit anzueignen, und ihrem Bedarf an frischen Arbeitskräften.

Aus der Perspektive der untergeordneten Klassen können andere Widersprüche auftreten. Die meisten Formen, in denen die Reproduktion der Arbeitskraft organisiert wird, machen sich auf Sexualität und Verwandtschaft basierende Beziehungen zwischen Frauen und Männern zu Nutze. Andere Individuen, häufig der biologische Vater oder seine Verwandten oder die der schwangeren Frau selbst, tragen die Verantwortung dafür, dass die Frauen während der Phase ihrer eingeschränkten Arbeitsfähigkeit, die mit der Schwangerschaft einhergeht, versorgt wer­den. Im Prinzip bräuchten die unterschiedlichen Rollen von Frauen und Männern nur während dieser Monate der Schwangerschaft und Geburt zu bestehen. Die meisten Gesellschaften übertragen sie jedoch auf die vielfältigen sozialen Strukturen, die wir Familien nennen, und die zum Ort der Tätigkeiten des täglichen Lebenserhalts und der generationellen Erneuerung werden. Solche Arrangements werden in der Regel durch männliche Vorherrschaft legitimiert und durch institutionelle Strukturen der Frauenunterdrückung untermauert.

Auf derart allgemeiner Ebene kann von der bloßen Existenz dieser Widersprüche nicht darauf geschlossen werden, wie sie sich manifestieren und wie ihnen in konkreten Klassengesell­schaften begegnet wird. Diese Überlegungen zeigen lediglich, dass ihre Gebärfähigkeit die Frauen der unterdrückten Klassen in ein Verhältnis zur Mehrwertaneignung und Reproduk­tion der Arbeitskraft setzt, das sich von dem der Männer unterscheidet. Wenngleich sie auch Arbeiterinnen sein können, ist es die spezifische Rolle von Frauen der beherrschten Klassen beim Erhalt und der Erneuerung von Arbeitskraft, die ihre besondere Situation ausmacht.[13]

Kapitalismus und Hausarbeit

Im vorherigen Abschnitt ging es eher allgemein um Elemente der Reproduktion der Arbeits­kraft in Klassengesellschaften. In diesem Abschnitt untersuche ich die Reproduktion der Ar­beitskraft in der besonderen Klassengesellschaft, die man Kapitalismus nennt. Marx hatte zwar zu diesem Thema einiges zu sagen, doch, wie die Literatur zur Hausarbeit zeigte, war das offenbar zu wenig.[14]

Marx zufolge nimmt Arbeitskraft in kapitalistischen Gesellschaften die spezifische Form ei­ner Ware an, das heißt eines Dings, das nicht nur Gebrauchswert, sondern auch Tauschwert hat. Mit Personen als ihren Trägern hat diese Ware einige Besonderheiten. Ihr Gebrauchswert ist ihre Fähigkeit, Quelle von mehr Wert zu sein als sie selbst wert ist, wenn sie in einem ka­pitalistischen Produktionsprozess eingesetzt wird. Ihr Tauschwert – die Kosten, um die Ar­beitskraft auf dem Markt kaufen zu können – ist gleich »de[m] Wert der zur Erhaltung ihres Besitzers notwendigen Lebensmittel«[15]. Die Menge dieser Lebensmittel wird historisch und moralisch von Moment zu Moment festgelegt.

Um das Verhältnis zwischen dem Wert der Arbeitskraft und dem Interesse des Kapitals an Mehrwertaneignung zu untersuchen, bediente sich Marx einer Abstraktion: dem Arbeitstag eines einzelnen Arbeiters, ausgedrückt in Stunden. (Für Marx war der Arbeiter natürlich im­mer männlich.) Er definierte »notwendige Arbeit« als den Teil des Arbeitstages, der es dem Arbeiter ermöglicht, Subsistenzmittel zu kaufen. Und er definierte den restlichen Arbeitstag als »Mehrarbeit«, die sich der Kapitalist aneignet.[16] Anders ausgedrückt arbeitet der Arbeiter einen Teil der Zeit für sich selbst und den restlichen Tag für seinen Chef. Der erste Teil, die notwendige Arbeit des Arbeiters, deckt sich mit seinem Lohn; der zweite Teil, die Mehrarbeit, stellt den Mehrwert dar, den sich der Chef aneignet.

Marx zufolge erzeugt die kapitalistische Akkumulation ein sich ständig veränderndes, von Profit angetriebenes System. Da Kapitalisten nach immer mehr Profit streben, ist es auch in ihrem Interesse, die notwendige Arbeit immer weiter zu reduzieren. Marx zeigte Methoden auf (abgesehen von Betrug), mit denen sie eine solche Reduktion erreichen können. Einerseits können sie die Arbeitsstunden verlängern oder die Arbeitsintensität erhöhen, ohne den Wert der Arbeitskraft selbst zu verändern. Mehr Stunden oder intensivere Arbeit bedeuten, dass der Arbeiter mehr Arbeitskraft für den gleichen Lohn aufwendet. Das heißt, die Arbeitskraft sinkt in ihrem Wert. Marx nannte diese Art der Reduktion notwendiger Arbeit »absoluten Mehr­wert«. Andererseits können Kapitalisten die notwendige Arbeit reduzieren, indem sie den Produktionsprozess produktiver machen. Höhere Produktivität bedeutet, dass der Arbeiter weniger Stunden für die Verrichtung der notwendigen Arbeit benötigt und dem Chef dadurch ein größerer Mehrwert zukommt. Innerhalb bestimmter Grenzen könnte sogar eine Lohnerhö­hung zugestanden werden. Marx nannte diese Reduktion der notwendigen Arbeit »relativen Mehrwert«.

Marx Erörterung des Verhältnisses zwischen notwendiger Arbeit und Mehrarbeit innerhalb des Arbeitstages ist wunderbar klar. Allerdings schließt der Fokus auf den einzelnen Arbeiter unweigerlich die Berücksichtigung all der zusätzlichen Arbeit aus, die nicht nur den Erhalt und die Erneuerung des einzelnen Arbeiters sichert, sondern auch die seiner Verwandtschaft, seiner Gemeinschaft und der gesamten Arbeiterschaft.[17] Dass diese verschiedenen Prozesse in Marx’ Darstellung, ausgelassen werden können, zumindest hier an dieser Stelle, hat mit der spezifischen sozialen Organisation des Kapitalismus zu tun. Wie in keiner anderen Produkti­onsweise sind die Aufgaben des täglichen Erhalts und der generationellen Erneuerung hier räumlich, zeitlich und institutionell von der Sphäre der Produktion getrennt.

Marx’ Begriff der »individuellen Konsumtion« enthält die Erkenntnis, dass der Kapitalismus dem Leben abseits des Jobs einen grundlegend anderen Charakter verleiht. Individuelle Kon­sumtion findet statt, wenn »der Arbeiter das für den Kauf der Arbeitskraft gezahlte Geld in Lebensmittel« eintauscht.[18] Marx’ geht es hier vor allem darum, die individuelle Konsumtion von Subsistenzmitteln durch den Arbeiter von seiner »produktiven Konsumtion« von Produk­tionsmitteln während der Arbeitszeit zu unterscheiden. Über die tatsächliche Arbeit, die im Vollzug der individuellen Konsumtion geleistet wird, äußerte er sich jedoch kaum, so dass in seiner Darlegung eine Form von ökonomischer Tätigkeit fehlt, die für die kapitalistische Pro­duktion wesentlich ist.

Die Literatur zur Hausarbeit versuchte auf unterschiedliche Arten und Weisen, die Funkti­onsweise der Reproduktion der Arbeitskraft in kapitalistischen Gesellschaften sichtbar zu machen. Mir selbst geht es vor allem darum, den Begriff der notwendigen Arbeit dahingehend neu zu fassen, dass ihm die Prozesse der Reproduktion der Arbeitskraft zugeordnet werden können. Ich behaupte, dass die notwendige Arbeit zwei Komponenten hat. Die erste ist, wie von Marx dargelegt, die notwendige Arbeit, die den Löhnen äquivalente Werte schafft. Die zweite, die ich die soziale Komponente der notwendigen Arbeit nannte, ist aber ebenfalls un­auflöslich mit der Mehrarbeit im kapitalistischen Produktionsprozess verbunden. Die zweite Komponente der notwendigen Arbeit ist die in Marx’ Darstellung stark verschleierte unbe­zahlte Arbeit, die zur täglichen und langfristigen Erneuerung von Trägern der Ware Arbeits­kraft und der Arbeiterklasse als Ganzer beiträgt.[19] Ich hatte dies die häusliche Komponente der notwendigen Arbeit genannt oder kurz Hausarbeit.

So verstanden ist Hausarbeit ein für den Kapitalismus spezifisches Konzept, ohne festgelegte Geschlechterzuteilung und befreit von verschiedenen Annahmen, die sich in der Hausarbeits­debatte breitgemacht hatten, insbesondere die Vorstellung, Hausarbeit sei universell und not­wendigerweise Frauenarbeit.

Die soziale und die häusliche Komponente der notwendigen Arbeit sind nicht direkt mitei­nander vergleichbar, da letztere keinen Wert hat.[20] Das bedeutet, dass die höchst sichtbare und sehr wertvolle soziale Komponente der notwendigen Arbeit mit einer schattenhaften, unquan­tifizierbaren und (rein technisch gesehen) wertlosen häuslichen Komponente einhergeht. Auch wenn nur eine dieser Komponenten auf dem Markt erscheint und öffentlich sichtbar ist, erfordert die Reproduktion der Arbeitskraft dennoch beide. Löhne mögen den Arbeitern er­lauben, Waren zu kaufen, doch in der Regel muss darüber hinaus noch zusätzliche Arbeit – Hausarbeit – verrichtet werden. Gekaufte Lebensmittel müssen zubereitet, Kleidung gewa­schen und gepflegt werden. Kindern werden nicht nur versorgt, sondern ihnen muss auch bei­gebracht werden, was sie als fähige erwachsene Arbeiter brauchen werden. Kranke, arbeitsun­fähige oder entkräftete Mitglieder der Arbeiterklasse müssen gepflegt werden. Diese ver­schiedenen Aufgaben werden, zumindest teilweise, durch Hausarbeit erledigt.

»Notwendige Arbeit« ist also ein komplizierterer Begriff, als ursprünglich angenommen. Sie hat zwei Komponenten, eine mit, die andere ohne Wert. Hausarbeit, die zuvor fehlende zweite Komponente, unterscheidet sich deutlich von der sozialen Komponente und ist dennoch für die gesellschaftliche Reproduktion im Kapitalismus unerlässlich. Sie hat keinen Wert, spielt im Prozess der Mehrwertaneignung nichtsdestotrotz eine zentrale Rolle. In der notwendigen Arbeit miteinander verbunden, bilden die soziale Arbeit und ihre neue Gefährtin, die Hausar­beit, ein seltsames Paar, wie man es in der marxistischen Theorie zuvor nicht kannte.[21]

Das Interesse der Kapitalisten, die notwendige Arbeit zu reduzieren, kann sich sowohl auf die soziale als auch auf die häusliche Komponente erstrecken. Wenn einige Menschen einen Großteil ihrer Energien auf Hausarbeit verwenden – Wasser aus Brunnen holen, an einer Feu­erstelle kochen, Kleider waschen, Kindern die Grundlagen des Lesens, Schreibens und Rech­nens beibringen usw. – stehen sie für Arbeit in der Produktion kaum zu Verfügung. Die Re­duzierung der Hausarbeit bringt hingegen zusätzliche Arbeitskraft auf den Markt.

Schon im 19. und 20. Jahrhundert wurde Hausarbeit ständig eingespart. In den frühen 1900er Jahren war die Zubereitung von Essen bereits weniger zeitintensiv, das Wäschewaschen we­niger belastend und die Ausbildung fand nun zu einem großen Teil in Schulen statt. Unlängst hat die häusliche Arbeit durch Mikrowellen und tiefgekühltes Essen, Waschsalons und die zunehmende Verfügbarkeit von Kinderbetreuung, Kindergärten, Vorschulen und Kitas noch weiter abgenommen.[22] Die Reduzierung häuslicher Arbeit durch technologische und nicht-technologische Mittel führt nicht unweigerlich dazu, dass Haushalte dem Markt mehr Ar­beitskraft zur Verfügung stellen. Aber sie erhöht die Wahrscheinlichkeit, dass sie dies tun.

Kapitalisten sind als Klasse einer Reihe sich widersprechender Zwänge unterworfen. Dazu gehören ihr langfristiger Bedarf an einer Arbeiterschaft, ihre unmittelbaren Bedürfnisse nach verschiedenen Kategorien von Arbeitern und Konsumenten, ihre Streben nach Profit und nach Aufrechterhaltung der Hegemonie über eine gespaltene Arbeiterklasse. Diese sich widerspre­chenden Zwänge geben natürlich nur Richtungen vor, keine vorhersehbaren Unausweichlich­keiten. Anders als es funktionalistische Auslegungen gerne behaupten, führen solche Tenden­zen nicht unbedingt zu vorteilhaften Bedingungen für die herrschenden Klassen. Vielmehr sind die Prozesse der Reproduktion der Arbeitskraft ein umkämpftes Terrain. In konkreten Gesellschaften wenden Kapitalisten verschiedene Strategien an, von denen einige Hausarbeit auf eine Art und Weise beeinflussen, die analytisch als Erzeugung von absolutem oder relati­vem Mehrwert betrachtet werden können. Gleichzeitig streben arbeitende Menschen nach den bestmöglichen Bedingungen für ihre eigene Erneuerung, wozu auch ein bestimmtes Maß oder eine bestimmte Form häuslicher Arbeit zählen kann. Da sowohl das Kapital als auch die Ar­beiterklasse in der Regel in verschiedene Schichten zersplittert ist, kommt es nicht auf allen Ebenen zu denselben Ergebnissen.

Es zieht sich also eine widersprüchliche Dynamik durch die geschichtlichen Kämpfe um die Bedingungen der Reproduktion der Ware Arbeitskraft, die ebenso den Mindestlohn für be­stimmte Gruppen oder Schutzgesetze für Frauen- und Kinderarbeit in der Industrie hervorge­bracht haben wie die geschlechtsspezifische und rassistische Teilung des Arbeitsmarktes oder in Lagern untergebrachte migrantische Arbeiter.[23]

Bis hierher habe ich die Reproduktion der Ware Arbeitskraft lediglich als einen ökonomi­schen Sachverhalt beschrieben.[24] Doch durch ihr Streben nach Gleichheit hat sie auch eine politische Dimension. Marx sagt, dass der Grund für diese maßgebliche politische Eigenschaft kapitalistischer Gesellschaften in der Verschränkung von Produktion und Zirkulation liegt.[25] In der Produktion lässt sich ein großer Teil der konkreten nützlichen Arbeit durch Abstraktion bzw. den Wert bemessen. In der Zirkulation werden Waren auf dem Markt getauscht, wenn sie vergleichbare Mengen von Wert verkörpern. Auch Arbeitskraft ist eine Ware, die auf dem Markt gekauft und verkauft wird. Auf dem Markt treffen sich Arbeiter und Kapitalisten daher als Besitzer, die ihre Waren tauschen wollen. Damit das Geschäft zustande kommt, müssen Kapitalisten Löhne anbieten, die dem Wert der Arbeitskraft der Arbeiter entsprechen. Entge­gen einer Vorstellung vom Kapitalismus als betrügerisches System handelt es sich dabei tat­sächlich um einen gleichwertigen Tausch. Die Gleichheit auf dem Markt geht Hand in Hand mit der Ausbeutung in der Produktion.

Die Gleichheit von Personen ist also kein abstraktes Prinzip oder eine falsche Ideologie, son­dern eine vielschichtige Entwicklung, die in der Verschränkung der Produktions- und Zirku­lationssphären wurzelt. Das Fehlen von Gleichheit ist, so mein Argument, eine spezifische Eigenschaft der Unterdrückung von Frauen (und anderen Gruppen) in kapitalistischen Gesell­schaften. Wie oben bereits gesagt, verrichten nur Frauen der untergeordneten Klassen häus­liche Arbeit, aber alle Frauen sind in kapitalistischen Gesellschaften von Ungleichheit betrof­fen.

Die angestrebte Erweiterung der Gleichstellung führt in mindestens zweierlei Hinsicht zu grundsätzlichen Veränderungen. Zum einen verringert sie tendenziell den Spalt innerhalb und zwischen untergeordneten Schichten und Bereichen, indem sie alle Personen gleichberechtigt auf eine Ebene stellt. Und zum anderen ist sie in der Lage, das zutiefst ausbeuterische Wesen des Kapitalismus zu enthüllen, da sein ökonomischer und sozialer Charakter umso deutlicher zum Vorschein kommt, je mehr Rechte hinzukommen. Weit davon entfernt, lediglich Übungsaufgaben eines aussichtslosen Reformismus oder der angeblich spaltenden Identitäts­politik zu sein, können Gleichstellungskämpfe zum Aufbau strategischer Bündnisse beitragen und vielleicht sogar über den Kapitalismus hinausreichen.

Um mein theoretisches Szenario in all seiner Abstraktheit zusammenzufassen: In der kapita­listischen Produktionsweise prägen die Logik der Akkumulation und die Verschränkung von Produktions- und Zirkulationssphäre die Stellung der Frauen auf zweifache Weise. Zum einen sind Frauen und Männer der untergeordneten Klassen in Bezug auf wichtige ökonomische Aspekte der gesellschaftlichen Reproduktion anders aufgestellt. Und zum anderen wird allen Frauen die Gleichberechtigung verwehrt. In konkreten Gesellschaften reagiert die Dynamik der Frauenunterdrückung unter anderem auf diese doppelte Verankerung.

Zielgruppen und Paradigmen

Dem Versuch, Hausarbeit zu theoretisieren, wandten sich in den 1970er Jahren zwei unter­schiedlichen Gruppen zu: Feministinnen, insbesondere sozialistische Feministinnen, und Linke. Die meisten Feministinnen verwarfen am Ende die Hausarbeitsliteratur als erfolglosen Versuch, unpassende marxistische Kategorien anzuwenden. Die meisten Marxisten ignorier­ten die Debatte einfach, sie verfolgten sie nicht und nahmen auch nicht an ihr teil. Nicht ein­mal die Fachwelt verstand die Vorschläge wirklich, die sozialistische Feministinnen implizit oder explizit zur Überarbeitung der marxistischen Theorie machten.

Ein entscheidender Grund für die begrenzte Erreichbarkeit eines feministischen Publikums war der theoretische Ansatz der Hausarbeitsdebatte. Wie bereits erwähnt, hatten viele Femi­nistinnen Schwierigkeiten mit der epistemologischen Perspektive, die einem Großteil der Li­teratur zur Hausarbeit zugrunde lag. Diese war nicht nur extrem abstrakt, sondern verstand den Geltungsanspruch von Theorie auch als äußerst begrenzt. Insbesondere Fragen der Sub­jektivität und der Handlungsmacht lagen außerhalb des Bereiches dieser Art von Theorie, die derlei Aspekte in das komplizierte und chaotische Reich konkreter historischer Untersuchung und Analyse verwies.

Deshalb wandten sich die meisten Feministinnen davon ab und versuchten stattdessen eine Theoriebildung aufgrund detaillierter empirischer Beschreibungen. Ein folgenreicher, aber kaum beachteter Unterschied im theoretischen Ansatz trennte fortan die beiden Heran­gehensweisen. Wie mir heute viel bewusster ist als noch vor ein paar Jahren, konnten Vertre­terinnen der einen Perspektive nicht wirksam mit denen der anderen Perspektive kommunizie­ren. Selbst die Lektüre der Arbeiten der jeweils anderen – von konstruktiver Kritik ganz zu schweigen – stieß auf das Hindernis unvereinbarer Paradigmen.[26]

Während der 1970er Jahre stand die Linke der Idee eines feministischen Sozialismus größ­tenteils ablehnend gegenüber. Das galt umso mehr für die Überarbeitung marxistischer Theo­rie. In vielen Lagern galt der Feminismus als von Grund auf bürgerlich und eine Bedrohung für die Einheit der Klasse. In der Regel ignorierten marxistische Theoretiker in den USA, die meisten von ihnen männlich, die Literatur zur Hausarbeit. Teilweise bestand das Problem auch hier in der Unvereinbarkeit von Erklärungsmodellen, dieses Mal allerdings anderer Art. Aus einer traditionell-marxistischen Perspektive hatten die Dynamiken des Kapitalismus am Ende immer mit der Klassenausbeutung zu tun. Andere Themen – beispielsweise geschlechts­spezifische, rassistische oder nationale Unterdrückung – mochten für Sozialisten durchaus wichtig sein, lagen aber außerhalb dessen, was als Gebiet der marxistischen Theorie verstan­den wurde.

In den 1980er Jahren schrumpfte das Interesse an einer Theoretisierung der Hausarbeit enorm. Das zunehmend konservative politische Klima und der Niedergang oder die Zerstörung vieler linker sozialer Bewegungen hatten hieran sicherlich einen Anteil. Feministische intellektuelle Arbeit blühte zwar weiter, doch sie hatte weitaus weniger Verbindung zur aktiven Frauenbe­wegung als vorher und war in ihrem Fortbestehen an Hochschulen und Universitäten einer Reihe disziplinärer Einschränkungen und beruflicher Zwänge unterworfen. Mehr noch hatten jüngere Generationen feministischer Wissenschaftlerinnen die Chance verpasst, an der aus den Umbrüchen der 1960er Jahre hervorgegangenen linken Frauenbewegung teilzunehmen. Es verwundert kaum, dass das Vertrauen in die Bedeutung sozialistischen Denkens für die feministische Theorie nachließ.

Dennoch kam es – für einige überraschend – in den 1980er und 1990er Jahren nicht zum end­gültigen Niedergang theoretischer Auseinandersetzung mit Hausarbeit. Vielmehr blieb ein gewisses Maß an Interesse erhalten. Dort, wo es aus unterschiedlichen Gründen eine relativ starke Tradition marxistischer Theorie gibt, wie in England oder Kanada, arbeiten kleinere Zusammenschlüsse männlicher wie weiblicher Ökonomen, Soziologen und Historiker weiter­hin an den von der frühen Hausarbeitsliteratur aufgeworfen Fragen.[27]

In den USA hingegen beschäftigten sich in diesen Jahren nur recht wenige Wissenschaftlerin­nen mit den Problemen der Hausarbeitsdebatte. Feministinnen, die weiterhin deren Termino­logie verwenden, tun dies oft in eher metaphorischer als analytischer Weise. Es wird zum Beispiel immer noch so getan, als sei es offensichtlich, wer wo Hausarbeit verrichtet (Frauen in privaten Haushalten) und was sie beinhaltet (üblicherweise Arbeit zu Hause oder Arbeit zu Hause plus Kinderbetreuung).

Inzwischen wird der Begriff Reproduktion in einem allgemeineren Sinn verwendet.[28] Zusam­men mit dem neuen Ausdruck »reproduktive Arbeit« umfasst er jetzt ein breites Spektrum an Tätigkeiten, die zur Erneuerung von Menschen beitragen. Diese schließt emotionale und in­tellektuelle, aber auch manuelle Arbeit ein, sowohl unbezahlte als auch bezahlte.

Bei der Durchsicht der Literatur stellt Evelyn Nakano Glenn[29] fest:

»Der Begriff soziale Reproduktion wird inzwischen weiter gefasst […] und bezieht sich auf die Erzeugung und Erneuerung von Menschen als kulturelle und soziale sowie als physische Wesen. Deshalb schließt sie mentale, emotionale und manuelle Arbeit ein. Diese Arbeit kann auf unzählige Arten organisiert werden – innerhalb und außerhalb des Haushalts, als bezahlte und unbezahlte Arbeit, als Tauschwerte oder nur Gebrauchswerte schaffend … [Die Lebens­mittelproduktion beispielsweise] kann von einem Familienmitglied als unbezahlte Arbeit im Haushalt verrichtet werden, von einem Bediensteten als bezahlte Arbeit im Haushalt oder von einem Koch in einem Fast-Food Restaurant als Lohnarbeit, die Profit generiert.«

US-amerikanische marxistische Theoretiker waren auch in den 1980er und 1990er Jahren mehrheitlich männlich und schenkten der mehrere Jahrzehnte alten sozialistisch-feministi­schen Forschung und Auslegung im Allgemeinen keine Aufmerksamkeit. Viele betrachten Feminismus lediglich als ein Beispiel für die sogenannte Identitätspolitik, die nur zu einer Fragmentierung der Linken führen könne. Auch um die Einheit der marxistischen Theorie sorgen sie sich. Gleichzeitig scheinen sie sich der Bandbreite gegenwärtiger Debatten und Diskussionen, die genau diese Probleme ansprechen, nicht bewusst zu sein.

Doch eine Handvoll von ihnen hat begonnen, sich in das Gespräch einzuschalten. Einige an­dere behandeln Fragen, die innerhalb der Hausarbeitsdebatte schon längst beantwortet sind, erfinden sogar Analysen neu, die Feministinnen bereits in den 1970er Jahren entwickelt hat­ten. Wieder andere deuten die Problematik der Frauenunterdrückung als eine Frage der Spra­che, der Psychologie oder der Sexualität. Auf diese Weise wird die Unterordnung der Frauen als völlig unabhängig von den Prozessen der Mehrwertaneignung sowie der kapitalistischen gesellschaftlichen Reproduktion behandelt und somit auch nicht als Gegenstand der marxisti­schen politischen Ökonomie in Betracht gezogen.

Frühere Theoretikerinnen der Hausarbeit versuchten, das Leben von Frauen in den Mittel­punkt der kapitalistischen Funktionsweise zu rücken. Sie gehörten zu den Ersten, die die kommende Krise des Marxismus voraussahen und damit begannen, die Grenzen der marxisti­schen Theorie auszuloten. Ihre Auseinandersetzung mit der feministischen Theorie und der Tradition der marxistischen politischen Ökonomie ist meines Erachtens ein unvollendetes Projekt.

Hausarbeit im 21. Jahrhundert

Die Literatur zur Hausarbeit hatte darauf bestanden, dass Frauenunterdrückung von zentraler Bedeutung für die allgemeine gesellschaftliche Reproduktion ist. Trotz aller Schwierigkeiten der Debatte behält diese Erkenntnis ihre Gültigkeit. Das Kapital braucht noch immer zuver­lässige Quellen ausbeutbarer Arbeitskraft und zahlungsfähiger Konsumenten – Bedürfnisse, die fortwährend bekämpft und nicht immer erfüllt werden.

Durch die globale Umstrukturierung sind die Prozesse des Erhalts und der Erneuerung von Arbeitskraft radikalen Veränderungen unterworfen, in denen die Hausarbeit von zentraler Bedeutung bleibt. Die Formen der häuslichen Arbeit werden vielfältiger und entfernen sich immer weiter von der normativen Kernfamilie mit männlichem Ernährer und abhängiger Frau. Die meisten Haushalte tragen immer mehr Zeit zur Lohnarbeit bei, wodurch die Menge und Qualität der Hausarbeit ihrer Mitglieder im Allgemeinen abnimmt. Andere Haushalte sind von anhaltender Arbeitslosigkeit betroffen, von zunehmender Ausgrenzung und einer häuslichen Arbeit auf niedrigem Niveau. Hier, könnte man behaupten, ist die Reproduktion eines Teils der Arbeitskräfte ohnehin fraglich.[30] Auch geographisch laufen Prozesse der Erneue­rung von Arbeitskraft auseinander, immer häufiger über nationale Grenzen hinweg. Migrationsbewegungen nehmen zu, trennen Familien und schaffen neue Orte, an denen Haus­arbeit verrichtet wird, sowohl in nicht-verwandtschaftsbasierten als auch in verwandtschafts­basierten Zusammenhängen. Derweil birgt die Ausweitung rechtlicher Gleichstellung auf tra­ditionell benachteiligte Gruppen, wenngleich sie in vielerlei Hinsicht von Vorteil ist, unvor­hersehbare Risiken.[31]

Obwohl unbestreitbar ermächtigende Veränderungen zu erkennen sind, tragen Frauen zu Be­ginn des 21. Jahrhunderts immer noch schwere Bürden. Dazu gehören beispielsweise die Doppelbelastung, fehlende Ehemänner, die Abwesenheit von Verwandten und alleinerzie­hende Mutterschaft ohne angemessene soziale Unterstützung. Kurz gesagt: Die Erfahrung von Frauen zeigt noch immer die Notwendigkeit, Hausarbeit und ihre Rolle in der kapitalistischen gesellschaftlichen Reproduktion zu theoretisieren.

Ursprünglich erschienen unter dem Titel »Domestic Labour Revisited« in: Science & Society, 64, 2: 151-170 © 2000 Science & Society, S&S Quarterly, Inc., USA.

Aus dem Englischen von Rhonda Koch, Johannes Liess und Jasper Stange

© Copyright der deutschen Ausgabe 2019
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Alle Rechte vorbehalten.

Anmerkungen

[1] Dieser Beitrag erschien zuerst in Vogel 2000. Er ging aus einem Vortrag auf der Konferenz der Sozialistischen Ökonomen in Leeds, England, Juli 1994 hervor. Ich danke Filio Diamante für die Einladung und den anderen Podiumsgästen sowie dem Publikum für die lebhafte Debatte. Bei der Vorbereitung dieses Textes habe ich nicht nur von Christine Di Stefanos sehr hilfreichen Kommentaren profitiert, sondern auch von einer ganzen Reihe anonymer Rezensentinnen und Rezensenten auf beiden Seiten des Atlantiks. Besonderen Dank schulde ich meinem Kollegen James Dickinson, dessen genaue Beobachtungen und bohrende Nachfragen wie immer unschätzbar wertvoll waren.

[2] Da es unmöglich ist, einen sozialistischen von einem marxistischen Feminismus zu unterscheiden, jedenfalls so wie er in den 1970er Jahren gelebt wurde, benutze ich den Begriff sozialistischer Feminismus für beide. In diesem Artikel folge ich in der Regel der zeitgenössischen amerikanischen Verwendung von Begriffen. So war Ende der 1960er bis Mitte der 1970er Jahre der Begriff ›Frauenbefreiung‹ geläufig, mit dem sich die jüngeren, vorgeblich linkeren Zweige der Frauenbewegung vom sogenannten bürgerlichen Feminismus der National Organization for Women abgrenzen wollten. Innerhalb der Frauenbefreiungsbewegung bildeten sozialistische Feministinnen eine eigene Strömung. Ende der 1970er Jahre wurde ›Frauenbefreiung‹ vom Begriff ›Feminismus‹ abgelöst. Dass Feminismus nun ein umfassenderer Begriff war als zuvor, spiegelt vielleicht die schwindende Bedeutung sich unterscheidender Strömungen innerhalb der Frauenbewegung wider.

[3] Beispielsweise Firestone 1970 und Millett 1970.

[4] Beschreibungen der Begeisterung, die die marxistische Theorie bei Feministinnen der 1960er und 1970er Jahre hervorrief, finden sich bei Echols 1989, Vogel 1998 und in den persönlichen Berichten in Duplessis und Snitow (Hg.) 1998.

[5] Für gute (und sehr kurze) Übersichten zur ›Hausarbeitsdebatte‹ siehe Himmelweit 1983a und 1983c. Für eine Literaturübersicht siehe Vogel 1986. Siehe auch die Essays in Sargent (Hg.) 1981 und in Hansen und Philipson 1990.

[6] Molyneux 1979.

[7] Siehe beispielsweise Brenner und Holmstrom 1983; Molyneux 1979 oder, auf ihre eigene Art und Weise, Nicholson 1986.

[8] Siehe unter anderem Althusser 1971a; Hindess und Hirst 1975; Willer und Willer 1973 sowie die Einleitung in Marx 1953, S. 3–31.

[10] Althusser 1971a, S. 78. [Übersetzung aus: s. Fußnote 9, Seite 676]

[11] Strenggenommen ist das Konzept der Reproduktion der Arbeitskraft daher nur für die untergeordneten Klassen von Bedeutung. Das heißt nicht, dass die Frauen der herrschenden Klasse keine geschlechtsspezifische Unterdrückung erfahren. Doch ihre Lage ist mit ihrer Rolle beim Erhalt und der Ersetzung der besitzenden Klassen verknüpft und erfordert eine eigene Analyse.

[12] Paddy Quick (Quick 1977) schreibt, dass die hauptsächliche materielle Grundlage für die Unterordnung der Frauen in den Klassengesellschaften nicht die geschlechtsspezifische Arbeitsteilung oder die Geschlechterdifferenz an sich ist, sondern die Notwendigkeit, die Frauen der untergeordneten Klassen während des Gebärens der Kinder zu versorgen.

[13] Gleichermaßen haben die Frauen der herrschenden Klasse eine besondere, jedoch gänzlich andere Rolle beim Erhalt und der Erneuerung ihrer Klasse.

[14] In den folgenden drei Absätzen werden Marx’ Erörterungen von Aspekten der Reproduktion der Arbeitskraft stark verdichtet. Marx selbst diskutierte das Material sehr ausführlich, auch mittels umfangreicher empirischer Darstellungen.

[15] Marx 1956a, S. 185

[16] Streng genommen wird ein Teil des Wertes, der sich aus der Arbeit des Arbeiters ergibt, zur Erneuerung des konstanten Kapitals eingesetzt.

[17] An anderer Stelle erkennt Marx an, dass solche Arbeit die Bedingung für die allgemeine gesellschaftliche Reproduktion ist.

[18] Marx 1956a, S. 596.

[19] Auf dieser Abstraktionsebene benutze ich den Begriff Arbeiterklasse zur Beschreibung derjenigen, die in dem Sinne kein Eigentum besitzen, als sie nicht über Produktionsmittel verfügen. So betrachtet gehört die Mehrheit der Bevölkerung der USA, wie auch anderenorts, heute der Arbeiterklasse an. In weniger abstrakten Kontexten muss deshalb die Stratifizierung der Haushalte entlang von Beschäftigung, Ausbildung, Einkommen usw. in die Betrachtung einbezogen werden.

[20] Die Frage, ob Hausarbeit im marxistischen Sinne Wert hat oder nicht, löste innerhalb der Literatur zur Frauenbefreiung eine eigene kleine Debatte aus. Meiner Ansicht nach hat sie keinen Wert. Eine Darlegung der Gründe findet sich bei Smith 1978.

[21] Diese Erläuterung, die mein früheres Argument (Vogel 1983) präzisiert, aber nicht verändert, erscheint mir heute weniger überzeugend. Doch es muss ein Weg gefunden werden, Hausarbeit innerhalb der marxistischen politischen Ökonomie zu theoretisieren, sei es nun als Komponente der notwendigen Arbeit oder nicht.

[22] Nona Glazer (Glazer 1987) betrachtet den ›Arbeits-Transfer‹ als eine wirkmächtige Gegenbewegung des 20. Jahrhunderts zur Reduzierung von Hausarbeit. Arbeits-Transfer findet dann statt, wenn vormals von Angestellten verrichtete Arbeit jetzt auf sich selbst bedienende Käufer verlagert wird, wodurch häusliche Arbeit zunimmt. Martha Gimenez (Gimenez 1990) bindet Glazers Arbeits-Transfer in ihre Erörterung vier verschiedener Formen der Hausarbeit ein. Wenngleich verschiedene Mechanismen des Arbeits-Transfers von Bedeutung sind, bezweifle ich, dass sie dem langfristigen Streben nach Reduktion der absoluten Menge an Hausarbeit widersprechen.

[23] Diese Analyse der Hausarbeit als zentrale Komponente der Reproduktion der Arbeitskraft entspricht der Art, wie sich empirische Studien über die Arbeiterklasse in den vergangenen drei Jahrzehnten verändert haben. Statt sich auf die Arbeiter und ihre Gewerkschaften zu konzentrieren, betrachten diverse Forscherinnen die Haushalte und Gemeinschaften der Arbeiterklasse jetzt allgemeiner als Träger, Instandhalter und Erneuerer der Arbeitskraft. Siehe Sacks 1989; Glucksmann 1990.

[24] Ich stimme mit Nancy Fraser (Fraser 1998) darin überein, dass der Großteil dessen, was man grob als Geschlechterverhältnisse bezeichnen kann, nicht in der ökonomischen Sphäre zu finden ist. Ich will hier zum Ausdruck bringen, dass es nichtsdestotrotz einen Teil gibt, der ökonomisch ist, der eine Rolle in den Dynamiken der kapitalistischen Akkumulation spielt und dass dessen Theoretisierung zur politischen Ökonomie gehört. Dieser wichtige, wenn auch begrenzte ökonomische Aspekt der Frauenunterdrückung im Kapitalismus ist sicherlich einer der Gründe, der ihre Spezifität gegenüber rassistischer Unterdrückung, Klassenherrschaft oder Ähnlichem ausmacht.

[25] Auch hier verdichte ich stark eine längere Darstellung von Marx.

[26] Thomas Kuhn (Kuhn 1962) beschreibt die vielen Möglichkeiten, wie theoretische Paradigmen unsichtbar bleiben und dennoch wirkmächtig das Denken ihrer Nutzer formen. In Bezug auf den theoretischen Rahmen, der hier diskutiert wird, bemerkt Althusser (Althusser 1993, S. 185–6) zu diesem Phänomen: »Nun hatten wir aber von Anfang an auf den strukturalen Unterschied zwischen (abstrakter) Kombinatorik und (konkreter) Kombination hingewiesen, und eben das machte das ganze Problem aus. Aber wer hatte das gesehen? Niemand gab auf diesen Unterschied acht. […] Nur wenige gab es, die sich bereit erklärten, Verständnis für meine Ziele wie für meine Gründe aufzubringen.«

[27] Zu England siehe die Bibliographie in Gardiner 1997 und das Journal Capital & Class. Zu Kanada siehe Hamilton und Barrett 1990 und das Journal Studies in Political Economy.

[28] Überlegungen zu den Bedeutungen des Konzepts der Reproduktion aus den 1970er Jahren finden sich bei Edholm, Harris und Young 1977; Beechey 1979. Siehe auch Himmelweit 1983b.

[29] Glenn 1992. [eigene Übersetzung]

[30] Gimenez (Gimenez 1990, S. 37) schreibt, dass solche Haushalte »schlicht Menschen reproduzieren; und [die Arbeitskraft von] Menschen […] ohne vermarktbare Fähigkeiten unter kapitalistischen Bedingungen keinen Wert [hat]« [eigene Übersetzung]. Für eine andere Interpretation siehe Sassen 1998.

[31] Siehe beispielsweise Vogel 1995.