| Wiedergelesen: Das »unmögliche« Prekariat. Wie Klasse neu gedacht und gemacht werden kann

Mai 2018  Druckansicht    Druckansicht
Von Mario Candeias

Der hier vorliegende Text von Mario Candeias widmet sich der Problematik des analytischen Herangehen einflussreicher soziologischer Arbeiten von Bourdieu, Walquant oder Castell über das »Prekariat«. Candeias kritisiert deren brillante, aber einseitige Analyse, da nur die Dekonstruktion der Arbeiterklasse in den Blick genommen wird, nicht aber Elemente ihre Neuzusammensetzung in einem permanenten Prozess des Unmaking und Remaking. Ergänzend stellt er Elemente einer möglichen Formierung des »Prekariats« als neues Klassenfraktion im Werden dar. Diese Arbeit lag bisher nur englischsprachig vor und erscheint hier erstmalig auf Deutsch.

„Das Prekariat ist eine Art unmöglicher Gruppe, deren Geburt notwendigerweise unvollendet bleibt“, es „verharrt im Zustand eines einfachen zusammengesetzten Konglomerats“, so eine Schlussfolgerung Loïc Wacquants. Inzwischen sind die damit angesprochenen Desintegrationsprozesse und sozialen Spaltungen, vorwiegend unter dem Stichwort ›Unterschicht‹, nach der französischen auch in der deutschen politischen und wissenschaftlichen Debatte angekommen: „Die Gesellschaft zerfällt“ in Lebenslagen, die von den Einzelnen „als so instabil erlebt werden, dass keine dauerhafte Identifikation mit einer Rolle und Gruppe mehr gelingt.“ (Lessenich/Nullmeier 2006, 18). Hier sieht Franz Schultheis das „radikal Neue“ der sich zuspitzenden sozialen Frage: „Der schrittweise Abbau sozialer Sicherung […] trifft nunmehr hochgradig individualisierte Individuen, die dem kalten Wind einer radikalen Marktvergesellschaftung schutzlos ausgeliefert sind, weil ihr Habitus […] an ein Mindestmaß an Schutz […] gewöhnt ist“ (2005, 583).

Im Folgenden soll anhand einiger Arbeiten von Loïc Wacquant, Pierre Bourdieu und Robert Castel, auf die sich soziologische Analysen der Prekarität in Deutschland in der Regel berufen, die Kritik an einem Blick auf das Prekariat entwickelt werden, der in den Umbrüchen nur Verelendung und Zersetzung sieht und dadurch blind wird für die Entstehung von Neuem und Widerständigem z.B. in den Pariser Banlieues. Dieser Blick ist einem analytischen Standpunkt geschuldet, der von ›außen‹ und von ›oben‹ mit Maßstäben der Vergangenheit misst und so die Neuzusammensetzung der Klassen verfehlt.

Dekonstruktion ohne Rekonstruktion?

So treffend diese Arbeiten Prozesse der Zersetzung fordistischer Vergesellschaftungsformen beschreiben, so berücksichtigen sie doch nicht die Neukonstitution der gesellschaftlichen Verhältnisse. Die fordistische Integrationsweise bleibt der Maßstab, die Abweichung wird als Verelendung begriffen (vgl. Haug 2003, 143; Candeias 2006, 11). Die enge Kohärenz zwischen Kapitalverwertung und Reproduktion der Arbeiterklasse, zwischen Produktivitätsfortschritten und Lohnsteigerungen, wie sie im Fordismus teilweise zu finden war, ist eine in der historischen Entwicklung des Kapitalismus seltene Konstellation – und doch bildet sie die Folie, vor der das Neue bislang kategorisiert wurde. Festgehalten wird an „integrierter Gesellschaftlichkeit“, wie sie sich – blutige Auseinandersetzungen und Faschismus vergessend – seit dem 19. Jh. entwickelte und ihren Höhepunkt in der „nivellierten Mittelschichtsgesellschaft“ (Schelsky) der Nachkriegszeit fand. Natürlich weiß ein informierter linker Diskurs, dass auch dieser Kapitalismus ein in Klassengegensätze gespaltener war, doch waren diese Gegensätze durch historische Kompromisse entschärft und in institutionalisierte Bahnen der Konfliktaustragung gelenkt worden. Klassen sind in dieser Perspektive einheitliche Subjekte, heute abgelöst durch eine Vielfalt von Ungleichheitslinien. Es gibt kein „eindeutig-eindimensionales Muster“ gesellschaftlicher Ungleichheiten mehr; „Konzepte wie ›Klassen‹ […] wirken heute hohl“ (Schultheis 2005, 576). Vor dem Hintergrund dieser Konstruktion einer hübsch geordneten Vergangenheit wird das Neue nur als beliebige und unübersichtliche Pluralität von Differenzen (vgl. Lessenich/Nullmeier 2006, 15) sichtbar. Unbegriffen bleibt, wie Klasse, Rasse, Geschlecht, Alter, Qualifikation usw. in einer transnationalen kapitalistischen Produktions- und Lebensweise unter neoliberaler Hegemonie auf neue Art und Weise verwoben werden.

Auch bei Wacquant geht es um die Auflösung von Klassen als Gegenbewegung zur „proletarischen Vereinheitlichung“, die in der alten Form auch nicht mehr erstrebenswert sein kann. Vielfältige Ungleichheiten stehen bei ihm nicht nebeneinander, sondern verdichten sich im Prekariat bzw. in den Banlieues zu einer unentrinnbaren Zwangsjacke (Wacquant 2004). Verfehlt wird in dieser Neuauflage des Verelendungsdiskurses, wie die Zersetzung der Klassen zugleich mit ihrer Neuzusammensetzung einhergeht. Es besteht nur eine Ahnung von der „Vereinheitlichung von Konfliktlinien“: alle, „auch tiefgreifende kulturelle Differenzen“ oder Altersunterschiede, werden „in ökonomische Verteilungsprobleme übersetzt“. Ergebnis ist die „Zersplitterung einer von Konkurrenzen durchzogenen Gesellschaft“, ein „Zerfalls- und Spaltprodukt der Krise“ (Lessenich/Nullmeier 2006, 17 bzw. 21), wobei übersehen wird, wie seit 30 Jahren wirkende neoliberale Integrationsmodi den transnationalen Umbau der Gesellschaft forcieren (Candeias 2004b).

Tatsächlich kommt es vermehrt zu Unsicherheiten und Unzufriedenheit, die im Zuge einer Repräsentationskrise und mangelnder Artikulationsmöglichkeiten (vgl. Candeias 2004b, 334ff) zu Autoritarismus und Entsolidarisierung führen: Die Bedrohung der gesellschaftlichen Positionen und das Schwinden von Perspektiven bis tief in die sog. Mittelklasse der ehemals gut abgesicherten Facharbeiter und der urbanen bürgerlichen Angestelltenheere verstärken die Abgrenzungen nach ›unten‹ (vgl. auch Wacquant 2004, 164). Es kommt zu Distinktions- und Anerkennungskämpfen, zu Trennlinien der ›Respektabilität‹, die Vertrauen, Kommunikation und übergreifende oder auch nur lokale Solidarität erschweren. Die individuelle Bearbeitung der Widersprüche überwiegt, die Benachteiligten scheinen unfähig, die „kollektive Natur des Dilemmas anzuerkennen“ (165). Sicher: In der Bewegungsphase „wird tendenziell Desolidarisierung überwiegen“ (W.F.Haug 2003, 172). Doch bleibt die Analyse dort stehen, führt das zur Blockierung von Handlungsfähigkeit: wo wäre dann noch anzusetzen?

Subjektivierung vom Standpunkt der Reproduktion

Für Robert Castel, wie nun auch für Wacquant, ist das Prekariat gesellschaftlich atomisiert, anomisch und resigniert – kurz: nicht organisierbar. Castel sieht eine Tendenz zum „Sich-Einrichten in der Prekarität“, gekennzeichnet durch die habitualisierte Mobilität eines „provisorischen Durchwursteln“ und der Entwicklung eines „Realismus der Hoffnungslosigkeit“, der von Reintegrationsversuchen Abschied nimmt und zu Resignation sowie sporadischen Gewaltausbrüchen mit selbstzerstörerischen Merkmalen führt (2000, 357f). Für Castel sind diese Überzähligen „nicht integriert und zweifelsohne auch nicht integrierbar“, da ihnen das Hauptmoment gesellschaftlicher Integration, eine positive Identität durch Arbeit, verloren gegangen sei (359). Sie sind für ihn keine sozialen Akteure, sondern „soziale Nicht-Kräfte“ (ebd.), eine Nichtklasse der Marginalisierten, die sich resignativ ihrem Schicksal unterwirft, oder, wie Wacquant es ausdrückt, „abgekoppelt“ von den etablierten Gruppen und „entsprechend einer Sprache, einem Repertoire gemeinsamer Bilder und Zeichen zum Entwurf eines kollektiven Schicksals“ beraubt.

Erstaunen wird formuliert angesichts des dennoch vorhandenen „Selbstbewusstseins der Abgehängten, das sich gegen eine völlige Marginalisierung sperrt und zur Ausbildung eigener Subkulturen und Taktiken des Durchhaltens und Durchkommens“ (Lessnich/Nullmeier 2006, 20), also eigener Praxen und Sprache führt, auch zum Aufbau „reziproker Netzwerke“ und ethno-nationale Grenzen überschreitender, funktionierender „communities“ (Wacquant 2004, 171 u. 193); dies selbst in den amerikanischen Großstadt-Ghettos, in denen ein unvergleichbar höherer Grad an physischer Unsicherheit herrscht (176). Woher diese Phänomene kommen, bleibt unerklärt. Die aufkeimenden Organisationen der „Habenichtse“, wie die Arbeitsloseninitiativen, die Organisationen gegen Obdachlosigkeit oder gegen Illegalisierung von Migranten (Sans Papiers) seien „sehr fragil“ –- damit hat Wacquant wohl recht, und doch erklärt es nicht ihr Zustandekommen.

Castel wie Lessenich/Nullmeier reproduzieren den Blick auf die Betroffenen von ›oben‹, neigen dabei zur Entsubjektivierung bzw. verbleiben auf der Ebene der Analyse sozialstaatlicher Institutionen. Wacquant hingegen widmet sich den subjektiven Verarbeitungsformen und zeigt, wie die Einzelnen sich selbst in die prekären Verhältnisse einbauen. Subjektivität wird hier jedoch nur vom Standpunkt der Reproduktion herrschender Verhältnisse betrachtet, quasi als affekthafter Reaktionismus. Das Problem dabei ist, dass den Subjekten zwar Eigenaktivität zugestanden, jedoch die Kompetenz oder Fähigkeit abgesprochen wird, die Verhältnisse zu verändern (vgl. auch Dörre 2005). Dieses Verfangen in einer Art reproduktiven Schleife (auch bei Castel) ist dem bourdieuschen Erbe eines latenten Strukturalismus  geschuldet (kritisch dazu Willis 1990, 13).

Mit seinem Konzept des Habitus liefert Bourdieu ein konkret-geschichtliches Vermittlungsverhältnis von gesellschaftlicher und individueller Reproduktion. Kern des ursprünglichen Entwurfs ist eine „allgemeine Theorie der Ökonomie von Handlungen“, die in einer Art „verallgemeinertem Materialismus“ (Bourdieu 1986, 173) das „ökonomische Kalkül“ auf alle sozialen Äußerungen anwendet. Er reduziert Handeln  damit auf Nutzenerwägungen der Akteure (dem rational choice-Ansatz nicht unähnlich) (vgl. Mahnkopf 1988, 13). Die funktionale Übereinstimmung von Habitus und Struktur drängt sich auf. Der Habitus bilde, so Bourdieu, ein System relativ „dauerhafter und übertragbarer Dispositionen“ (Bourdieu 1987, 98), in welchem „Praktiken und Vorstellungen“ der handelnden Akteure „objektiv an ihr Ziel angepasst sein können, ohne jedoch bewusstes Anstreben von Zwecken und ausdrückliche Beherrschung der zu deren Erreichung erforderlichen Operationen vorauszusetzen, die objektiv ›geregelt‹ und ›regelmäßig‹ sind, ohne irgendwie das Ergebnis der Einhaltung von Regeln zu sein und genau deswegen kollektiv aufeinander abgestimmt sind, ohne aus dem ordnenden Handeln eines Dirigenten hervorgegangen zu sein“ (88f).

Allerdings weist Bourdieu frühzeitig darauf hin, dass die Angepasstheit des Habitus an die objektiven Bedingungen nicht zirkulär als vollkommene Reproduktion zu interpretieren sei (1987, 117; vgl. 1976). Der Begriff diene in seiner entwickelten Form vielmehr dazu „Dauerhaftigkeit im Wandel“ zu gewährleisten und die „Praktiken relativ unabhängig von den äußeren Determiniertheiten der unmittelbaren Gegenwart zu machen“ (105): Der Habitus ist dann „ein Produkt der Konditionierungen, das die objektive Logik der Konditionierung tendenziell reproduziert, sie dabei aber einer Veränderung unterwirft; er ist eine Art Transformationsmaschine, die dafür sorgt, dass wir die sozialen Bedingungen unserer eigenen Produktion ›reproduzieren‹, aber auf eine relativ unvorhersehbare Art, auf eine Art, dass man nicht mechanisch von der Kenntnis der Produktionsbedingungen zur Kenntnis der Produkte gelangt“ (1993, 128). Er steht zu den ihn erzeugenden Bedingungen im Verhältnis der Entsprechung. Zwischen Handeln und Struktur besteht quasi Homologie zumindest solange, wie der Habitus „mit Verhältnissen konfrontiert ist, die den Verhältnissen, deren Produkt er ist, objektiv gleich oder ähnlich sind“, kann man durchaus sagen, „dass der Effekt des Habitus und der Effekt des Feldes [der Struktur] in gewisser Weise redundant sind“ (Bourdieu/Waquant 1996, 163). Das relational-redundante Verhältnis schließt konzeptionell einen mechanischen Determinismus aus, ohne die historisch-gesellschaftliche Vor-Strukturiertheit des Handelns der gesellschaftlichen Akteure in Frage zu stellen. Doch es bedarf großer Anstrengungen aus der Homologie nicht in die strukturelle Determinierung zurück zu fallen. Beispielhaft für einen Rückfall in einen hermetischen Determinismus steht Castel, wenn er zustimmend Bourdieu in einer Weise interpretiert, „dass am Anfang der Zwang steht, dass die Gesellschaft aus einem Zwang hervorgegangen ist und sie zuallererst aus Zwängen besteht“ (2003, 348). Doch auch ein weniger deterministisches Verständnis der Habitus-Theorie sagt noch nichts über die Ursachen ›abweichenden Verhaltens‹ oder verändernder Praxis.[1]

Widerspruchskonstellationen als ›Transformationsmaschinen‹

Versuchen wir uns an einer Entlastung des Habitus-Konzeptes von seiner strukturalistischen Verengung, durchaus im Sinne einer bourdieuschen Praxeologie (dem des marxschen Praxisverständnis nicht fern): Der Habitus im Sinne einer gesellschaftlichen Individualitätsform (Sève) determiniert das Subjekt nicht. Diese Sicht wendet sich gegen eine verbreitete sozialisationstheoretische Annahme, dass „die Menschen bloß Vollstrecker von Rollen, Erfüller von Normen und Erwartungen seien“ (F.Haug 1983, 16). Den komplexen Prozess, indem mehrere Habitús (je nach ›Feld‹), die sich durchaus widersprechen können, kohärent gemacht werden müssen, um sie lebbar zu gestalten, bezeichne ich im Anschluss an Gramsci und Foucault als Subjektivation, als Produktionsprozess des Subjekts sowie seine Unterwerfung in und durch das Ensemble der gesellschaftlichen Verhältnisse. Die freiwillige Unterstellung unter eine bestimmte Form der Herrschaft ist in widersprüchlicher Weise mit den Bedürfnissen und der Handlungsfähigkeit der gesellschaftlichen Individuen in ihrem Alltag verknüpft. Dass die Individuen das „gesellschaftlich Gewünschte jeden Tag auch von sich aus wollen, ist Gegenstand einer nie abreißenden Bearbeitung durch die ideologischen Mächte“ (HKWM I, 148). Dabei meint Unterwerfung nicht einfach Unterordnung, sondern zugleich eine Sicherstellung und Verortung des Subjekts (Butler 2001, 87). Es ist ein dialektischer Prozess des ›Erschaffenwerdens‹ und des ›Sich-selbst-Erschaffens‹ innerhalb (oder im Widerstreit mit) gegebenen Formen. Diese Hervorbringung des Subjekts vollzieht sich unter gesellschaftlichem Zwang, trifft dabei aber auf eine gewisse Bereitschaft oder das Begehren der Gesellschaftlichkeit der Individuen. Es handelt sich nicht um gesellschaftliche Zwänge, die einseitig beherrschend auf ein gegebenes Individuum einwirken. Der Prozess der Subjektivation wird von gesellschaftlichen Individuen aktiv betrieben – die Frage ist „wie die einzelnen sich einbauen in die vorhandenen Strukturen und dabei sich selber formen“ (F.Haug 1983, 16) Der Habitus bildet dabei die Vermittlungskategorie zwischen individueller und verallgemeinerter Subjektivität. Er stellt die „notwendigen Formen“ (Sève 1986, 24) bereit, in den die gesellschaftlichen Individuen ihre Tätigkeiten realisieren und trägt so zur gesellschaftlichen Regularisierung von Handlungen, d.h. der Ausbildung von Handlungsmustern bei. Die Subjekte müssen dabei als „aktiv Aneignende“, kreative kollektive Produzenten ihrer Lebensweise begriffen werden (Willis 1990, 13f). Damit unterliegen Subjektivierungsprozesse immer dem Doppelcharakter von Unterwerfung und Selbstkonstitution, bilden spezifische Verhältnisse von Heteronomie und Autonomie heraus. Das Subjekt ist niemals vollständig konstituiert, sondern wird immer wieder neu unterworfen und produziert und eröffnet somit die Möglichkeit seiner Reartikulation. Doch für Bourdieu (1998a, 21) und seine Nachfolger stellt sich der Habitus als für das Handeln der Subjekte funktional dar – diese Funktionalität ist aber keineswegs voraussetzbar, ist vielmehr einem Prozess gesellschaftlicher Auseinandersetzungen unterworfen.

Dem Effekt des Habitus, der gesellschaftlichen Regulation des Subjekts – Foucault nennt dies >Normalisierung< – wird von letzterem psychischer und physischer Widerstand entgegengesetzt. Doch woher kommt die Widerständigkeit? Da jedes Individuum differenziell artikuliert ist, auf unterschiedlichen ›Feldern‹ bzw. gesellschaftlichen Verhältnissen agiert, vereint es mehrere Habitusformen in sich, die durchaus widersprüchlich zueinander stehen können: Widersprüche, die keineswegs „nur im Denken vorkommen“, die dann auf individuell psychischer Ebene gelöst werden könnten, sondern „reale Widersprüche“ sind (Holzkamp 1987, 14). Die Widersprüchlichkeit der gesellschaftlichen Verhältnisse selbst verhindert die Vereinheitlichung der unterschiedlichen Habitús im Prozess der Subjektivation.[2] Individuelle Lebensführung heißt dann aktive Realisierung der im Ensemble der gesellschaftlichen Verhältnisse gegebenen widersprüchlichen Handlungsmöglichkeiten. Die Unmöglichkeit einer substanziellen Einheit, einer inneren Kohärenz, erzeugt dabei alltäglichen Widerstand und Eigensinn. Dieser „macht jeden Versuch unvollständig, ein Subjekt mit Mitteln gesellschaftlicher Disziplinierung hervorzubringen“ (Butler 2001, 86) und eröffnet Wege zur Autonomie. Das Ergebnis ist ein immer dissoziiertes Selbst, eine mehrfach artikulierte Identität der Individuen (Gramsci). Erreichbar ist immer nur ein relatives Gleichgewicht im Ungleichgewicht. Die individuelle Bearbeitung dieser Widersprüche ist allerdings hegemonial bestimmt, indem die Richtung der Handlungsmöglichkeiten innerhalb eines engen Korridors von Handlungsbehinderungen vorgegeben wird.[3]

Insofern ist Widerstand (in welcher Form auch immer) ein Effekt gesellschaftlicher Widersprüche. Dabei ist er nicht nur reaktiv, sondern ein Mittel zu einem zukünftigen Zweck, der Herstellung eines einheitlichen Selbst, vielmehr eine Praxis, die sich selbst begründet. Diese kann zum Teil durch den Normalisierungsdruck und gesellschaftliche Repression unterdrückt werden oder sozial, ideologisch oder religiös sublimiert werden, z.B. durch den Versuch der Konstruktion identitärer Selbstkohärenz. Es gibt „keinen reinen Kampf der Unterdrückten, keinen reinen Widerstand“, die Art der Widerständigkeit ist selbst hoch widersprüchlich in die Reproduktion der Verhältnisse eingebunden und zugleich veränderndes Element (Willis 1990, 23). Wo Widerstand der Normalisierung bewusst widersteht, gelingt es, den alten Habitus zu durchbrechen; zugleich wird dadurch ein neuer Habitus geformt, z.B. der des Schwulen, der Alleinerziehenden, des Neonazi, der Revolutionärin, des Ökos, der Nonkonformistin oder des rebellierenden Überflüssigen etc., der oft jene gegensätzlichen Effekte produziert, gegen die sich der Widerstand richtete. Die Möglichkeiten der Normalisierung und Regulation durch die Produktion eines neuen Habitus sind allerdings begrenzt. Die Gewalt der Verhältnisse produziert immer neue Widersprüche und das Aufbrechen der alten, die eine letztendliche Festigung der dissozierten Subjekte verhindert. Insofern wirken der Prozess der Subjektivation, seine permanente Reartikulation sowie die Konstruktion und Dekonstruktion von Habitús auch als – wie Bourdieu es, wenn auch ohne weitere Begründung nennt – gesellschaftliche ›Transformationsmaschine‹: eine fortwährende Simultanität von Unterwerfung und Widerstand, immer aufs Neue und immer unter veränderten Bedingungen. Freilich ist eine Erweiterung von Handlungsfähigkeit keine individuelle Möglichkeit, sondern vielmehr die Entwicklung der „Fähigkeit, im Zusammenschluss mit anderen Verfügung über meine jeweiligen individuell relevanten Lebensbedingungen zu erlangen“ (Holzkamp 1987, 14).

Von restriktiver zu erweiterter Handlungsfähigkeit

Auch wenn Castel oder z.B. Loic Wacquant (2007 u. 2004) keine Soziologie der Reproduktion entwerfen, vielmehr die Transformation innerhalb der reproduktiven Schleifen betonen wollen, gerät ihnen die Betonung von Zwängen, Einschränkungen und letztlich individualisierten (Destinktions- und Respektabilitäts-)Kämpfen unfreiwillig zu einer Neigung der „konservativen Weltanschauung“, die ihren „Ursprung zweifelsohne im Durkheim’schen Begriff der Anomie hat“, so Fabien Jobard (2004, 321). Insbesondere Castel fällt in einen hermetischen Determinismus zurück, wenn er Bourdieu in einer Weise interpretiert, „dass am Anfang der Zwang steht, dass die Gesellschaft aus einem Zwang hervorgegangen ist und sie zuallererst aus Zwängen besteht“ (2003, 348). Prekarisierung wirkt dann als Zersetzung des sozialen Gewebes und führt zur Konzentration der individualisierten Überflüssigen in Räumen des Ausschlusses (z.B. den Banlieues) – eine paradoxe kollektive Exklusion bzw. Ausgliederung als individueller Prozess: eine solche Soziologie trägt unweigerlich zur Konstitution einer solchen ›Zone‹ der Ausgrenzung in ihrem sozialen wie räumlichen Sinne im gesellschaftlichen Bewusstsein bei: „Dort beruhen die gesellschaftlichen Beziehungen auf einer tiefen Anomie“ ohne Kollektivität oder gemeinsame Erfahrung, „die folglich nur zu Einzelereignissen führt; dort wirkt dann die [physische wie symbolische] Gewalt immer individuell und wenn in irgendeiner Weise kollektiv, dann auf der Basis kleinkriminieller Erscheinungsformen; dort werden die üblichen gesellschaftlichen Verhältnisse außer Kraft gesetzt“ (Jobard 2004, 321). Dies geht einher mit einer Reihe von begrifflichen Dichotomien: Gewalt/Sprache, Anomie/Mobilisierung, atomisierte Individuen/konstituierte Gesellschaftlichkeit; Bann-Ort/Öffentlichkeit etc. Das Prekariat erscheint als Ansammlung zielloser Existenzen:  apathisch, anomisch, latent gewalttätig, depriviert – Opfer gesellschaftlicher Gewalt und Diskriminierung. Die Analyse beschränkt sich auf die Erklärung, warum sich an solchen Orten oder in solchen Gruppen nichts Politisches formieren kann. Wacquant kritisiert zwar Debatten um die sogenannte Unterklasse in den USA, in denen das schwarze, städtische Subproletariat, „symbolisch von der ›würdigen‹ Arbeiterklasse“ unterschieden wird (2004, 159), spiegelt dies jedoch von links, wenn er das Prekariat als „unmögliche Klasse“ von der alten und neuen Arbeiterklasse trennt.

Organisierung scheint nicht mehr vorstellbar in diesem ›Regime der Angst‹: Menschen, „die sich in prekärer Lage befinden, lassen sich kaum mobilisieren, da sie in ihrer Fähigkeit, Zukunftsprojekte zu entwerfen, beeinträchtigt sind“ (Bourdieu 1998, 98). Unweigerlich fragt man sich, wie es zur Entstehung der Arbeiterbewegung kommen konnte (vgl. Thompson 1987). Die Entstehung einer Arbeitslosenbewegung erscheint Bourdieu denn auch als unwahrscheinliches „gesellschaftliches Wunder“ (103). Eigentlich plädieren Bourdieu, Wacquant und Castel angesichts der Unmöglichkeit, das Prekariat zu organisieren, für die „Macht der Repräsentation“, dem, „was praktisch, stillschweigend oder implizit existiert, die volle, d.h. objektivierte, unmittelbar für alle sichtbare öffentliche, offizielle und damit autorisierte Existenz zu verschaffen“ (Bourdieu 2001b, 82). Da das Prekariat aber als ›unmögliche‹ Klasse mit heterogener Positionierung in der gesellschaftlichen Arbeitsteilung entlang geschlechtlicher, nationaler oder ethnischer Zuschreibungen keine Repräsentanz in den tradierten politischen Institutionen findet, bedarf es des Eingreifens von Intellektuellen als „kritische Instanz“ (65), um den Staat wieder an seine soziale Verantwortung zu erinnern und wieder in den Stand zu versetzen, gegen einen entfesselten Markt regulierend einzugreifen.[4] In den Banlieues handelt es sich jedoch nicht in erster Linie um ein Problem von zu wenig Sozialstaat, im Gegenteil wirkt die Dichte sozialstaatlicher und polizeilicher Einrichtungen massiv als Element der Disziplinierung und Kontrolle bis tief in die Lebensweise der abhängigen ›Klienten‹.

Wacquant stellt zumindest die Frage, wie man das „Gefühl einer geteilten Lage“ schmiedet und „gemeinsame Handlungsziele“ formuliert, „wenn der wirtschaftliche Druck und die soziale Not so disparat konfiguriert sind“. Eine widerständige Praxis zur Erweiterung von Handlungsfähigkeit muss dabei nicht neu erfunden werden, sie findet sich bereits in der Alltagspraxis wie im bizarr zusammengesetzten Alltagsverstand (Gramsci). Handlungsfähigkeit ist geprägt durch ein widersprüchliches Ensemble von Handlungsmöglichkeiten und -behinderungen. Diese Widersprüchlichkeit und ihre unentwegte Bewegung verlangt vom Subjekt Orientierungshandlungen (Markard 2001, 1176). Das Subjekt kann dabei sein Handeln sowohl anpassend, als auch widerständig orientieren bzw. muss beides in je spezifischer Weise leisten, um in den Widersprüchen nicht zerrissen zu werden. Bewusste wie unbewusste Momente gehen dabei in den Habitus ein. In jedem Fall nimmt das Subjekt damit aktiv Einfluss auf seine  Handlungsmöglichkeiten, an den angeknüpft werden kann (Candeias 2004, 33).

Ein Habitus ist nicht durch die (objektiven) Bedingungen determiniert, sondern wird von den Subjekten durch Erfahrungen im Handlungsprozess gebildet. Erfahrungen sind „gelebte Praxen mit der Erinnerung an eine selbstgebaute Identität“; sie sind strukturiert durch Erwartungen, Normen, Werte, Zwänge, „kurz: durch die herrschende Kultur, aber sie enthalten ebenso das widerständige Moment gegenkultureller Aktivität. Dieses Ineinander von Vollzug und Selbstverwirklichung macht einen Teil der Festigkeit“ etwa von Moralvorstellungen in den Köpfen oder eines Habitus aus (F.Haug 1991, 16). Auch hier lässt sich jedoch an die gegenkulturellen Momente anknüpfen. Dies ist vermittelt mit einer spezifischen Emotionalität. Eine Emotionalität, die, entgegen bürgerlicher Vorstellungen einer von Erkenntnissen und Handlungen abgekoppelten Innerlichkeit, „Voraussetzung ist für eine adäquate kognitive Abbildung der Welt“ (Holzkamp 1987, 16) – gemeinsames Erleben und auch Erleiden als eine der wesentlichen Grundlagen für Prozesse kollektiver Widerständigkeit, dann, wenn es gelingt, Orientierungshandeln, Erfahrung, Reflexion und Gefühl kohärent zu arbeiten. Als weiteres wichtigstes Moment der Anknüpfung an Elemente widerständiger Praxen tritt die Motivation hinzu. Mangelnde Motivation und Bewusstsein der Prekären wird (auch von links) häufig als wesentliches Hindernis betrachtet, um die eigene Lage selbstverantwortlich zu verbessern bzw. den strukturellen Zwängen organisierten Widerstand entgegen zu bringen. Doch ist eine solche Motivation keineswegs eine bloß individuell psychische Angelegenheit. Ein Ziel kann nur dann motiviert verfolgt werden, „wenn ich vorwegnehmen kann, dass in der Realisierung des Ziels ich selber ein Stück Erweiterung meiner Lebensmöglichkeiten, also Verbesserung meiner Lebensqualität erreiche“ (ebd.) – die Organisation in den alten Formen politische Repräsentation, die Teilnahme an Wahlen etc. werden offenbar oft nicht mehr als ein solcher Weg betrachtet.

Die Erweiterung der eigenen Bedingungsverfügung ist mit dem Risiko verbunden, mit den Herrschaftsinstanzen in Konflikt zu geraten. Insofern muss sich jeder individuell immer in einem Widerspruch bewegen, „zwischen der Erweiterung der Lebensmöglichkeiten und der Vorwegnahme des Risikos des Verlusts der Handlungsfähigkeit durch die Herrschenden“ (Holzkamp 1987, 16f) – durch Arbeits- und Sozialverwaltungen, Schulbehörden, alltägliche Kontrolle und polizeiliche Überwachung sowie die ›kleinen Unteroffiziere‹ des Kapitals in Person oftmals nicht gerade üppig entlohnter Abteilungsleiter und Vorarbeiter mit ihren kruden Management- und Gängelmethoden im Niedriglohn- oder im informellen Sektor. Insofern liegt es nahe, sich mit einer beschränkten Handlungsfähigkeit im Rahmen der bestehenden Verhältnisse zufriedenzugeben, „also quasi eine Art von Arrangement mit den jeweils Herrschenden in einer Weise zu treffen, dass man an deren Macht so weit teilhat, oder zumindest deren Bedrohung so weit neutralisiert, dass man in diesem Rahmen noch einen bestimmten Bereich an freiem Raum“ hat (ebd., 17). Zur Erlangung einer solchen restriktiven Handlungsfähigkeit innerhalb der gegebenen Formen bedarf es nicht nur einer unmittelbar einsichtigen Ausstattung mit Kapital bzw. Geld, beruflicher Qualifikation und Bildung, gesellschaftlichem Status, sozialer Beziehungen und Gesundheit, sondern auch eines besagtem Orientierungshandelns und entsprechender Erkenntnismittel: Die Beherrschten zollen den sie benachteiligenden Machtverhältnissen dabei eine „abgepresste Anerkennung“, weil und indem sie nur über die Erkenntnismittel verfügen, die sie mit den Herrschenden teilen und die „nichts anderes als die inkorporierte Form des Herrschaftsverhältnisses sind“ (Bourdieu 1997, 164). Wir würden allerdings erneut im Strukturalismus einer selbsttätigen Reproduktion der Verhältnisse landen, wenn es dabei bliebe. Von besonderer Bedeutung ist dabei der Erwerb spezifischer Fähigkeiten, vor allem der Sprache, in Schule und anderen Institutionen des Bildungssystems. Die Schule oder die Universität z.B. lehren Fähigkeiten des savoir-faire, „aber in Formen, die die Unterwerfung“, das Sich-Einrichten „unter die herrschende Ideologie oder die Beherrschung ihrer ›Praxis‹ sichern“ (Althusser 1977, 112). Das ›oder‹ markiert dabei eine entscheidende Differenz. Je mehr spezifische Fähigkeiten entwickelt werden, desto vollständiger die Subjektivation, desto mehr wird aus der einfachen (von außen aufgezwungenen) Unterordnung eine Beherrschung der Praxis als aktive Zustimmung zum hegemonialen Konsens.

Doch was ist mit all jenen die eben nicht an jener Macht zur Beherrschung der Verhältnisse teilhaben, deren prekäre alltägliche Situation die Bedrohung durch die Verhältnisse in keiner Weise neutralisiert, sondern verschärft – hier wirkt die Zersetzung selbst dieser restriktiven Handlungsfähigkeit. Die Auflösung kann in anomische Zustände überführen, Verdrängung und psychische und physische Krankheiten hervorrufen; aber auch das widersprüchliche Verhältnis von Risiko des Verlusts von Handlungsfähigkeit und der subjektiven Notwendigkeit zur aktiven kollektiven Erweiterung der Handlungs- und Lebensmöglichkeiten zugunsten der letzteren verschieben. Bourdieu selbst legte dafür eine Grundlage mit seiner Art kritischer Interventionen: seine Untersuchungen machen das Unbehagen und das Leiden an den Verhältnissen im Prekariat sichtbar und bieten somit eine für die Betreffenden wichtige Möglichkeit zur Einsicht in überindividuelle Zusammenhänge, auf die sie ihre Situation zurück führen können. Nun heißt es den Blick von der Reproduktion der gesellschaftlichen Verhältnisse auf ihre Widersprüche zu lenken (ausführlich dazu Candeias 2006).

Banlieues – Unwahrscheinliche Orte der Mobilisierung

Für Wacquant (2004, 161) ist der praktische Verstoß gegen die Idee des französischen Staates als egalitärer Gemeinschaft aller Bürger durch alltägliche Diskriminierung der Kristallisationspunkt der zyklischen Straßenproteste und Aufstände in den Vororten der urbanen Zentren. Die Banlieue-Revolten sind eine Antwort auf die alltägliche strukturelle Gewalt, die Diskriminierung bei gleichzeitiger Entnennung der Ungleichheit, des ›Andersseins‹. Zugleich ist dies verwoben mit einem tiefen Misstrauen, gefördert durch despotische Sozialämter und verschärfte Kriminalisierung, gegen staatliche Institutionen und alte Formen politischer Organisation und Repräsentation. Es geht darum, „das ganze Ding zu zerstören“, also um die Abkehr von jeglicher Integration. Alternativ werden subkulturelle und deviante, individuelle und kollektive Überlebensstrategien entwickelt. Dabei wird die von außen kommende, abwertende Zuschreibung der Banlieues und ihrer Bewohner zunächst reproduziert, wird Teil der Identität, verfestigt Minderwertigkeitsgefühle, die sich v.a. bei jungen Männern in affektiven Reaktionen, brutaler Sprache usw. zeitweise entladen – eine Gegenkultur, die Widerständigkeit artikuliert und zugleich Diskriminierung reproduziert (vgl. Willis 1979). Der Alltag scheint geprägt von Kriminalität, Gewalt und Misstrauen. Die Banlieues sind jedoch auch Orte des gegenseitigen Vertrauens, des Austausches und der Hilfe (Wacquant 2004, 193).

Aber genau diese Kränkung – als Teil der egalitären französischen Tradition angerufen zu werden und alltäglich das Gegenteil zu erfahren – sowie das grundsätzliche Misstrauen gegenüber staatlichen Institutionen ergaben Anknüpfungspunkte für die Organisierung im Movement Immigration-Banlieue (MIB). Anstoß waren zunächst wiederholt von der Polizei verschuldete Tötungen eines oder mehrerer Jugendlicher, 1993, 1997, 2002 (vgl. Jobard 2004), zuletzt 2005 und 2009. Die Bewohner der Banlieues wiesen die offizielle Darstellung der Vorfälle immer wieder zurück, und zwar zunächst nur im Sinne einer einfachen Negation, ohne ihr ein alternatives Erklärungsmodell entgegenzustellen: „Alles was sicher ist, ist, dass Mohamed tot ist; wie genau es dazu kam, wissen wir nicht, wir wollen es wissen und dafür kämpfen wir – politisch“ (zit.n. Jobard 2004, 322). Verbunden mit einem tief verankerten Gefühl der Ungerechtigkeit wird so die Deutungshoheit von Staat und Medien in Frage gestellt.

Soziales Zentrum des MIB und damit Ort der Diskussion und Infragestellung der offiziellen Versionen und der kollektiven Reorientierung und Deutung der Situation war ein lokaler Verein.[5] Wie diese Alltagsstrukturen Teil der Sphäre der Politik sind, kann mit einem verengten Politikbegriff, der sich nur auf Repräsentationsverhältnisse im parlamentarischen System und ihre mediale Vermittlung bezieht, nicht erfasst werden. Die Motivation, sich auf die Spielregeln der repräsentativen Demokratie und etablierte politische Organisationen einzulassen, ist verständlicherweise bei den Bewohnern kaum vorhanden, da sie von diesen keine Veränderung erwarten. Entsprechend wurden Vereinnahmungsversuche durch hohe Repräsentanten der Muslime in Frankreich als Entpolitisierungsstrategie und Passivierung scharf zurück gewiesen. Stattdessen wurde mit Aufsehen erregenden Aktionen wie Blockaden von Autobahnen und Gemeinderatssitzungen Autonomie demonstriert. Diese symbolischen Attacken zielen auf die Regeln und Grenzen des Politischen, darauf, „die Praktiken zu verändern durch Regelverstöße, die mit den traditionellen demokratischen Ausdrucksmitteln (Diskussion, Stimmabgabe, Demonstration) brechen“ (Bourdieu 2001b, 18).

Damit verbunden war der Versuch, die Banlieues vom Rand wieder ins Zentrum der Öffentlichkeit zu rücken: mit politischen Aufrufen gegen eine blinde Justiz und brennende Autos. Auch die Willkür der Polizei oder der Ämter ist nur möglich, weil die Verhältnisse nicht in die Öffentlichkeit gelangen.[6] Die gewaltsamen zyklischen Ausschreitungen werden dabei nicht als Gegensatz zur Organisierung verstanden, auch wenn dies innerhalb der Bewegung umkämpft, ihr Für und Wider umstritten ist. Sie haben vielmehr zwei Funktionen: zunächst lenken sie den Blick auf die unsichtbaren Orte prekärer Inklusion im neoliberalen Gesellschaftsumbau; weiterhin wirken sie als Ventil zur Entladung angestauter Frustrationen und Aggressionen, die sich so, statt gegen sich selbst, vor allem gegen Artefakte der Konsumgesellschaft (Einkaufszentren, Autos) wie gegen Symbole und Einrichtungen des Staates (Polizeistationen, Schulen) richten. Die Strategie hat wiederum widersprüchliche Effekte, denn durch die Form der Darstellung der Gewalt in den Medien wird die Organisierung unsichtbar und stattdessen das Bild der unzugänglichen ›Brennpunkte‹ verfestigt.

Um der scheinbar sinnlosen Gewalt eine Bedeutung zu verleihen, wird im Anschluss an die Unruhen immer wieder versucht, über die Bewohner der Banlieues hinaus die Realisierung des Egalitarismus einzuklagen, im Sinne einer Umdeutung dieses Grundpfeilers der französischen Republik, als Entideologisierung und Aneignung von ›unten‹. Auch hier gilt die Gewalt als Mittel zur Sichtbarmachung einer entnannten Differenz, von der aus sich überhaupt die universalistische Forderung aufstellen lässt. Der konkrete Anlass wird zudem genutzt, die in den improvisierten Sozialen Zentren stattfindenden Diskussionen über polizeiliche Gewalt auf die eigene Gewalt untereinander, auf das verbreitete Misstrauen im Viertel zu lenken, Ursachen zu benennen, eigene Alltagspraxen in Frage zu stellen, individuelle Lösungsversuche in kollektive Bahnen zu lenken und langfristige Politisierungsprozesse anzustoßen. Der Versuch zielt darauf, Banlieues als öffentliche Räume zu konstituieren, statt die ideologische Konstitution sozialer Brennpunkte zu übernehmen. Denn die skandalisierende Stigmatisierung diente gesellschaftlich zugleich der Entdramatisierung des Problems durch Einschließung in Orte aktiver Ausgrenzung. So konnten die Probleme als die einer verwahrlosten Unterschicht bzw. einer nicht-integrierten zweiten Generation von Migranten dargestellt werden. Dies entlastet zugleich die Mehrheitsgesellschaft von ihrer Verantwortung und rechtfertigt das harte Vorgehen gegen die „gefährlichen Klassen“ (Buret 1840).

Die Banlieues sind gegenüber den amerikanischen Ghettos ein heterogenes „Gemisch“. Es sind eben keine rassisch segregierten Räume der Ausgrenzung (Wacquant 2004, 194) oder ›Parallelgesellschaften‹; die soziale Lage, so Wacquant, ist eher das „Resultat der spezifischen Klassenzusammensetzung“, der Konzentration von armen Arbeiterfamilien, zu denen sich Immigrantenfamilien gesellten, die vergleichbare Positionen in der französischen Klassenstruktur einnehmen, was eine Grundlage für gemeinsame Erfahrungen, unabhängig von der Herkunft bietet (195). Tatsächlich, so berichten Aktivisten des MIB, wird die Verbindung von ›Rasse‹ und ›Klasse‹ im Prozess der Organisierung vom Element der Spaltung zum Element der notwendigen Formulierung übergreifender politisch-ethischer Positionen. Prekarisierung rückt als allgemeiner gesellschaftlicher Prozess in den Blickpunkt und manifestiert sich in Forderungen und Bündnissen, die über die engen Grenzen der jungen, arabischen Jugendlichen und ihrer Familien, über die Banlieues als immer noch mehrheitliche Arbeiterwohnstätten mit wachsendem Migrantenanteil hinausgehen – zumindest wird dies versucht. Die Aktivisten assoziieren sich mit den Kämpfen gegen die Privatisierung des sozialen Wohnungsbaus oder der Wasserversorgung, mit den Bewegungen zum Erhalt und zur Demokratisierung sozialer Dienstleistungen – von denen die Bewohner der Banlieues in besonderer Weise abhängig sind –, mit der erstarkten Bewegung für die Legalisierung der Sans Papiers usw.; ebenso mit den gewerkschaftlichen Forderungen nach sinnvoller Arbeit und Entprekarisierung für alle, auch für ›weiße‹ Franzosen, die von Arbeitslosigkeit und Prekarisierung in wachsendem Maße betroffen sind. Um Spaltungen zwischen „working poor“ und „Unterklasse“ zu verhindern, werden Forderungen nach einer Erhöhung des Mindestlohns und stabiler Beschäftigungsverhältnisse mit der Forderung nach einem bedingungslosen Grundeinkommen verbunden (vgl. Scharenberg 2007). Dass viele „Langzeitnutzer“ staatlicher Hilfen die Einstellung entwickelt haben, dass ihnen diese Leistungen auch zustehen, begreift Wacquant nur als Moment der Passivierung, ist aber eines der stärksten Mobilisierungsmomente. Soziale Rechte werden hier nicht als passiv empfangene, juristisch vom Staat gewährte, sondern als demokratisch immer wieder aktiv zu realisierende Rechte thematisiert, als Verteidigung und Fortentwicklung einst erkämpfter Errungenschaften. Im Kleinen wird damit die z.T. gewaltsame Zuspitzung der Auseinandersetzung zu dem Versuch aktiver Selbstintegration in die französische Gesellschaft, aber nicht unter allein fremdbestimmten Bedingungen, sondern als Erweiterung der Verfügung über die Bedingungen zur Integration und selbstbestimmten Lebensführung.

Wacquant, Castel und andere beschreiben den dominanten Trend gesellschaftlicher Desintegration, Spaltungen und individualisierter neoliberaler Reintegration. Wird jedoch die Analyse des hier angedeuteten Subtrends vernachlässigt, werden mögliche Ansätze von Widerstand zur Verallgemeinerung kollektiver Handlungsfähigkeit blockiert.[7] Ein Blick auf die wechselvolle Geschichte der Subalternen (Gramsci), auf die Entstehungs- und Niedergangsbedingungen von sozialen Bewegungen kann hier helfen – und gehört übrigens auch zum Programm z.B. des MIB. Die Berücksichtigung der vielfältigen erfolgreichen Organisierungen in den unterschiedlichsten Bereichen der Prekarität zeigt ebenfalls die Möglichkeiten einer (Selbst)Organisierung der ›Unorganisierbaren‹ (vgl. Candeias 2004a). Um nur eine zu nennen: Die schon fast totgesagten living-wage Kampagnen in den USA seit Beginn der 1990er Jahre haben 2006 unter dem Motto „Let Justice Roll“ eine Mobilisierung erreicht, die lokale Zusammenhänge wirksam überschreitet: mehr als 80 Arbeiter- und Community-Organisationen schlossen sich zusammen und konnten während der Wahlen zum Kongress 2006 Referenden für Mindestlöhne in sechs Bundesstaaten starten (in Arizona, Colorado, Missouri, Montana, Nevada, Ohio). Kurz zuvor hatten die illegalisierten Migranten in den USA, v.a. in Kalifornien, Millionen zu Demonstrationen auf die Straße gebracht und damit eine zumindest begrenzte Verschiebung in der Wahrnehmung ihres Beitrags zur US-Ökonomie erreicht. Zusammen mit den Organizing-Kampagnen von Gewerkschaften und Gemeinden und ihrer zunehmend antagonistischen Positionierung gegenüber verschärfter kapitalistischer Ausbeutung von Arbeitskräften und Natur zeichnet sich ein neuer Zyklus gesellschaftlicher Kämpfe ab. Angesichts der ›Großen Krise‹ zeichnet sich eine Zuspitzung und Verdichtung der Widersprüche ab, die potenziell einen Bruch in der Repräsentation, ungerichtete Revolten, aber auch eine Klassenformierung befördern.

Das Prekariat als Klassenfraktion im Werden

Trotz hoher Arbeitslosigkeit ist die Figur des doppelt freien Lohnarbeiters in der informationstechnologischen Produktionsweise verbreiteter als je zuvor. Die feuilletonistische Rede vom ›Ende der (Lohn)Arbeitsgesellschaft‹ erweist sich angesichts einer nie dagewesenen globalen Expansion von Lohnarbeitsverhältnissen als bornierter Unsinn. Auch in den sogenannten Industriestaaten sind die Erwerbsquoten überall gestiegen, insbesondere durch Einbeziehung der weiblichen Arbeitskraft. Die Grundlage von Klassenbildungsprozessen, der antagonistische Gegensatz zwischen Kapital und Arbeit, ist nach wie vor vorhanden. Dies sagt jedoch noch nichts über die konkrete Zusammensetzung der Klassen aus. Es ginge also darum das ›re-making of the working class‹ herauszuarbeiten.

Das Proletariat hatte zu Zeiten des Fordismus partiell einen Status von Normalarbeitsverhältnissen erkämpft, die sich durch hohe Standardisierung, dauerhafte Vollzeitbeschäftigung, kollektive Verträge und umfangreiche soziale Rechte auszeichneten. Diese Bedingungen haben sich in der Tat aufgelöst. Unter dem Druck der Massenarbeitslosigkeit konnten in den vergangenen 25 Jahren Löhne beschnitten und die institutionelle Stellung der Gewerkschaften zurückgedrängt werden. Die strukturelle Gewalt der Arbeitslosigkeit, die sich keineswegs nur auf die unteren Qualifikationsniveaus beschränkt, untergräbt die kollektive Verhandlungsmacht. Allgemein kommt es zur Entstandardisierung, Deformalisierung und Individualisierung von Arbeitsverhältnissen. Die Flexibilisierung betrifft alle Lohnabhängigen, allerdings in unterschiedlicher Weise und auf unterschiedlichem Niveau. Die Konkurrenz um Arbeit entsolidarisiert und führt zur Spaltung zwischen jenen, die noch über einen sicheren Arbeitsplatz verfügen und einem unsicher, unter- oder unbeschäftigten Prekariat. Letzteres ist zusätzlich fragmentiert je nach Positionierung innerhalb des Produktionsprozesses sowie entlang geschlechtlicher, ethno-nationaler, qualifikatorischer oder generationaler Zuschreibungen. Doch ist diese Stratifikation der Klasse keine Besonderheit, vielmehr ist der „›Normalzustand‹ der Arbeiterklasse nicht der der Einheit, sondern der der Spaltung“ (Deppe 1981, 76).

Der Wert der Arbeitskraft ist dabei von jeher bestimmt durch die zu ihrer Reproduktion notwendigen Werte an Lebensmitteln, abhängig von der Entwicklung, den kulturellen Lebensansprüchen und den politisch-ökonomischen Kräfteverhältnissen (MEW 23, 184f). Dies schließt nicht nur die individuelle Arbeitskraft, sondern auch „die Erhaltung der Arbeiterfamilie“ (417) und somit die Produktion der nächsten Generation von Arbeitskräften ein (186). Eben jene individuelle und familiale Reproduktion wird für einen wachsenden Teil der Lohnabhängigen wieder prekär.[8] Die „Minimalgrenze des Werts der Arbeitskraft wird gebildet durch den Wert der Waren, ohne deren tägliche Zufuhr der Träger der Arbeitskraft, der Mensch, seinen Lebensprozess nicht erneuern kann“ – „sinkt der Preis der Arbeitskraft auf dieses Minimum, so sinkt er unter ihren Wert, denn sie kann sich nur noch in verkümmerter Form erhalten und entwickeln“ (187). Tatsächlich arbeiten zusammengenommen bereits fast 40% der Arbeitskräfte in Deutschland unter Verhältnissen, die zumindest einige Dimensionen von Prekarität in sich vereinen, also Verhältnisse, die keine dauerhaft existenzsichernden Einkommen hervorbringen, mit Dequalifizierung und Überarbeit verbunden sind, aus den üblichen betrieblichen Abläufen und Kooperationsbeziehungen ausgegliedert sind, die notwendige Weiterbildung verunmöglichen, die Aufrechterhaltung von Sozialkontakten unterminieren, kaum Ansprüche auf Sozialversicherungsleistungen mit sich bringen etc. (ausführlich dazu Candeias 2004b, Brinkmann u.a. 2006). Das psycho-physische Gleichgewicht dieser Arbeitskräfte wird gestört, Zukunft unkalkulierbar, Familien- und Partnerschaftsbeziehungen werden auseinander gerissen, psychische und physische Leiden stellen sich ein, Handlungsfähigkeit wird zersetzt. Eine zwangsförmige Flexibilität bedingt „Wechsel der Arbeit, Fluss der Funktionen, allseitige Beweglichkeit des Arbeiters“ und hebt „alle Ruhe, Festigkeit, Sicherheit der Lebenslage des Arbeiters auf“ (511). Die Lebenslage dieser Arbeitskräfte in „unregelmäßiger Beschäftigung“ sinkt „unter das durchschnittliche Normalniveau der arbeitenden Klasse und gerade dies macht sie zur breiten Grundlage eigener Exploitationszweige des Kapitals“ (672), insbesondere in den Bereichen des modernen Niedriglohnsektors.[9]

Insofern ist dieses Prekariat Teil der Klasse der Lohnabhängigen, unterscheidet sich aber wiederum durch die mangelnden Bedingungen ihrer Reproduktion der Arbeitskraft. Sie bilden eine Klassenfraktion mit gemeinsamer, empirisch fassbarer Kollektivlage, die aus spezifischen, verschärften und zugleich flexibilisierten Ausbeutungsverhältnissen sowie entsicherten Lebensverhältnissen durch Einschränkung sozialer Leistungen resultiert und in einem untergeordneten Verhältnis gegenüber anderen Klassen und Klassenfraktionen steht. – Marx schrieb das Kapital „zu einer Zeit, als der Anteil der in der Industrie Beschäftigten (einschließlich Kapitalisten) an der Bevölkerung in England und Wales ca. 8% ausmachte (berechnet nach MEW 23, 469f), nur wenig mehr als der Anteil der Dienstboten. Ein Jahr nach der Entstehung des Manifests betrug der Anteil der Arbeiter in Preußen sogar nur zwischen 2 und 3%“ (HKWM 3, 317). Der Anteil des Prekariats liegt bereits deutlich darüber, Tendenz steigend.

Castel (2000, 358) zieht einen Vergleich mit dem Pauperismus. Dieser ist Ausdruck des „ruinierten Proletariats, die letzte Stufe […], auf die der gegen den Druck der Bourgeoisie widerstandslos gewordene Proletarier versinkt, und nur der aller Energie beraubte Proletarier ein Pauper ist“ (MEW 3, 183). Allerdings wendet sich Marx gegen diejenigen, die „im Elend nur das Elend“ zu sehen vermögen, „ohne die revolutionäre umstürzende Seite darin zu erblicken“ (MEW 4, 143): das Proletariat „sinkt immer tiefer unter die Bedingungen“ der eigenen Klasse (473), zugleich rekrutiert es sich „aus allen Klassen der Bevölkerung“ (469): ein diffuses Milieu abhängiger, freigesetzter, überflüssiger Menschen ohne Eigentum, außer dem Eigentum an ihrer Arbeitskraft, aber mit enormem Wissens- und Erfahrungsreichtum. Das ›Prekariat‹ in seinem doppelten Sinne als Klassenfraktion und universelle gesellschaftliche Figur der neuen Produktions- und Lebensweise tritt heute tendenziell diese Position an – Unsicherheit, Deklassierung und Überausbeutung dringen ins gesellschaftliche Zentrum. Wenn das Prekariat sich auf diese Weise tatsächlich zur Klasse entwickelt, fällt es mit dem Proletariat zusammen; bislang bleibt es eine Klassenfraktion im Werden, aber doch mehr als eine Ansammlung zielloser Existenzen.

Freilich ist eine geteilte ›objektive‹ Lage keineswegs automatisch verbunden mit einem entwickelten gemeinsamen politischen Bewusstsein. Im 18. Brumaire (MEW 8, 155ff) zeigt Marx am Beispiel der französischen Parzellenbauern, dass objektive Klassenlagen entstehen können, die aufgrund fehlender sozialer Verkehrsformen und politischer Organisation bewusste Klassenbildung ausschließen. Tatsächlich hat die Verschiedenheit der Gruppen des Prekariats und das enorme Tempo ihrer Entstehung noch gar nicht zu einer Festigung der Klassenpositionen führen können. Die vielfachen Spaltungen quer zu den Klassenlagen – von den prekären Teilen des Kybertariats über die Leiharbeiter in der Industrie bis zu den migrantischen Arbeiterinnen in privaten Haushalten – und die Unstetigkeit und hohe Mobilität in der Prekarität machen Kommunikations-, geschweige denn Organisationsversuche schwierig. Zudem wird im öffentlichen Diskurs die Lage in Einzelschicksale aufgespalten, jeweils begründet durch individuelles Fehlverhalten und Selbstverschulden. Laclau fasst Klassen in diesem Sinne „als die Pole antagonistischer Produktionsverhältnisse, die auf der ideologischen und politischen Ebene keine notwendige Existenzform haben“ (1981, 139). Das Prekariat ist im Fluss.

Der Übergang zu einem gemeinsamen Bewusstsein der Klassenlage ist also kein naturwüchsiger Prozess, sondern muss politisch hergestellt werden, ist „unermesslich“ mühsam (Wacquant), behindert bzw. blockiert durch vielerlei Spaltungen und Kooptation. Doch Klassen bildeten noch nie ein homogenes Subjekt (Hall 1989, 38). Auch die alte Arbeiterbewegung war von allerlei beruflichen, geschlechtlichen, ethno-nationalen und politischen Differenzen geprägt und umfasste nicht die gesamte Arbeiterklasse. Einheit und Spaltung bilden dabei keine entgegengesetzten Pole, sie beziehen sich vielmehr in einem untrennbaren dialektischen Verhältnis aufeinander, da auch bei Erreichung relativer Einheit die Spaltungen nicht aufgehoben werden und umgekehrt bei verschärfter Spaltung (Fraktionierung, Differenzierung, Individualisierung etc.) Klassen nicht verschwinden. Ohnehin ist eine Klasse keine isoliert zu definierende Gruppe von Menschen, sondern ein antagonistisches soziales Verhältnis zwischen Arbeitskraftverkäufer und -käufer sowie ein kooperatives Verhältnis zwischen den Arbeitskräften (im Produktions-, wie im Reproduktionsprozess). Die Konstitutionsbedingungen der Arbeiterklasse unterliegen dabei dynamischen Veränderungen und inneren Spaltungen entlang der Positionierung in der gesellschaftlichen, geschlechtlichen, ethnischen und internationalen Arbeitsteilung, entlang gesellschaftlichen und politisch-ideologischen Bearbeitungsformen von Widersprüchen sowie kollektiven und individuellen Reproduktionsbedingungen und Lebensweisen. Insofern ist der Klassenbildungsprozess nie abgeschlossen (Hobsbawm 1984, 204).

Formieren können sich Klassen oder Klassenfraktionen nur in der Auseinandersetzung mit anderen gesellschaftlichen Kräften oder Klassen, in diesem Fall also sowohl mit dem nun transnationalen Kapital und seinen politischen Repräsentanten wie mit den Fraktionen und Repräsentanten der alten Arbeiterbewegung. Gemeinsame Interessen innerhalb einer Klasse oder Klassenfraktion sind dabei nicht ›objektiv‹ gegeben, sondern müssen in den Kämpfen erst systematisch erarbeitet werden. Und das Prekariat kämpft, spontan oder organisiert, alltäglich und politisch, wenn auch nicht gemeinsam, sondern zumeist entlang von beruflicher, ethnischer, geschlechtlicher oder politischer Segmente.

Für die Gewinnung von Handlungsfähigkeit ist es notwendig, aus Widerspruchskonstellationen, in denen sich alle bewegen müssen, eine Verallgemeinerung von Interessen zu erarbeiten, die Differenzen respektiert. Die Markierung von Differenzen, sowohl diskursiv als auch organisatorisch, ist dabei Voraussetzung. Verallgemeinerung meint neben dem Entwickeln gemeinsamer Interessen auch Verallgemeinerung von Erfahrungen und Anerkennung (und Unterstützung) nicht gemeinsamer Forderungen, etwa nach Legalisierung von Migranten. Es gilt also, produktiv mit den Gefahren von Zersplitterung wie falscher, weil Differenzen negierender Vereinheitlichung umzugehen – das Bild der Assoziation in einer Bewegung der Bewegungen ist dabei sicher tragfähiger als das der ›großen‹ einheitlichen Kraft.

Jenseits der formalen Kriterien von Einkommen und Beschäftigungssicherheit geht es in den konkreten Arbeitsbedingungen um Sinnhaftigkeit der Arbeit, Selbstwertgefühl, Produktivität, Aneignung von Qualifikationen usw. (Candeias 2006, 19f). Ein verallgemeinerbares Problem, das der Softwareprogrammiererin ebenso bekannt ist wie dem Putzmann, wenn auch in unterschiedlicher Weise. Prekäre artikulieren in Interviews genau an diesem Punkt häufig Verletzungen und aufgestaute Wut, die, anders als die individuell erlebte Einkommenssituation, in Auseinandersetzung mit ›Arbeit-‹ oder Auftraggebern nicht selten zu widerständigen Haltungen führt. Ein erstes verallgemeinerbares Moment ist also der Wunsch nach sinngebenden Arbeitsbedingungen und Anerkennung der eigenen Arbeit als qualitativ gute und gesellschaftlich nützliche.

Ein weiterer Punkt ist der Widerspruch erweiterter Spielräume bei der flexibleren Einteilung der Arbeitszeit und der realen Unflexibilität durch Entgrenzung der Arbeitszeit, die zu Arbeitssucht, Überausbeutung und Burnout-Syndromen führt –- Probleme, wie sie aus den Sphären des hochqualifizierten, abhängig beschäftigten Kybertariats mit Vertrauensarbeitszeit bekannt sind, aus dem Alltag der Neuen Selbständigen ebenso wie in den Sphären des Niedriglohns, in denen oft mehrere (Mini-)Jobs kombiniert werden müssen, um über die Runden zu kommen. Ein zweites verallgemeinerbares Moment ist also das Interesse an einer Gewährleistung der Reproduktion (und Entwicklung) der eigenen Arbeitskraft.

Ein großer Unsicherheitsfaktor sind z.B. im Kultur- und Medienbereich die schwer zu kalkulierenden Einkommen aus selbständiger bzw. freiberuflicher Arbeit. Zwar sind die Einkommen in Stundenlöhne umgerechnet häufig um ein Vielfaches höher als bei den Lohnabhängigen, doch nehmen die bezahlten im Verhältnis zu den unbezahlten Stunden z.T. den kleineren Teil selbständiger Arbeit ein. Unklar ist, wie die Existenz bei Krankheit oder ausbleibenden Aufträgen bestritten werden soll. Unter solchen Bedingungen sind langfristige Perspektiven oder Familienplanung kaum zu entwickeln. Auch hochqualifizierte abhängige, aber kurzfristig beschäftigte Projektarbeiter verdienen z.T. (sehr) gut, doch eben auch unregelmäßig. Ohne ausgewiesene Spezialkenntnisse oder angesichts schnell veraltender Wissensbestände verfügen sie ebenfalls nicht über ein kalkulierbares, regelmäßiges Einkommen – der Absturz droht. Bei den prekären Niedriglöhnern und working poor ist ohnehin nicht von armutsfesten Einkommen auszugehen. Ein drittes verallgemeinerbares Moment ist also das geteilte Interesse an existenzsichernden Einkommen, an der Absicherung diskontinuierlicher Erwerbsverläufe und der Planbarkeit des eigenen Lebensentwurfs.

Es geht dabei auch um die Reintegration von Prekariern und prekären Selbständigen in erneuerte Sozialsysteme sowie – als viertes verallgemeinerbares Moment – um die notwendige Neudefinition des Sozialen, d.h. ganz unmittelbar um bezahlbare Krankenkassenbeiträge, Zugang zur Arbeitslosen- bzw. ›Auftragslosen‹-Versicherung, zu allgemeiner Rentenversicherung, öffentlichen Mikrokrediten usw. Um keine Spaltungen zwischen ›Unterklasse‹, working poor, Kybertariern, Festangestellten und Selbständigen aufkommen zu lassen, kann die Erhöhung von Mindestlöhnen und stabiler Beschäftigung mit der Forderung nach vertraglichen und tariflichen Mindeststandards für selbständige Arbeit und einem bedingungslosen Grundeinkommen für alle verbunden werden; überdies die Umschichtung der Steuerlast von den niedrigen Einkommen der kleinen Selbständigen und der Lohnarbeiter zulasten der großen Vermögen.

Hinzu kommen zunehmende Schwierigkeiten, die zeitlich entgrenzte und flexible Lohnarbeit, die gerade im Dienstleistungsbereich häufig außerhalb der Kernarbeitszeiten liegt, mit den notwendigen Reproduktionsarbeiten im Haushalt und in der Kindererziehung zu vereinbaren. Dies ist für viele abhängig Beschäftigte, v.a. für Prekäre, die mehrere Jobs haben, oder nachts arbeiten müssen, insbesondere für Frauen, schon lange ein Problem, das sich ausdehnt in die Sphären hochqualifizierter Arbeit. Ein fünftes verallgemeinerbares Moment ist damit schließlich das gemeinsame Interesse an einer ›Vereinbarkeit‹ von Erwerbs- und Reproduktionsarbeit, das auszuweiten wäre in einer Neuauflage der Debatte über die Zuständigkeit für Hausarbeit, Kindererziehung, Sorge und Pflege, bis hin zu sozialer, ökologischer, kultureller und politischer Arbeit. Letztlich geht es um die Neuverteilung der gesellschaftlich notwendigen Arbeit nicht durch immer weitere Ausdehnung warenförmiger Lohnarbeit, sondern durch Ausdehnung kollektiver, öffentlich finanzierter Arbeit, orientiert an der Effizienz zum Beitrag menschlicher Entwicklung, nicht an der Produktion von Mehrwert.

Das größte Hindernis für eine alltagsnahe Zusammenarbeit sind weniger die fehlenden gemeinsamen Interessen, die durchaus auf einer (unterschiedlich erlebten aber doch) gemeinsamen Klassenerfahrung gründen, als vielmehr kulturelle und organisatorische Schranken sowie ungleicher Machtverhältnisse in der Hierarchie der Lohnabhängigen. Sie erschweren eine Zusammenarbeit von etwa Erwerbsloseninitiativen und Kulturschaffenden, von Gewerkschaften und migrantischen Gruppen, von Männern, Frauen und allen, die sich queer dazu definieren, auch zwischen linken Parteien und außerparlamentarischen Bewegungen. Dafür braucht es Zeit, unendliche Diskussion, Reflexionsräume. Die (Selbst)Organisierung eines vielfältigen, in sich gespaltenen Prekariats als Klassenfraktion im Werden wird zur vordringlichen gesellschaftlichen Aufgabe unserer Zeit.

„Wenn wir uns nicht selbst befreien, bleibt es für uns ohne Folgen.
(Peter Weiss)

Literatur

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Bourdieu, Pierre, 2001b: Das politische Feld. Zur Kritik der politischen Vernunft, Konstanz

Brinkmann, Ulrich/Dörre, Klaus/Röbenack, Silke, 2006: Prekäre Arbeit. Ursachen, Ausmaß, soziale Folgen und subjektive Verarbeitungsformen unsicherer Beschäftigungsverhältnisse, Friedrich Ebert Stiftung, Bonn

Buret, E., 1840: De la Misère des Classes labourieuses en Angleterre et en France, zit.n. HKWM 1, 452

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Castel, Robert, 2000: Die Metamorphosen der sozialen Frage. Eine Chronik der Lohnarbeit, Konstanz

Deppe, Frank, 1981: Einheit und Spaltung als Konstitutionsproblem der Arbeiterklasse“, in: Entstehung der Arbeiterbewegung, Argument-Sonderband 63, hgg.v. L.Lambrecht, Berlin

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Haug, Wolfgang-Fritz, 2003: Die Produktionsweise denken, in: ders., High-Tech-Kapitalismus, Berlin-Hamburg, 27-42

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Holzkamp, Klaus, 1987: Grundkonzepte der Kritischen Psychologie, in: AG Gewerkschaftliche Schulung und Lehrerfortbildung (Hg.), Wi(e)der die Anpassung, 13-19

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Anmerkungen

[1]     Auch Schultheis (2005, 580f) manövriert sich in eine Sackgasse: Den Wandel individueller (?) Habitus fasst er als Quasi-Reaktion auf die veränderten Anforderungen in der Arbeitsgesellschaft, die wiederum mit Boltanski und Chiapello aus der Analyse von Managementdiskursen gewonnen werden, also von ›oben‹, ohne Bezug auf gesellschaftliche Auseinandersetzungen oder die Eigenaktivität der Subalternen bei der Herausbildung eines neuen Habitus (im bourdieuschen Sinne). Subjekte werden hier zu passiven Trägern gesellschaftlicher Formen und ihrer Reproduktion.

[2]     Wenn die These vom „Bruch zwischen den von Menschen internalisierten bzw. sprichwörtliche ›einverleibten‹ gesellschaftlichen Strukturen“ (als Habitus) und den veränderten gesellschaftlichen Verhältnissen zutrifft (Schultheis 2005, 580), ist der Kampf um die Rekonstruktion neuer Habitús notwendig längst im Gange.

[3]              Ausführlich zum Verhältnis von Struktur und Handlung, Subjekt, Habitus und Regulation vgl. Candeias 2004, 32ff.

[4]              Unter Ablehnung des gramscianischen Begriffs des organischen Intellektuellen hält Bourdieu an einer substanzialistischen Vorstellung von Intellektuellen als ›Gelehrten‹ fest, die von ›außen‹ und ›oben‹ aufklärend tätig werden. Die starke Betonung ihrer Autonomie, die Intellektuelle quasi von ›außen‹ als Experten oder Berater auftreten lässt, lässt sie als Unbeteiligte bei der Organisation politischer und sozialer Bewegungen erscheinen. Sind sie jedoch beteiligt – wovon etwa Bourdieus eigene Praxis beredtes Zeugnis gibt –, wie ist dann das Verhältnis von Intellektuellen und Bewegung zu begreifen? Gerade diese Fragestellung hatte Gramsci überwunden, indem er die organischen Intellektuellen als Teil der Bewegung fasste. Insofern bewegen sich Bourdieu, Waquant oder Castel innerhalb einer überholten Problemstellung.

[5]     Unterhalb dessen finden sich weitere „informelle“ Formen der Politisierung in Form der Vermittlung von Erfahrungen mit Gerichten, Polizei und Ämtern und wechselseitiger Unterstützung bei entsprechenden Auseinandersetzungen (Jobard 2007, 12f).

[6]      Ebenso gilt es allgemein prekäre Arbeits- und Lebensverhältnisse immer wieder in die Öffentlichkeit zu rücken (mit Montagsdemonstrationen, Mindestlohnkampagnen in den USA oder dem Euromayday usw.).

[7]     Kritische Wissenschaftler*innen haben „genau Rechenschaft abzulegen über die Strikes, Koalitionen und die anderen Formen, unter welchen die Proletarier vor unseren Augen ihre Organisation als Klasse vollziehen“ (MEW 4, 181).

[8]     Insofern handelt es sich keineswegs um ein neuartiges Phänomen, prekäre Verhältnisse begleiten die Geschichte kapitalistischer Produktionsweise, sind gegenwärtig, gewinnen periodisch an Bedeutung und werden nach harten Auseinandersetzungen und Kämpfen der Subalternen wieder zurückgedrängt. Auch in Perioden relativer Sicherheit durch die erkämpfte Absicherung sozialer Rechte, galt die Errungenschaft kollektiv ausgehandelter ›Normalarbeitsverhältnisse‹ immer nur für einen mehr oder minder großen Teil der Arbeiterklassen, weniger für bestimmte Berufsgruppen, für Migranten oder Frauen und national bzw. regional unterschiedlich je nach Niveau gesellschaftlicher Entwicklung und Integration.

[9]     Karl-Heinz Roth spricht mit Blick auf diese Entwicklung von einer Rückkehr der Proletarität, als einer Art Rückkehr zur kapitalistischen Normalität. Doch es handelt sich nicht um schlichte Pendelbewegungen, sondern vielmehr um eine höchst widersprüchliche Fortentwicklung kapitalistischer Produktionsweise mit all ihren Produktiv- und Destruktivkräften, neuen Freiheiten und Zwängen.