| Verzweifelt gesucht … Weshalb es mit dem revolutionären Subjekt nicht so einfach ist

März 2018  Druckansicht    Druckansicht
Von Mimmo Porcaro

Politische Subjekte sind nicht gegeben, zumal in Zeiten organischer Krise. Ein Subjekt, das bewusst handelt und soziale Realität intentional gestaltet, auf der Grundlage der Verarbeitung von Erfahrungen, existiert nicht – weder als Individuum noch als Gruppe; zumindest nicht als beständiges Subjekt, das sich selbst bewusst und dauerhaft fähig ist, kritisch zu denken und danach zu handeln. Individuen und Gruppen wiederholen vorherige Erkenntnisse, die zu gewohnten Formen der Orientierung in der Welt geworden sind. Sie müssen in einer veränderten Welt Dinge verlernen, um Neues zu denken (ohne alles über Bord zu werfen, bevor eine neue Praxis erkennbar wird). Subjekte vergessen aber auch, was sie gelernt haben, weil sie mit zu vielen Informationen überlastet sind, oder weil sie bestimmte Dinge regelrecht verdrängen – beispielsweise wenn die Erinnerung sie zu Entscheidungen zwingt, die sie nicht anpacken können oder wollen. Bei kollektiven Subjekten passiert es oft, dass die unter ihnen herrschende Meinungen nicht mehr in die Lage versetzen, die Realität angemessen zu begreifen, abweichende Meinungen hingegen, sich noch keine Geltung verschaffen können. Oder es kommt vor, besonders bei politischen Subjekten, dass eine Vielzahl richtiger Erkenntnisse durch konkrete Entscheidungen für einen gewissen Zeitraum unbrauchbar geworden sind, und so keine gemeinsame Aktivierung zustande kommt.

Der eigentliche Gedanke, die Fähigkeit zur Selbstreflexion über die Voraussetzungen und die Folgen der eigenen Vorstellungen, ist ein seltenes Ereignis, das im Allgemeinen zu riskanten Situationen führt. Es zwingt das Subjekt, das Wissen um sich und die Welt neu zu definieren. Aber selbst wenn es zu einer solchen Reflexion des eigenen Denkens kommt, ist nicht gesagt, dass auf den Gedanken eine kohärente, wirksame Handlung folgt. Was Marcel Proust bezüglich des „Herzens“ geahnt hatte, gilt also auch für den „Geist“: Das Subjekt ist unstet, unbeständig: Die von den Gewohnheiten (für die Individuen) oder den Institutionen (für die Gruppen) gesicherte Kontinuität ist keine Folge einer rationalen Subjektivität, sondern habitualisierte Praxis. Wenn noch hinzukommt, dass auch die Welt ihre Realität und ihre Wahrheit unbeständig und unstet präsentiert (und dies gilt insbesondere für die Welt des Kapitalismus, dessen harte Wahrheiten normalerweise fetischisiert und verschoben werden), begreift man, dass das politische Subjekt ein seltenes Ereignis ist, weil es abhängt vom Zusammentreffen einer Subjektivität, die bereit zu denken ist, und einer Objektivität, die bereit ist, sich zu zeigen: Das Zusammentreffen der Krise des Kapitalismus mit gesellschaftlichen oder politischen Gruppen, die gezwungen sind, ihre Gewohnheiten infrage zu stellen. Seine unmittelbare und angebliche Subjektivität zu „äußern“, ist ziemlich leicht (es genügt ein Selfie); Subjekt zu werden, ist hingegen schwierig, es ist eine stets unabgeschlossene Errungenschaft.

Das Subjekt als Ergebnis

Gerade deshalb ist das revolutionäre Subjekt keine Voraussetzung, sondern das Ergebnis der politischen Aktion. Es entsteht aus einer Praxis, die die gesellschaftlich Handelnden zwingt, sich mit ihren Gegnern auseinanderzusetzen und schließlich die Realität klarer zu begreifen. Und es muss ständig durch eine politische Aktion erneuert und erhalten werden. Eine Politik, die die Subjekte an Orte drängt, die in einem bestimmten Moment nicht den entscheidenden Konfliktpunkt darstellen, kann diese Subjekte zu Sklaven der Gewohnheit des Parlamentarismus, oder im Gegenteil, eines zwecklosen gesellschaftlichen Aufruhrs machen. Die politische Strategie und vor allem die politische Taktik (die mehr als die Strategie die konkrete Position des Subjekts bestimmt) sind also nicht nur ein Instrument des Subjekts, sondern eine Form seiner Konstitution. Unsere gegenwärtige Aufgabe kann nicht nur oder vor allem darin bestehen, die existierenden Subjekte zu inventarisieren und ein gemeinsames Vokabular zu verfassen. Sie kann allerdings auch nicht einfach auf eine gesellschaftliche und kulturelle Selbstdefinition eines Subjekts warten und deshalb bestimmte Politiken vertagen. Unsere Aufgabe besteht darin, sofort eine politische Linie zu schaffen und die Reaktionen der Gesellschaft auf unsere Vorschläge zu analysieren.

Ein Problem von Marx

Wir haben noch keine zufriedenstellende Theorie des revolutionären Subjekts. Wobei wenn das politische Subjekt sich durch Strategie und Taktik als Teil von realer Praxis stets neu konstituieren muss, wenn diese Praxis sich mit den ständig verändernden Bedingungen kapitalistischer Gesellschaften fortwährend ändert, kann es auch keine abgeschlossene Theorie geben. Marx und Engels haben uns zwar eine Vielzahl historisch-politischer Einschätzungen und praktischer Hinweise zu den Organisationen und Zielen der Kämpfe des Proletariats hinterlassen, doch auf abstrakterer theoretischer Ebene, nämlich im Kapital, haben wir keine Theorie des Subjekts, sondern eine Theorie der Unmöglichkeit des Subjekts. Vielleicht haben sie uns auch eine Theorie der unwahrscheinlichen Möglichkeit des Subjekts hinterlassen.

Im Kapital erklärt uns Marx, warum es für die Arbeiterklasse höchst kompliziert ist, ein volles Bewusstsein von sich zu haben, unter anderem weil sie im Lohnfetischismus feststeckt, welcher die tatsächlichen Machtverhältnisse verschleiert und den politischen Kampf durch den ökonomischen Kampf ersetzt,[1] und weil sie materiell vom Kapitalisten abhängig ist: Eine ökonomische Krise des Kapitalismus ist auch eine Krise der Arbeiterklasse, und deshalb ist die erste Antwort der Arbeiter*innen auf die Krise die Forderung nach „mehr Investitionen“, das heißt nach „mehr Kapital“. Es stimmt, dass Marx auf die zunehmende Konzentration und das wachsende Bewusstsein der Arbeiterklasse hinweist, aber es handelt sich eher um eine Beschreibung als um die Entwicklung eines Konzepts. Das heißt nicht, dass ein bewusster Klassenkampf nicht möglich ist. Es heißt aber, wie die deutschen Kommunisten zwischen 1918 und 1923 und später erleben mussten (vgl. Broué 1973), dass die normale und unmittelbare Haltung der Mehrheit der Arbeiterklasse auch in ihren fortgeschrittensten Teilen Trade-Unionismus, Reformismus, Passivität oder Unterstützung der Reaktion ist. Deshalb kann eine „Klassenpolitik“, wenn sie keine offen sozialistische Politik ist, sehr unterschiedliche und oft zweideutige Charakteristiken haben. Lenin spricht deshalb auch von bürgerlicher Arbeiterpolitik. Deshalb genügt es uns heute nicht, die Perspektive des Klassenkampfs aufzuzeigen, um Zustimmung in den proletarischen Schichten zu bekommen, die zwischen Apathie und der Rechten schwanken. Wenn man ‚einfach als Klasse agiert, kann man Sowjets bilden, aber es ist wahrscheinlicher, dass man sich auf reformistischen Kampf beschränkt, dass man versucht, mit dem Unternehmer zu koexistieren, oder dass man sich gegen Einwanderer zusammenschließt, um der Konkurrenz zu begegnen. Es bedarf also einer sozialistischen Perspektive, die sich jedoch auf etwas unmittelbar Konkretes und Wahrnehmbares beziehen muss. Die Macht der Rechten besteht darin, dass sie längst nicht nur ökonomische Antworten, sondern auch ideelle und emotionale Antworten bietet, die auf greifbare Realitäten bezogen sind („Verteidigung des Territoriums“ usw.). Es sind falsche Antworten, die aber stärker verfangen, als die sozialistische Bewegung oder das abstrakte Predigen des Sozialismus. Genau deshalb schlägt ein (minoritärer) Teil der italienischen Linken die Verteidigung der antifaschistischen und „sozialistischen“ Verfassung von 1948 (die von vielen Italiener*innen, links wie rechts, als gemeinsame Errungenschaft und Faktor des gesellschaftlichen Fortschritts betrachtet wird) und die Verteidigung der demokratischen nationalen Souveränität vor, die notwendig ist, um diese Verfassung als konkrete Perspektive eines Volkskampfes zu aktivieren.

Ein Problem von Lenin

Bekanntlich versuchte Lenin, auf das Problem der vielfältigen Natur des Proletariats (revolutionär, reformistisch, reaktionär) eine Antwort zu finden, indem er die Partei als höchsten Ort der kommunistischen Subjektivität bezeichnete. Wladimir Iljitsch wusste allerdings, dass auch die Partei sich irren und sogar zu einem Organ der Unterstützung der Bourgeoisie werden kann. Daher rührt seine Tendenz zur Spaltung und seine Entscheidung, sich permanent von seiner eigenen Partei zu unterscheiden, sich kritisch zu ihr zu verhalten, auch auf die Gefahr hin, sich zu isolieren, um an der Wahrheit festzuhalten. Ein politischer Stil, der währende der Oktoberrevolution eine große Rolle spielte.[2] Leider hat sich der „Leninismus“ viel zu oft mit dem Gedanken ewiger Überlegenheit der Partei identifiziert, sowohl gegenüber den anderen Institutionen der Klasse (obwohl es zahlreiche Fälle gab, in denen Organisationen außerhalb der Partei eine bessere politische Einschätzung hatten), als auch, und das ist noch schwerwiegender, gegenüber der Klasse und den Massen. Mit wenigen, aber wichtigen Ausnahmen (vor allem dem Maoismus) hat diese elitäre und überhebliche Haltung alle kommunistischen Parteien angesteckt.

Aber nicht nur diese, sondern auch in vielleicht noch größerem Maße alle Aktivist*innen der 68er-Bewegung und danach. Viel zu häufig fand eine Vorstellung Verbreitung, dass die Massen nicht denken, und dass die einzig Denkende die sogenannte Intelligenzia ist, die Intellektuellen oder die Avantgarde der Partei oder der Bewegung. Auch wenn dieser Gedanke selten ist, kann er überall vorkommen (vgl. Romitelli 2009). Ein Beispiel? Die italienische Linke beklagt sich, dass das Proletariat nicht in der Lage sei, eine Politik ‚von unten’ zu machen und wirkliche ‚soziale Kämpfe’ zu führen. Wenn man aber die Wahlergebnisse betrachtet, sieht man, dass es gerade die ärmsten Schichten des Proletariats sind, die die stärksten Erschütterungen hervorbringen, indem sie eine Anti-Establishment-Kraft wie die 5-Sterne-Bewegung aus dem Stand auf fast 30 Prozent der Stimmen bringen. Damit haben diese Teile der Arbeiterklasse die sogenannte Avantgarde daran erinnert, dass es heute nicht möglich ist, von gewerkschaftlichen und sozialen Kämpfen auszugehen, die oft zum Scheitern verurteilt sind, und dass es heute zuallererst darum geht, eine glaubwürdige Regierungsalternative herzustellen, denn ohne eine entschiedene Wende in der Politik des Staates kann kein Kampf ‚von unten‘ dauerhafte Auswirkungen haben.

Gewiss, in diesem Fall haben die Massen Wahrheit und Irrtum vermischt, weil sich ihre richtige Intuition in die Unterstützung einer ambivalenten Partei übersetzt hat. Aber wie viele richtige Intuitionen der Avantgarden haben sich mit Fehlern und Vorurteilen gegenüber den Massen vermischt, die diese Intuitionen gebraucht hatten? Wenn wir die Massen wirklich von der Rechten (zurück)gewinnen wollen, müssen wir vielleicht begreifen, dass in einigen Fällen, auch wenn wir das Schlimmste denken (das heißt, wenn wir rassistische Positionen vermuten), die Massen das nicht (nur) aus Vorurteilen tun, sondern aufgrund eines richtigen Gedankens, der in einen irrationalen Kontext gestellt wird. Es ist richtig – oder jedenfalls nicht unvernünftig – zu befürchten, dass der Zustrom von Einwanderern die industrielle Reservearmee vergrößern und die Lage der einheimischen Arbeiter verschlechtern wird (das sagte auch Marx über die irische Einwanderung). Es ist richtig, weil der Neoliberalismus mit seiner imperialistischen Politik gerade deswegen die Einwanderung aus dem Süden fördert. Der Fehler liegt darin, aus diesem Gedanken eine falsche Konsequenz zu ziehen: dass der Feind der Einwanderer ist und nicht der Kapitalist. Der Fehler der Avantgarde besteht im Versuch, die Massen zu beruhigen, indem sie leugnen, dass die Einwanderung die Bedingungen auf dem Arbeitsmarkt verschlechtern kann. Zu sagen, das Problem muss im gemeinsamen und solidarischen Kampf von Einheimischen und Einwanderern gelöst werden, ist richtig. Das Problem zu leugnen, ist jedoch ein schwerer Fehler, der uns daran hindert, mit vielen Arbeiter*innen zu kommunizieren.

Ontologie des Heterogenen

Man kann nicht oft genug wiederholen, dass Fragmentierung, Differenz und Veränderlichkeit des potenziellen revolutionären Subjekts keinesfalls nur den Ausgangspunkt politischer Arbeit kennzeichnen, der dann durch verbindende Politik überwunden wird. Im Gegenteil, dies ist eine permanente Gegebenheit, die sich (wenn auch in veränderter Form) sowohl am Anfang als auch am Ende jeder politischen Arbeit findet. Es gibt horizontale Differenzen: Die Unterschiede innerhalb der Lohnarbeit, zwischen Lohnarbeiter*innen und halbproletarischen Schichten, zwischen dem popularen Block und jenen Fraktionen der Bourgeoisie, mit denen ein Bündnis möglich ist. Außerdem gibt es vertikale Divergenzen: die zwischen den Klassen in ihrer unmittelbaren Existenz und den verschiedenen Organisationen, die aus ihnen hervorgehen. Schließlich bestehen diachronische Divergenzen: Die ‚Speerspitze‘ der Klasse wird nicht immer von derselben Fraktion angeführt, die verschiedenen Teile der Klasse und ihre verschiedenen Organisationen verändern sich im Laufe des Prozesses. Außerdem ist es im Allgemeinen nicht so, dass diejenigen, die einen revolutionären Prozess beginnen, auch diejenigen sind, die den Prozess zu Ende bringen. All diese Divergenzen können nur von einer Politik temporär überwunden werden, der die Interessenunterschiede bewusst sind, die ein Programm erstellt, das zwischen diesen Interessen vermitteln kann und sich ausdrücklich als Vorschlag eines Bündnisses zwischen unterschiedlichen Subjekten präsentiert. Nichts ist schädlicher für ein populares Projekt als die Anmaßung einer substanziellen, ontologischen Einheit der Klasse oder des Volkes nach dem Modell der „Multitude“. Die Ontologie der popularen und Klassenbewegungen ist eine Ontologie des Heterogenen, und auch wenn es eine Politik schafft, das Heterogene zu vereinen, erzeugt ihr Erfolg, dadurch dass sie den Vorrang einiger Klassenfraktionen vor anderen befördert, Reaktionen und eröffnet so einen neuen Zyklus der Fragmentierung und Wiedervereinigung. Die politische Arbeit ist keine Äußerung des Subjekts, sondern Konstitution des Subjekts durch eine vorübergehende Einheit. Und es ist sehr wichtig, die Vereinigung der verschiedenen Bewegungen und der verschiedenen issues, also die Vereinigung der Avantgarden, nicht mit der Vereinigung der Massen zu verwechseln. Erstere ist heute vor allem Kommunikation zwischen verschiedenen Erfahrungen, es ist eine vor allem kulturelle Frage. Letztere ist das Ergebnis der Formulierung eines konkreten Programms, es ist vor allem eine politische Frage der Organisierung.

Zwischen Arbeit und Krieg

Nun versuchen wir die tieferen Gründe der aktuellen Differenzen und ihren dramatischen Charakter zu verstehen. Die Arbeiterklasse des 20. Jahrhunderts, das große historische Subjekt, auf das wir uns alle irgendwie beziehen, sei es um ihm nachzutrauern, um sich von ihm zu abzugrenzen, oder um zu versuchen, es wiederherzustellen, entstand aus dem keinesfalls zufälligen Zusammentreffen zwischen Massenproduktion und Massenarmee. Die Vereinigung der wachsenden Masse von Arbeiter*innen und Soldaten beherrschte im vergangenen Jahrhundert die Logik der Produktion und des Kriegs. Und das verlieh dem Proletariat eine starke, erpresserische Verhandlungsmacht: Wollte das Kapital genügend Kräfte haben, um Waren zu produzieren und Krieg zu führen, musste es das Proletariat in der Fabrik und im Feld vereinigen; in dem Maße, wie das geschah, war das Kapital zwangsläufig mit einer Masse konfrontiert, die sich organisierte, radikale Reformen und in einigen Fällen gar die Revolution verlangte. 1917 geschah genau das: Die Zusammenballung von Proletarier*innen, die zu Zentren politischer Mobilisierung wurden, und die Zusammenballungen von Soldaten, die zur Basis politischer Macht wurden.

Auch um eine Wiederholung von 1917 zu verhindern, hat der Westen den ‚demokratischen’ Kapitalismus und den Wohlfahrtsstaat entwickelt: um die Kriegsteilnehmer zu entschädigen, die Veteranen zu unterstützen, um die Lohnerhöhungen (die durch Vollbeschäftigung unvermeidlich wurden) als Motor für wachsende Akkumulation zu nutzen und um präventiv Konflikte zu vermeiden. Dadurch wurden jedoch die Arbeiter*innen auf dem Arbeitsmarkt gestärkt, wurde eine neue ’gefährliche’ Masse geschaffen: Die der Arbeiter*innen als Staatsbürger*innen, die außer Lohnerhöhungen auch eine ständige Erhöhung der Sozialleistungen verlangten. Außerdem brachte die Entwicklung und Differenzierung der Technologien, die zunehmende Schulbildung und der wachsende Wohlfahrtsstaat einen besonderen Typus intellektueller Arbeit hervor, die insofern sie entweder in direktem Kontakt mit der Fabrikorganisation (Ingenieur*innen, Industriesoziolog*innen) oder innerhalb der Apparate des Wohlfahrtsstaats (Lehre*innen, Ärzt*innen, Stadtplane*innen) ausgeübt wurde, als eine vermasste Arbeit gefasst wurde, und daher als eine Kraft, die sich mit der Arbeiterbewegung verbünden kann und will. Sie wurde oft als das Subjekt des Fortschritts und der gesellschaftlichen Erneuerung betrachtet.

All das übersetzt sich nicht nur in ein politisches Bündnis oder in die Entstehung der außerparlamentarischen Bewegungen, sondern auch in eine alternative Praxis der eigenen beruflichen Spezialisierung. Die Soziolog*innen, die Ärzt*innen, die Richter*innen, die Lehrer*innen beschränken sich nicht darauf, eine linke Partei zu wählen, sondern sie versuchen, ihre eigenen Berufe zu verändern und die Institutionen, in denen sie arbeiteten. Indem sie deren Klassencharakter aufzeigten, versuchten sie sich – anders als bisher – fest mit dem Industrieproletariat zur verbünden.

In dieser Situation und von einer Krise getrieben, die das Potenzial hat, die Proletarier zu radikalisieren, versuchen bestimmte Kapitalfraktionen und bestimmte Akteure des herrschenden Blocks – auch dank der „digitalen Revolution“ – die Regeln der Produktion sowie die des Krieges zu ändern. Wenn die Massenproduktion und die Reservearmee die Massendemokratie mit sich bringen, muss eine andere Methode der Produktion und der Kriegführung gefunden werden. Fragmentierung der Arbeit, Individualisierung des Konsums, zunehmende Entkopplung zwischen leitenden und ausführenden Rollen im Arbeitsprozess, Schwächung des Wohlfahrtsstaats und Privatisierung der intellektuellen Arbeit mit mittlerer oder hoher Qualifikation. Exponenzielle Erhöhung der technologischen Komponente des Krieges mit der daraus folgenden Verringerung der Bodentruppen und mit der Verringerung des Kontakts zwischen mittleren und unteren Schichten der Armee, der im Ersten und Zweiten Weltkrieg eine große Rolle gespielt hat, in der Frage, wie das politische Bewusstseins und die Solidarität sich unter den Arbeiter*innen herausbilden konnte. Die Niederlage der Arbeiterbewegung erledigt den Rest: Dynamik und Fortschritt gehen nun in die Hände des Kapitals über. Die „kreative“ Klasse, die von der Produktion der Erneuerung lebt, wird zur „unterstützenden Klasse“ (Poulantzas 1974) des Kapitalismus und der Globalisierung. Und da kommt es nicht darauf an, ob die Erneuerung des Produkts und des Prozesses die Erneuerung der gesellschaftlichen Verhältnisse ersetzt hat und letztere zu denen des 19. Jahrhunderts regredieren.

Eine kurze Schlussfolgerung

Kein politisches Subjekt und keine Revolution können unmittelbar die Auswirkungen dieser katastrophalen Transformation umkehren. Wir können nicht auf die gesellschaftliche Vereinigung der Arbeit warten, um Politik zu machen, und wir können uns auch nicht ausdenken, dass diese Vereinigung bereits geschehen ist, und dass die Politik nur der organisatorische Ausdruck der Spontaneität der gesellschaftlichen Subjekte ist. Es ist nötig, ein großes politisches Projekt eines popularen Bündnisses zu entwerfen, das in der Lage ist, zwischen den unterschiedlichen Interessen zu vermitteln, Momente der Verteidigung der Lohnarbeit (Vollbeschäftigung) und Momente der Überwindung des Lohns (Verringerung der Arbeitszeit, Bürgereinkommen) zu vereinen, all jene Arbeitsformen zu fördern, die die Distanz zwischen ausführenden und leitenden Rollen verringern. Aber vorher ist es notwendig, eine politische Partei oder Bewegung aufzubauen, die selbst Teil eines solchen popularen Bündnisses ist, eine Partei, die für die Propagierung ihrer Strategie in jedem Stadtteil Erfahrungen konkreter Solidarität schafft, eine Partei, in der die qualifiziertesten Arbeiter*innen systematisch ihre eigenen Kompetenzen in den Dienst der anderen stellen. Und schließlich muss diese Partei – oder Parteiengruppe –, um wirklich ein politisches Subjekt zu werden, vermeiden, nur einen Ort der gesellschaftlichen Totalität (den Staat, die Stadtviertel, die Büros, die Netze) zu besetzen, und sich daran gewöhnen, das Zentrum der eigenen Aktion zu ändern, um jedes Mal weiterhin kritisch zu denken.[3] Denn es stimmt zwar, dass das Subjekt unstet und das Denken rar ist, aber es stimmt auch, dass die Kontinuität des Subjekts und die Dichte des Denkens permanent angestrebt werden müssen: Nur ein präsentes Subjekt kann den richtigen Weg einschlagen in jenen Momenten und jenen Phasen der Krise, die auf die größten Umwälzungen hindeuten.

Aus dem Italienischen von Andreas Löhrer

Literatur

Bauman, Zygmunt, 1982: Memories of Class. The Pre-History and After-Life of Class, London

Broué, Pierre, 1973: Die Deutsche Revolution 1918–1923, Berlin

Poulantzas, Nicos, 1974: Politische Macht und gesellschaftliche Klassen, Frankfurt/M

Romitelli, Valerio, (Hg.) 2009: Fuori dalla società della conoscenza. Ricerche di Etnografia del pensiero, Castel Gandolfo

Anmerkungen

[1] Zygmunt Bauman hat diesen Prozess überzeugend beschrieben in Memories of Class (1982). Sein Fehler liegt darin, dass er diesen Prozess für unumkehrbar hält und der Meinung ist, dass der Klassenkampf keine richtige politische Bedeutung mehr erlangen kann.

[2] Es gibt eine andere, weniger beachtete Seite des bolschewistischen Partei: Sie war eine Partei mit einer starken, aktiven und tief in vielen Betrieben verwurzelten Arbeiterbasis, aus der vieles kam, was Lenin dann aufgriff. Nur wenn man diesen „Doppelcharakter“ der bolschewistischen Partei begreift, versteht man den lebendigen Leninismus, der aber an seinem Sieg nach 1918 zugrunde ging.

[3] Es braucht ein Staatsprojekt, aber der Staat ist nicht das Zentrum. Ein linkes Staatsprojekt kann in Zeiten klassenpolitischer Demobilisierung Bedingungen schaffen für die Organisation auf anderen Feldern.