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»Nach der Aktion hat McDonald’s alle Drive-Ins in der Schweiz geschlossen«

Gespräch mit Roman Künzler (Unia)

Betriebliche Verankerung, Mitgliederbeteiligung und Mut zum Konflikt. In der Schweiz zeigt die Gewerkschaft Unia, dass Organizing gerade in der Corona-Krise notwendig und möglich ist. Die Unia wurde 2004 als branchen- und berufsübergreifende Gewerkschaft gegründet und organisiert rund 190 000 Beschäftigte in der Industrie, auf dem Bau, in Gewerbeberufen, in der Logistik und im privaten Dienstleistungssektor. Sie setzt seit Jahren verstärkt auf Organizing-Methoden.

Ein Gespräch mit Roman Künzler über offensive Gewerkschaftspolitik in schwierigen Zeiten

Für viele Gewerkschaften bedeutete die Corona-Pandemie Defensive. Die Unia fällt da ein wenig aus dem Rahmen. Ihr seid gleich zu Beginn der Ausbreitung mit der Forderung nach einem Shutdown für die gesamte Wirtschaft mit Ausnahme der Grundversorgung in die Offensive gegangen. Warum?

Zum einen ging es uns natürlich um den Schutz der Arbeitenden, gerade in den prekären Berufen. Uns war klar, dass besonders hier Distanz- und Hygienerichtlinien unzureichend eingehalten werden.  Zum zweiten war ein Shutdown aus unserer Sicht die effektivste Strategie, die Pandemie frühzeitig zu stoppen.

Aber ihr konntet doch nicht im Ernst damit rechnen, dass ihr mit so einer Forderung durchkommt… 

Von den meisten Arbeitgeber*innen kam erheblicher Widerstand. Da hieß es, dass die „Roten“ wieder die Volkswirtschaft zerstören wollen. Man muss wissen, dass es bei den Unternehmen in der Schweiz starke Strömungen gibt, die am liebsten gar nicht mit der Unia reden. Für uns war die Forderung nach dem Shutdown trotzdem wichtig, weil wir so in der Öffentlichkeit und den Medien als die Stimme wahrgenommen werden, die sich für einen umfassenden Schutz der Arbeitnehmer*innen einsetzt. Politisch war die Forderung ein Erfolg, denn sie hat geholfen, das Prinzip durchzusetzen, dass jede Firma, die kein umfassendes Schutzkonzept nachweisen kann, schließen muss. In einigen Kantonen konnten wir etwa die komplette Schließung von Baustellen durchsetzen. Und sie bereitete den Boden für einen unserer wichtigsten Erfolge: Den rechtlichen Anspruch aller Beschäftigten, die zu einer Risikogruppe gehören, sich von der Arbeit freistellen zu lassen – bei vollem Lohnausgleich.

Und dagegen gab es keinen Widerstand der Unternehmer? Von der Regelung dürften Hundertausende Beschäftigte profitieren.

Es sind sogar knapp 800 000 Beschäftigte betroffen, etwa zehn Prozent der Bevölkerung. Ja, der Widerstand der Unternehmer war so stark, dass die Regierung die Regelung nach ein paar Tagen zurückgenommen hat. Doch wir haben eine mehrwöchige Kampagne gestartet und erreicht, dass die Verordnung wieder angepasst wurde.

Ihr habt sehr viel mit Umfragen gearbeitet und Beschäftigte zu ihrer Situation am Arbeitsplatz befragt. Wie waren die Reaktionen?

Wir haben nach Möglichkeiten gesucht, den Arbeitenden etwas in die Hand zu geben, mit dem sie selber aktiv werden können. Ein Instrument waren Checklisten, die in verschiedenen Branchen zum Einsatz kamen. Damit haben wir informiert, welche Bestimmungen in den Betrieben eingehalten werden müssen. Die Kolleg*innen konnten das dann überprüfen und sich im Falle von Nichteinhaltungen beim Chef beschweren oder sich bei uns melden. Wir haben die Checklisten auch online gestellt und konnten so mit außergewöhnlich vielen Arbeitnehmenden in Kontakt treten. Mit den Ergebnissen dieser betrieblichen Umfragen haben wir die Arbeitgeberverbände konfrontiert, die ja immer behaupten, dass in ihren Betrieben alle möglichen Schutzmaßnahmen umgesetzt werden. Die Reaktion auf die Umfragen war riesig. Wir hatten binnen eines Wochenendes Hunderte Antworten mit unzähligen Beispielen für Verstöße, etwa vom Bau oder aus der Logistik- und Transportbranche. Mit diesen Ergebnissen konnten wir öffentlichen Druck aufbauen. Die Schließung von Baustellen in einigen Kantonen war eine Folge dieses Drucks. Ähnlich sind wir in Bereichen wie dem Einzelhandel vorgegangen. Die Onlinechecklisten waren für uns im Organizing-Projekt Logistik und Transport nicht nur ein Befragungsinstrument, sondern auch eines, um mit den Beschäftigten ins Gespräch zu kommen. Alle, die sich beteiligt haben, wurden angefragt, ob sie mit uns in Kontakt bleiben wollen. Dafür haben wir zum Beispiel What´s App-Gruppen gegründet, in denen wir über Neuigkeiten informiert und gefragt haben, wie die Situation im Betrieb ist. Die Kolleg*innen haben wir ermuntert, uns Beweisfotos oder Videos von Verstößen zu schicken. So konnten wir unsere Bindung an viele bisher unorganisierte Beschäftigte verbessern. Bei all dem ist uns wichtig, dass die Beschäftigten selber zu Wort kommen. Deshalb haben wir die Mitglieder ermutigt, etwa Testimonials aufzunehmen. Die haben es teilweise bis in die Abendnachrichten geschafft.

Wie geht ihr vor, wenn ihr über Verstöße in einem Betrieb informiert werdet?

Systematisch, wie ich am Beispiel der Logistikbranche erläutern will. Zuerst rufen wir direkt im Betrieb an, informieren über die Missstände und setzen eine Frist von 24 Stunden. Ist das Problem danach nicht behoben, schalten wir die Arbeitsinspektorate oder die Polizei ein. Die ist in der Schweiz auch zuständig, weil der Gesundheitsschutz in den Betrieben momentan unter das Pandemiegesetz fällt. Die meisten Chefs sind relativ kooperativ. Wer nicht kooperativ ist, wird gemeldet.

In Deutschland sind die Gewerbeaufsichten hoffnungslos unterbesetzt und haben zum Schutz ihrer Mitarbeiter*innen vor Corona zeitweise sogar die Kontrollen reduziert. Wie stellt ihr sicher, dass auch kontrolliert wird?

Ähnliche Erfahrungen haben wir leider auch gemacht. Die Ressourcen für Kontrollstellen wurden vom neoliberal geführten Staat in den letzten Jahrzehnten viel zu tief gehalten. Das hat sich in der Krise gerächt. Häufig haben sich die Inspektor*innen zudem im Voraus angekündigt oder nur mit den Chefs gesprochen. Aber das haben wir öffentlich gemacht und angeprangert, dass nicht ordentlich kontrolliert wurde. Sei es mit Aktionen oder über Pressemitteilungen. Und wir haben Journalist*innen informiert, die dann in den entsprechenden Behörden angerufen und nachgefragt haben.

Zur Unia-Kultur gehört es, dass Gewerkschaftssekretär*innen sehr viel Zeit im Betrieb verbringen. Das ist gerade nur sehr eingeschränkt möglich, wie geht ihr damit um?

Die meiste Zeit haben auch wir am Telefon gearbeitet. Wir haben in einigen Regionen trotzdem eine Reihe von öffentlichkeitswirksamen Aktionen gemacht und waren weiterhin vor den Betrieben präsent. Wir sind mit Medienvertretern auf Baustellen gegangen oder haben Solidaritätsaktionen an der Autobahn für Logistiker*innen und Chauffeure gemacht. Weil Beschäftigten von Migros, der größten Einzelhandelskette der Schweiz, verboten wurde, eine Maske zu tragen, haben die Kolleg*innen vor einer Filiale in Genf die Arbeit für eine kleine Warnstreik-Aktion während der Hauptgeschäftszeit niedergelegt. Für viel Öffentlichkeit hat auch eine Aktion bei einer McDonald’s-Filiale bei Lausanne gesorgt. McDonald‘s musste seinen Restaurantbetrieb wegen des Coronavirus einstellen, durfte aber die Drive-ins offenhalten. Unsere Mitglieder informierten uns, dass es in den engen Küchen unmöglich war, die erforderlichen Hygiene- und Distanzrichtlinien einzuhalten. Daraufhin haben wir mit gut 50 Personen in Autos eine „Schnecken-Aktion“ vor den Drive-ins durchgeführt und so lange Wartezeiten provoziert. McDonald’s hat am Tag nach der Aktion in der ganzen Schweiz alle Drive-ins geschlossen.

Viele Gewerkschaften haben in den vergangenen Monaten Mitglieder verloren. Wie ist die Corona-Bilanz der Unia?

Gemischt. Es gibt Bereiche, in denen wir gestärkt aus der Krise herausgehen, andere, in denen wir geschwächt sind. Der erschwerte Zugang zu den Arbeitsplätzen hat uns tatsächlich zu schaffen gemacht. Denn hier findet normalerweise die Mitgliederwerbung statt. Aber: Durch die Onlinepetitionen und -Umfragen und die systematische Kontaktierung von Beschäftigten konnten wir vieles davon kompensieren. Wir haben sofort eine Hotline eingerichtet, an die sich alle Arbeitnehmer*innen in der Schweiz wenden konnten, die Fragen zu Corona am Arbeitsplatz hatten. Wir wurden praktisch überrannt und haben intern sehr viel Personal umgeschichtet, um den Informationsbedarf bedienen zu können.

Ich denke, dass es uns durch die ständige Kommunikation mit den Beschäftigten gut gelungen ist, die Wichtigkeit der Gewerkschaft in dieser Zeit deutlich zu machen und auf unsere Erfolge hinzuweisen. Das ist auch der Grund, warum Austritte aus der Unia im Vergleich zu den Vorjahren deutlich zurückgegangen sind. Die Onlineeintritte sind sogar explodiert. Aber es gab natürlich einen Einbruch bei den klassischen Eintritten per Formular. Letztlich konnten wir den Status Quo in etwa halten. Aber wie sich die drohende Wirtschaftskrise langfristig auswirkt, das bereitet allen große Sorgen. Wirtschaftskrisen sind immer schwierige Zeiten für Gewerkschaften. Darauf müssen wir uns vorbereiten.

Die Unia gilt hier in Deutschland als Organizing-Gewerkschaft. Kannst du zum Schluss kurz ausführen, wie sich das in eurer Arbeit bemerkbar macht.   

Wir haben in den letzten Jahren beträchtliche Ressourcen in den Aufbau von Organizing-Strukturen gesteckt. So haben wir eine zentrale Erschließungsabteilung, aus der alle diesbezüglichen Projekte angeleitet werden. Unser Ziel ist der Aufbau von stabilen gewerkschaftlichen Netzwerken im Betrieb, die selbstwirksam ihre Interessen durchsetzen können. Dabei interessieren uns weniger die Personalkommissionen, vielleicht mit Ausnahme der Industriebetriebe. Zum einen, weil sie in der Schweiz über keine Mitbestimmungs- und nur über Informationsrechte verfügen. Zum anderen können die Wahlen zu Personalkommissionen und ihre Zusammensetzung von den Arbeitgebern leicht beeinflusst werden oder sie werden sogar eher eingesetzt als gewählt. Gewerkschaftliche Delegierte oder auch die Wahl betrieblicher Vertrauensleute sind daher oft demokratischer legitimiert und repräsentativer für die Arbeitnehmenden.

Das Gespräch führte Johannes Schulten.