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Und es hat Zoom gemacht. Warum das Silicon Valley das Coronavirus liebt

Von Matthew Cole

Die Corona-Krise ist genau das, was dem Silicon Valley gefehlt hat, um die von dort aus forcierte Revolution am Arbeitsplatz zu vollenden – mit neuen Technologien, die unseren Alltag in einer Weise gestalten, die nur schwer rückgängig zu machen sein wird.

Das Coronavirus ist ein exogener Schock für die Weltwirtschaft, der Panik an den Finanzmärkten ausgelöst hat und Arbeitsplatzverluste in gigantischem Ausmaß zur Folge haben wird, sowie eine beispiellose Krise im Gesundheitswesen. Gleichzeitig stellen die nun erforderlichen Sicherheitsmaßnahmen unser Sozialleben und die Art und Weise, wie wir Arbeiten sehr grundsätzlich in Frage. In vielen Ländern wurden „social distancing“ und Lockdowns eingeführt, die vom Staat streng – teilweise mit militärischen Mitteln – durchgesetzt werden. Während Boris Johnson sich mit seiner “Kriegszeit”-Rhetorik offenbar auf den historischen Spuren Churchills wähnt, steht Großbritannien vor einer sozialen Katastrophe, die weit über das Ökonomische hinausgehen wird. Kurzfristig wird es in vielen Branchen ernstzunehmende Verluste geben, da Firmen ihre Produktivität drastisch einschränken müssen oder Pleite gehen und wir dadurch in eine Rezession eintreten. Auf lange Sicht jedoch wird es weitaus dramatischere Veränderungen geben: die Art und Weise, wie wir arbeiten und unser Sozialleben gestalten, wird nach der Krise der schönen neuen Welt der Science-Fiction-Literatur an ganzes Stück näher gerückt sein. Tech-Giganten haben dabei allen Grund zum Jubeln, denn der Schlüssel zu ihrem Erfolg wird unsere Quarantäne sein. Mit der Rückkehr zu einer neuen Normalität wird voraussichtlich eine nachhaltig veränderte Welt entstehen: eine Welt, in der unser Leben noch stärker von neuen Technologien durchdrungen sein wird, als man es die Silicon-Valley-Ideolog*innen bisher zu träumen wagten.

Natürlich ist es grundsätzlich nichts neues, dass kapitalistische Unternehmen versuchen, aus einer Krise Profit zu schlagen. Wir sollten uns aber bewusst machen, auf welche besondere Art die Technologieunternehmen von der derzeitigen Pandemie profitieren. Denn dies hat viel weitreichendere soziale Auswirkungen, als die bloße Ausschüttung von Dividenden. Obwohl McLuhans Vorstellung der Welt als Global Village schon seit einiger Zeit Realität geworden ist, konnte er das Ausmaß und die Tragweite der sich abzeichnenden technologischen Durchdringung unserer weltweiten Vernetzung nicht vorhersehen. Wie Wayne Kurtzman, ein Analyst des Technologieforschungsunternehmens IDC, anmerkte, “könnte dies [die Pandemie und die damit einhergehenden sozialen Veränderungen, Anm. d. Ü.] den Markt um sieben Jahre nach vorne katapultiert haben”. Der Imperativ der Krise, von zu Hause aus zu arbeiten und sich sozial zu isolieren, “ist eine perfekte Gelegenheit für Unternehmen, zu den digitalisierten Betrieben zu werden, die sie schon immer sein wollten”, fügte Kurtzman hinzu. Dies ist ein sehr ernst zu nehmender, makabrer kapitalistischer Realismus höchsten Ranges. Die Corona-Pandemie ist der Schock, der dem Technologiesektor gefehlt hat, um die Sillicon-Valley-Revolution zu vollenden.

Die „Datafication“ unseres Lebens

Um die Auswirkungen dieser neuen kybernetischen Ökologie auf Arbeit und Gesellschaft richtig zu erfassen, müssen wir die politische Ökonomie hinter unserer globalen Vernetzung verstehen. In den späten 1990er und 2000er Jahren gab es massive öffentliche und private Investitionen in die Infrastruktur der Informations- und Kommunikationstechnologie (IKT). In Folge der Finanzkrise von 2007/08 und den damit verbundenen Disruptionen im Finanzwesen strömte das Risikokapital in neue Technologien, in die digitale Transformation und in strukturelle Veränderungen der globalen IKT-Infrastruktur, um den Weg für eine umfassende mobile Vernetzung und eine massenhafte Datafication, also eine Übersetzung unseres Alltagslebens in computerisierte Daten, zu ebnen.[1] [1] Laut Internet World Stats ist die Internet-Anbindung von 16 Millionen Menschen bzw. 0,4 Prozent der Weltbevölkerung im Dezember 1995, auf 4,57 Milliarden Menschen bzw.  58,7 Prozent der Weltbevölkerung im Januar 2020 gestiegen. Im Jahr 2018 verfügten 5,1 Milliarden Menschen (66 Prozent der Bevölkerung) über einen mobilen Internetzugang und es wird erwartet, dass diese Zahl bis 2023 auf 5,7 Milliarden Menschen (71 Prozent der Bevölkerung) ansteigen wird. Im Jahr 2018 gab es 3,7 Milliarden 4G-Mobilfunkverbindungen.

Während des vergangenen Jahrzehnts sind wir Zeug*innen des so genannten “Aufstiegs der immateriellen Wirtschaft” geworden, womit ein Anstieg von Investitionen in Vermögenswerte wie geistige Eigentumsrechte, Marken, Software und Datennetze gemeint ist. Diese weisen eine andere wirtschaftliche Dynamik auf als traditionelle materielle Investitionen. Eines der wichtigsten immateriellen Vermögenswerte sind dabei Daten, die heute in den meisten großen Unternehmen als Kapital gehandelt werden. Der Anstieg der massenhaften Nutzung von Smartphones, des digital vermittelten Konsums und der Kommunikation von Maschine zu Maschine über das “Internet der Dinge” in der Produktion, hat die Datafication in einem noch nie dagewesenen Ausmaß ermöglicht. Die Menge an Daten über maschinelle und menschliche Aktivitäten ist schier unvorstellbar, ihr Wachstum folgt normalerweise dem so genannten Cooper’schen Gesetz, wonach sich der Datenverkehr alle 2,5 Jahre ungefähr verdoppelt, was bedeutet, dass die 33 Zettabytes (Billionen Gigabytes) im Jahr 2018 wahrscheinlich auf 132 Zettabytes im Jahr 2023 und auf 528 Zettabytes bis 2028 ansteigen werden. Die Daten sind dabei vielfältig und nicht alle sind wertvoll, denn viele entstehen durch die bloße Nutzung von Streaming-Diensten wie Netflix oder Youtube. Wertvoll sind direkte oder triangulierte Daten über das Verhalten von Beschäftigten und Verbraucher*innen aus digital miteinander verbundenen Unternehmen. Sie werden für zielgerichtetes Marketing verwendet, aber auch zunehmend zum Training von entsprechenden Algorithmen, was dazu führt, dass unser Konsum- und Produktionsverhalten zunehmend von maschinellem Lernen und künstlicher Intelligenz beeinflusst werden.

Daten als Ware

Obwohl die meisten Unternehmen noch keine formalen Richtlinien zur Datenbewertung haben, werden Daten in der Regel als eine Kombination aus drei Dingen bewertet: (1) dem Vermögenswert; (2) dem Aktivitätswert; und (3) dem antizipierten Wert. 2018 generierte der Handel mit Daten schätzungsweise 200 Milliarden Dollar Jahresumsatz, Tendenz steigend. Allein in der EU wird der Datenmarkt, also der Markt für digitale Produkte und Dienstleistungen nach Schätzungen der Europäischen Kommission bis 2020 einen Wert von 106,8 Milliarden Euro erreichen. Die drei größten Datenbroker, also Firmen die mit dem Handel von Daten spezialisiert sind, sind derzeit Experian, Equifax und Transunion – alle drei haben jeweils einen Jahresumsatz von über einer Milliarde Dollar. Wertvoll sind Daten deshalb, weil sie es Unternehmen ermöglichen, Marktveränderungen zu antizipieren, das Verhalten von Beschäftigten und Verbraucher*innen zu manipulieren und weil sie außerdem, sowohl von Technologieunternehmen als auch von Staaten für die Massenüberwachung genutzt werden können.

Die weltweiten Beschränkungen des öffentlichen Lebens durch das Coronavirus haben Millionen von Menschen dazu veranlasst, von zu Hause aus zu arbeiten. Der Internet-Datenverkehr und die Verlagerung auf digitale Mediation in Unternehmen haben massiv zugenommen. Eine Veränderung, die lange andauern könnte. Laut der Sicherheitsfirma Cloudflare ist der Datenverkehr zuletzt insgesamt zwischen 10 und 20 Prozent gestiegen, das Aufkommen zur Spitzenauslastung ist seit Anfang Februar allein in den USA um fast 13 Prozent gestiegen. Den größten Zuwachs verzeichnen dabei Videodienste mit einer Steigerung um 300 Prozent bzw. 400 Prozent für Telekonferenzen und Gaming. In Großbritannien, so Howard Watson, Chef der Technologie- und Informationsabteilung von BT UK[2] [2], habe es Rekordverkehrsmengen gegeben, die mit 17,5 Terabit pro Sekunde ihren Höhepunkt erreicht hätten. Der durchschnittliche Datenverkehr an Wochentagen liegt gerade einmal bei 4 bis 5 Terabit pro Sekunde. Bei den 18 Mio. Vodafone-Kund*innen in Großbritannien ist die Datennutzung bereits um 30% gestiegen und wird aller Voraussicht nach noch weiter steigen, da die Regierung in ihrer Corona-Strategie den europäischen Nachbarn folgt. Es gibt keine juristische Regelung zur Eigentumsfrage der Daten und nur eine sehr geringe Kontrolle durch die Europäische Datenschutz-Verordnung GDPR 2016/679 darüber, welche Daten überhaupt gesammelt werden.

In vielen Ländern ist die Infrastruktur des Internets privatisiert. Sie besteht aus einem Rückgrat aus Unterwasserkabeln, einem nationalen IKT-Netzwerk und Datenspeichern – Datenzentren, Edge Points of Presence (POPs) und Edge Nodes (siehe beispielsweise Google). Im Vereinigten Königreich gehört das Telekommunikationsnetzwerk zu Openreach, einer 2006 gegründeten Abteilung der BT Group. Seit 2019 besitzt Google, gemessen an der Länge, 1,4 % des weltweiten Netzes von Unterwasserkabeln und 8,5 %, wenn man Kabel mit gemeinsamer Eigentümerschaft einbezieht. Der Kauf dieser Kabelleitungen stellt eine Erweiterung der Privatisierung der lokalen Internet-Infrastruktur dar, die mit dem Start von Netflix ihren Anfang nahm. Die meisten Online-Aktivitäten (einschließlich Netflix) beruhen auf irgendeiner Form der privaten Datenspeicherung, die größtenteils von Amazon Web Services bereitgestellt wird.

Online-Dienste gehen durch die Decke…

Angesichts der Tatsache, dass es in vielen Ländern nun Ausgangssperren gibt und Home Office in gewisser Weise zur Normalität geworden ist, sollte es deshalb nicht überraschen, dass die großen Technologieunternehmen von der aktuellen Krise enorm profitieren. Die Aktien von Zoom, einer Videokonferenzplattform, stiegen in diesem Jahr um 74%, während der S&P 500 im selben Zeitraum im größten Ausverkauf an den Börsen seit der Finanzkrise 2008 um 21% fiel. Der Umsatz von Zoom im vierten Quartal 2019 belief sich auf 188,3 Millionen Dollar, was einem Anstieg von 78% im Vergleich zum Vorjahr entspricht. Das Unternehmen hat dieses Jahr bis Ende Februar 2020 bereits 2,22 Millionen monatlich aktive Nutzer*innen hinzugewonnen – mehr als im gesamten Jahr 2019. Das Start-Up aus dem Silicon Valley hat bisher immer noch keinen Transparenzbericht veröffentlicht, in dem es seine Datensicherheitspraktiken im Einzelnen dargelegt. Auch wenn es Versuche von Organisationen wie Acces Now gab, sie dazu zu zwingen.

Eine weitere wichtige Plattform zur Erleichterung der Telearbeit, also der Arbeit von zu Hause aus, ist Microsoft-Teams. Teams ist in den Firmenabonnements von Office 365 enthalten und bietet Software für Projektmanagement, Arbeitsabläufe und Videokonferenzen. Zwischen dem 11. und 19. März stieg die Zahl der Benutzer*innen von Microsoft Teams um 12 Millionen – von 32 auf 44 Millionen gegenüber 20 Millionen im November. Massenweise Daten über Workflow-Prozesse, Kommunikation und Online-Verhalten, die den Tech-Unternehmen durch die verstärkte Nutzung der Software zur Verfügung stehen, sind dabei äußerst wertvoll.

… und der Datenextraktivismus auch

Es gibt einen Imperativ der Datennutzung für Organisationen und deren Umgang mit der Überwachung von Menschen, Orten, Prozessen, Dingen und deren Beziehungen zueinander: Das optimale moderne Unternehmen ist bestrebt, alle Daten aus allen möglichen Quellen (Maschine, Beschäftigen und Verbraucher*in gleichermaßen) mit allen möglichen Mitteln, und dabei oft auch durch die Umgehung von Gesetzen, zu extrahieren. Die Funktionsweise von Datenanalysemethoden ist für die Mitarbeiter*innen in der Regel undurchsichtig oder unverständlich. Die Zunahme der digital vermittelten Arbeits- und Sozialaktivitäten hat den Technologieunternehmen die Möglichkeit gegeben, Daten über das Verhalten und das situierte Wissen der Beschäftigten zu erfassen. Solche Daten können Dinge über Personen enthüllen, derer sie selbst sich nicht einmal bewusst sind. Die Erfassung von Daten über Arbeitsabläufe, Kommunikation und emotionale Reaktionen untergräbt sowohl die Kontrolle von Beschäftigen über ihre Arbeitsprozesse, als auch die Privatsphäre von Verbraucher*innen. In diesem digitalen Raum gibt es kaum Regelungen zum sozialen Schutz und noch weniger zur Durchsetzung derselben. So ist es bereits schwer die Abfrage einer Einverständniserklärung von Beschäftigen auf rechtlicher Grundlage wie beispielsweise der europäischen GDPR abzusichern und noch schwerer Datenschutzpolitik in gewerkschaftliche Verhandlungen mit einzubeziehen.

Wie Thomas Piketty kürzlich bemerkte wird „die Frage danach, wer die Maschinen steuert, wer die Patente besitzt und den damit verbundenen Einkommensfluss kontrolliert“ mit der zunehmenden Datenerfassung und Automatisierung immer wichtiger. Laut einem Bericht einer hochrangigen Expertengruppe über die Auswirkungen der digitalen Transformation auf die Arbeitsmärkte der EU, tragen Beschäftige und Verbraucher*innen durch Preisgabe ihrer Daten, unbezahlt zu “dem Bestand an immateriellem Kapital bei, das irgendwann ihre manuelle oder intellektuelle Arbeit ersetzen wird”.

Die Datafication und Automatisierung des Alltagslebens ermöglicht es dem Kapital, das Wissen über die Menschheit auf eine Weise zu nutzen, die die Menschheit der Logik derer unterordnet, die die Maschinen steuern. Es ist unbedingt erforderlich, dass wir dies als ein ernstes Problem anerkennen. Wir sollten nicht zulassen, dass die Technologieunternehmen weiterhin unsere Daten erfassen und in Kapital umwandeln. Wir müssen die Maschinen besitzen oder sie zerstören.

Zuerst erschienen im Tribune Magazine [3]. Aus dem Englischen von Kai Feldheim und Moritz Warnke

Anmerkungen

[1] [4] Im englischen Original wird von „datafication“ gesprochen. Dieser Begriff wurde 2013 von Kenneth Neil Cukier und Victor Mayer-Schönberger eingeführt, um den technologischen Trend zu beschreiben, im Zuge dessen viele Aspekte unseres Lebens in computerisierte Daten verwandelt werden.

[2] [5] BT PLC Group, (eines der bekanntesten und größten) Telekommunikationsunternehmen im Vereinigten Königreich