| Auf märkischen Sand gebaut.
Warum Tesla in Brandenburg die Erwartungen nicht erfüllen wird

Februar 2020  Druckansicht
Von Winfried Wolf

Im November 2019 löste die Mitteilung des Tesla-Chefs Elon Musk, er wolle „in der Nähe von Berlin“ eine neue Tesla-Fabrik errichten, Lob bei SPD, CDU und Grünen aus. Auch die Landtagsfraktion der Partei DIE LINKE erklärte: „Wir freuen uns über die Entscheidung […] Wir erhalten so einen starken, neuen Industrie-Standort, den das Land dringend benötigt.“ Drei Vorteile werden in diesem Zusammenhang genannt: Erstens würden Arbeitsplätze geschaffen, zweitens bekäme „Elektromobilität einen immensen Schub“ (DIE LINKE) und drittens handle es sich hier um einen Beitrag gegen Klimaerwärmung und für Umwelt- und Naturschutz.

Neues Jobwunder?

Das Tesla-Werk in Brandenburg sollte nach ersten Angaben „fünf bis sechstausend Beschäftigte“ haben. Brandenburgs Ministerpräsident Dietmar Woitke räumte schließlich ein, es seien „bis zu dreitausend in der ersten Stufe“. Interessant ist die Meldung, Tesla habe sich für Brandenburg entschieden, weil „Polen so nahe ist“. Tesla gehe davon aus, „dass die Arbeitskräfte von beiden Seiten der Oder“ – also auch aus Polen – kommen (Berliner Zeitung vom 14. November 2019). Zur Erinnerung: In Deutschland gab es vor 15 Jahren noch 120.000 Jobs in der Solarbranche. Seither wurden 40.000 abgebaut. In der Windbranche droht aktuell ein Abbau von fünf- bis achttausend Arbeitsplätzen. In der deutschen Bahnindustrie – und hier auch in Brandenburg (Hennigsdorf) – wurden in den letzten Jahren mehr als 10.000 Arbeitsplätze abgebaut. Es ist demnach absurd, die wenigen tausend möglichen neuen Tesla-Jobs herauszuheben und den tatsächlichen und teilweise noch drohenden Abbau von Jobs in Bereichen, die für einen nachhaltige Verkehrs-und Energiepolitik wichtig sind, zu verschweigen. Im Übrigen ist Tesla als schlechter Arbeitgeber und Lohndrücker bekannt. Die durchschnittlichen Löhne in den Tesla-Werken in den USA liegen um 25 bis 30 Prozent unter dem Branchen-Niveau.

Tesla hat aktuell knapp 50.000 Beschäftigte weltweit. Zum Vergleich: VW beschäftigt 694.000 Menschen. Tesla produziert im Jahr knapp 390.000 Pkw. Das ist nur gut die Hälfte der Jahresproduktion des eher kleinen Herstellers Volvo (650.000 Pkw). Zum Vergleich: VW, Renault-Nissan (ohne Fiat) und Toyota produzieren jeweils mehr als zehn Millionen Pkw. Dennoch: Der Börsenwert von Tesla überschritt im Januar 2020 die 100-Milliarden-Dollar-Marke; er liegt höher als derjenige von VW und drei Mal so hoch wie der von Ford. Ein solcher extrem spekulativer Börsenwert kann in einer Krise zerplatzen wie eine Seifenblase. Seit der Gründung im Jahr 2003 hat Tesla noch nie einen Gewinn ausgewiesen.

In China entsteht mit großen staatlichen Subventionen im Umland von Schanghai ein neues Tesla-Werk. Angekündigt war die Fabrik mit einer Wochenleistung von dreitausend Pkw. Aktuell ist nur noch von tausend Pkw je Woche die Rede. Ausgelegt ist die Fabrik für gut 300.000 Pkw proJahr. Die Fabrik wird also massive Überkapazitäten haben. Die Zahl der Beschäftigten im chinesischen Werk ist nicht bekannt. Geschätzt sind es weniger als fünftausend – deutlich weniger als ursprünglich angekündigt. Man habe, so Elon Musk, in China “Überkapazitäten bei den Beschäftigten”.

Luxusmobilität à la Tesla

Im Tesla-Werk in Brandenburg soll zunächst das „Model Y“ produziert werden, welches eine Weiterentwicklung von “Model 3” ist. Letzteres wird aktuell in Deutschland für rund 50.000 Euro angeboten. Das „Model Y“ ist teurer, es soll – ab Ende 2019 – in Deutschland ab 55.000 Euro erhältlich sein. Selbst wenn es nach Errichtung der Tesla-Fabrik in Brandenburg eine gewisse Preisreduktion geben sollte, so wird der Preis je Tesla-Pkw doch bei mindestens 40.000 Euro liegen. Er entspricht damit rund zwei Jahresgehältern eines Vollbeschäftigten in Brandenburg, dessen Durchschnittseinkommen im Jahr bei 29.605 Euro brutto liegt – bundesweit sind es 35.229 Euro, und in Baden-Württemberg 37.818. Wenn es bei Elektromobilität im Allgemeinen um die Mobilität der gehobenen Mittelschicht geht, so geht es bei Tesla im Besonderen um die Luxus-Mobilität der Reichen. Der „kompakte“ SUV soll eine Geschwindigkeit bis zu 240h/km erreichen. Einen Tesla muss man übrigens 60.000 bis 75.000 km fahren, bis sein “CO2-Rucksack” abgetragen ist, bis also der ungleich höhere Energieaufwand bei der Herstellung kompensiert ist. Bei einem Nissan „Leaf“ sind es „nur“ 52.000 km. Bei einem E-Golf 45.000 km. Bei einem Audi „eTron“ sogar 100.00 Kilometer. Die Gruppe „Agora Energiewende“, die sich durchaus engagiert für Elektro-Autos einsetzt, geht davon aus, dass ein Elektroauto im Vergleich zu einem Benziner über die gesamte Lebenszeit hinweg gerade mal 24 Prozent weniger CO2 emittiert und gegenüber einem Diesel-Pkw nur 16 Prozent weniger.

Ein Beitrag zum Umweltschutz?

Brandenburgs Ministerpräsident Dietmar Woitke jubelte im Interview: „Wir haben den Platz. Wir sind Spitzenreiter bei erneuerbaren Energien und können Ökostrom für das Werk anbieten. In Brandenburg können klimaneutrale Produkte auch klimaneutral produziert werden. Die […] intakte, wunderschöne Natur und Landschaft waren wichtig [für die positive Entscheidung des Tesla-Chefs für ein Werk in Grünheide].“ (Berliner Zeitung vom 30. November 2019). Tatsächlich ist Brandenburg vor allem das Land der Braunkohle, desjenigen Energieträgers, der das Klima am stärksten belastet. Woitke ist ein Mann, der jahrzehntelang für den Erhalt des Braunkohleabbaus in Brandenburg gekämpft hat und weiterkämpft. Er sagte noch in jüngerer Zeit: „Erst dann, wenn ich rund um die Uhr Stromversorgung aus Erneuerbaren in Deutschland garantieren kann, kann ich darüber nachdenken, Konventionelle aus dem Netz zu nehmen. […] Wir werden Konventionelle [also Braunkohle-Kraftwerke; W.W.] noch viele Jahrzehnte brauchen.“ (Deutschlandfunk, 17. Mai 2018).

Tatsächlich stellt das Tesla-Werk einen Beitrag zur Umweltzerstörung dar. Elektromobilität – und damit auch Tesla in Brandenburg – werden in der Gesamtbilanz dazu beitragen, dass die straßenverkehrsbedingten CO-2-Emissionen weiter ansteigen. Hinzu kommt die Umweltzerstörung vor Ort. Die Batterieproduktion wird in einer Vergiftung der Böden und einer Gefährdung des Trinkwassers resultieren. Auf der 300 Hektar großen Fläche, die Tesla erhält, standen bis Januar 2020 150 Hektar Kiefernforst. Dieser Wald wird gerodet. Bis zu Beginn der Vegetationsperiode im März soll er platt gemacht sein. Dies erfolgt noch bevor der Vertrag mit Tesla in trockenen Tüchern ist. Tesla bezahlt pro Quadratmeter Land 13,52 Euro – ein Drittel des ortsüblichen Preises. Tesla wird also keine der Hoffnungen erfüllen, weder mehr Arbeitsplätze oder bessere Mobilität, noch mehr Umweltschutz.

 

Im Februar 2020 erscheint: Winfried Wolf: Mit dem Elektroauto in die Sackgasse. Warum E-Mobilität den Klimawandel beschleunigt, 3. erweiterte Auflage, Wien.

Mobilität wird das Schwerpunktthema der nächsten Ausgabe unserer Zeitschrift sein, die im April 2020 erscheinen wird.