| Über die Nische hinaus. Wie eine Graswurzel­bewegung Alternativen zum Markt aufbaut

Mai 2018  Druckansicht    Druckansicht
Gespräch mit Stephanie Wild

Was ist das Grundprinzip der Solidarischen Landwirtschaft?

Es geht erstmal darum, selbst einen zusätzlichen und überschaubaren Wirtschaftskreislauf aus Konsument*innen und Agrarproduzent*innen zu organisieren. Darin soll der Austausch von Lebensmitteln, Geld und praktischer Unterstützung so funktionieren, dass am Ende nicht nur biologisches und regionales Essen auf den Tellern landet, sondern die, die es angebaut haben, auch davon leben können. Die Produkte werden nicht mehr mit Preisen versehen und über den Markt vertrieben. Stattdessen werden nicht nur die Lebensmittel, sondern die gesamten Tätigkeiten einer nachhaltigen Landwirtschaft finanziert. Konkret überweist etwa eine ­Gruppe von Menschen regelmäßig einen vereinbarten Betrag an einen Hof, der die geplanten und zuvor vorgestellten Betriebskosten deckt. Das Solidarische daran ist, dass auch Ernteausfälle oder Produktionsrisiken von den Verbraucher*innen mit getragen werden.

Wie kam es zur Gründung eures Netzwerks in Deutschland? Und wie viele Initiativen gibt es heute?

Projekte Solidarischer Landwirtschaft gibt es schon ziemlich lange, einige schon länger als der Begriff in Deutschland verwendet wird. Die Anregung kam aus Frankreich, der Schweiz, Japan und den USA und von studentischen Forschungsarbeiten. Wir begannen uns auszutauschen und wurden schnell mehr. Das Netzwerk, das im Herbst 2011 gegründet wurde, sollte von Anfang an auch ein transformatives Projekt sein, das Weiterbildung und neue Erfahrungen ermöglicht. Nachdem die ersten SoLaWis vor allem rund um die Metropolen entstanden, sind inzwischen viele mittelgroße Städte dazugekommen. Unsere Bestandsliste umfasst heute mehr als 200 Projekte, von denen etwa ein Drittel im Netzwerk aktiv ist. Daneben versammelt unsere Website weitere 118 Initiativen, die eine SoLaWi gründen wollen. Um einen Betrieb zu unterstützen, braucht es am Ende gar nicht so viele Leute. Neben den vielen Stadt-Land-Netzwerken gibt es inzwischen auch Kooperationen außerhalb von Städten. Wie auf der digitalen Karte unter ernte-teilen.org zu sehen ist verteilen sich SoLaWis inzwischen in alle Himmelsrichtungen.

Was ist die Motivation der Landwirt*­innen und Gärtnereibetriebe, sich zu beteiligen?

Wir denken, dass kleine und mittlere bäuerliche Betriebe die Versorgung der Menschen sichern sollten, nicht Konzerne und Agrarfabriken. Der Kosten- und Preisdruck lässt aber nur die rationalisierten Betriebe überleben. Jeden Tag schließen 30 Betriebe in Deutschland. Die, die übrig bleiben, betreiben häufig eine Form der Landwirtschaft, die wir nicht wollen. Die Kooperation in einer SoLaWi bietet Höfen und Gärtnereien nicht nur mehr ökonomische Sicherheit und Planbarkeit, sondern auch mehr Gestaltungsfreiheit durch eine marktunabhängigere Form der Produktion. In manchen Fällen stehen die wirtschaftlichen Aspekte sicher im Vordergrund, andere Betriebe sehen ein Netz aus engagierten Landwirt*innen aber auch als echten Mehrwert. Als Netzwerk bieten wir Beratung und eine Menge Fachwissen für die Gründung und Umstellung von Solidarhöfen an.

Inwiefern sind SoLaWis auch politische ­Akteure? Welche Rolle spielen die Kritik
an der aktuellen Agrarpolitik und politische Bewegungen wie die für Ernährungs­souveränität?

Die Bewegung für Ernährungssouveränität und die Forderung nach einer Stärkung der bäuerlichen Landwirtschaft waren wichtige Impulse für die Gründung des Netzwerks. Wir kritisieren das agrarindustrielle Modell und diskutieren Alternativen. Dass der Bereich der Landwirtschaft unter den Zwängen einer kapitalistischen Wirtschaftslogik nicht zum Wohl der Menschen funktionieren kann, ist ja alles andere als eine neue Überlegung. Ein globalisierter Markt ist definitiv kein Modell für die Lebensmittelgrundversorgung. Deswegen unterhalten wir gute Kontakte zur Arbeitsgemeinschaft bäuerliche Landwirtschaft (AbL), mobilisieren für die »Wir haben es satt«-Demos und sind Teil einer Plattform von Verbänden, die die Neuausrichtung der EU-Agrarpolitik fordern. Vielen ist es sehr wichtig, Teil einer Bewegung zu sein, der es um mehr geht als nur um die eigene gesunde Ernährung. Mit unserem regionalen Ansatz schaffen wir nicht nur Alternativen zum Status quo, sondern bringen auch unsere Kritik unter die Leute. Essen müssen wir schließlich alle. Was genau dahintersteckt, ist vielen nicht klar. Nach unserer Erfahrung ist die Beschäftigung mit solidarischer Landwirtschaft und das Zusammentreffen mit anderen kritischen Menschen oft der Einstieg in eine Politisierung.

Wie ist die soziale Zusammensetzung in den SoLaWis?

Das ist von Gruppe zu Gruppe verschieden und zum Glück längst nicht so homogen, wie manche meinen – gerade die milieuübergreifende Mischung ist für viele ein Grund, aktiv zu werden. Essen ist eine ganz große ­Schnittmenge und vielleicht eines der wenigen Themen, das uns gesellschaftlich überhaupt noch verbindet. Diese praktische Frage ist nicht nur interessant für weiße Bildungsbürger*innen aus der Großstadt. SoLaWis entstehen meist aus sozialen Netzwerken: Das kann der Kirchenchor sein, die Mund-zu-Mund-Propaganda im Kindergarten, die BUND-Ortsgruppe oder die Willkommens­initiative.

Um bei einer SoLaWi einsteigen zu können, braucht es Zeit, Geld und nicht zuletzt soziale Zugänge. Diskutiert ihr diese Barrieren? Gibt es Strategien, um etwa ärmeren Menschen die Teilnahme zu ermöglichen?

Das »solidarisch« in unserem Namen bezieht sich ausdrücklich nicht nur auf die Landwirtschaft, sondern auf das Verhältnis aller Beteiligten. Den Beitrag zur Unterstützung der Produktion bringt jede Gruppe gemeinsam auf. Sie kann die einzelnen Mitglieder je nach Einkommen unterschiedlich stark belasten. Einige Gruppen setzen solche Modelle schon um, wir regen es auf jeden Fall an. Ähnlich verhält es sich mit der Zeitproblematik. Unserem Selbstverständnis nach geht es bei der solidarischen Landwirtschaft um aktives Mitwirken. Dass Alleinerziehenden oder Menschen mit einer 40-Stunden-Woche ein intensiver Einsatz schwerfällt, liegt aber auf der Hand. Als Netzwerk versuchen wir einen Rahmen zu schaffen, in dem über dieses Dilemma und solidarische Umgangsweisen immer wieder diskutiert wird.

Wie funktioniert die Vernetzung der Initiativen und wie organisiert ihr Entscheidungsprozesse? Haben sich eure Strukturen seit der Gründung professionalisiert?

Unsere zentrale Entscheidungsinstanz sind die jährlichen Netzwerktreffen. Wir arbeiten hier nicht mit einem paritätischen Vertretungsmodell, sondern nach dem Prinzip der Beteiligung. Auf den Treffen wird ein Rat gewählt, der zu gleichen Teilen aus Vertreter*innen von SoLaWis und Einzelpersonen besteht. Der Rat bestimmt aus seinen Reihen eine »Koordination« für kurzfristige Entscheidungen, die sich mit den Angestellten in unserem Netzwerkbüro abstimmt. Als Rechtsform sind wir ein gemeinnütziger Verein. Über die vergangenen sieben Jahre sind wir aber viel mehr geworden: in allen SoLaWis zusammen inzwischen etwa 20 000 bis 25 000 Personen und Haushalte – Tendenz steigend. Das lässt sich nicht mehr wie am Anfang über persönliche Kontakte und eine Excel-Tabelle verwalten. Die Spannung zwischen unserem basisdemokratischen Anspruch und einer höheren Handlungs- und Entscheidungsfähigkeit auszuhalten, ist oft nicht einfach. Wir haben derzeit viele Baustellen: Von der Homepage über Projektanträge können wir vieles nicht so schnell umsetzen, wie wir es gerne würden. Einige finden deshalb, dass wir eine richtige Geschäftsführung bräuchten, für andere wäre das der Anfang vom Ende. Wir müssen uns aber zweifelsohne irgendwie professionalisieren, wenn wir das anhaltende Wachstum bewältigen wollen. Wir sind darum stets auf der Suche nach neuen Lösungen, mit denen alle leben können.

Wie verallgemeinerbar ist euer Modell? Was wären die Voraussetzungen, um es auszuweiten?

Schon heute erreicht das Modell weit mehr Menschen als die unmittelbar Beteiligten, und wir erwarten, dass die Idee und Praxis sich auch noch weiter ausbreiten. Die Ziele – faire Entlohnung, nachhaltige regionale Erzeugung und Sicherheit für die landwirtschaftlichen Betriebe – können durchaus auf einen größeren Maßstab übertragen werden. Und das sollten sie auch! Dadurch würden sich die Modelle im Konkreten natürlich ändern, etwa der direkte Bezug zu einem einzelnen Hof. Aber es gibt Beispiele, die Mut machen, dass dies nicht zwangsläufig den Ausverkauf der Idee bedeuten muss. Zum Beispiel Hansalim in Südkorea, eine der weltweit größten Organisationen solidarischer Landwirtschaft, die mit 2 000 Höfen Lebensmittel für mehr als eineinhalb Millionen Menschen produziert. Dazu zählen 21 Verteilerkooperativen und 180 Bioläden. Hansalim ist gleichzeitig fest verwurzelt in sozialen Bewegungen, mobilisiert gegen Atomkraft und grüne Gentechnik. Dank der Gemeinwohlorientierung fließt kein Gewinn in private Taschen. Von solchen Beispielen bräuchte es viel mehr.

Was können Menschen tun, die konkret aktiv werden möchten?

Sie sollen einfach anfangen: sich nach Gruppen in der Nähe umsehen und Kontakt aufnehmen. Wenn diese gerade keine Neumitglieder aufnehmen, ermutigen wir Interessierte, auf die Suche nach Mitstreiter*innen zu gehen und eine neue Initiative zu gründen. Außerdem können sie natürlich Mitglied oder Fördermitglied im Netzwerk werden. Wir freuen uns immer über neue Gesichter.

Das Interview führte Steffen Kühne.

Mehr Infos zu SoLaWis:

www.solidarische-landwirtschaft.org

www.ernte-teilen.org