| Trotz allem! 
Einstiege in eine feministische Transformation

September 2018  Druckansicht    Druckansicht
Von Margarita Tsomou

Ich sage es nicht gern, aber ich muss es zugeben: #MeToo war eine Revolution. Ich sage es deshalb nicht gern, weil ich als aktive Feministin Diskussionen um »No Means No« und Alltagssexismus immer als eine Art Einstieg in den Feminismus betrachtet habe. Deswegen verspüre ich heute eine Art enttäuschte Verwunderung darüber, dass Debatten um sexuelle Belästigung für so viel Wirbel sorgen können – als hätte die Öffentlichkeit zum ersten Mal davon gehört! Als hätte die Frauenbewegung nicht spätestens seit den 1970er Jahren sexuelle Gewalt zu einem zentralen Punkt einer feministischen Agenda gemacht. Und als hätten wir uns nicht in überwiegend unbezahlter Arbeit die Finger wundgeschrieben, um Sexismus breiter zu denken als den Kampf zwischen zwei Geschlechtern. Insofern halte ich nichts von der Fixierung auf Heterosexualität und dem Spektakel, das in den #MeToo-Debatten mitschwingt. Dennoch erleben wir gerade, wie sich diese der patriarchalen Heteromatrix anhaftenden Gewissheiten gegen das Patriarchat selbst richten. Also bin ich bereit, den Schritt mitzugehen und ihn produktiv zu machen, unter der Bedingung, dass weitere Schritte folgen werden. #MeToo muss nicht, kann aber als Einstieg in Debatten fungieren, die über Fragen der sexuellen Belästigung hinausweisen, die die unsichtbaren Dynamiken von Benachteiligung und Ausbeutung thematisieren und diese mit einer Kritik an der Funktion von geschlechtlicher Arbeitsteilung im Kapitalismus verbinden.

Das Besondere an den #MeToo-Anklagen ist, dass sie das Potenzial haben, den Verantwortlichen und ihren Kompliz*innen richtig zu schaden, denn wir haben es hier mit einem Diskurs zu tun, der unter Umständen folgenreich sein kann. #MeToo hat »Sabotagepotenzial«: Menschen können ihre Jobs verlieren, öffentlich geächtet und diffamiert werden, ihre Karrieren können unwiederbringlich zerstört werden und Institutionen müssen Skandale befürchten. Dies alles hat zu einer neuen Sensibilität für Sexismus geführt sowie zu allerlei »Präventivmaßnahmen«: Der Literaturnobelpreis wird nicht vergeben und in Cannes oder bei der Berlinale gewinnen neuerdings auch Frauen* die Filmpreise.

Wir haben es also mit einem wirkmächtigen Hebel für gesellschaftliche Transformation zu tun, und wann können wir das schon über eine Bewegung sagen! #MeToo wird zur Waffe, verleiht Macht da, wo sie nicht zu vermuten war, und zeigt, dass es sich lohnt, sich zu wehren. Während wir auf diverse Skandale – Klimaschutz, Kriege, Korruption und Sozialpolitik – auch wegen der geringen Spielräume in dieser TINA-Ära ((There Is No Alternative (TINA). )) inzwischen eher abgestumpft reagieren, sorgt der Vorwurf sexueller Belästigung noch für Aufregung und Verschiebungen auf den Etagen der Macht.

Das Momentum nutzen

Dass diese gesellschaftliche Kraft von einer Hashtag-Bewegung ausgeht, ist kein Zufall. Hashtag-Bewegungen können aus einer heterogenen Gruppe von Menschen, die sich untereinander nicht kennen, (zumindest vorübergehend) ein Online-Wir machen. So entsteht eine aggregierte und dennoch differenzierte Vielstimmigkeit von Verschiedenen. Das ist insbesondere in Bezug auf die Frauenbewegung wichtig, weil zwar alle Frauen* strukturell benachteiligt sind, sich aber hinsichtlich ihrer gesellschaftlichen und politischen Positionierung voneinander unterscheiden. So wird es möglich, gemeinsam und dennoch individuell gegen sexuelle Gewalt aufzubegehren. Der Zugang für jede Einzelne ist niedrigschwellig, sie kann im eigenen Umfeld politisch aktiv werden, ohne sich einem kollektiven Zusammenhang anschließen zu müssen. Auf eine bisher beispiellose Art wird es heute gesamtgesellschaftlich als legitim empfunden, sexuelle Belästigung öffentlich zu machen
und anzuprangern. Das ist neu. Relativ neu ist auch die Häufigkeit, mit der im Zuge dieser Debatte nun auch Berichte über den Gender-Pay-Gap, Frauenarmut, geschlechtliche Arbeitsteilung oder Reproduktionsrechte in der Mainstream-Presse erscheinen.

Insgesamt jedoch – und nicht zuletzt auch wegen ihres individualistischen Fokus – leidet die Debatte um #MeToo an einer erheblichen Verkürzung: Sexismus wird als privater Verhaltensdefekt behandelt. Die systemimmanente Funktion von Sexismus in seiner Verschränkung mit Geschlechterverhältnissen, Rassismus und Reproduktionsarbeit im Kontext einer neoliberalen Klassengesellschaft wird allenfalls implizit diskutiert. Aber genau deswegen gilt
es jetzt in die Debatte einzusteigen und den Schwung zu nutzen, den #MeToo für die massenhafte Verbreitung von feministischen Positionen hervorgebracht hat.

Nicht vom Himmel gefallen …

Doch gewiss: Auch #MeToo wäre untergegangen, hätte es nicht in den letzten Jahren eine Entwicklung gegeben, die den Feminismus
in die Mitte der Gesellschaft katapultiert hat. #MeToo ist nur die sichtbare Spitze eines Eisbergs. Darunter liegen Verschiebungen etwa auf kultureller Ebene: So titelt die Zeitschrift Vogue mit Stars, die sich als genderfluid wahrnehmen, sich also nicht einem der beiden hegemonialen Geschlechter zuordnen wollen, oder packt die Transgender-Ikone Laverne Cox (»Orange is the new black«) aufs Cover. Serien wie »Transparent« oder »I Love Dick«, in denen es um weibliche Sexualität oder queere Familienformen geht, unterhalten ein globales Publikum, und Sängerinnen wie Janelle Monáe und Beyoncé konkurrieren um die beste queer-feministische Pop-Hymne. Zwar passiert all das parallel zum jüngsten Rechtsruck, aber man kann es auch positiv lesen: Der tobende Antifeminismus der Rechten und die Debatten über beschädigte »Männlichkeit« sind reaktionäre Rückzugsgefechte, die sich gegen die neue Selbstverständlichkeit feministischer Anliegen richten. Und auch in linken Debatten ist immer wieder darauf hingewiesen worden, dass es im Kampf gegen die neue Rechte in Polen oder den USA eindeutig Frauenbewegungen sind, die die meisten Menschen mobilisieren und auf die Straße bringen können (vgl. Taylor 2017).

Diese historische Konjunktur feministischer Kämpfe ist durchaus vergleichbar mit den großen Momenten der Frauenbewegung am Anfang des 20. Jahrhunderts oder in den 1970er Jahren. »The future is feminist«, so lautete einer der Hauptslogans der Women’s Marches. Ist also das Zeitalter des Feminismus angebrochen? Und was würde das heißen angesichts der Tatsache, dass Feminismen immer im Plural artikuliert wurden? Was für einen Feminismus wollen wir darin stärken?

Intersektional und klassenpolitisch

Die interessantesten Strömungen der neuen feministischen Bewegungen sind diejenigen, die sich durch radikale Inklusivität auszeichnen und über die Sorge um das Subjekt »Frau« hinausgehen. Feminismus wird so zu einem mit Hoffnung besetzten politischen Horizont für all diejenigen, die sich nach emanzipatorischen Bewegungen sehnen und von den Sackgassen linker Politik enttäuscht sind. Slogans wie »Gender Justice Is Racial Justice Is Economic Justice«, »Make Empathy Great Again!« oder »Women’s Rights Are Human Rights!«, die beim globalen Women’s Strike am 8. März 2018 überall zu hören waren, betten die Frage von Frauenrechten in universalistische Kämpfe gegen Diskriminierung, Rassis-
mus und für mehr soziale Ge-
rechtigkeit ein. Das macht Sinn,
denn Frauen* halten überall auf
der Welt den Betrieb am Laufen,
indem sie all die Aufgaben
schultern, die gesellschaftlich
notwendig, aber mit nur wenig
Geld und Anerkennung verbun-
den sind: Sie stellen die Mehr-
heit der Workingpoor, sie sind Care-Arbeiter*innen, überneh-
men in Familien überwiegend die Reproduktionsarbeit. Und
viele haben Gewalterfahrungen
gemacht. Insofern sind Frauen*
prädestiniert, Allianzen mit
anderen subalternen Gruppen
einzugehen, um jenseits von
Identitätsgrenzen und entlang
einer sozial-feministischen
Agenda gesellschaftliche Auseinandersetzungen und Kämpfe anzuführen. Es ist keine Neuigkeit, dass wir für solche Bündnisse einen intersektionalen Feminismus brauchen, der sich sowohl vom neoliberalen Aufsteiger-Feminismus als auch vom rassistisch motivierten Frauenbeschützertum der Rechten distanziert (vgl. Fraser 2018).

Was wäre nun, wenn wir diese Befunde etwas ernster nehmen und die aufkommenden Feminismen nicht nur als Ein-Punkt-Bewegungen für die Belange von »Frauen« verstehen, sondern als verallgemeinerte soziale Bewegungen für gesellschaftliche Emanzipation? Ihnen könnte in den Kämpfen gegen Klassenherrschaft und Rassismus genauso wie beim Aufbau einer antifaschistischen Front gegen erstarkende rechtsextreme Kräfte eine Schlüsselfunktion zukommen. Dazu müssten wir aber die von rechts aufgezwungene Dichotomie zwischen der »sozialen Frage« und »Identitätsfragen« zurückweisen und verstehen, dass die soziale Frage nie abstrakt oder universell gestellt wird, sondern immer von spezifischen gesellschaftlichen Positionen aus (vgl. Becker in diesem Heft). Was spricht dagegen, endlich Abschied zu nehmen von der verzerrten Vorstellung, Fragen der Umverteilung beträfen das vermeintlich universelle Subjekt »männlicher Arbeiter«, während Fragen von Gender und Race nur die kulturelle Sphäre berührten?

Was wäre, wenn wir endlich anerkennen würden, dass der viel beschworene »Hauptwiderspruch« den Lebensverhältnissen von Frauen*, Queers oder Nicht-Weißen genauso immanent ist (vgl. Fried 2017)? Die Bewegungen der Care-Revolution machen doch schon längst vor, dass queer-feministische Anliegen auch soziale Fragen sind und dass kapitalistische Widersprüche nicht vor der Haustür von Migrant*innen oder Frauen* haltmachen. ((Vgl. www.care-revolution.de)) Queer-feministische Bewegungen wären aufgrund ihrer besonderen gesellschaftlichen Akzeptanz und Wirkungsmacht diejenigen, die derzeit das größte Potenzial aufweisen, wenn es darum geht, sich gegen rechts und gegen die Neoliberalisierung unseres Lebens zu stellen.
Realität ist dies schon in Lateinamerika. Dort wird von neuen feministischen Bewegungen Sexismus als Gewalt, als Diskriminierung und als ökonomische Ausbeutung auf der Grundlage von Geschlecht thematisiert und bekämpft. Ni Una Menos (vgl. Mason-Deese in diesem Heft) hat sich als Reaktion auf die unzähligen Frauenmorde in Argentinien gegründet, und begreift sich schon immer als Teil der Bewegungen von Subalternen.
Die Aktivist*innen ziehen eine Verbindung zwischen den Morden an jungen Frauen* und der extremen ökonomischen Ausbeutung, die Frauen* in der Arbeitswelt erfahren. Nicht selten handelt es sich bei den Mordopfern
um gewerkschaftliche Aktivist*innen. Es ist kein Zufall, dass gerade dort das Leben von Frauen* besonders wenig wert ist, wo auch ihre Arbeitskraft extrem entwertet ist.
Der Zusammenhang zwischen körperlicher Gewalt und ökonomischer Ausbeutung wird auch hierzulande stärker in den Blick genommen, seit die Protestform des Frauenstreiks bei uns angekommen ist. Bereits ein Jahr, bevor #MeToo weltweit in den Schlagzeilen landete, hatten sich in Argentinien und Spanien mehr als eine halbe Million Menschen einem solchen Streik angeschlossen (vgl. Coppens/Nichols in diesem Heft). Die Bewegung #WeStrike vereint ganz unterschiedliche prekär Beschäftigte, die das Rückgrat der stark flexibilisierten und oftmals informellen Arbeitsmärkte unserer Dienstleistungsgesellschaften bilden. Klassengewalt wird hier als vergeschlechtlichte Gewalt begriffen, die Auswirkungen auf die Arbeitsverhältnisse im Kapitalismus hat.

Wenn wir die These von Silvia Federici (2018) erst nehmen, wonach kapitalistische Akkumulation mit patriarchaler Herrschaft verzahnt ist, dann erkennen wir, wie im gegenwärtigen Neoliberalismus die Wertschöpfung immer mehr auf die Flexibilisierung von Arbeit und die Ausbeutung von unentgeltlich verrichteter Reproduktionsarbeit angewiesen ist – nicht zuletzt aufgrund der vielerorts massiv gekürzten öffentlichen Sozialausgaben. Schon lange argumentieren wir, dass der Neoliberalismus die private und alltägliche Sphäre als Hort der Wertproduktion etabliert hat. Hinzu kommt, dass sehr viele Frauen*
in Bereichen tätig sind, die sich der Neoliberalismus als öffentlich finanzierte nicht mehr länger leisten will: im Gesundheits-, Bildungs- und Erziehungswesen. Somit steht die von Frauen* und Prekären verrichtete Arbeit heute besonders unter Druck.

Es spricht viel dafür, dass zu Beginn des 21. Jahrhunderts die Avantgarde der Arbeiterklasse, das revolutionäre Subjekt, vor allem weiblich, migrantisch, prekär und of colour ist. Ein solches intersektional gedachtes Frauensubjekt hat das »objektive Interesse« – um mit Marx zu sprechen –, sich sowohl gegen den »weibliche« Lebens- und Arbeitsverhältnisse bedrohenden Neoliberalismus als auch gegen den aufkommenden Rechtspopulismus zu wehren, der Emanzipationsgewinne der Frauenbewegungen gefährdet. Hier lässt sich das Potenzial eines neu entstehenden Klassensubjektes entdecken, das der heutigen Klassenkomposition gerecht wird (vgl. Salleh 2018). Oder auch das Potenzial einer feministischen antifaschistischen Front, die vermutlich mehr Menschen zu mobilisieren vermag als die eher isolierte Linke.

Außerdem könnten die aus #WeStrike und #MeToo hervorgegangenen Bewegungen die männlich dominierten Vorstandsetagen tatsächlich unter Druck setzen. Was, wenn
es in Reaktion auf einen #MeToo-Fall in einem Unternehmen zu einem Streik käme? Denkbar wäre, dass so auch strukturelle Veränderungen angestoßen werden. Nach dem Vorbild der Bewegungen in Lateinamerika wäre es auch hier möglich, Sexismus stärker mit der Entwertung von Frauenkörpern und -arbeit im Kapitalismus in Zusammenhang zu stellen und damit die Perspektive zu erweitern (vgl. Wischnewski in diesem Heft).

Natürlich bedeutet das nicht, dass
alle Frauen* unsere Verbündeten sind. Die Geschichte der Frauenbewegung wurde schon immer auch von rechts geschrieben. Die Identitären oder auch die AfD nutzen in Deutschland gerade den #MeToo-Hype, um ihre eigenen »Frauenbewegungen« aufzubauen, die sich gegen reproduktive Rechte einsetzen und die Frauenfrage rassistisch instrumentalisieren (vgl. Wiegel in diesem Heft). In neokolonialer Manier wird so getan, als müssten weiße Frauen vor dem »bedrohlichen schwarzen Mann« geschützt werden. Eine strukturell ähnliche Argumentation findet sich selbst in feministischen Kreisen, zum Beispiel rund um die Zeitschrift EMMA. Es verwundert nicht, dass AfD- und Pegida-Anhänger*innen auch Leser*innen dieser Zeitschrift sind.

Als Kriterium für potenzielle Verbündete für eine progressive Politik reicht es selbstverständlich nicht aus, das biologische Geschlecht heranzuziehen. Der Feminismus, der mir vorschwebt, ist ein Projekt, das als radikal inklusive und soziale Bewegung immer wieder neu entworfen und vor allem in der Praxis organisiert werden muss. Aber angesichts der gegenwärtigen hohen gesellschaftlichen Akzeptanz von feministischen Anliegen würde es sich lohnen, in diese Richtung weiter nachzudenken, die »Frauenfrage« als Schlüsselfrage im heutigen Kapitalismus zu betrachten und das transformatorische (Bündnis-)Potenzial eines intersektionalen Feminismus noch viel stärker auszuschöpfen.

Literatur

  • Federici, Silvia, 2018: Über Marx hinaus, in: LuXemburg 2–3/2017, 86–93
  • Fraser, Nancy, 2018: Hegemonie in der Krise, in: LuXemburg-Online, Februar 2018
  • Fried, Barbara, 2017: »Feminism is for everyone«. – Perspektiven einer feministischen Klassenpolitik, in: LuXemburg-Spezial »Neue Klassenpolitik«, 22–39
  • Salleh, Ariel, 2018: Für eine Demokratisierung der Klassentheorie, in: LuXemburg 2–3/2017, 150–154
  • Taylor, Keeanga-Yamahtta, 2017: Das Problem hinter Trump, in: LuXemburg 1/2017, 16–29