| Ein marginales Zentrum. Geschlechterverhältnisse sind Produktionsverhältnisse

Von Frigga Haug

Will man eine Theorie der Geschlechterverhältnisse erarbeiten, welche die Gesellschaftsverhältnisse und ihre Regulierung nicht aus den Augen verliert, gilt es, den Begriff der Produktionsverhältnisse kritisch zu reformulieren. Dies klingt zunächst anmaßend, soweit wir gewohnt sind, diese als Ökonomie und Politik aufzufassen, also als die Weise, wie in Gesamtgesellschaft Waren produziert werden und wie diese Produktionsweise politisch reguliert wird. Schließt diese Bestimmung die Frage nach den Praxen der Geschlechter aus?
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| 35-Stunden-Woche als erster Schritt: Die Arbeitszeitpolitik der portugiesischen Regierung

Von Catarina Principe

Austerität bezeichnet den Ausnahmezustand, unter dem Portugal seit zehn Jahren lebt und dessen gesellschaftlichen Verwerfungen unter anderem zu einer Verlängerung der Arbeitszeit führten. Aus kleineren Anpassungsprogrammen, die in der Folge der Finanzkrise von 2007-2008 noch von der damaligen Minderheitsregierung der Sozialistischen Partei (SP) eingeführt wurden – Bankenrettung, Lohn- und Gehaltskürzungen, sowie eine stetig voranschreitende Absenkung von Sozialleistungen – wurde zwischen 2011 und 2014 immer deutlicher ein Generalangriff auf den Lebensstandard der arbeitenden Bevölkerung.
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| Der Kampf für Freizeit

Von Miya Tokumitsu

Der Kampf um weniger Arbeitsstunden ist ein Kampf um Befreiung. US-amerikanische Perspektiven auf die Tarifauseinandersetzung der IG Metall.

Gegenwärtig befindet sich die größte deutsche Gewerkschaft IG Metall in einer Tarifauseinandersetzung mit tiefen historischen Wurzeln. Die Gewerkschaft – die 2,3 Millionen Fabrikarbeiter*innen repräsentiert – nutzt die aktuelle Tarifrunde, um die Möglichkeit einer temporären, flexiblen und nach den Bedürfnissen der Arbeitnehmer*innen zu gestaltenden Reduzierung der Arbeitswoche zu fordern. Sie argumentiert, dass die Arbeiter*innen dadurch unter anderem mehr Zeit hätten für die Kindererziehung oder die Pflege von älteren Verwandten. Mit dieser Initiative kehrt die IG Metall zu einem enorm wichtigen, und traditionell erfolgreichen, Themenfeld der Arbeiterbewegung zurück: Freizeit für Arbeiter*innen.
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| Auf dem Dachboden der Geschichte kramen

Von Tithi Bhattacharya

Klassengedächtnis, Klassenkampf und die Archivar*innen der Zukunft

Im Jahr 1990 sah ich in dem Film Der Zufall möglicherweise des polnischen Regisseurs Krysztof Kieślowski, ohne damals das lähmende Moment einer bestimmten Szene zu erkennen. Durch Zufall lernt der Protagonist Witek einen alten Kommunisten kennen und entschließt sich in die Kommunistische Partei einzutreten. Später läuft er seiner ersten großen Liebe über den Weg. Nach einer wunderschönen und intensiven Sexszene folgt ein Moment der Ruhe, in dem Witek wie abwesend die Internationale pfeift. Seine Gefährtin murmelt zustimmend, worauf Witek fragt: „Wie würdest du es finden, wenn ich das immer sänge?“ Die junge Frau weicht zurück; sie weiß, dass er in „der Partei“ ist. Dann verlässt sie den Raum und sein Leben.
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| Die Zumutungen der Klasse. Vielfältige Identitäten und sozialistische Klassenpolitik

Von Alex Demirović

Der Erfolg autoritär-populistischer Politiker*innen und ihrer Kritik an Globalisierung, an Arbeitslosigkeit und Unsicherheit haben zu einer neuen Aufmerksamkeit für die Klassenfrage geführt. Bestärkt wurde das durch Diskussionen über das Buch »Rückkehr nach Reims« von Didier Eribon. In der Debatte wird der Eindruck erweckt, als habe die Linke in den vergangenen Jahren die soziale Frage aus den Augen verloren und sich nur noch für Anerkennungs- und »Identitätsfragen« engagiert, also für Fragen der geschlechtlichen und sexuellen Emanzipation oder der Bekämpfung von Rassismus und Nationalismus. Mit einer solchen Argumentation geht dann die Einschätzung einher, es handele sich um die Lebensweise eines globalisierten und großstädtischen, gut gebildeten Kleinbürgertums, das für neue Kommunikations- und kulturelle Alltagspraktiken offen sei,
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| Trampelpfade statt Einbahnstraßen

Von Christoph Spehr

 

Warum sich Arbeitsmarktintegration an migrantischen Praxen orientieren sollte

»Reporting from the Front« war das Motto der Architekturbiennale, die von Mai bis November 2016 in Venedig stattfand. Globale Migration als fundamentales Muster und elementare Herausforderung zog sich als roter Faden durch die Ausstellung. Der deutsche Pavillon »Making Heimat – Germany, Arrival Country« war einer der herausragenden Beiträge. Gestaltet von der deutschen Architektin Anna Scheuermann und dem kanadischen Migrationsforscher Doug Saunders, illustrierte er anhand von acht Thesen, was eine erfolgreiche »Einwanderungsstadt« ausmacht. Einwanderungsstädte, »Arrival Cities«, sind Städte oder Stadtviertel, in denen besonders viele Zuwander*innen in den ersten kritischen Jahren nach ihrer Ankunft wohnen. Eine von Saundersʼ Thesen lautet: »Die Arrival City ist informell.« Denn die Einwanderungsstadt ist geprägt von Arbeitsverhältnissen, Geschäften und Unternehmen, die nicht unbedingt unseren Standards von Normalarbeitsverhältnissen entsprechen.
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| Kalifonisches Erdbeben: 15 Dollar Mindestlohn

Von Martin J. Bennett

Kaliforniens Gouverneur Jerry Brown unterzeichnete kürzlich eine Anhebung des Mindestlohns von zehn auf 15 Dollar (ca. 13,50 Euro) pro Stunde – eine Steigerung um 50 Prozent, die den Mindestlohn in diesem Bundesstaat zum höchsten der Nation macht. Der Anstieg wird stufenweise über sechs Jahre hinweg erfolgen, um danach jährlich an die steigenden Lebenshaltungskosten angepasst zu werden.
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| Erneuerung durch Social Movement Unionism?

Von Sam Gindin

Warum neue Methoden allein die Gewerkschaften nicht auf die Beine bringen werden

Klassische gewerkschaftliche Organisierung, die auf den Betrieb zielt, ist out, eine Zusammenarbeit mit sozialen Bewegungen hingegen ist in – darin sind sich nordamerikanische Gewerkschaftsaktivist*innen einig. In Debatten zur Erneuerung der Gewerkschaftsbewegung steht social movement unionism für das maximal Vorstellbare: kämpferische Gewerkschaften mit demokratischen Strukturen, die ein Bewusstsein für soziale Gerechtigkeit und Klassenfragen haben und als Teil einer übergreifenden sozialen und politischen Bewegung agieren.
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| Selbstorganisierung jenseits der Plätze

Von Nikolai Huke

Gewerkschaften und Mareas in Spanien

Die Platzbesetzungen in Spanien und Griechenland fanden in linken Debatten hierzulande breite Beachtung, Gleiches gilt für die neuen linken Parteien Syriza und Podemos. Gewerkschaftliche Proteste in Südeuropa stie­ en hingegen auf eine deutlich geringere Resonanz.Eine intensivere Auseinandersetzung wäre jedoch durchaus produktiv:
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| Ein unmoralisches Angebot. Die LINKE als Partei gewerkschaftlicher Erneuerung

Von Bernd Riexinger

Die Gründung der Partei die LINKE im Jahr 2007 steht auch für eine Schwächung der sozialdemokratischen Hegemonie innerhalb der Gewerkschaften. Diese war seit den 1990er Jahren brüchig geworden, doch insbesondere im Zuge der Massenproteste gegen die Agenda-2010-Politik hatten sich Teile der Gewerkschaften endgültig von der neoliberalisierten SPD gelöst. Die Linke konnte in diese Lücke vorstoßen und sich als starke Minderheitenströmung in den Gewerkschaften etablieren. Gleichzeitig steht sie vor der Aufgabe, ihre Verankerung bei den gewerkschaftlich organisierten Lohnabhängigen auszubauen und ihren ›Gebrauchswert‹ für die Kämpfe um bessere Arbeits- und Lebensbedingungen zu erhöhen.1
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