| Alle Artikel von Stuart Hall

| Zur Verleugnung von Race

April 2019
Von Stuart Hall

Dies ist das leicht gekürzte vierte Kapitel des demnächst im Argument-Verlag erscheinenden Buches »Vertrauter Fremder«.

In »Vertrauter Fremder« zeichnet Stuart Hall ein komplexes Ganzes widersprüchlicher Spannungsverhältnisse zwischen den Zeiten, den Orten und dem verschieden Gelernten seines Lebens. Das Buch ist gewollt keine Biografie, sondern der Versuch einer Reflexion, und es folgt einem roten Faden: »Es gab keinen einzigen Augenblick auf meinem Entwicklungsweg, der nicht von meiner rassisierten Positionierung befeuert worden wäre.«

Halls Erinnerung an Jamaika, wo er aufwuchs, ist keine an ein Zuhause, sondern an einen bekannten, aber nicht wieder zu erreichenden Ort zwischen Fiktion und Geschichte. Sie liegt an einem doppelten Rand: dem der Erinnerung und jenem des britischen Kolonialismus. Die Vergangenheit wird zu einer realen Fantasie, die Hall aus dem Gedächtnis, aus Gesprächen und aus dem Erinnern körperlicher Empfindungen webt. Hall erschafft so eine biografische Repräsentation, die er als im ständigen Übergang begreift. »Metaphorisch ausgedrückt könnte man sagen, ich klebte fest auf der Türschwelle zwischen der kolonialen und der postkolonialen Welt.« Im Zentrum des Empire erlebte er, dass die britische Gesellschaft die Geschichte ihrer Verbindungen zu den Kolonien und ihre gewaltvollen

Konsequenzen unsichtbar und vergessen zu machen suchte: »Ich friere hier immer.« Dieses Vergessenmachen wird durch Schulbücher, Geschichten, Literatur, kurz durch eine ganze koloniale Ordnung der Dinge ermöglicht. Das »Nicht-mehr« und das »Noch-nicht« bilden ein Hauptmotiv seiner Rekonstruktion, in der es um das vertraute Fremde geht, um das

Überschreiten der Grenze zwischen Zentrum und Diaspora. Zweck des »Entidentifizierens« ist, sich das Gewohnte bewusst fremd zu machen. Es sei aber ungleich schwerer für all jene, die am Boden der Hierarchie festgehalten werden, die gewaltvollen Zuordnungen des Identifiziertwerdens aufzubrechen.

»Vertrauter Fremder« liest sich selbst wie ein Erfahrungsbericht über die Kraft der Migrationsbewegungen nach Jamaika, über die komplizierten lokalen und nationalen Hierarchien innerhalb des Empire und die Familiengeschichten, die zwischen Authentizitätsglauben und kritischer Genealogie changieren. Hall versucht, Wendepunkte, Brüche und Diskontinuitäten aufzuzeigen. Angetrieben durch den Willen zur Kritik des Unrechts und getragen von einer Offenheit für das Neue, Ungemütliche und Unbekannte schreibt Hall: »Anders ausgedrückt hoffe ich, dieses Buch könnte vielleicht eine Innensicht der widersprüchlichen Stationen des Wandlungsprozesses dieser uralten Geschichte liefern – des langen quälenden und niemals zu einem Ende kommenden Wegs raus aus der kolonialen Subalternität.«

Jan Niggemann

Wie antwortet man auf die unschuldige – oder gar nicht so unschuldige – Frage: »Woher kommst du?« So einfach sie vordergründig zu sein scheint, ist sie doch schwer mit zusätzlichen Bedeutungen aufgeladen. Ich erinnere mich in diesem Zusammenhang an James Baldwins Begegnung mit einem Westinder 1 im British Museum in den 1960er Jahren, wo er mit ebendieser Frage konfrontiert wurde. »Woher kommen Sie?« Selbst nachdem Baldwin seine Herkunft in aller Deutlichkeit dargelegt hatte – »Ich wurde im Harlem General Hospital geboren« –, ließ sein Gesprächspartner nicht locker, bis er Baldwin schließlich fragte: »Aber wo wurden Sie davor geboren?« Ganz genau! In dieser Frage kann es von versteckten, tückischen Vorannahmen nur so wimmeln.
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Anmerkungen

  1. Bewohner der Westindischen Inseln, die aus mehreren karibischen Inselgruppen bestehen.[]

| Wiedergelesen: ›Rasse‹, Artikulation und Gesellschaften mit struktureller Dominante

Juni 2018
Von Stuart Hall

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Ziel dieses Aufsatzes ist es, eine Reihe von Fragen und Problemen genauer zu bestimmen, die beim Studium rassistisch strukturierter Gesellschaftsformationen auftauchen, und auf neue wichtige Forschungsansätze hinzuweisen. Dafür ist es wichtig, die Brüche zu markieren, die diese neuen Studien im etablierten Forschungsfeld darstellen. Was das Feld angeht, so lässt es sich in zwei große Strömungen unterteilen, die beide eine breite Vielfalt verschiedener Studien und Ansätze hervorgebracht haben.
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| Wiederkehr des Verdrängten

September 2014
Interview mit Stuart Hall

Religion erscheint vielen als ein Relikt aus vergangenen Zeiten. Ein langer Abschied von der politischen Weltbühne war ihr vorausgesagt, so die gängige Auffassung von Säkularisierung. Doch ungeachtet dessen kann in den letzten Jahren eine Re-Formierung politisch religiöser Bewegungen beobachtet werden – von evangelikalen Massenkirchen, über die hindunationalistische Bewegung bis hin zum Islamischen Staat (IS). Teilweise sind sie es, die das globale neoliberale System herausfordern. Stuart Hall hat diese Entwicklungen vor einigen Jahren kommentiert. Wir dokumentieren hier erstmals in deutscher Übersetzung einen Ausschnitt aus einem Interview mit dem linken Kulturtheoretiker, der im Februar dieses Jahres verstarb.
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