| Stuart Hall (1932-2014): Intellektueller der schwarzen Diaspora, Kämpfer wider den Neoliberalismus

Mai 2014  Druckansicht    Druckansicht
Von Thomas Barfuss und Juha Koivisto

So wie die Ware glänzt und damit von den Umständen ihrer Erzeugung schweigt, so betreten auch die Ideen die Bühne medialer und akademischer Aufmerksamkeit oft wie aus dem Ei gepellt: Umstandslos scheinen sie aus anderen Ideen hervorgegangen, nicht aus der offenen Wunde der Geschichte. Solchem Ideen-Design hat sich Stuart Hall zeitlebens widersetzt. Das von ihm maßgeblich mitgeprägte Projekt der Cultural Studies war ein Versuch, »organische Intellektuelle« in Gramscis Sinn hervorzubringen: Grenzgänger zwischen Theorie und Praxis, Übersetzer zwischen Wissenschaft und Alltagsverstand, Vermittler zwischen Politik und gelebtem Leben. Sie arbeiten »an zwei Fronten gleichzeitig«, denn sie müssen zum einen »an der vordersten Front der theoretischen Arbeit stehen«, um zum andern »ihre Gedanken, ihr Wissen in ihrer Funktion als Intellektuelle denen zu vermitteln, die nicht berufsmäßig zur intellektuellen Klasse gehören« (2000, 41f).

Wege statt Wurzeln

Hall wuchs in Jamaika in einer mittelständischen Familie auf, die väterlicherseits »vom Land kam und von dunkler Hautfarbe war« und mütterlicherseits »aus der hellhäutigen Fraktion, die sich auf England und auf die Plantage orientierte« (2000, 8). 1951 begleitete die Mutter den Achtzehnjährigen auf einem Bananendampfer ›heim‹ nach England. Für Hall wurde sein mit einem Rhodes Stipendium ermöglichtes Studium in Oxford zur Ablösung sowohl von der Mutter wie vom kolonialen ›Mutterland‹. Er verweigerte sich dem mütterlichen zurück zu den Wurzeln, in dem sich Emanzipation und Unterwerfung untrennbar verschlangen, und setzte den R-o-o-t-s die Wege entgegen: R-o-u-t-e-s. Das Zentrum von den Rändern her betretend, schlug er dieselbe Richtung ein, die auch einige Studenten aus der englischen Arbeiterklasse genommen hatten. Leute wie Raymond Williams oder Richard Hoggart lösten sich von der bürgerlichen Elitekultur, worin die Alltags- und die Arbeiterkultur ihrer Herkunft keinen Platz fand, und begannen die moderne Massenkultur zu untersuchen. Zum Marxismus gelangte Hall »durch die Hintertür«, nämlich »gegen die sowjetischen Panzer in Budapest« (2000, 37). Die Besetzung Ungarns durch sowjetische Truppen 1956 und der britische Einmarsch in Suez im selben Jahr wurden zum Fanal eines Aufbruchs. Hall gehörte zu den Redakteuren der Universities and Left Review, aus der 1961 die New Left Review mit Hall als Herausgeber hervorging. »Bleib drüben, komm nicht zurück und mach uns mit deinen komischen Ideen keinen Ärger hier« (15), ließ ihn die Mutter aus Jamaika wissen.

Encoding/Decoding

An der Universität Birmingham hatte Richard Hoggart 1964 das Centre for Contemporary Cultural Studies gegründet, weil er neben seiner Tätigkeit als Professor für englische Literatur auch weiterhin die Arbeiterkultur und ihre Umformung durch die Massenkultur studieren wollte. Hall wurde der erste wissenschaftliche Mitarbeiter des Instituts sowie nach Hoggarts Weggang 1968 dessen Direktor bis 1979. Von heute aus scheint es kaum zu glauben, dass das Institut in jenen produktiven Jahren nicht mehr als drei Angestellte zählte. Man praktizierte ein Arbeitsgruppensystem, das mithalf, die Lücke zwischen der theoretisch-konzeptuellen Arbeit und der konkreten Forschung zu schließen. Zu den sich überkreuzenden Arbeitsgruppen kam ein von turbulenten Auseinandersetzungen geprägter Arbeitsstil. Ein später berühmt gewordenes Arbeitspapier aus diesen Jahren zeigt Hall beim Versuch, die Linearität der damals verwendeten kommunikationstheoretischen Modelle zu überwinden. Massenkommunikation denkt er als gegliederten Vorgang, dessen einzelne Momente in ihrer relativen Eigenständigkeit analysiert werden müssen, so wie Marx den Zusammenhang von Produktion, Zirkulation und Konsum studiert hat. Es gibt also »keine zwangsläufige Korrespondenz zwischen Kodieren und Dekodieren« (2004, 77). Damit denkt Hall Massenkommunikation auf dem Niveau von Gramscis Hegemonietheorie: Deutungsmacht ist nie vollständig und unbestritten, es gibt immer verschiedene Möglichkeiten des Decoding. Gleichzeitig handelt es sich allerdings auch nicht um einen völlig offenen semiotischen Prozess. Dies herauszuarbeiten, war umso wichtiger, als die ideologische Konstruktion gerade darin besteht, die hegemoniale Perspektive als ›natürlich‹ und ›selbstverständlich‹ darzustellen.

Dialektik des Erfolgs

Freilich hat das Modell eine weitere Pointe, die auch Hall selbst damals noch verborgen bleiben musste. Was sich aus Literaturkritik, Arbeiterbildung, offenem Marxismus, Medienanalyse und schwarzer Diaspora-Erfahrung seit den 1950er Jahren in England zu einem Ensemble gegenhegemonialer Praxisanalysen verband, wurde seit den 1980er Jahren unter dem Etikett Cultural Studies zu einem der weltweit erfolgreichsten akademischen Exportartikel. Auch hier fallen Encoding und Decoding auseinander: Was einmal als herrschaftskritisches Projekt codiert worden war, kann bei der Decodierung in einem akademischen Umfeld mit seinen eigenen Zwecken und Motiven wiederum in eine affirmative Perspektive zurückgebogen werden. Hier ist Dialektik gefragt: Hatten die frühen Cultural Studies in ihrer Entstehung gegen den Klassenreduktionismus eines damals verbreiteten dogmatischen Marxismus antreten müssen, so wurde es nun umgekehrt zur Notwendigkeit, die Klassenfrage in die postmodern decodierten Projekte zurückzutragen. Und hatten die Cultural Studies sich zunächst gegen Theoriefeindlichkeit durchsetzen müssen, so wehrte sich Hall nun dagegen, mit Encoding/Decoding in den USA als »reiner Dekonstruktivist« verstanden zu werden: »Die amerikanische Adaption der Dekonstruktion hat ihr den politischen Biss genommen – hat aus ihr eine Art intellektuellen Spielplatz gemacht. Es zählt keinen Deut, was du mit der Dekonstruktion machst; was zählt, ist der Nachweis, wie clever man die Voraussetzungen eines Texts auseinandernehmen kann« (2004 95).

Neuerfindung des organischen Intellektuellen

Zum ›organischen Intellektuellen‹ wird man, indem man sich »mit einer entstehenden historischen Bewegung verknüpft«. Allerdings blieb für Hall lange unklar, »was das im britischen Kontext in den siebziger Jahren bedeuten würde« (2000, 41). Hatte Gramsci sich noch auf eine Arbeiterbewegung berufen, die alle emanzipatorischen Anliegen aufnehmen sollte, war der Widerstand nun dabei, sich aufzufächern in die Frauen-, die Friedens-, die Ökologie-, die Anti-Rassismus-Bewegung etc. Es ist nicht das kleinste von Stuart Halls Verdiensten, dass er Gramscis Konzept unter veränderten historischen Bedingungen mit neuem Leben erfüllt hat. Es gibt von Hall nicht den einen theoretischen Wurf, sondern viele Eingriffe, die seine anspruchsvolle Theoriearbeit mit dem konkreten Anlass verknüpfen: Aufsätze, Reden, Interviews, Beiträge zu Ausstellungen, Kampagnenarbeit (z.B. gegen Rassismus), Unterstützung von Projekten (darunter Autograph, eine Plattform für schwarze Fotografie). Zum organischen Intellektuellen ist Hall dabei vor allem in zweierlei Hinsicht geworden: als Kämpfer wider den neoliberalen Populismus; und als Intellektueller der schwarzen Diaspora-Erfahrung. Der Anklang an die jüdische Diaspora-Erfahrung ist dabei nicht zufällig: Auch die schwarze Erfahrung von Sklaverei und Kolonialismus führte zu Verstreuung im Exil, Leiden und Erlösungssehnsucht. Allerdings hat Hall biografisch wie theoretisch nie einen Zweifel daran gelassen, dass er es für eine Illusion hält zu denken, man könne irgendwann »wieder ›nach Hause‹ gehen« (16).

Wider den neoliberalen Populismus

Schon vor Thatchers Wahlsieg 1979 analysierte Hall – der inzwischen Birmingham verlassen hatte und an der Fernbildungs-Institution Open University unweit von London tätig war – zusammen mit anderen die Rolle von Rassismus und Kriminalität für die Konstruktion eines autoritären Populismus von rechts. Hier sollte den Wählern offensichtlich eine vermeintliche Rückkehr zu »Law and Order« schmackhaft gemacht werden. Halls Analyse des (von ihm erstmals auf diesen Begriff gebrachten) Thatcherismus behandelte diesen nicht einfach als reaktionäres Zwischenspiel, sondern machte seine geschickt geknüpften Verbindungen zum Alltagsverstand sichtbar: »Mach dich selbständig oder werde Shareholder, werde Eigentümer deiner sozial gebauten Wohnung, werde Investor in die Eigentümerdemokratie« (2014, 235). Hall führte seine scharfe analytische Bestandsaufnahme über mehr als drei Jahrzehnte weiter. Die neoliberal gewendete New Labour-Partei, die 1997 unter Tony Blair an die Macht gelangte, festigte die thatcheristischen Strategien weiter durch populäre diskursive Figuren: den »Steuerzahler«, der von allerlei ›Drückebergern‹ und ›Sozialbetrügern‹ zu entlasten sei; und den »Konsumenten«, in dem alle Klassenunterschiede aufgehoben schienen (239). Die heutige Koalition unter Cameron hat Hall für das »radikalste und ambitionierteste« (243) der drei neoliberalen Regimes gehalten, nicht zuletzt deshalb, weil sie auf der Vorarbeit von Thatcher und Blair/Brown aufbauen kann und auf eine bereits auseinander dividierte Bevölkerung trifft.

Schwarze Diaspora

In der Analyse der schwarzen Diaspora-Erfahrung ist Hall der Idee des organischen Intellektuellen vielleicht am nächsten gekommen. Seit seiner Ankunft im kolonialistischen ›Mutterland‹ hatte er sich mit Fragen nach Rassismus und Identität auseinandergesetzt. Was zunächst wie das existenzielle Thema seiner Biografie bzw. einer kleinen Gruppe von Einwanderern erschien, verallgemeinerte sich im Gefolge der neoliberalen Globalisierungsschübe seit den 1980er Jahren zu einem verzweigten philosophischen und wissenschaftlichen Diskurs: »Entfremdung« und »Entwurzelung« wurden »zum archetypischen spätmodernen Zustand« (2000, 16). Auch hier wanderte Halls theoretisch durchdrungene Erfahrung von den Rändern her ins Zentrum: »Auf merkwürdige Weise bereitet einen die Postkolonialität darauf vor, in einer »postmodernen« Gesellschaft zu leben, bzw. auf eine Diaspora-Beziehung zu Identität«. Und auch hier wieder ist es bezeichnend, dass Hall das Kind nicht mit dem Bade ausgeschüttet hat: Entgegen postmodernen Überdehnungen des »Nomadischen« zu einer verabsolutierten, kritiklos gefeierten menschlichen Eigenschaft beharrt er auf den spezifischen Geschichten und Wegen der Menschen. Ihre »Routes« führen weder zurück zu den mythischen Wurzeln noch in ein theoretisches Niemandsland. Sie bewähren sich im dauernden ›Übersetzen‹, das der Person einen Ort gibt, von dem aus sie sprechen kann.

Stuart Hall ist am zehnten Februar dieses Jahres in London gestorben. Wir vermissen seine Stimme.

Literatur

Hall, Stuart, 2000: Ausgewählte Schriften, Bd. 3, Hamburg

Ders., 2004: Ausgewählte Schriften, Bd. 4, Hamburg

Ders., 2014: Ausgewählte Schriften, Bd. 5, Hamburg

Ders., 2005: Routes/roots, in: Ideaz 4, 45