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Störfaktor der Ohnmacht

Interview mit Dick Boer und Bodo Ramelow

Die Linke und die Religion

Wir beobachten einen doppelten Trend von wachsender Säkularisierung – sinkende Mitgliederzahlen bei den institutionalisierten Religionsgemeinschaften, zugleich die Ausbreitung von ›Privatglauben‹ und esoterischen Spiritualismen – und eine wachsende Zahl religiös verbrämter politischer Konflikte. Was passiert da eigentlich?

Dick Boer: Das ist eine übrigens auch unter Intellektuellen neu aufgekommene Wertschätzung der Religion, nicht in ihrer institutionalisierten Form als Kirche, sondern als Religiosität, als Gespür für die Tiefendimension der Wirklichkeit, ein ›Etwas‹, das über die rational erkennbare Realität hinausgeht (in den Niederlanden als iets-isme, Etwasismus, bezeichnet). Damit ist nicht unbedingt Innerlichkeit gemeint, auch religiöse Rituale ›an sich‹ können als sinnvoll erfahren werden, ohne geglaubt werden zu müssen. Rituale haben Worte und Gebärden für Erfahrungen, die sich anders nicht adäquat ausdrücken lassen. Diese Religiosität könnte als (Neo-)Liberalisierung der Religion bezeichnet werden: Jedem/r steht es frei, sich auf dem Markt der religiösen Möglichkeiten seine/ihre eigene Religion zu suchen. Das einzig Verwerfliche wäre, eine Religion als die einzig wahre durchsetzen zu wollen. Diese »religiöse Nebelbildung« ist »in einem der Ausdruck des wirklichen Elends und in einem die Protestation gegen das wirkliche Elend« (Marx). Das Unbehagen in der vom Kapitalismus hervorgebrachten Kultur (das wirkliche Elend) ist ebenso ohnmächtig (Religion als Ausdruck) wie unüberhörbar (Protestation). Und es sind vor allem die Mittelschichten, die sich eine solche ›leise‹ Religiosität leisten können. Ihr Grundgefühl ist die Melancholie.

Anders ist es mit dem Fundamentalismus. Hier kommen Menschen zu Wort, die die bestehenden Verhältnisse als so unerträglich erfahren, dass Religion bei ihnen zur Steigerung ihrer Aggressivität führt. Ihre Religion ist eine große Gewaltphantasie, ihr Gott die leibhafte Gewalttätigkeit. Auch sie drücken ihr Elend aus, indem sie protestieren gegen die vom Kapitalismus hervorgebrachte Kultur, ohne dabei zum Kern ihrer »Nebelbildung« – dem Kapitalismus – durchzudringen. Ihr Kampf ist ein vom sozialökonomischen ›Unterbau‹ losgelöster ›Kulturkampf‹. Gegenstand ihrer Kritik sind die ›Ungläubigen‹, welche (so empfinden es die Fundamentalisten) auf sie nur mit Verachtung herabblicken: auf die Zurückgebliebenen, die die Aufklärung noch vor sich haben oder die zu dieser überhaupt nicht fähig sind. Errungenschaften des Liberalismus wie das Recht auf Abtreibung, Schwulenehe oder Sexualaufklärung in den Schulen erfahren sie als Attacke auf die ihnen vertraute Welt. Es geht um verunsicherte Menschen, die nicht erkennen, dass ihre Verunsicherung in einer Gesellschaft gründet, die keine Existenzsicherheit bieten kann. Das hindert sie daran, entspannt mit dem Anderssein der ›Anderen‹ umzugehen. Dies gilt für islamische und christliche Fundamentalisten. Einander stehen sie gegenüber als antichristlich beziehungsweise antiislamisch. Sie sind sich ›Fremde‹, ›Angstgegner‹. Eine Besonderheit des christlichen Fundamentalismus ist, dass er sich gut mit einem rabiaten Anti-Sozialismus oder Anti-Kommunismus verbinden lässt. Dieser Fundamentalismus bildet zwar für das Kapital keine Gefahr, er geht aber oft der Logik des Kapitals gegen den Strich.

Es gibt übrigens auch einen christlichen und islamischen Fundamentalismus, der ohne Aggression auskommt. Sein Wesenszug ist Passivität: Die Welt ist zwar böse, aber das lässt sich nicht ändern.

Bodo Ramelow: Wenn wir davon sprechen, dass sich immer mehr Menschen von ihren Kirchen oder Religionsgemeinschaften abwenden, und zugleich die tiefe Sehnsucht nach Glauben auch zu skurrilen Formen von Glaubensgemeinschaften führt, so ist dieser Befund wohl nur für die kerneuropäischen Länder zulässig, etwa Deutschland, Frankreich oder Italien. Dort schafft es die konstituierte Kirche nicht mehr, als Volkskirche eine dauerhafte Bindewirkung auszustrahlen, unerheblich ob evangelisch oder katholisch. Eine Gegenbewegung erfährt der Islam, in dem es aber keine verfasste Amtskirche, nicht einmal ein annähernd vergleichbares Kirchenverständnis der Glaubensgemeinschaft gibt. Die islamischen Gemeinden wachsen, auch weil sie den Bedarf nach Religiosität und nach Heimat aufnehmen können. Diese Gemeinden werden größtenteils von Menschen mit Migrationshintergrund gebildet. Es ist kulturhistorisch oft der Glaube, der Herkünfte verbindet und Identitäten auf Jahrhunderte hinaus zusammenschmiedet. Immer dann, wenn Polen als Nationalstaat von der Bildfläche verschwand, war es der Katholizismus, der die polnische Identität stabilisierte. Der katholische Glaube im Eichsfeld hat die Bevölkerung auf der niedersächsischen, hessischen und auf der thüringischen Seite über die trennende Grenzlinie BRD – DDR hinweg verbunden. Der Schmalkalder Bund hat dazu geführt, dass die Region rund um den Ort Schmalkalden während der NS-Zeit und durch die gesamte DDR-Zeit bis heute eine stark evangelisch geprägte Bevölkerung hat. Religion, respektive der Glaube, ist ein nicht unwesentliches Element von Identität oder Hilfsmittel der Rückbindung, wenn Identität bedroht erscheint.

Liegen im »Seufzer der geknechteten Kreatur« nicht auch geteilte Erfahrungen, über Religionsgemeinschaften hinweg?

DB: Bei der ›neuen‹ Religiosität und bei den Fundamentalismen haben wir es nicht einfach mit einem ›falschen Bewusstsein‹ zu tun. Die Kritik an der Deutung der sogenannten Überbauphänomene als falsches Bewusstsein ist unter Marxisten inzwischen mehrheitlich akzeptiert, aber immer noch nicht genügend durchdacht. Wenn Marx sagt: Der Grund des »religiösen Elends« ist das »wirkliche Elend«, dann sollten wir dieses wirkliche Elend nicht bloß in der berühmten ›letzten Instanz‹ der Ökonomie lokalisieren. Denn auch die Erfahrung der Tiefendimension der Wirklichkeit, der mit der Sprache der Vernunft nicht beizukommen ist, ist real und (noch) keine ›Nebelbildung‹. Und auch das Empfinden der Fundamentalisten, »ein erniedrigtes, ein geknechtetes, ein verlassenes Wesen« zu sein, ist real.

Das heißt natürlich nicht, dass die Ökonomie nicht zur Erfahrungswelt gehört. Im Gegenteil: Sie ist omnipräsent und wird darin zur ›Religion‹ im Sinne von nicht mehr hinterfragbarer Wirklichkeit: Die Ökonomie, der Markt »verlangt« und so weiter. Will sagen: Die Ökonomie ist gleich ›Gott‹ (vgl. Seberg in diesem Heft).

Könnten diese Erfahrungen als Grundlage strategischer Bündnisse – auch mit Linken – dienen?

DB: Wir müssen uns Gedanken machen über die ›Normal-Gläubigen‹, die sich immer noch massenhaft in den ›Normal-Kirchen‹ organisieren beziehungsweise organisieren lassen. Für sie ist zumeist weder die ›neue Religiosität‹ noch der Fundamentalismus eine Option – obwohl es unter ihnen sicherlich auch NeuReligiöse oder Fundamentalisten gibt. Aber auch sie werden von der neoliberalen Kultur kontaminiert, auch ihnen ist Aggression gegen diese Kultur nicht fremd. Sie gehören größtenteils der Mittelschicht an, und die Gesellschaft ist für sie relativ in Ordnung. Sie werden aber durch ihre Teilnahme an Gottesdiensten und anderen kirchlichen Veranstaltungen permanent ›gestört‹, und zwar durch eine andere Kultur, in der die Idee der Gerechtigkeit für alle und das Gebot der Nächstenliebe unüberhörbar sind. Ihnen fehlt die Eindeutigkeit der neuen Religiosität (es handelt sich nur um einen ›Privatglauben‹) und des Fundamentalismus (die Wahrheit steht fest). Sie leben in der Spannung zwischen ihrem Angepasstsein und dem Imperativ des ›Empört euch‹ – gegen eine Welt, die für zu viele ein Ort der Verelendung ist. Das heißt: Sie sind für eine Politik, die die Welt ändern will, ansprechbar und mobilisierbar.

Hier kommt das radikale Christentum ins Spiel, welches die Befreiungstheologie auf den Begriff zu bringen versucht. Sie greift zurück auf die Ursprünge – Thora und Propheten, das Urchristentum –, um so ihre Mitchristen aus ihrer Zweideutigkeit (Verweigerung und Akzeptanz) in eine eindeutige Option für die Armen hinauszuführen. Als Teil der Linken klärt sie darüber auf, dass es die gesellschaftlichen Verhältnisse sind, die verhindern, dass es in der Welt menschlich zugeht, und dass der Marx’sche kategorische Imperativ lautet, »alle Verhältnisse umzuwerfen, in denen der Mensch ein erniedrigtes, ein geknechtetes, ein verlassenes, ein verächtliches Wesen« sein muss. Was die Befreiungstheologie von der nichtchristlichen Linken unterscheidet, ist, dass dieser Imperativ seinen Grund hat in der großen Erzählung der Bibel von der Befreiung aus der Sklaverei. Dieser Unterschied bedeutet nicht, dass Christen und Nicht-Christen sich trennen müssen, sondern führt zu einer strategischen Allianz. Die gemeinsame Strategie ist, die Welt zu verändern und dafür zu kämpfen. In diesem Kampf wird analysiert und motiviert. Der Imperativ ist gegründet in einem Indikativ. Die Bewegung hat einen Beweggrund: der Befreier-Gott, der Menschen dazu befreit, selbst eine Befreiungsbewegung zu werden.

Befreiungstheologie und Linke sind beide, jedenfalls in der westlichen Welt, marginalisiert. Die Wirksamkeit ihrer Aufklärung ist begrenzt. Das soll die Linke nicht davon abhalten, zu zeigen, dass sie für die ›Andersdenkenden‹ (die Neu-Religiösen, Fundamentalisten, Normal-Christen) ein (dialektisches) Verständnis hat. Wer sich von uns Linken verstanden fühlt, wird vielleicht auch für uns Linke Verständnis haben.

BR: Eine Alltagserfahrung, die unmittelbar mit Verhungern oder Ertrinken einhergeht, führt zu anderen Bündnissen als Erfahrungen in Gesellschaften, in denen man aus Langeweile und Reizüberflutung nicht mehr zuordnen kann, welches eigentlich die Grundlagen des eigenen Handelns sind. Der Arbeitskampf in Thüringen in der Kaligrube Bischofferode hätte nie so lange und intensiv geführt werden können, wenn die beiden christlichen Kirchen nicht den Bergleuten mit ihren sonntäglichen ökumenischen Gottesdiensten den Rücken gestärkt hätten. Die Auseinandersetzung um das Erfurter Wehrmachtsdeserteur-Denkmal wäre ohne Unterstützung aus einigen evangelischen Gemeinden in der Stadt Erfurt nie von der Gewerkschaftsjugend so erfolgreich zu Ende geführt worden. Heute steht dieses Denkmal als ein kraftvolles Zeichen gegen die Hitler-Barbarei. Aber auch beim Massaker am Erfurter Gutenberg-Gymnasium waren es die evangelischen und katholischen Kirchen mit ihren Glocken, die die traumatisierten Menschen in die Ruheräume der Sakralgebäude eingeladen haben. In einem säkularen Umfeld war es auf einmal verblüffend zu erleben, wie Menschen, die auf der Suche nach Trost und mitmenschlicher Ansprache waren, in die Kirchen hineinströmten. Die Empathie war überall zu spüren.

Insoweit gibt es viele Ansätze für Bündnisse, wenn man sich in seiner Unterschiedlichkeit akzeptiert und offen dafür ist, dass Kirchen und Religionsgemeinschaften Kerne bewahren, die sich einer rationalen Welt letztlich doch entziehen. Die bekennende Kirche in der NS-Barbarei oder auch die Theologie der Befreiung in Lateinamerika sind wichtige Wurzeln für soziale Bewegungen beziehungsweise für Widerstandsbewegungen. Selbst Papst Franziskus setzt nun Signale, die man von der alten katholischen Kirche gar nicht mehr erwartet hätte. Fundamentalistische Bewegungen – seien sie religiös, marxistisch, sozialistisch, nationalistisch – sind in der Regel nicht anschlussfähig.

Religionsgemeinschaften übernehmen verstärkt Aufgaben einer ›allgemeinen Wohlfahrt‹ und organisieren nicht zuletzt durch Befriedigung sozialer Bedürfnisse Bindung. Wird damit nicht auch der Trend hin zu mehr Privatisierung gestärkt, was dem linken Anliegen einer Stärkung des Öffentlichen entgegensteht? Stichwort: konfessionelle Schulen, Altenpflege etc.

BR: Soweit Kirchen oder Religionsgemeinschaften als Träger in Deutschland auftreten, sind sie Marktteilnehmer und müssen auch als solche behandelt werden und sich als solche behandeln lassen. So kritisieren wir Träger, die sich auf das kirchliche Selbstbestimmungsrecht berufen und damit gegen tarifvertragliche und arbeitsrechtliche Bestimmungen verstoßen. Billiglohn unterm Kirchendach in Form von Leiharbeitsverhältnissen bei kirchlichen Trägern ist genauso zu kritisieren wie Billiglohn vom Krankenhauskonzern.

Andererseits gibt es Wohlfahrtsaufgaben, deren alltägliche Errledigung einen wesentlichen Teil des jüdischen oder muslimischen Gemeindelebens ausmacht. Dies darf nicht verwechselt werden mit der kirchlichen Trägerschaft von sozialen Diensten. Da, wo kirchliche Träger subsidär soziale Dienste übernehmen und dafür von Krankenkassen, Rentenversicherungen oder dem Staat Geld erstattet bekommen, ist die Kirche der mittelbare Organisator des Angebots, aber nicht der Finanzier. Die Amtskirche möchte dies zwar gern anders diskutiert sehen, um damit den sogenannten Dritten Weg zu rechtfertigen, der im Arbeitsrecht zu Tariflosigkeit und zur Abwesenheit von Betriebsräten führt. Jüdische oder muslimische gemeindliche Wohlfahrt aber ist in der Regel Teil der Religionsaus- übung und basiert auf den Leistungen und Mitteln der Gemeindeglieder, die sie für Wohlfahrt zur Verfügung stellen. Diese deutliche Trennung ist für die LINKE wichtig, bei Akzeptanz von Menschen, die glauben und denen wir respektvoll begegnen müssen. Die im Grundesgesetz verankerte Religionsgewährung heißt, dass jeder Mensch ein Recht darauf hat, religiös sein zu dürfen und religiös sein zu können. Zur Gewährung gehört also auch die Organisation oder die Hilfe zur Organisation von Religionsgewährung. Da, wo jüdische Gemeinden durch die Hitler-Barbarei in den Konzentrationslagern ausgerottet wurden, gibt es eben auch eine Verpflichtung, den sich wieder entwickelnden jüdischen Glaubensgemeinschaften aktiv Hilfe zu leisten.

Oft richtet die Linke ihren Blick vor allem auf die destruktiven Momente von Religion, auf die Konflikte, die in den Begriffen der Religion ausgetragen werden, auf religiös legitimierte Unterdrückung und Diskriminierung. Aber ist es im neoliberalen ›anything goes‹, der verallgemeinerten Gleichgültigkeit, nicht auch der Glaube an etwas ›Transzendentales‹, an etwas jenseits des bloß Faktischen, der als ›Kritikfolie‹ dienen kann, als Stachel? Und betrifft das vielleicht Gläubige wie Linke im Gegensatz zu jenen, die sich irgendwie eingerichtet oder resigniert abgefunden haben?

DB: Die marxsche Religionskritik versteht Religion als etwas, das überwunden werden muss und kann, wenn die Menschheit tatsächlich frei werden will. Klassisch ist Friedrich Engels’ Erklärung der Entstehung der Religion: »Nun ist alle Religion nichts andres als die phantastische Widerspiegelung, in den Köpfen der Menschen, derjenigen äußern Mächte, die ihr alltägliches Dasein beherrschen, eine Widerspiegelung, in der die irdischen Mächte die Form von überirdischen annehmen.« Es sind »zuerst die Mächte der Natur«, dann auch die »gesellschaftlichen Mächte […], die den Menschen ebenso fremd und im Anfang ebenso unerklärlich gegenüberstehen, ihn mit derselben scheinbaren Naturnotwendigkeit beherrschen wie die Naturmächte selbst«. Das religiöse Verhältnis ist hier eines der Ohnmacht. Diese Ohnmacht verschwindet in dem Maße, wie die Menschen sich bewusst werden, dass die Naturmächte für die menschliche Vernunft erkennbare Naturkräfte sind, die gesellschaftlichen Mächte von Menschen selbst produziert werden. Die Welt ist also rational erkennbar und deshalb gestaltbar. Religion bleibt per definitionem hinter dieser Einsicht zurück, bewegt sich unter dem Niveau des Menschenmöglichen. Was Engels dabei als selbstverständlich voraussetzt, ist: Richtige Erkenntnis macht handlungsfähig. Unvorstellbar ist für ihn die durchaus vernünftige Einsicht, dass die herrschenden Mächte zu stark sind, um gegen diese anzukommen. In dieser Hinsicht ist die Religion rational, denn sie bringt auf den Begriff, was Menschen wirklich erleben. ›Gott‹ ist in diesem Fall die Bezeichnung real existierender Macht beziehungsweise Ohnmacht. Der Alltagsweisheit, dass ›es‹ nun einmal so ist wie es ist, besagt eben nicht-religiös dasselbe.

Die Religionskritik von Marx erkennt zwar, dass die Religion »der Seufzer der bedrängten Kreatur« ist, der gegen seine Unterdrückung protestiert, aber mächtig werden kann dieser Protest erst, wenn er der verkehrten Welt selbst den Kampf ansagt. Aber auch für Marx ist selbstverständlich, dass erst die »Aufhebung der Religion« die Menschen dazu befähigt, diesen Kampf zu führen. Wenn wir diesen Optimismus über die Verbindung von Aufklärung und Handlungsfähigkeit so nicht mehr nachvollziehen können – was dann? Die Befreiungstheologie bezieht sich dann auf die große Erzählung der Bibel, die den Seufzer der bedrängten Kreatur ›aufhebt‹ in eine Bewegung, die Menschen dazu einlädt, zu glauben, dass sie Geschichte machen können. Auch die Befreiungstheologie kommt nicht ohne Glaubenssätze aus. Ihre Frage könnte sein: Ist es überhaupt möglich, ohne Glauben an der Sache der Befreiung festzuhalten? Das muss nicht der Glaube an Gott sein, eher ein kräftiger Unglaube an das, was im Allgemeinen für Gott gehalten wird. Dem Gott der Bibel wird es recht sein, »denn Güte [das Tun von Gerechtigkeit] gefällt mir und nicht Schlachtopfer [Religion], Gotteserkenntnis [Thora und Propheten] mehr als Brandopfer [Religion]« (Der Prophet Hosea 6: 6).

BR: Der ideologiekritische Blick auf Religion ist häufig selbst ideologisch. Die Kritik ist oft so generalisierend, dass sie mit dem Alltag der Gläubigen wenig zu tun hat. Die Konflikte, die unter Bezugnahme auf Religionen ausgetragen werden, stellen sicher für die meisten Menschen nur einen Missbrauch ihres Glaubens dar, genauso wie eine Bezugnahme auf die Nation immer nur als Legitimation herhalten muss, um etwa den Menschen die Opfer des Krieges zu erklären. Wenn wir versuchen wollen, aus diesen Pauschalisierungen herauszutreten, dann sollten wir statt von der Religion vom Glauben und von den Gläubigen sprechen. Denn Glaube kann im positiven Sinn ein Stachel in der Gesellschaft sein, der immer wieder zum kritischen Denken auffordert. Wenn ich an den Jenaer Jugendpfarrer Lothar König denke, der wegen der Antinaziproteste im Februar 2011 in Dresden wieder vor Gericht gebracht werden soll, dann sehe ich diesen Stachel. Vielleicht kann seine Haltung zurückgeführt werden auf die Überzeugung, dass es moralische Haltelinien gibt. Hier steht die unbedingte Menschenfreundlichkeit, die viele mit ihrem Glauben verbinden, gegen jede Form von Menschenfeindlichkeit. Wir haben starke Partner in der Auseinandersetzung um eine gerechtere Welt, die unsere politische Handlungsfähigkeit befördern können.

Was wir brauchen, ist ein offener Blick für gemeinsame Interessen, für die wir dann gemeinsam streiten: ob im Kampf gegen alte und neue Nazis, wenn Menschen von sozialer Teilhabe ausgeschlossen sind und natürlich beim unbedingten Willen nach Frieden. Für solche Partnerschaften braucht es Respekt und gemeinsame Gespräche. Als Bischof Wolfgang Huber noch Ratsvorsitzender der Evangelischen Kirche war, sagte er, das Pfarramt und eine Mitgliedschaft in der LINKEN seien unvereinbar. Das tat dem Verhältnis von Linken und Gläubigen nicht gut. Inzwischen hat sich da viel geändert. Bei den letzten beiden Kirchentagen in Dresden und Hamburg war der EKD-Ratsvorsitzende Nikolaus Schneider immer beim Empfang der LINKEN zu Gast, und wir haben uns über diese Würdigung gefreut. Es ist schade, dass er sich jetzt aus persönlichen Gründen von diesem Amt zurückzieht.

DB: Die Linke sollte das Protestpotenzial der Religion (an)erkennen und unterscheiden zwischen Religiosität als ›leisem‹ Protest gegen die Reduktion der Wirklichkeit auf das, was kalkulierbar ist, und Fundamentalismus als der ›lauten‹ Variante. In beiden Fällen fehlt eine produktive Handlungsfähigkeit. Der Protest bleibt ohnmächtig. Die Linke hat recht, wenn sie versucht, über das ›wirkliche Elend‹ aufzuklären und handlungsfähig zu machen. Sie muss aber die Grenzen dieser Aufklärung sehen: Das Gefühl der Ohnmacht sowie das Bewusstsein einer Dimension der Wirklichkeit ›jenseits‹ der Rationalität sind reale Erfahrungen.

Es gibt in der Welt der Religion aber einen ›Störfaktor‹, der die Ohnmacht dort angreift, wo diese übermächtig erscheint. Es ist der Glaube, dass eine andere Welt möglich ist. Menschen, die das glauben, sind die ›natürlichen‹ Bundesgenossen der Linken.

Das Gespräch führten Mario Candeias und Barbara Fried.