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Schumpeter über Marx

Von Ulrich Hedtke

„…verglichen mit seiner Leistung sinken die Klassiker zur Bedeutungslosigkeit herab“
Joseph Alois Schumpeter über Marx

Schumpeter ist bekannt als Theoretiker der Innovation, die er in einem seiner Werke auch als „schöpferische Zerstörung“ bezeichnete. Innovationen bilden für ihn die sozialökonomisch ausschlaggebende Bewegungsbahnen des Kapitalismus. Er gilt mit seinem Werk als einer der wichtigsten bürgerlichen Ökonomen. Sein Durchbruch zu einer entwicklungstheoretischen Auffassung der Wirtschaft verbindet ihn nicht nur eng mit Marx, sondern Marx galt ihm, wie neue Manuskripte unmissverständlich zeigen, als ein „Wegweiser“.   Schumpeter wurde u.a. von Marx´ Darstellung der Entfesselung der Produktivkräfte in der kapitalistischen Produktionsweise inspiriert. Mehr als man ahnte ringt Schumpeter damit, dass neben Marx kein anderer jemals Entwicklungsgesetze des Kapitalismus so treffend beschrieben hatte. Wie sollte er dies nur darstellen? Marxens gedankliches Grundkonzept als „Vision“ vom historisch bedingten Stand der Analyse und der analytischen Werkzeuge abhebend, schienen ihm die nichtmarxistischen Ökonomen im Vergleich mit der Marxschen Vision als nichtssagend. Schumpeters innovationstheoretischer Ansatz führte ihn im Besonderen zu der Annahme, dass die gesellschaftlichen Neuerungsprozesse der historischen Tendenz nach nicht mehr der Initiative des kapitalistisch fundierten Privatunternehmers bedürfen. Mit Blick auf die damit verbundenen Transformationsprozesse studierte er die „Überlegenheit des sozialistischen Grundplans“ (1942, 310ff). Wir veröffentlichen erstmals Auszüge aus Schumpeters Manuskripten zu seinem Werk „Capitalism, Socialism & Democracy“ aus seinem Nachlass.

Die Eheleute Elizabeth Boody und Alois Schumpeter waren Japan auf besondere Weise verbunden. Hatte er seit seiner Bonner Zeit in den zwanziger Jahren mit den später namhaften Ökonomen Seiichi Tobata (auch als Tohata transkribiert) und Ichiro Nakayama[1] [1] japanische Studenten, die im Anschluss an die japanischen Vortragsreise Schumpeters von 1931 die Übersetzung wichtiger Arbeiten besorgten[2] [2], so galt das wirtschaftshistorische aber auch politische Interesse von Elizabeth ausdrücklich dem Land. 1940 legte sie den von ihr edierten Band The Industrialization of Japan and Manchukuo 1930–1940 vor und engagierte sich u.a. angesichts des II. Japanisch-Chinesischen Krieges im Frühjahr 1940 gegen eine einseitig antijapanische Politik Amerikas in Fernost[3] [3], damit auf eine Weise, die ihr ab April 1941 die intensive Abklärung eventueller „un-American activties“ durch das FBI einbrachte.[4] [4]

Nach dem 2. Weltkrieg arbeiteten Tobata und Nakayam an der japanischen Übersetzung von Capitalismus, Socialismus and Democracy (CS&D). Ihr intensiver Kontakt mit Elizabeth führte dazu, dass sie 1951 (Schumpeter war 1950 gestorben) das Manuskript wie das gesamte damit verbundene Arbeitsmaterial Schumpeters und einen beachtlichen Teil der wissenschaftlichen Bibliothek nach Japan gab.

So gelang eine heute als Schumpeter-Library geführte wissenschaftliche Bibliothek an die Hitotsubashi University in Tokio.[5] [5] Über den Verbleib des Manuskriptes von CS&D wie der zugehörigen Arbeitsmaterialien war dagegen über Jahrzehnte hin nichts Genaues bekannt. Der Schumpeter-Biograf Loring Allen notierte 1991: „For example, the manuscript of Capitalismus, Socialism and Democracy is missing […].“[6] [6] Erst das 2015 als private edition vorgelegte großartige Unternehmen der japanischen Wissenschaftler Shin-ichi Uraki und Katsuhiko Imai, Schumpeters werkbezogene Entwürfe und Notizen zu CS&D für die breite wissenschaftliche Diskussion zu erschließen, hat die Lage verändert.[7] [7]

Als Herausgeber des Schumpeter-Archivs habe ich 2018 die japanischen Editoren gefragt, ob eine Online-Edition dieses Nachlasses möglich sei und bin auf uneingeschränkte Zustimmung gestoßen. Uraki hat mir überdies seine handschriftliche Gesamttranskription und zudem die umfangreichen Entzifferungen des Dresdener Stenografen Arthur Heym überlassen. Heym hatte in den Jahren 1988–1991 in mühevoller Kleinarbeit u.a. die stenografischen Passagen der ca. 330 hinterlassenen Notizzettel transkribiert und damit einen überaus wichtigen Erschließungsbeitrag geleistet. Nun ergab ein kritischer Vergleich der japanischen Edition mit den zugrundliegenden Originalmaterialien bald, dass eine Neuausgabe keinesfalls Urakis Edition einfach übernehmen kann. So sind mit dem Nachlass auch zusammenhängende Manuskripte überliefert, von denen nur einigen Passagen schließlich in CS&D publiziert wurden. Diese Manuskripte sind in ihrer Einheit von bekanntem und unbekanntem Material wissenschaftlich überaus interessante Varianten der schumpeterschen Themenentwicklung.[8] [8] Demgegenüber bestand Uraki auf der Trennung des Bekannten vom Unbekannten und zerlegte zudem bisher unbekannte Überlieferungen in einzelne thematische Passagen, die dann voneinander getrennt dargeboten wurden. Das bringt den Leser natürlich um die Kennnis der zusammenhängenden Varianten. Dazu kommt die Editionsschwierigkeit, krakelige und auf Zetteln scheinbar zufallsverteilte Stichworte und Bemerkungen nicht nur kritisch, sondern unter Wahrung der Topografie der einzelnen Einträge zu transkribieren. Diesbezüglich weist die private Edition gravierende Mängel auf: Einschließlich der Randnotizen werden alle Bemerkungem zu gleichwertigen Gliedern einer scheinbar kontinuierlichen Assoziationskette und die topografieferne Darbietung der Randbemerkungen zwingt dazu zu raten, welchem Satz seines Textes etwa Schumpeters Randbemerkung „ Aber das stimmt so nicht !“gilt.

Zudem bleibt sie mit Blick auf die eigenen Lesarten zwangsläufig unkritisch. So ist etwa eine Steno-Bemerkung Schumpeters dem Inhalt nach offensichtlich dahingehend zu transkribieren, selbst bei Würdigung der technologischen Errungenschaften und Fortschritte in Medizin und Wissenschaft, verachte er (persönlich) die Kultur des Bürgertums. Aber wurde das korrekt entziffert? Um dem Leser ein kritisches Verhältnis zu den gefundenen Lesarten zu ermöglichen, legt eine Online-Publikation es nahe, alle Transkriptionen so darzubieten, dass zugleich ein Blick auf das zugrundeliegende Original möglich ist. Deshalb verlinkt die unter dem Titel Joseph Schumpeter: Pieces of manuscripts, discarded manuscripts, notes and other material for the socialism book bald veröffentlichungsreife Edition des Schumpeter-Archivs jedes transkribierte Dokument mit einer Fotokopie des Originals und erreicht so inclusive der Verlinkungen einen Umfang von etwa 1470 Seiten.[9] [9]

Aus diesem Nachlass möchte ich anschließend Auszüge aus den Manuskripten Schumpeters zu Marx vorstellen. Denn vergleicht man sie mit dem in CS&D zum Thema Marx schließlich publizierten Text, so ist der Eindruck unabweisbar, dass in den Entwürfen ein deutlich entschiedeneres Bekenntnis zur Marxschen Vision zum Ausdruck kommt. Dabei weiß Schumpeter, der sich mit Blick auf „Wirtschaft und Gesellschaft“ immer schon als Vertreter einer im Sinne von Marx „ökonomischen Geschichtsauffassung“[10] [10] sah, dass er es beim zeitgenössisch bestimmenden Fachurteil mit einem Verdikt zu tun hat.

„[…] das Urteil, dem sich die große Mehrheit der kompetentesten Ökonomen unserer Zeit verschreiben würde: Im Umfeld glühender Phrasen eine Serie von Fehlern in der Analyse,  verbunden mit einer fehlerhaften Soziologie, die mit fragwürdigen Kostbarkeiten brilliert. Das, zum Beispiel, ist nur eine Zusammenfassung der Meinung des Herrn J.M. Keynes.“ (im Original Englisch)

Wichtige Kritikpunkte einräumend, arbeitet der Schöpfer einer „Theorie der wirtschaftlichen Entwicklung“ in den Nachlassmanuskripten die Verwandtschaft seines Ansatzes mit dem von Marx deutlich heraus. Der leitende Gedanke ist dabei:

„Und so sehr wir seine Fehler auch verurteilen mögen, etwas bleibt, wenn nicht gar als Errungenschaft, so doch als Ziel – etwas, das seine Argumentation in einem wichtigen Punkt mit dem Rest der traditionellen Ökonomie unvereinbar macht (obwohl es keinen Grund gibt, außer einem “phraseologischen”, den letzteren deshalb “bürgerlich” zu nennen). Dies ist der Versuch, ein theoretisches Modell des historischen Prozesses des wirtschaftlichen Wandels zu konstruieren.“

Unabhängig von dem für Schumpeters Analyse überhaupt charakteristischen Versuch, Propagandistisches strikt vom Theoretischen zu trennen, ist die Marx-Darstellung in CS&D mit ihrer eher stärkeren Betonung der Marx-Kritik gegenüber einer Marx-Würdigung insgesamt geeignet, seine Anzeige im Vorwort zur 1. Auflage zu unterstreichen, wonach sich hier ein Nicht-Marxist mit dem Themenkreis Marx und der Sozialismus auseinandersetzt.[11] [11] Das sich Schumpeter nach seinem politischen Wollen und Wünschen – von einer politischen Gemeinschaftsbindung ganz zu schweigen – nicht als Marxist verstand, steht außer Frage. Das ist aber kein Grund zu übersehen, dass Schumpeters Endredaktion von CS&D in gewisser Weise auch darauf hinauslief, dem Zeitgeist ein Stück entgegenzukommen. Es ist hier nicht der Ort, um die in jenen Jahren z. T. problematisch werdende Situation Schumpeters vorzustellen und die Konturen des Akkomodationsdruckes zu erörtern. Schon das obige Verdikt legt nahe, dass der Entwicklungstheoretiker, der mit Blick auf sein spezielles Thema Marx als einzigen ernstzunehmende geistigen Vorläufer gelten ließ und zudem – nicht den Wirkmechanismen, aber dem Fazit nach – Marx´ Vorstellung teilte, dass der Kapitalismus wesentlich selbstdestruktiv ist und zugleich durch eine über ihn hinausweisende Tendenz zur gesellschaftlichen Kontrolle der Produktion beherrscht wird, in seinem Essay auch wissenschaftsdiplomatisch taktieren musste.[12] [12]

Hinsichtlich der Verwandtschaft der Vorstellungen zur Destruktivität möchte ich darauf hinweisen, dass sie Anknüpfungspunkte dafür bietet, warum in CS&D (und zwar erst hier) die creative destruction gleichsam zur Leitidee des sozialökomischen Verständnisses der kapitalistischen Wirtschaft wird. Erst hier: denn diejenige Schumpeter-Interpretation, die den Term creative destruction faktisch als Definiens des Terms Innovation versteht, muss sich den Vorwurf gefallen lassen, dass sie so über CS&D alle vier Fassungen von Schumpeters ökonomischer Theorie vergisst. Insoweit das Thema dort berührt wird – und zwar seit 1911 im Kontext der Analyse von Konjunktur und Krise – gilt vielmehr, dass es vom Standpunkt der ökonomischen Theorie „…durchaus nicht nötig ist, dass irgendwelche Zusammenbrüche erfolgen.“[13] [13] Die differenzierte Analyse, der wir in den genannten Werken Schumpeters begegnen, betont zwar, dass Innovationen in der Regel mit komplementären ökonomischen Deklassierungen verbunden sind, geht aber bei der Erörterung des damit verbunden Zerstörungspotential einen anderen Weg: In allen Fassungen der Entwicklungstheorie betont Schumpeter den Unterschied zwischen einem im Sinne der Theorie gebotenen normalen und dem empirisch häufig feststellbaren abnormalen[14] [14] Verlauf gesamtwirtschaftlicher Anpassungen im Gefolge von Innovationschüben.[15] [15] Letzterer bedingt vom Standpunkt seiner ökonomischen Theorie sozial häufig verheerende aber zugleich funktionslose Zerstörungen. Sie sind nicht der innovativen Wirtschaft als solcher, sondern wirtschaftspolitischen Fehlentscheidungen, nationalistischen Kämpfen, Paniken, d. h. sozialpsychologischen, soziologischen oder politischen Fehlreaktionen geschuldet, die aus Schumpeters Perspektive ihrerseits nicht auf immanent ökonomische, sondern – verallgemeinert gesehen – auf soziologisch fassbare Ursachen zurückzuführen sind.

Warum tritt in CS&D demgegenüber eine summarische Betrachtung in den Vordergrund, die die Innovation idealtypisch gleichsam darauf reduziert, eine freilich schöpferische, aber letztlich eben nur besondere Art von Zerstörung zu sein? Zunächst, weil es sich vor allem um einen soziologischen Essay handelt, sein „socialism book“, wie er sagt. Und hier wird für ihn – weit über die Betrachtung von Innovation hinaus – anknüpfend an Marx die Frage nach dem Zerstörungspotential gleichsam zum Leitmotiv der Kapitalismusanalyse. Wie bekannt, findet Schumpeter ein ganzes Spektrum von Zerstörungen: sowohl der Familie als eines tragenden genuinen Gemeinschaftsverhältnisses wie die Zerstörung von politisch schützenden Schichten und des institutionellen Rahmens der Gesellschaft. Zur Vielfalt dieser Destruktionsanalysen tritt im Nachlassmaterial auch noch die der „wanton destruction“, der mutwilligen Zerstörung von Warenbeständen etwa, um Preise hochzuhalten. So fungiert die creative destruction der soziologischen Kapitalismusanalyse als das zugleich positiv ausgezeichnete Glied einer von Schumpeter reflektierten Schar destruktiver Tendenzen und im hier vorgestellten Nachlass begegnet deshalb mehrfach die Überlegung, die Schumpeter in CS&D in die Worte kleidet “ … „…dass der kapitalistische Prozess auf die gleiche Weise, wie er den institutionellen Rahmen der feudalen Gesellschaft zerstörte, auch seinen eigenen untergräbt”[16] [16] Damit knüpft er an Marx an, um eine mit dessen Gesamtaussage übereinstimmende jedoch den Wirkmechanismen nach gänzlich neue Analyse vorzutragen. Im Sinne seiner Überlegung, Marx als „Wegweiser und Beispiel“ zu nehmen, lernen wir seine Arbeit an CS&D als ein Denken kennen, das frei und eigenständig an Marx anknüpft.

„…dass der kapitalistische Prozess auf die gleiche Weise, wie er den institutionellen Rahmen der feudalen Gesellschaft zerstörte, auch seinen eigenen untergräbt“ – Auszüge aus Schumpeters Manuskripten zu Marx[17] [17]

Und solcherart sind nun Marx’ ökonomische Lehren: Während es selbstverständlich unmöglich war, etwas vorzutragen, das einer befriedigenden Darstellung nahekommt, so bleibt gleichwohl zu hoffen, dass das Gesagte ausreichen wird, um eine Idee des allgemeinen Charakters des Marx’schen Systems zu vermitteln, und sozusagen seines besonderen Reizes. […] Beweisbare Irrtümer gibt es reichlich, und keine quasireligiöse Veredelung derselben zu reinsten Wahrheiten vermag diesen Umstand zu ändern. Dabei zeigt eine nähere Betrachtung, daß deren Verbesserung, wiewohl in vielen Fällen leicht möglich, tief in die Grundlinien jenes Bildes sozialer Wirklichkeit schneiden würde, das er zeichnet: die Irrtümer sind sozusagen nicht aufs Geratewohl im System verteilt, so daß dessen gesellschaftliche Botschaft schließlich einen solchen Korrekturvorgang unbeschadet überstehen könnte; sie scharen sich vielmehr um einige der wesentlichsten Punkte. Reformulieren wir beispielsweise die Theorie der Ausbeutung in einer sie stichhaltig machenden Weise, oder reduzieren wir die Theorie der Verelendung auf die in ihr enthaltenen wahren Elemente, so erlischt umgehend die Glut der Anklage, und für jeden, der mit seinen Fakten redlich umzugehen meint, wird es sehr schwierig, sich der Vermittlung eines redlichen sozialen Zorns zu verschreiben. Niemand kann heutzutage im vollen und einfachen Sinne Marxist sein und zugleich erklären, er verhelfe der wissenschaftlichen Analyse zu ihrem Recht. Wenn er es mit der Wahrheit hält, so drängt sich unabweisbar ein anderes Bild des gesellschaftlichen Prozesses auf, ein Bild das in wichtigen Punkten andere, in einigem sogar gegenteilige Implikationen enthält. […] Allerdings erweist sich nicht weniger, dass – ist einmal das Unhaltbare verworfen – ein starkes Fundament bestehen bleibt. Diese Behauptung fußt nicht darauf, dass er auf zahlreichen Feldern der ökonomischen Theorie, vor allem dem der Kapitalstruktur, wesentliche Beiträge geleistet hat, […] oder dass er bei all seinen Mängeln gleichwohl zu den größten Theoretikern aller Zeiten gehört. Weit bedeutsamer ist, dass er zu einem neuen Ziel und einer neuartigen Methode der Sozialforschung einen Beitrag geleistet hat. Er entwarf eine mögliche Theorie des geschichtlichen Verlaufs des ökonomischen Lebens und betrachtete alle theoretischen Begriffe und Lehrsätze als Werkzeuge, um den tatsächlichen Variantenreichtum der historischen Verhältnisse zu interpretieren. Er strebte nach dem Ideal (und unzweifelhaft ist hieran etwas Hegelianisches) eines sehr allgemeinen Organons[18] [18] der Erkenntnis, mit der Eigenschaft, dass Verallgemeinerungen nicht auf Kosten der Besonderheiten der Tatsachen erfolgen: in der Regel, oder – wie wohl die meisten von uns sagen würden –  infolge logischer Notwendigkeit, verliert ein Lehrsatz an Inhalt, je allgemeiner er wird. Marx bestritt dies und war hiervon ausgehend in einem erstaunlichen Maße erfolgreich. Welche Versuche zur Analyse der ökonomischen Entwicklung es vor ihm auch gab, verglichen mit seiner Leistung sinken sie zur Bedeutungslosigkeit herab. Auch die Klassiker skizzierten historische Milieus, doch hatten diese Skizzen nichts mit ihrer [theoretischen – Anm. d. Ü.] Erfassung des kapitalistischen Prozesses zu tun. Auch versuchten sie, die Ergebnisse ihrer Forschungen zu extrapolieren und ausgehend etwa von der Vermehrung des Kapitals und einem Bevölkerungsanstieg bei gleichbleibenden Naturressourcen eine Vorstellung vom Wandel zu gewinnen.  Aber das ist nichts im Vergleich zu der grandiosen Marx’schen Konzeption des gesellschaftlichen Kräftespiels, die selbst dann ihre programmatische Bedeutung behielte, wenn all die Methoden, Prinzipien und Resultate sich als Irrtümer erwiesen, mittels derer er sie zu realisieren trachtete.

Das Faszinierende dieser Konzeption wird insbesondere dann verständlich, wenn wir sie mit dem vergleichen, was die nichtmarxistische Ökonomie zu bieten hat. Ein junges, frisch von der Schule kommendes Gemüt bar jeglicher anderer Mittel als der Tageszeitung, um sein Bedürfnis nach einem gegenwartsbezogenen  Wissen und Handeln zu befriedigen, durch und durch von den empirischen wie theoretischen Abhandlungen gelangweilt, die ihm in den Kursen der Fakultät geboten werden, wird bei Hinwendung zu Marx den Eindruck gewinnen, nunmehr erschlössen sich ihm die dunklen Geheimnisse der Politik aller Zeiten und Orte. Hier biete sich ihm eine wissenschaftliche Argumentation, faktengetränkt und zudem – im umgekehrten Verhältnis zu dem, was er bisher wirklich weiß und begriffen hat – überzeugend. So verabschiedet er sich vom Studium des Verhaltens der zweiten Ableitung der Nutzenfunktion und findet sich inmitten der großen Ereignisse des Tages wieder, die ihm durch einige wenige grundlegende Prinzipien erhellt werden. Plötzlich glaubt er, nicht nur mehr zu verstehen als der akademische Ökonom, sondern auch, er sei dem Mann des praktischen Lebens weit überlegen, der ihm nunmehr eine bloße Marionette von Umständen zu sein scheint, die der Praktiker nicht einmal ahnt. Und viele Intellektuelle, die nicht über die Entschuldigung der Jugendlichkeit verfügen und einzig aufgrund ihrer Unzulänglichkeit auf die Dauer vom Zentrum der wissenschaftlichen Analyse wie auch der Macht ausgeschlossen sind, fühlen ebenso. Doch hinter all dem steht etwas sehr viel Ernsteres und Wesentlicheres. Wann immer die moderne Analyse, sei sie theoretisch, historisch oder statistisch gerichtet, auf Marxsche Argumente trifft, werden letztere gewiss unterliegen. Doch die Aufgabe, welche Marx sich gestellt hat, bleibt bestehen und wird mit dem besseren Instrumentarium und den umfassenderen Ressourcen, die uns zur Verfügung stehen, unternommen werden müssen. Insofern geht sein Vorstoß für uns nicht verloren. Er mag sogar als Wegweiser und Beispiel dienen.

Da für Marx die wirtschaftlichen zugleich als gesellschaftliche Kräfte zu verstehen sind – das Verbindungsglied liefert die ökonomische Interpretation der Geschichte[19] [19] – muß sein eigener Fortschritt auf dem Wege zu jenen Höhen, auf die er verweist, im Zusammenhang mit seiner Soziologie gesehen werden. Wir sind nun in der Lage, uns eine Meinung über die Verlässlichkeit der zweiten jener beiden Ausgangsbehauptungen zu bilden. Inwieweit gelang es Marx, seine Sicht einer immanenten bzw. sich selbst treibenden ökonomischen Entwicklung zu begründen, d. h.  – möglichst einfach gesagt – die Behauptung zu begründen, dass der ökonomische Prozess der kapitalistischen Gesellschaft sich stets revolutionieren und so jeden Gleichgewichtszustand zerstören muss, zu dem er zu gegebener Zeit tendieren mag? Die Antwort, so glaube ich, lautet: er konnte dies zwar nicht beweisen, aber er hat es zutreffend erkannt. Eine sehr ähnliche Antwort muss auf die Frage gegeben werden, die sich damit zusammenhängend ergibt. Glaubte er zu Recht, daß diese ökonomische Entwicklung ihren institutionellen Rahmen letzten Endes derart umbilden wird, daß der Sozialismus das unvermeidliche Ergebnis ist? […]

Es scheint eine weitere Argumentationslinie zu geben, die mit dem Marx’schen Credo mindestens ebenso gut übereinstimmt, wie jene, der Marx selbst folgte. Einen derartigen Zusammenbruch zu erwarten, wie ihn Marx sich vorstellte, mag ebenso gänzlich Nonsens sein, wie die Theorie der Verelendung sowohl den Tatsachen wie aller Erwartung widerspricht, die einer korrekten Analyse des kapitalistischen Prozesses entspringt. Jedoch können die Bedingungen der kapitalistischen Produktion den Geist und das kulturelle Verständnis der Menschheit derart verändern, daß sie sich von kapitalistischen Handlungsweisen und Denkgewohnheiten abwendet. Wenn die kapitalistische ökonomische Praxis einerseits die enge [persönliche – Anm. d. Ü.] Verbindung zwischen dem Unternehmer bzw. Kapitalisten und dem gewohnten Funktionieren der Fabrik zerstört, wenn sie alles zu Nichte macht, was vormals die herrschaftliche Position des Industriekapitäns ausmachte und wenn er andererseits das familiäre Heim, die Lebensweise und eine entsprechendes System der Motivation zerstört – wird sich dann nicht der Griff lockern, der das Eigentum umklammert hält und eine Generation erstehen, der all die Leuchtfeuer der kapitalistischen Gesellschaft rein gar nichts bedeuten? Und ist es nicht eben dies, was gerade geschieht? Und ist dies nicht marxistisch genug – wollen wir überhaupt den fragwürdigen Glanz falscher Theorien?

Der sozio-psychologische Prozess tendiert zweifellos zu einem Zustand, der in wichtiger Hinsicht Anspruch auf die Bezeichnung Sozialismus haben und insbesondere auf eine gesellschaftliche Kontrolle aller Produktionsmittel hinauslaufen wird. Ereignisse, die von außen auf diesen Prozess einwirken, können ihn unzweifelhaft umlenken oder sogar für immer zum Stillstand bringen. Jedoch gibt es innerhalb des gesellschaftlichen Systems einer modernen kapitalistischen Gesellschaft nichts, was auf eine solche Wahrscheinlichkeit hinweist. Es sollte insbesondere beachtet werden, daß sich dieser Prozess innerhalb eines breiten Spektrums auch gegensätzlicher kultureller und politischer Möglichkeiten vollziehen kann, und daß autoritäre Formen gesellschaftlicher Organismen hier nicht notwendigerweise beeinträchtigend wirken müssen. Sozialismus unter einer nationalistischen Diktatur mag nicht als solcher anerkannt werden, doch in der kühlen Luft wissenschaftlicher Analyse mag es notwendig sein, auch dies gleichermaßen als Sozialismus zu bezeichnen. […][20] [20]

Marx als „Wegweiser und Beispiel“

Bevor wir fortfahren, muss eine andere Seite der großen Idee erwähnt werden, welche der ökonomischen Interpretation der Geschichte zugrunde liegt. Persönlich war Marx viel zu zivilisiert, um sich für jene zeitgenössischen und vulgären Formen von Sozialismus zu erwärmen, die einen Tempel selbst dann nicht erkennen, wenn sie davorstehen. Dafür war sein kultureller Horizont viel zu weit. Er war sehr wohl in der Lage, eine Zivilisation und den ‘relativ absoluten‘ Wert ihrer Werte zu verstehen, wie weit er sich auch immer von ihr entfernt gefühlt haben mag. In dieser Hinsicht kann keine Quelle seine Aufgeschlossenheit besser bezeugen als das Kommunistische Manifest, das nichts anderes als eine enthusiastische Darstellung der Errungenschaften des Kapitalismus und eine klare Anerkennung seiner historischen Notwendigkeit ist (was wiederum etliche Dinge impliziert,, die zu akzeptieren Marx nicht imstande gewesen wäre) [21] [21]. Aber in dieser Haltung wurde er zweifellos gestärkt, und es wurde ihm aufgrund jener Auffassung von der organischen Logik der Dinge, denen seine Geschichtstheorie Ausdruck verleiht, leichter gemacht, sie einzunehmen. Aus seiner Sicht gehorchten die sozialen Zusammenhänge einer Ordnung […][22] [22]

Übersetzung der englischsprachigen Zitate von Corinna Trogisch und Mario Candeias.

Anmerkungen

[1] [23]     Auswahl englischer Publikationen: Seiichi Tōhata & Ajia Keizai Kenkyūjo: The modernization of Japan, 1966; Seiichi Tōhata: An introduction to agriculture of Japan, 1958; Ichirō Nakayama: Industrialization of Japan, 1964.

[2] [24]     Sie legten 1934 die japanische Ausgabe der Theorie der wirtschaftlichen Entwicklung und 1936 die von Wesen und Hauptinhalt der theoretischen Nationalökonomie vor.

[3] [25]     „The United States has played a leading part in the ‚encirclement‘ of Japan.“ E. B. Schumpeter: The Policy of the United States in the Far East. Annals of the American Academy of Political and Social Science, Vol. 210, (Juli 1940) 106.

[4] [26]     So die Auflassung durch V.W. Petersen, FBI Special Agent in Charge, vom 18.4.1941 in der dann bis zum Mai 1943 geführten „E.B. Schumpeter & J. Schumpeter Akte“ des FBI, File 100-1070, Boston, Mass.

[5] [27]     Vgl. hierzu: The Catalogue of Prof. Schumpeter Library – The Hitotsubashi Unversity Library, Tokyo 1962; auch www.lib.hit-u.ac.jp/catalog/jsinserts/database/books/ [28]

[6] [29]     Robert Loring Allen: Opening doors, Vol II, Transaction Publishers: New Jersy 1991, 275.

[7] [30]     Shin-ichi Uraki/ Katsuhiko Imai: Supplemental Passage References for „Capitalism, Socialism and Democracy“ by Joseph Alois Schumpeter, private edition, Japan 2015.

[8] [31]     So existiert im Nachlass beispielsweise ein 38seitiges zusammenhängendes Typoskript mit der Überschrift Chapter III – Creative Destruction. Es handelt sich hier zweifellos um eine frühe Variante des später als Kapitel VII The Process of Creative Destruction veröffentlichten Textes.

[9] [32]     Dankend darf ich ergänzen, dass die Luxemburg-Stiftung die Finanzierung der hierzu erforderlichen Kopierkosten finanziell unterstützt hat.

[10] [33]    In den Notizen des Nachlasses heißt es beispielweise: „Meine Sozialismusdeutung ist auch noch ökonomische Geschichtsauffassung“.

[11] [34]    Joseph A. Schumpeter: Capitalism, Socialism & Democracy. London: Routledge, 1992, 409.

[12] [35]   Am Nachlass wird deutlich, dass Schumpeter sich an Kollegen gewandt und sie gebeten hat, seine Entwürfe durchzusehen. In einer Fußnote, die dann nicht so nicht veröffentlicht worden ist, teilt Schumpeter  mit, sein Kollege Mason hätte ihm seinen Hinweis auf Marxens Entwicklungsdenken im „Kommunistischen Manifest“ mit der Bemerkung zurückgegeben “This is stretching it a bit”.

[13] [36] Joseph Schumpeter: Theorie der wirtschaftlichen Entwicklung, Leipzig 1911, 452.

[14] [37] In Business Cycles entspricht dem der Unterschied zwischen Rezession und Depression.

[15] [38] Vgl: Joseph Schumpeter: Theorie der wirtschaftlichen Entwicklung“ 1911, 452ff.; 4. (geänderte) Auflage Berlin 1934, S. 366 ff.; ders.: The Theory of Economic Develelopment“ 1934, 252ff; ders.: Business Cycles, Vol. I, New York 1939, 150.

[16] [39] CS&D, op. zit., S. 139, siehe auch S. 42.

[17] [40] Hervorhebungen durch die Redaktion.

[18] [41] Übersetzbar als Spektrum der Werkzeuge zur Erkenntnis der Wahrheit (Anm. d. Ü.).

[19] [42] Schumpeter bezeichnet mit Rücksicht auf die entscheidende Determinante die materialistische als eine ökonomische Geschichtsauffassung (Anm. d. Ü.).

[20] [43] Das zugrundeliegende Manuskript ist im Internet unter www.schumpeter.info/Manuskript1.pdf [44] zu vergleichen.

[21] [45] Schumpeter: „My eminent friend, Professor Mason, who has been good enough to read this essay, remarked on the margin of above passage: ‘This is stretching it a bit’.“

[22] [46]  Abbruch des Manuskriptes.