| Resilienz, Demokratie und der »Sprung nach vorn«

September 2020  Druckansicht
Horst Kahrs und Thomas Falkner

„Resilienz“ hat in den vergangenen Jahren Eingang in die Publikationen diverser internationaler Organisationen wie der Europäischen Union oder der OECD gefunden. Wohl auch deshalb gilt „Resilienz“ hier und da als „Schlüssel neoliberaler Krisenbearbeitung“ (Felix Syrovatka) bzw. als „ein grundsätzlich konservatives Konzept“ (Stefanie Graefe). Wir widersprechen in unserer Studie dieser Wertung und halten es für sinnvoll und geboten, auch von linker Seite in den öffentlichen Diskurs über „Resilienz in der Pandemie“ zu intervenieren.

Auch vertreten wir die Auffassung, dass der Begriff selbst erst dann recht griffig wird, wenn er empirisch gefüllt wird: Welches System, welche Systemfunktionen sind gemeint? Entgegen der verbreiteten Auffassung, dass „wir mit unserer Demokratie“ bisher besser als andere Regierungsformen durch die Pandemie gekommen seien, halten wir es für notwendig zu fragen, wie „resilient“ sich „unsere Demokratie“ in Corona-Zeiten zeigt. Und was wäre im Sinne einer gegenüber paternalistischen und autoritären Versuchungen resilienten Demokratie nicht nur als Regierungsform, sondern auch als Lebensweise zu verbessern?

„Bounce back“ – „bounce forward“

Resilienz ist in den vergangenen Jahren zu einem Modewort geworden. In der aktuellen Pandemie steht „Resilienz“ summarisch für eine bessere Vorbereitung auf zukünftige Pandemien, dabei vor allem für die Fähigkeit, schmiegsam auf exogene Schocks zu reagieren, systemische Funktionen aufrecht zu erhalten und nach Möglichkeit zu verbessern. „Elastizität“, „Robustheit“, „Anpassungsfähigkeit“, „Widerstandsfähigkeit“ zählen dabei zu den häufigsten Zurechnungen.

Florian Roth, der am Competence Center Politik und Gesellschaft am Fraunhofer-Institut für System- und Innovationsforschung (ISI) Resilienzforschung betreibt, fasst Resilienz von Systemen zunächst traditionell als „Fähigkeit zum bounce back“: „Je schneller das betroffene System seine normale Funktionsweise zurückerlangt, desto resilienter ist es.“ „Interessanter“ allerdings sei indes ein „erweiterter Resilienzbegriff“: “Hier steht die Fähigkeit im Zentrum, langfristig zu überleben und zu prosperieren. Ziel ist entsprechend nicht notwendigerweise die Rückkehr in den Systemzustand vor einem Schockereignis, sondern eine kontinuierliche Anpassung unter sich verändernden Umweltbedingungen. Durch diese Anpassung an neue Bedingungen wird der bounce forward möglich, bei dem das System nach einer Krise leistungsfähiger und langlebiger ist als davor.” (Roth 2020)

Erhalt und Wiederherstellung oder Wandel und Sprung nach vorn (Fortschritt), so ließen sich diese beiden Perspektive alternativ zuspitzen. Offen bleibt, von welchem „System“ und von welchen „das System“ dominierenden Funktionen und Zwecken die Rede sein soll, das „leistungsfähiger und langlebiger als zuvor“ aus der Krise hervorgehen soll, also etwa vom kapitalistischen Wirtschaftssystem oder vom demokratischen System bzw. Demokratie als gesellschaftliche Lebensweise. Resilienz eines Systems schließt in der Theorie nicht aus, dass die Akteure des Systems im Krisenfall auf die Fähigkeit angewiesen sind oder setzen wollen, sich eine neue soziale Ordnung zu geben, um elementare Systemfunktionen aufrechtzuerhalten. Von dieser Offenheit zeugt auch die moderne Geschichte des Begriffs in den Ingenieur- und Sozialwissenschaften.

Resilienz und Politiken der Sicherheit

Resilienzforschung, Sicherheitsforschung und Risikoanalyse entwickelten sich seit den 1970er Jahren Hand in Hand. Ursprünglich galt „Resilienz“ dabei als alternative Strategie, schreibt Stefan Kaufmann, als ein „Denken, das die prinzipiellen Grenzen der Sicherheit und Verlässlichkeit großtechnischer Systeme ins Zentrum stellt, das Monopolstrukturen, ob im Bereich Energie oder Informationstechnik, als Sicherheitsrisiko ansieht“: “(…) ein Denken, das zur prinzipiellen planerischen Vorsicht mahnt, das dazu anhält, Ungewissheit und Nicht-Kalkulierbares immer schon in Rechnung zu stellen. Entsprechend verbindet sich mit Resilienz die Programmatik der Suche nach alternativen Pfaden, nach kleinen, dezentralen, diversifizierten Lösungen, und nach Politiken, die sich jenseits dominanter ökonomischer Logik bewegen.” (Kaufmann 2013)

Umgangssprachlich formuliert: „Resilienz“ begann ihre moderne Karriere als Kontrapunkt zu Fortschritts- und Planungsgläubigkeit – als Murphy’s law, shit happens und Alternativen sind möglich die entsprechenden Wissenschaftszweige unter Druck setzten. Resilienz wurde, wörtlich und sinngemäß, nach der Ölkrise der 1970er Jahre in einer Studie für das Pentagon ins Spiel gebracht als alternative Strategie gegen die enorme Störanfälligkeit der Energieinfrastruktur und ebenso von der Anti-Atomkraft-Bewegung gegen den Bau von weiteren Kernkraftwerken. Resilienz ist – wie „Nachhaltigkeit“ oder „Verwundbarkeit“ bzw. „Vulnerabilität“, dem Schwesterbegriff von Resilienz – in den politischen Mainstream und in die herrschende Politik eingewandert.[1] Kaufmann beklagt, dass Überlegungen zu grundsätzlichen Alternativen in der zeitgenössischen Resilienzforschung „durch avancierte Risikoanalysen und -modellierungen wie durch IT-gestützte Krisensimulationen und -lösungsansätze verdrängt“ würden. Umstritten ist die programmatische Füllung. Oder wie Kaufmann schreibt: “Pointiert könnte man sagen, dass Resilienz zum einen für eine sicherheitspolitisch begründete Kehrtwende gesellschaftlicher Entwicklungspfade motivieren soll, zum anderen für die Fortschreibung von klassischem Planungs- und Kontrolldenken, für die Ausweitung der Privatisierung von Gemeinschaftsaufgaben sowie für die Intensivierung von Überwachung und Kontrolle.” (Ebd.)

Der Bezug auf Zweck und Funktion eines Systems enthält per se eine kritische Potenz. Resilienzforschung kann der Aufrechterhaltung von Macht- und Herrschaftsverhältnissen dienen wie auch der Sicherung und Entwicklung gesellschaftlicher Grundfunktionen des Zusammenlebens und der Reproduktion gegen die herrschenden Strukturen. Die Bezugnahme auf das Konzept der Resilienz öffnet zu allererst einen Diskursraum, in dem über Alternativen, über die Bestimmung der Funktion gefochten wird, in dem über „das Allgemeine“ aus unterschiedlichen Perspektiven und Interessen gestritten und am Ende bestimmt wird. Felix Syrovatka konstatiert „Universalität und Offenheit“ des Resilienzbegriffs; das „Resilienzkonzept“ sei ein „abstraktes Konzept, das sich sowohl theoretisch als auch empirisch unterschiedlich füllen lässt“: “Was jedoch unter Resilienz genau verstanden wird und gegen welche möglichen Erschütterungen Widerstandskräfte ausgebildet werden sollen, bleibt Ausdruck gesellschaftlicher und institutioneller Kräfteverhältnisse.” (Syrovatka, a.a.O. 611. )[2]

In diesem Sinne können eine Reihe von Interventionen der politischen Linken verstanden werden, die auf eine bessere materielle Ausstattung des Gesundheitssystems drängen. Das Institut für Gesellschaftsanalyse der Rosa-Luxemburg-Stiftung hat eine systematische Umstellung auf Resilienzforschung im Bereich der „kritischen Infrastrukturen“, der Institutionen und Ressourcen einer gesellschaftlichen Grundversorgung angemahnt: “Das staatliche Handeln, die Legislative und die Verwaltungen, die Behörden und Schulen müssen auf zukünftige tiefgreifende Krisen eingestellt werden, wie sie mit dem Klimawandel, mit Wasserknappheit oder Versorgungsengpässen bei Nahrung oder medizinischer Hilfe verbunden sein können. Als kritische Infrastrukturen erweisen sich nicht nur Verkehrswege, Telekommunikation oder Elektrizität, sondern auch die Landwirtschaft (insbesondere die kleineren Bauern) und die Lebensmittelverarbeitung, der Katastrophenschutz, die Schulen und Hochschulen, die wissenschaftlichen Forschungseinrichtungen. Forschungsmittel müssen auf langfristige Resilienz umgestellt werden.” (IfG & friends 2020)

Wolfram Geier geht in einem Beitrag der „Blätter für deutsche und internationale Politik“ einen Schritt über den Funktionsbereich der „kritischen Infrastrukturen“ hinaus. Die Corona-Krise könne „katalysierend dazu (beitragen), unsere Gesellschaft resilienter zu gestalten“, und zwar explizit als eine demokratische Gesellschaft: “Eine gegenüber Krisen und Katastrophen resiliente Gesellschaft wäre in der Tat ein hervorragendes übergeordnetes politisch-strategisches Ziel. Rechtzeitig verwirklicht, könnte es erheblich dazu beitragen, bei krisenhaften Ereignissen auch einer Gefährdung demokratischer Grundprinzipien durch extreme Notstandsapologeten und Endzeitromantiker entgegenzuwirken.” (Geier 2020)

Einer resilienten Gesellschaft gelänge es, „krisenhafte Ereignisse“ auf demokratische Art und Weise zu bewältigen, demokratische Grundprinzipien des Zusammenlebens zu bewahren, Demokratie als Lebensweise „robuster“, „widerstandsfähiger“ zu machen. In den Blickpunkt rückt so die „Demokratie-Fähigkeit“ der Gesellschaft, ihrer Strukturen und Institutionen, wie auch diejenige der einzelnen Bürger*innen.

In den Analysen des Bundesamtes für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe wird diese Dimension nur instrumentell verkürzt in Anschlag gebracht, als zusätzliche Ressource der Krisenbewältigung, auf die die Exekutive rechnen können muss wie in anderen Fällen auf das „freiwillige Engagement“ der Bürger*innen: “Kernelement einer resilienten Gesellschaft sind die Bürgerinnen und Bürger als Individuen und in gestärkten Gemeinschaften. Selbstschutz- und Selbsthilfefähigkeit werden damit zu entscheidenden Variablen für eine widerstandsfähige und damit resiliente Gesellschaft.” (Mayer 2013)[3]

Am Ende kommt es auf das Verhalten der einzelnen Bürger*in an – diese ewige alltagspraktische wie demokratische Wahrheit darf jedoch nicht die Frage danach verstellen, was getan wurde und wird, um in einer Gesellschaft, in der formale politische Gleichheit mit sozial höchst ungleich verteilten materiellen, sozialen und kulturellen Ressourcen einher geht, die Fähigkeit zu verantwortlichem Handeln sowie zu Selbstschutz und Selbsthilfe aller zu stärken. Hierbei handelt es sich nicht nur um Fragen der materiellen Verteilung von Ressourcen und Zugängen, sondern auch um Fragen des alltäglichen Bewusstseins und der Bereitschaft, den alltäglichen wirtschaftlichen, sozialen und kulturellen Abläufen Puffer zu belassen, um Schocks abzufedern.

Herrschaftliche Verkürzungen des Resilienzbegriffs auf das Verhalten und die psychische Widerstandsfähigkeit des Individuums wie die von Julia Mayer lassen eine linke Kritik zunächst plausibel erscheinen, wie sie Stefanie Graefe formuliert: “Resilienz als psychologisches und politisches Programm zielt, kurz gesagt, nicht auf Gleichheit, Freiheit oder Emanzipation, sondern auf die Akzeptanz des Unvermeidlichen. […] Die Logik der Resilienz regiert, wo strukturell produzierte Krisenerscheinungen durch Verhaltensmodifikationen so aufgefangen oder zumindest abgemildert werden sollen, dass eine grundlegende Systemtransformation vermieden werden kann. Resilienz zielt somit nicht auf sozialen Fortschritt, sondern auf den Systemerhalt, genauer gesagt: auf das Überleben des Systems – und nicht auf seine Überwindung.” (Graefe 2020, ausführlicher in Graefe 2019)

Was „unvermeidlich“ ist, wird allerdings akzeptiert werden müssen. Der Anstieg des Meeresspiegels gilt, unabhängig von seinen Ursachen in der industriell-kapitalistischen Produktionsweise, in der Wissenschaft weitgehend als unvermeidlich. Gleiches gilt nicht nur laut der Kritik der Politischen Ökonomie auch für die Wirtschaftskrisen des Kapitalismus, weshalb die einen Krisen als zweite Natur hinnehmen, andere sie durch sozialstaatliche Programme abfedern und dritte den Kapitalismus überwinden wollen. Dass ein Gesundheitssystem nur funktionieren kann, wenn es Profit abwirft, gilt nur wenigen als „unvermeidlich“. Es kommt, wie Graefe an anderer Stelle schreibt, entscheidend darauf an, welches System und welche Systemfunktionen durch Resilienz geschützt werden sollen, etwa „das Gesundheits- und Pflegesystem“ oder „doch eher das flexibel-kapitalistische Reproduktionssystem“. Daher überzeugt es nicht, wenn Graefe ohne Rückbezug auf politische Auseinandersetzungen, sondern aus dem Begriff selbst schließt, dass „die Chancen auf eine emanzipatorische Aneignung des Konzeptes der Resilienz alles in allem schlecht“ stünden und gar behauptet: “Resilienz ist mit Kernkategorien emanzipatorischer Bewegungen wie Autonomie, Kritik und letztlich auch Demokratie unvereinbar. Resilienz empfiehlt das Sich-fügen in das (kurzfristig) Notwendige”. (Graefe 2020)

Das vorschnelle Verlassen des Resilienz-Diskurses kommt politisch dem Verzicht auf transformatorische Veränderungen zugunsten einer abstrakt bleibenden Überwindung „des Systems“ gleich. Den aus unserer Sicht politisch und theoretisch entscheidenden Punkt tippt Stefanie Graefe selbst an: “Wird Demokratie jedoch auf ihre Funktionalität in Sachen Krisenbewältigung reduziert (und nicht auch als Selbstzweck verstanden), dann gerät sie in Gefahr, durch prozedural weniger aufwendige und weniger konfliktive Entscheidungssysteme ersetzt zu werden.” (Ebd.)

Genau darum sollte es der Linken nicht nur in den Resilienz-Diskursen gehen: Demokratie als Selbstzweck zu verstehen. Am Beginn der exekutiven Bearbeitung der Pandemie sprach Jens Bisky in einem Essay von „drei Sorgenkreise(n), die auf vertrackte Weise miteinander zusammenhängen“ (Bisky 2020): die Sorge um die Gesundheit, die Sorge um die wirtschaftlichen Folgen und die Sorge um die politische Verfasstheit, die Demokratie.[4]

Demokratische Resilienz – resiliente Demokratie

Christoph Gusy fasste ein gerade für demokratische Gesellschaften zentrales Problem der Resilienz in dem Satz zusammen: „Wer Resilienz will, muss mit ihr im Normalfall, aber für den Notfall planen.“ (Gusy 2013) Resilienz erschöpft sich gerade nicht in der Vorbereitung auf bekannte Katastrophen. Wer nach einem Elbe-Hochwasser nicht mit einer möglichen Wiederholung rechnet und dafür keine Vorsorge trifft, handelt politisch schlicht fahrlässig, ja verantwortungslos. Ähnliches gilt für die heute als unvermeidbar geltenden (katastrophischen) Folgen des Klimawandels, die sich auch dann nicht werden vermeiden lassen, wenn die Erderwärmung tatsächlich noch auf 1,5– 2 Grad begrenzt werden könnte. Resilienz befasst sich nicht so sehr mit möglichen und erwartbaren Ereignissen, von denen allein der Zeitpunkt des Eintretens unbekannt ist. Das Konzept der Resilienz muss mit zahlreichen Unbekannten, d.h. mit dem Nichterwartbaren rechnen, damit, dass das Vertrauen in die Regelmäßigkeit alltäglicher Abläufe erschüttert wird: “Unbekannt sind die zukünftigen Katastrophen und ihre zukünftigen Auswirkungen, also die tatsächliche Situation, in welcher sich Resilienz beweisen und bewähren muss. Unbekannt ist das Verhalten der Menschen im Katastrophenfall; also das Verhalten derjenigen, von denen die Resilienz erwartet und geleistet werden muss. Und unbekannt ist letztlich auch, wie Normen und rechtliche Vorkehrungen im Katastrophenfall wirken und durchgesetzt werden können.” (Ebd.)

Demokratische Resilienz bzw. eine resiliente Demokratie setzen den Aufbau von Fähigkeiten voraus, die im Normalfall nicht benötigt werden, anders formuliert: auf die Ressourcen, die benötigt werden, um der autoritären Versuchung, die im Bedürfnis nach Schutz im Krisenfall verborgen ist, zu widerstehen.

Man muss sich, das macht womöglich den Kern dessen aus, worum es bei demokratischer Resilienz geht,  darauf einstellen, dass das Alltagsvertrauen hintergangen werden könnte, dass die Dinge nicht mehr so sind, wie sie sein sollten. Stark vereinfachend könnte man beispielhaft sagen: Man muss ständig darauf vorbereitet sein, dass jemand das Rot-Zeichen an der Ampelkreuzung nicht beachtet, muss im Sinne des Verkehrsflusses sich gleichwohl aber immer so verhalten, dass die Beachtung durch jede andere am Verkehr teilnehmende Person vorausgesetzt ist. Dass sich Teile der Gesellschaft nicht an die Regeln halten.

Der verstorbene Frank Schirrmacher wählte dafür in einem seiner Artikel zum Finanz-Crash 2007/2008 das eindrucksvolle Bild des American Turkey: “Ein Truthahn wird tausend Tage lang gefüttert. Jeden Tag registriert die statistische Abteilung seiner Gehirnregion, dass die menschliche Rasse sich um sein Wohlergehen sorgt, und jeden Tag erhärtet sich diese Feststellung mehr. An einem schönen Mittwochnachmittag, einen Tag vor „Thanksgiving“, erlebt der Truthahn eine Überraschung.” (Schirrmacher 2008)

Die Finanzmarkt-Akteure, so Schirrmacher, rechneten wie der Truthahn die Vergangenheit auf die Zukunft hoch und wetteten „gegen überraschende oder seltene Ereignisse“: “Genau besehen, ein ziemliches Risiko, weil es ja gerade die Überraschungen sind, gegen die man sich wappnen will.” (Ebd.)

Systeme, die nur funktionieren, solange „die Überraschung“ nicht eintritt, sind von Resilienz weit entfernt. Überraschungen er- und überlebt man eher, wenn Alternativen, Puffer oder Reserven zur Verfügung stehen. Ein resilientes System kann daher eher kein System sein, welches durch die neoliberale Ideologie geprägt ist: Ökonomisierung und Finanzialisierung drängen gerade darauf, die „Puffer“ etwa im Gesundheitssystem weg zu ökonomisieren; angebliche „Reformzwänge“ behaupten rationale Argumente, die sich „aus der hohen Vernunft der Ökonomie und der Finanzmärkte“ ableiten (Schirrmacher). Spätestens im Moment der Überraschung offenbart sich, dass der Zusammenhang von Individuum, Gesellschaft und Globalität entgegen der neoliberalen Ideologie nicht ausschließlich ökonomisch begründbar und begründet ist. Der Aufschwung von „Resilienz“-Forschung und -Konzepten in ihren unterschiedlichen Gestalten im zurückliegenden Jahrzehnt verdankt sich den „Überraschungen“ vom 11. September 2001 und vom 15. September 2008, dem Desaster der neoliberalen Ideologie. In beiden Fällen geht es bis heute hinter der vordergründigen Systemresilienz um verlorenes Vertrauen in die institutionellen Regelwerke sowie in das Verhalten anderer.

Schließlich ist das Konzept demokratischer Resilienz im politischen Feld kein rein konservatives, sondern ein reformistisches und potenziell transformatorisches Konzept, wie Christoph Gusy betont: “Gesellschaftliche Resilienz soll im Katastrophenfall abgerufen werden, kann aber im Katastrophenfall nicht erst hergestellt werden. Von daher liegt es nahe, soweit wie möglich aus noch vorhandenen Strukturen und Ressourcen zu schöpfen und nicht erst auf die Schaffung neuer zu warten. Insbesondere ist die Katastrophe ein besonders ungünstiger Zeitpunkt, um neue oder spezielle Infrastrukturen zu schaffen oder zu organisieren. Besser ist, an ohnehin vorhandene Infrastrukturen anzuknüpfen.” (Gusy 2013)

Krisen- und Katastrophenbewältigung in demokratisch verfassten Gesellschaften zielen normativ darauf ab, die demokratische Verfasstheit der Gesellschaft: der Beziehungen zwischen Staat und Bürger*in und zwischen den freien und gleichen Bürger*innen untereinander; zu erhalten und mit Blick auf künftige Risiken zu stärken. Autoritären und paternalistischen Bewältigungsstrategien setzt demokratische Resilienz Grenzen, auch wenn sie den Ausnahmezustand, in den sie aus freien Stücken einwilligt, kennt. Gerade angesichts der Angriffe von rechts auf das demokratische Zusammenleben reicht das bloße Vertrauen in die Regierenden nicht aus.

Demokratische „Widerstandsfähigkeit“ bezieht sich nicht nur auf natürliche, soziale oder wirtschaftliche Katastrophenereignisse, sondern umfasst auch soziale, kulturelle und psychologische Dimensionen, die innere Verfasstheit, auf die man im „Überraschungsfall“ vertrauen können muss. In unserer Studie befassen wir uns mit ausgewählten Aspekten einer demokratischen Resilienz mit Blick auf die vergangenen Wochen und Monate mit

  • der Fähigkeit des demokratischen Regierens, in Situationen großer Unsicherheit bzw. des Nichtwissens Entscheidungen zu treffen, Prozesse zu initiieren und sie im Lichte neuer Erkenntnisse auch zu korrigieren, also mit dem vermuteten wie tatsächlich erwarteten Wunsch nach Führung und klaren Regeln umzugehen;
  • der Fähigkeit, auf die Kommunikation auf „Augenhöhe mit den Bürger*innen“ zu setzen statt auf reine Verhaltensökonomie;
  • die Fähigkeit der repräsentativen Demokratie, in ihren Debatten die Unsicherheiten, Zweifel und Sorgen, die in der Gesellschaft vorhanden sind, zu repräsentieren;
  • den gesellschaftlichen Ressourcen kooperativen und sozialen Handelns als Voraussetzung, um panische, kontraproduktive Reaktionen zu verhindern (z.B. „Hamsterkäufe“)
  • der Informiertheit und Urteilsfähigkeit der Bürger*innen.

Dieser Text ist ein Auszug aus einer im Entstehen befindlichen Studie zur „demokratischen Resilienz“ in der Corona-Pandemie.

Literatur

Bisky, Jens, 2020: Zeit der Sorge; in: Süddeutsche Zeitung, 25.3.2020

Geier, Wolfram, 2020: Für eine nachhaltige Risiko-Kultur: Corona als Chance; in: Blätter für deutsche und internationale Politik, 5/2020, 29-32

Graefe, Stefanie, 2020: Corona: schlägt die Stunde der Resilienz?, in: LuXemburg Online, www.zeitschrift-luxemburg.de/corona-schlaegt-die-stunde-der-resilienz/

Dies., 2019: Resilienz im Krisenkapitalismus. Wider die Logik der Anpassung, Bielefeld

Gusy, Christoph, 2013: Vier Thesen: Resilienz der Gesellschaft oder resilient society, www.sicherheitspolitik-blog.de/2013/05/21/resilienz-gusy/

Institut für Gesellschaftsanalyse & friends, 2020: Ein Gelegenheitsfenster für linke Politik. Wie weiter in und nach der Corona-Krise, www.zeitschrift-luxemburg.de/ein-gelegenheitsfenster-fuer-linke-politik-wie-weiter-in-und-nach-der-corona-krise/print/

Kahrs, Horst, 2020: Mutmaßungen über die Zeit mit und nach „Corona“, www.horstkahrs.de

Kaufmann, Stefan, 2013: Resilienz – Ja bitte! Nur wie? www.sicherheitspolitik-blog.de

Mayer, Julia (Referentin beim Bundesamt für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe), 2013: Resilienz und Bevölkerungsschutz – eine Frage des Selbstschutzes?!, 15.5.2013, www.sicherheitspolitik-blog.de/2013/05/15/resilienz-mayer/.

Roth, Florian, 2020: Bouncing forward – Wie Erkenntnisse aus der Resilienzforschung in der Corona-Krise helfen können, 23. April 2020, www.isi.fraunhofer.de/de/blog/2020/resilienz-corona-krise.html

Schirrmacher Frank, 2008: Da staunte der Truthahn, in: FAZ, 1.11.2008, www.faz.net/aktuell/feuilleton/themen/krisentheorie-da-staunte-der-truthahn-1713270.html

Syrovatka, Felix, 2019: Resilienz als Fortschreibung neoliberaler Krisenbearbeitung. Das Resilienzkonzept in der europäischen europäischen Arbeitsmarktpolitik; in: Prokla, Heft 197, 49. Jg. 2019, Nr. 4, 597 – 615, doi.org/110.32387/prokla.49.197.1809

Anmerkungen

[1] Der Begriff „Resilience“ findet sich auf den Webseiten von EU und OECD mannigfach in den Dokumenten. Auch den Koalitionsvertrag zwischen Union und SPD fand er 2018 Eingang. Oftmals wird „resilient“ dabei im Sinne von „nachhaltig“ und „widerstandsfähig“ verwandt (vgl. Syrovatka 2019, 597– 615).

[2] In seiner Untersuchung der europäischen Arbeitsmarktpolitik bzw. der „ökonomischen Reslizienz“ wird die Dimension „umkämpfter Kräfteverhältnisse“ dann aber weitgehendst ausgeblendet und das Resilienzkonzept auf einen „begrifflich-konzeptionellen Rahmen“ der Mächtigen in der EU für die Nachkrisen-Ära gestutzt, „welche das hegemoniale Narrativ der Wettbewerbskrise nachhaltig in die institutionellen Strukturen verankern soll“ (ebd., 612).

[3] Gerade in diesem Bundesamt ist das Verständnis von Resilienz wenig ausgeprägt, vielmehr instrumentell verkürzt, etwa wenn es im gleichen Text heißt: „Eine resiliente Bevölkerung trägt – in Verbindung mit weiteren Kernelementen – erheblich dazu bei, Risiken zu minimieren und Schadensereignisse erfolgreich zu meistern. Unstrittig ist ebenfalls, dass der Aufbau und die Stärkung einer resilienten Gesellschaft übergeordnetes Ziel staatlichen Handelns im Bevölkerungsschutz ist.“ Siehe dazu auch den Abschnitt zu den „Risikoanalysen des Bundesamtes“ in dieser Studie.

[4] Vgl. ebd. sowie Kahrs 2020.