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Raum für Erinnerung und Solidarität. Aussagen aus dem Prozess gegen den Attentäter von Halle

Von Christina Feist und Ismet Tekin

Über ein Jahr ist vergangen seit dem rechten Anschlag auf die Synagoge und den Kiez-Döner in Halle, bei dem zwei Menschen getötet wurden. Zum Jahrestag am 9. Oktober 2020 organisierten Halle gegen Rechts – Bündnis für Zivilcourage und Mobile Opferberatung/Miteinander e. V. eine dreitägige Ausstellung mit dem Titel »Raum der Erinnerung und Solidarität«. Im Mittelpunkt standen die Stimmen der Betroffenen, darunter 30 Zeugenaussagen im Prozess gegen den Attentäter. Mit dem Einverständnis der Betroffenen und der Mobilen Opferberatung veröffentlichen wir zwei der Ausstellungstexte.

»Ich habe Angst, dass wir wieder nicht gehört werden.«

Christina Feist

[…] Ich kenne das aus Berlin und Wien, dass vor jeder jüdischen Einrichtung mindestens zwei Poli­zisten stehen. […] Ich hatte mir gar nicht genau angeschaut, wo die Synagoge ist, ich dachte, ich laufe so lange, bis ich die Polizei sehe. Dann bin ich tatsächlich an der Synagoge vorbeigelaufen. […] Ich habe in meiner Naivität zuerst gedacht: Halle ist klein, vielleicht brauchen die das nicht, vielleicht ist das die Insel der Seligen. In der Synagoge habe ich den Gemeindevorsitzenden gefragt und erfahren, dass sich die Gemeinde schon lange darum bemüht hatte, Polizeischutz zu bekommen, diese Bemühungen aber erfolglos geblieben sind. […]

Mitten im Thora-Lesen, das ist meine erste prägende Erinnerung, habe ich zwei Knallgeräusche gehört. Mein allererster Gedanke war: Das ist ein Terroranschlag, wir sollten uns alle ducken! Diesen Gedanken habe ich sofort verworfen, denn das ist ja vollkommen abstrus, so was passiert hier nicht. Und auch, weil keine Panik entstanden ist. […] Die nächste prägende Erinnerung ist, dass schräg links vor mir ein Freund von mir saß […]. Ich hatte schon gesehen, dass die Vordertür verbarrikadiert war. Als dieser Freund aufgesprungen ist, um nach hinten zu laufen, war mein erster Gedanke: Der Täter ist schon auf dem Gelände und der Freund soll nicht alleine sterben. Also bin ich aufgesprungen, ihm hinterher­gelaufen und habe gesehen, dass er die hintere Tür verbarrikadiert […]. Ich habe ihm geholfen […]. Ich stand dort neben der Treppe, als der Gemeindevor­sitzende die Polizei gerufen hat. Und ich habe gehört, dass er sagte, es sei ein Terroranschlag. Ich glaube, das war das erste Mal, dass mir zumindest ansatz­weise bewusst geworden ist, wie ernst die Lage ist. […] Ich habe den Kantor gefragt: »Bist du okay?« Er hat mich angeguckt und gesagt: »Nein, da liegt eine Person auf der Straße!« […] Mein erster Impuls war, dass ich da raus muss, um Erste Hilfe zu leisten. Es war klar, dass ich nicht herausgelassen werde. […] Erst zwei oder drei Tage später habe ich verstanden, dass diese Person auf der Straße tot war und dass es Jana [Lange] war. Meine nächste Erinnerung ist, dass der Gemeindevorsitzende sagte: »Die Polizei ist jetzt da.« Er zeigte mir das Auto auf dem Bildschirm. Und ich weiß noch, dass ich gesagt habe: »Warum machen die denn nichts?« […] Ich kann mich noch sehr deutlich daran erinnern, wie unglaublich fürch­terlich ich das fand, zu sehen, dass ein Mensch auf dem Boden liegt und keiner hilft ihm. […]

Wir wurden dann durch einen Polizeikorridor rausgebracht, da war ein Notarzt und dieser Bus, bei dem ich mich gewundert habe, dass es ein ganz normaler Bus war ohne Sicherheitsglas. Wir waren den Medien komplett preisgegeben. […] Die einzig positive Erinnerung, die ich an diesen Tag habe, ist an das Krankenhaus. Wir sind – das ist heute noch sehr emotional für mich – mit diesem Bus angekom­men und hineingegangen. Und da stand im Spalier ein Team aus Ärztinnen, Ärzten, Krankenpflegerinnen und -pflegern. Ich weiß, dass die erste Person, die mich angesprochen hat, der stellvertretende ärztli­che Leiter war, der mir in die Augen sah und sagte: »Herzlich willkommen, Sie sind hier nicht Patienten, Sie sind hier Gäste.« Das war das Allerwichtigste und Richtige, was ich hören musste. Es war das erste Mal, dass ich verstanden habe, dass uns in diesem Sinne nichts passiert ist und dass ich vor allem kein Störfaktor bin, dass es okay ist, dass ich hier bin und sein darf. Wir haben dann in der Cafeteria des Kran­kenhauses zu Ende gebetet und gemeinsam Fasten gebrochen. […]

Ich habe meine Mutter angerufen und es war das erste Mal, dass ich ausgesprochen habe, dass ich okay bin und es mir gut geht. Ich habe aufgrund dieses Telefonats eine Ansage der Polizei verpasst […]. Ich kam zurück in diesen Raum und plötzlich tauchte von schräg hinter mir ein Mann auf. Wie sich dann herausstellte, war es ein Polizeibeamter in Zivil. Er hat sich nicht ausgewiesen, nicht vorgestellt, er stand einfach plötzlich da und hat mich angeguckt: »Na, wollen Sie jetzt?« Ich bin irrsinnig erschrocken. Ich wusste nicht, worum es geht. Als ich ihn gefragt habe, wurde er patzig und war unheimlich genervt und meinte: »Wenn Sie das Krankenhaus verlassen wollen, müssen Sie aussagen, ansonsten bleiben Sie hier!« […] Auf dem Weg in den Nebenraum hat mich der Polizeibeamte gefragt, ob ich meinen Personalausweis dabeihabe, woraufhin ich gesagt habe: »Nein, es ist Yom Kippur und ich darf ihn nicht tragen.« Der Polizist reagierte abfällig: »Das ist ja komisch.« Ich sagte: »Es ist nicht komisch, es ist Judentum.« Er hat mir überhaupt kein Sicherheitsge­fühl vermittelt. […]

Ich musste nach Paris zurück […], mein Rabbi­ner hat mir therapeutische Hilfe vermittelt […]. Ich hatte Durchschlafstörungen und Panikattacken, die plötzlich aufgetreten sind, vor allem an Orten, an denen mehrere Menschen waren, wie zum Beispiel im Supermarkt oder auch auf der Straße. Ich bin bei jedem lauten Geräusch sofort erschrocken […]. Ich habe wochenlang versucht, meinen Alltag zu orga­nisieren und meine Gedanken aufzuschreiben, damit ich sie nicht sofort wieder vergesse, zum Beispiel einfache Sachen wie, dass auf dem Herd Wasser steht. […] An meiner Dissertation habe ich mona­telang nicht gearbeitet, von Konzentration war gar keine Rede. Was mich tatsächlich gerettet hat, abge­sehen von meiner Psychotherapeutin, ist der Sport, das Boxtraining. […] Es gab sehr, sehr viele Tage, an denen gar nichts ging […]. Und ich habe es trotzdem noch zum Sport geschafft. Das gibt mir Kraft. Es hat sich aber auch langfristig für mich viel geändert. Ich lebe immer noch in Paris, obwohl das ursprünglich nur für ein Jahr geplant war. Aber ich habe im Verlauf des letzten Jahres festgestellt, dass ich nicht nach Deutschland zurückkann. Der Grund dafür ist nicht der Terroranschlag an sich, sondern, wie unsensibel und fahrlässig die Polizei mit uns Traumatisierten umgegangen ist. Ich lebe hier in Angst und habe überhaupt kein Vertrauen in deutsche Autoritäten. Deshalb kann ich mir eine Zukunft in Deutschland nicht vorstellen. […]

Ich bin aber vor allem emotional erschöpft, weil ich unglaubliche Angst habe, dass wir schon wie­der nicht gehört werden. Ich fühle mich tatsächlich seit dem ersten Tag, also seit dem 9. Oktober 2019, alleingelassen. […] Ich sehe das an der Inaktivität der Politiker und der Regierung. Ich sehe das an einer Gesellschaft, die nicht sieht, dass es in diesem Land einen historisch gewachsenen Antisemitismus gibt […]. Ich sehe das letztlich auch am Verlauf des Prozesses und an meiner Position als Bittstellerin, als ich beim Bundesamt für Justiz um die Reisekosten bitten musste, um hier überhaupt teilnehmen zu kön­nen. […] Das zeigt sich auch beim Gericht, das seit dem ersten Tag inhaltlich unreflektiert die Sprache des Täters reproduziert. […]

  1. September 2020

»Sie haben nicht gewonnen!«

Ismet Tekin

[…] Ich wollte für den Laden eine Bestellung aufge­ben, weshalb ich so drei bis vier Minuten vor dem Anschlag den Laden verlassen habe. […] Dann hat mich mein Bruder angerufen, es sei ein Anschlag passiert. Ich habe die Polizei angerufen, sie haben gesagt, dass sie schon unterwegs sind. Ich bin den Weg gerannt, eigentlich ist es nicht weit, aber es kam mir vor wie 10 000 Meter. Dann kamen zwei Bauarbeiter. […] Wir kannten uns, sie kamen immer zu uns zum Essen. Einer hat gesagt: »Der Mörder hat viele getötet, geh nicht hin, er tötet alle.« Da hat sich alles bei mir ausgeschaltet. […] Ich bin weiter-gerannt bis kurz vor der Apotheke, da habe ich einen Schuss neben mir in die Wand einschlagen gehört. Da wurde ich wach. Dann habe ich ein Auto und einen Mann in militärischen Klamotten gesehen und habe mich hinter einem Auto versteckt. […]

Polizeiautos kamen, zwei Einsatzautos. Sie haben sich gegenseitig beschossen. Ich habe mich auf den Boden geworfen. Dann habe ich gesehen, dass er [der Attentäter] zu Boden ging. Ein paar Sekunden später stand er auf und fuhr weg, die Polizei hinterher. Ich bin zum Laden, aus dem mein Bruder kam. […] Ich bin in den Laden und habe gerufen, aber niemand hat geantwortet. Ich habe mir ein Wasser aus dem Kühlschrank genommen und habe gesehen, dass jemand dahinter liegt. Ich habe mit dem Ohr den Puls geprüft, den Atem, aber er [Kevin Schwarze] hat nicht geatmet. Eine Frau war mit dabei. Ich habe den Notruf angerufen, aber ich konnte nicht weiterreden, dann habe ich ihr das Handy gegeben. Wir sollten ihn bewegen – aber er ist leider gestorben.

Die Polizei hat uns dann rausgebracht. Ich wusste nicht, dass sich Herr R., unser Stammkunde, in der Toilette eingeschlossen hatte. Ein paar Minuten spä­ter hat die Polizei uns in unangenehmem Ton gesagt, dass wir weitergehen sollen. Herr R. kam dann raus, er stand unter Schock, konnte nicht reden, wir haben ihm Wasser gebracht. […] Es war eine unglaubliche Situation, so viele Polizisten, alles gesperrt, jedes Haus wurde durchsucht. Wir standen unter Schock, Schmerz, Leid. In vier Sprachen habe ich keine Worte gefunden, die Tat zu beschreiben. Aber für den Mörder habe ich ein Wort gefunden: Er ist ein Feigling. […]

Bis zum heutigen Tag habe ich es ausgehalten, bis zur Aussage von Kevins Vater. Es war so schmerz­haft, alle Mütter, Väter, Familienangehörige fühlen diesen Schmerz. […] Mir hat wehgetan, dass ich zunächst nicht als Nebenkläger anerkannt wurde, weil der Täter angeblich nicht auf mich schießen wollte. […] In dem Moment wusste ich nicht, ob er mich umbringt oder nicht. Ich stand unter Beschuss. Es wäre mir lieber, ich wäre nicht Nebenkläger. […] Ich bitte das Gericht, wahrzunehmen, dass der Täter jeden umbringen wollte. Und ich bin einer davon.

Kevin und Jana sind nicht umsonst gestorben. Ihr Tod, den Wert kann man nicht bemessen. Sie sind vielleicht körperlich nicht hier, aber sie werden bis in alle Ewigkeit in unseren Herzen leben. […] Nie­mand hat es verdient, auf so eine Art und Weise zu sterben. Es ist der Mensch, der die Munition herstellt und andere tötet. Wieso ist Menschenleben so wenig wert? […] Ich frage mich, warum solche Vorfälle seit Jahren immer wieder geschehen und nicht verhindert werden. Ich bin mir absolut sicher, dass der deutsche Staat, wenn er sich dieser Dinge ernsthaft annimmt, diese Dinge auch lösen kann. Wir müssen gemein­sam daran arbeiten. Es leben hier viele Ausländer mit vielen Talenten, die nicht zutage treten. Sie werden ignoriert. Wir sind hierhergekommen, um in diesem Land Gutes zu tun. Unser Ziel ist es nicht, diesem Land zu schaden oder etwas Schlechtes herzubringen.

Meine Sichtweise auf Deutschland hat sich verändert. Zwei Monate vor dem Vorfall wollte ich die deutsche Staatsbürgerschaft beantragen, hatte alle Unterlagen geholt. Ich habe mich per Telefon auf diese Prüfung vorbereitet. Aber danach: Es macht keinen Unter­schied, ob ich die Staatsbürgerschaft habe oder nicht. […] Solange ich dunkle Haare und einen dunklen Teint habe, macht es keinen Unterschied, ob ich in der Tasche einen deutschen Pass trage oder nicht.

Aber ich habe nach dieser feigen Tat sehr viele wun­derbare Menschen kennengelernt. Ich bin mir sicher: Es gibt in jedem Land böse Menschen, aber das Böse wird immer verlieren. Ich habe ganz großherzige, liebevolle Menschen kennengelernt. In erster Linie möchte ich der Opferberatung, Frau Antje Arndt und ihrem Team danken, der Kiez-Soligruppe und den Menschen, die sich beim Prozess solidarisch gezeigt haben, vom ersten Tag an. Und allen, die uns auch aus der Ferne materiell und ideell unterstützt haben, möchte ich im Namen der Familie Tekin Danke sagen.

[…] Im Koran gibt es eine Kurzgeschichte: »Bemühe dich, zu leben, als ob du nie sterben würdest, aber auch so, als ob du gleich sterben würdest.« Aber nie­mand hat es verdient, auf diese Weise das Leben zu verlieren. […] Wegen dieses Feiglings muss ich seit elf Monaten meine Mutter belügen. Ich sage ihr, dass es mir gut geht, dass alles in Ordnung ist, obwohl es nicht stimmt und ich meiner Mut­ter immer die Wahrheit sagen wollte. Meine Eltern schaffen es, auch wenn sie 4 000 Kilo­meter weit weg wohnen, an jedem Schritt, den ich mache, teilzuhaben, zu sehen, ob ich mich auf dem richtigen Weg befinde. Aber dieser Feigling hat jahrelang irgendwelche Pläne geschmiedet und niemand hat es mit­bekommen. Also, ich glaube das nicht. Eine solche Tat ist nicht die Tat eines Einzelnen. Es bedarf der Nachforschung und Aufklärung, damit dieses schöne Land nicht noch mal durch so eine Tat erschüttert wird. […]

Abschließend möchte ich noch etwas zu dem Angeklagten sagen, zum Feigling: Sie haben nicht gewonnen. Sie haben auf ganzer Linie versagt. Mein Bruder lebt. Ich lebe. Sie wollten Zwietracht und Hass säen. Doch ent­standen ist noch mehr Zusammenhalt und noch mehr Liebe. Wir haben keinen Hass auf dieses Land. Wir werden nicht weggehen und auch unseren Laden nicht aufgeben. Im Gegenteil. Wir bleiben jetzt erst recht hier. Für immer. Und wissen Sie was? Ich werde Vater. Mein Sohn wird als Deutscher gebo­ren. Inşallah. Sie haben nicht gewonnen. Und doch haben Sie großes Unheil angerich­tet. Sie haben Jana und Kevin um ihr Leben betrogen. Im Koran heißt es: »Wer einen Menschen tötet, tötet die ganze Mensch­heit.« Mit diesem Leid müssen wir nun leben und den Schmerz ertragen. Das werden wir gemeinsam tun. Ob Deutsche oder Türken, Juden oder Muslime, Weiße oder Schwarze oder sonst wer. Gemeinsam mit Respekt, Freundschaft und Liebe.

  1. September 2020