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Pikettys Big Data

Von Rainer Rilling

Im Unterschied zur linken, meist auf Armut fokussierten Bearbeitung der Verteilungs- und Ungleichheitsfrage steht bei Thomas Pikettys Capital (2014) die empirisch-historische Analyse der Entwicklung der obersten Einkommen und des damit verknüpften Reichtums im Mittelpunkt. Die internationale Forschungsgruppe, auf deren Arbeit der Band mit beruht, beansprucht, mit der World Top Income Database (WTID) die aktuell umfangreichste Datensammlung zur historischen Einkommens- und Vermögensforschung aufgebaut zu haben. Sie hat seit Anfang der letzten Dekade 22 Länderstudien publiziert, und 45 weitere sind in Arbeit. Die Analysen greifen überwiegend auf Steuerdaten zurück, da sie als einzige relativ konsistente lange Reihen ermöglichen. Von diesen schließen sie auf Einkommen (Dividenden, Zinsen, Vermietung etc.) aus Kapital und bewerten es nach Marktpreisen, wobei – falls vorhanden – auch andere Quellen herangezogen werden, sodass Aussagen über die Reichtumsentwicklung getroffen werden können. Die Zeitschrift Science, die im Mai 2014 ein Schwerpunktheft mit dem Titel Science of Inequality den »haves and have-nots« widmete, verglich die WTID mit dem Gral naturwissenschaftlicher Datenwelt, dem Human Genome Project (HGP) zur Entschlüsselung des menschlichen Genoms.

Gleich mehrfach trifft Capital ins Schwarze: Alle Studien wie auch die Datenbasis und empirischen Bearbeitungen in Capital sind im Internet offen zugänglich. Waren das HGP und die dadurch angestoßenen Folgeprojekte darauf angelegt, eine neue Dimension der Inwertsetzung und neue Kapitalanlagemöglichkeiten zu erschließen, ist dieses Projekt ökonomischer Großforschung ein Fall öffentlicher Wissenschaft, das faktisch nicht auf Kommerzialisierung, sondern auf Politisierung hinausläuft. So wie es in der Soziologie (vor allem in den USA) auf die Initiative Michael Burawoys hin mittlerweile eine breite Debatte und Ansätze einer public sociology gibt, sind das WTID und Pikettys Capital von Beginn an darauf aus gewesen, einen kritischen wissenschaftlichen Anstoß für eine Verschiebung der politischen Verhältnisse zu geben. Piketty selbst platziert seinen Text in der politischen Ökonomie. Zu dieser öffentlichen politischen Ökonomie gehört, dass Capitals Big Data aus den letzten 250 Jahren den Durchschnittshabitus der Reichen und ›ihrer‹ Wissenschaften durchkreuzen, ihren Reichtum möglichst unsichtbar zu machen. Mehr noch: Ihr empirisches Datenkonvolut bringt einen verteilungskritischen Ansatz mit den Mitteln einer empirisch-historischen Analyse plötzlich in die Vorhand und hat auch ersten kritischen Polemiken (etwa der Financial Times) locker standgehalten. Big Data sind bislang kaum ein Feld der Auseinandersetzung zwischen Subalternen und den rich gewesen. Mit Capital hat sich das geändert. Und im Übrigen: »Refusing to deal with numbers rarely serves the interests of the least well-off.« (Piketty 2014a, 577)

Der neue Blick

Aus der Bearbeitung seiner Datenreihen votiert Piketty für einen grundlegenden Wandel des Blicks auf die Geschichte der Ungleichheit im Kapitalismus. Er formuliert eine Gegenthese zu dem einschlägigen »großen Märchen« (Picketty) der US-Wirtschaftswissenschaften, das 1953 der damalige Präsident der American Economic Association, Simon Kuznets, mit Economic Growth and Income Inequality erzählte, wonach die wachsende Ungleichheit in der Entstehungsphase des Kapitalismus mit der zunehmenden Industrialisierung von einer gleichsam ewigen Ära zunehmender Gleichheit abgelöst worden sei. Piketty setzt dagegen: Die Vergrößerung der Einkommens- und Vermögensungleichheit im Kapitalismus ist nicht Ausnahme, sondern Normalität. Zwar gibt es Regionen und Zeiträume, in denen die Ungleichheiten zurückgehen – so grosso modo in Europa in der Zeit zwischen 1914 und Anfang der 1970er Jahre –, wovon dann das Alltagsbewusstsein wie die wissenschaftlichen Leitkonzeptionen geprägt wurden und die zwei großen Erzählungen vom »Zeitalter der Katastrophen« (bis 1945) und vom folgenden »goldenen Zeitalter« (Hobsbawm) hegemonial wurden. Generationen wurden von dieser großen, eigentlichen integrativen Sozialerzählung vom Gleichheitsversprechen des Kapitalismus geprägt. Für Piketty ist dies jedoch Ausnahme, keine neue Normalität. Der Kapitalismus ist eine Maschinerie wachsender Ungleichheit, wenn sie nicht gebremst und letztlich gestoppt wird.

Die Wende zur Reichtumsanalyse

Die politische Motivation Pikettys ist an ein Forschungsinteresse gekoppelt, das sich von den gängigen Herangehensweisen seiner Zunft unterscheidet: »I wanted to understand how wealth, or super-wealth, is working to increase the inequality gap. And what I found […] is that the speed at which the inequality gap is growing is getting faster and faster. You have to ask what does this mean for ordinary people, who are not billionaires and who will never be billionaires. Well, I think it means a deterioration in the first instance of the economic wellbeing of the collective, in other words the degradation of the public sector […]. There is a fundamentalist belief by capitalists that capital will save the world, and it just isn’t so.« (Guardian, 13.4.2014) Vor allem am Beispiel der USA (aber auch anhand von zwei Dutzend weiteren Ländern) diagnostizieren Piketty, Anthony Barnes Atkinson, Gabriel Zucman, Emmanuel Saez und andere eine massiv beschleunigte Konzentration des Einkommens und Vermögens. Der Anteil des oberen Einkommensdezentils am Vermögen in den USA lag zwischen 1917 und 2012 nie unter 60 Prozent, seit 1987 ist er kontinuierlich angestiegen und liegt gegenwärtig bei etwa 75 Prozent; in Europa beträgt er knapp 65 Prozent. Betrachtet man das ›Top-Ein-Prozent‹, zeigt sich, dass deren Anteil zwischen 1978 und 2013 von knapp 25 auf rund 40 Prozent angestiegen ist, also deutlich stärker zugenommen hat. In Verlauf der letzten 30 Jahre wurde ein Anteil von mehr als 15 Prozent des Nationaleinkommens in den USA von den unteren 90 Prozent der Bevölkerung auf das oberste Zehntel verlagert. Der Anteil der Reichsten (das oberste 0,01 Prozent, d.h. etwa 16000 Haushalte mit über 100 Millionen US-Dollar) am Vermögen in den USA hat sich den letzten 35 Jahren vervierfacht (von 4 auf 11 Prozent im Jahr 2013). Dort im »centil struggle« (Boyer, 2013) spielt die Musik. Die Vermögen der weltweit reichsten Menschen wachsen dreimal so schnell wie die Durchschnittseinkommen. Der verbreitete Hinweis auf den Aufstieg der Mittelklassen in den BRICStaaten oder auf globale Angleichungen der Durchschnittseinkommen ist kein Argument gegen das Auseinanderklaffen der Vermögen. »Einige wenige Reiche könnten rein theoretisch in 30 bis 40 Jahren fast das komplette weltweite Vermögen besitzen.« (Piketty 2014b)

Patrimonialer Kapitalismus

Auch die wachsende Bedeutung des vererbten Vermögens bringt Piketty neu ins Spiel. Allein die vier Mitglieder der Familie Walton (Wal Mart) belegen die Plätze 9, 10, 11 und 12 der Bloomberg’schen Liste der global rich und besitzen mittlerweile mehr ererbtes Vermögen als die unteren 50 Millionen Familien in den USA. Bereits aktuell machen vererbte Vermögen ein Drittel der ›Forbes 400‹ aus. In Ländern wie Frankreich, aber auch in Deutschland ist im letzten Vierteljahrhundert der Anstieg der Höchsteinkommen und die Zunahme von Reichtum durch Vererbung erneut zu einer Schlüsselfrage geworden. Bereits 2010 machte vererbtes Kapital in Frankreich zwei Drittel des privaten Kapitals aus. Erbschaftspolitik und Erbschaftssteuern werden ein zentrales Feld der Verteilungs- und Gerechtigkeitspolitik werden, denn in einer Reihe von Ländern wird Kapital aus Erbschaften oder Kapital unter Familienund Klankontrolle zu einem noch zentraleren politischen Akteur werden, als es heute schon der Fall ist. Der patrimoniale Kapitalismus wirft einen langen Schatten.

Capital is back: r>g

Was ist der Hintergrund dieser Entwicklungen? Das Top-Medium des Marktradikalismus – der britische Economist – hat Pikettys Kernthese in dem Satz zusammengefasst: Reichtum wächst schneller als die gesamte Wirtschaft. Piketty sieht hier »the fundamental force for divergence« (2014a, 25), eine »principal destabilizing force« (ebd., 571) und gar »the central contradiction of capitalism« (ebd.). Seit Langem – also im Kapitalismus und davor – wachse die Rendite auf Kapital (Vermögen) tendenziell schneller als die Wachstumsrate der Einkommen aus Arbeit und Kapital also Wertschöpfung (g). Einkommen und Vermögen konzentrierten sich immer mehr an der Spitze der Gesellschaftspyramide. Piketty folgt hier der verbreiteten Annahme, dass steigende Produktivität durch technologischen Fortschritt und zunehmendes Bevölkerungswachstum die eigentliche Triebkraft des Wachstums sei. Bei stark wachsenden Renditen auf Kapital oder sinkendem Wachstum (auch Bevölkerungswachstum) erhöhe sich die Ungleichheit. Rund die Hälfte des Wachstums des BIP ging im letzten Jahrhundert auf Bevölkerungswachstum zurück – ein Trend, der für Piketty und Zucman (2014) beendet ist: »Capital is back because low growth is back.« Die wachsende Ungleichheit gehe auf die Zunahme des Einkommens zurück, das in Form von Profiten, Mieteinkommen oder Zinsen in das Kapital fließe, dort aber nur zu einem geringen Anteil konsumiert werde, vielmehr nach einer Anlage suche. Nehme die allgemeine Wachstumsrate ab, müsse irgendwann auch das Wachstum des Einkommens aus Kapital fallen, aber im Zweifel langsamer. Nicht die Bewegung des Einkommens aus Arbeit, sondern das Einkommen aus Kapital ist der große Treiber der Ungleichheit. Die Rendite auf Kapital (r), also die Ertragsrate auf Sach- und Finanzvermögen, lag in den letzten 250 bis 300 Jahren bei zwischen vier und fünf Prozent im Jahr gegenüber dem Wachstum aus dem gesamten Einkommen, also des BIP (g), das in den reichen Ländern zwischen einem und zwei Prozent im Jahr zunahm. Piketty (2014a, 27) folgert endlich: »The more perfect the capital market (in the economist’s sense), the more likely r is to be greater than g.«

Was Piketty zu einer (letztlich beschreibenden) Formel (r>g) verdichtet, wird von ihm – anders als seine Kritiker häufig unterstellten – vorsichtig als »Wahrscheinlichkeit« oder »Tendenz« beschrieben. In einem Interview (2014b) betont er: »Ich behaupte nicht, dass es genau so und nicht anders kommen wird. Eine Prognose über die kommenden Jahrzehnte ist mit vielen Unsicherheiten behaftet. Die Kapitalrenditen müssen nicht so hoch bleiben, und das Wirtschaftswachstum kann wieder zulegen und damit die Ungleichheit reduzieren. Aber es gibt ein Risiko, dass sie weiter steigt, dessen müssen wir uns bewusst sein.« Er resümiert: »To sum up: the inequality r > g has clearly been true throughout most of human history right up to the eve of World War One, and it will probably be true again in the 21st century. Its truth depends, however, on the shocks to which capital is subject, as well as on what public policies and institutions are put in place to regulate the relationship between capital and labor.« (2014a, 358)

Kein Ende der großen Divergenz?

Die möglichen Folgen dieser Entwicklung einer neuen großen Divergenz bezeichnet Piketty als »terrifying«. Bei einer gegenüber bisher deutlich niedrigeren Wachstumsrate der Bevölkerung von einem Prozent (wodurch die Versorgung mit Arbeitskräften reduziert würde) und einem trotz Robotkapitalismus steten technologischen Fortschritt sei mit einer dauerhaft sinkenden Wachstumsrate zu rechnen. Bliebe der return auf capital r bei einer Rate zwischen vier und fünf Prozent – keine Schocks also, keine Katastrophen, keine Kapitalentwertung in großem Maßstab, kein Umweltkollaps, keine politische Intervention in Richtung einer großen Transformation (und damit kein squeeze!) und das Wachstum bei rund 1,5 Prozent –, dann stünde eine Art Wiederkehr der Zeit vor dem Ersten Weltkrieg bevor. Piketty: »I have used the demographic and economic growth predictions […] according to which global output will gradually decline from the current 3 percent a year to just 1.5 percent in the second half of the twentyfirst century. I also assume that the savings rate will stabilize at about 10 percent in the long run. With these assumptions, the […] global capital/ income ratio will quite logically continue to rise and could approach 700 percent before the end of the twenty- first century, or approximately the level observed in Europe from the eigh teenth century to the Belle Époque. In other words, by 2100, the entire planet could look like Europe at the turn of the twentieth century« (ebd., 195) Richistan also, ein Land der Höflinge, Schranzen, Schmeichler und Familiendynastien als das Land der Zukunft? Kaum. Eher ein Richistan 2.0 eines gated capitalism, wo Märkte und Finanzialisierung eine historisch unerhörte Verallgemeinerung von Ungleichheit, Macht und Subalternität erlauben und erfordern, demgegenüber die viktorianisch-wilhelminische Downton-Abbey-Zeit so betulich erscheint, wie uns dies der britische TV-Sender in seiner Soap über die zerfallenden Parallelgesellschaften des britischen Niedrigadels ja so fabelhaft vorführt.

Ausbruch

Vor der politischen Radikalität, die sein historischer Blick von der desaströsen Zukunft des Gegenwartskapitalismus abfordert, schreckt Piketty mit seiner Forderung nach deutlicher, absehbar globaler und dauerhafter Besteuerung von Höchsteinkommen und Großvermögen allerdings zurück. Sie steht aber mit und nach Piketty dringlicher auf der Tagesordnung denn je. Capital platziert mit neuem Nachdruck eine globale Problemsituation, die sich (folgt man seiner Argumentation) durch den weiteren Gang der Dinge auch noch deutlich verschärfen und nicht auflösen wird: Das Zentralmoment des Reichtums bricht mit hoher Dynamik aus den vielen Achsen der Ungleichheitsverhältnisse aus. Ein Prozess, den viele Autoren in der sich etablierenden Reichtumsforschung im letzten Jahrzehnt auf sehr unterschiedliche Weise beschrieben oder abgestritten, aber ihm keine vergleichbare historische Dimension gegeben haben. Und plötzlich wird die Zeit knapp, aber wir wissen nicht, wie knapp. Parallelen zur Klimapolitik drängen sich auf. Klar scheint nur, will man Piketty glauben, dass die Freisetzung und Entgrenzung des Reichtumsaufbaus in der neoliberalen Zeit Schranken hat. Der Zeitrahmen, der für die Konzeption einer soliden Kontra-Intervention zur Verfügung steht, ist also begrenzt. Die Richtung, in die sie gehen muss, ist unausweichlich: Sie muss eine lange historische Periode der Transformation von r>g in r der Reichtumsmatrix zielt. Die Intervention in Verteilungs-, Eigentums- und Machtverhältnisse steht dabei im Zentrum. Das Feld der Akteure, die hier gefordert sind, geht über die klassische Linke weit hinaus.

Eine ausführliche Fassung dieses Textes ist unter dem Titel »Die Ungleichheitsmaschine« auf Telepolis [1] erschienen.

 

Literatur

Boyer, Robert, 2013: Capital in the Twenty-First Century: A régulationist view [2], in: Revue de la Régulation, H 2
Piketty, Thomas, 2014a: Capital in the Twenty-First Century, Cambridge/London
Ders., 2014b: Die politische Architektur der EU ist ein Monster, in: Die Zeit, 25.6.2014
Ders. und Gabriel Zucman, 2014: Capital Wealth Income Rations in Rich Countries 1700–2010 [3]