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Organizing als Ehrenamt. Die »Task Force Organizing« bei ver.di Stuttgart

von Sabine Vogel

Seit 2010 gibt es im ver.di Bezirk Stuttgart ein Organizing-Projekt, das in dieser Form einmalig ist: Ein Team von ver.di-Mitgliedern aus verschiedenen Fachbereichen unterstützt die Gewerkschaft durch ehrenamtliches Organizing. Unter der Betreuung und Anleitung eines Gewerkschaftssekretärs und eines Organizingberaters bilden die Ehrenamtlichen die Task Force Organizing (TFO). Sie besucht Betriebe und macht Erschließungsarbeit – derzeit regelmäßig beim Lebensmitteldiscounter Netto. Die Gewerkschaft hat in den Betrieben ein neues Gesicht erhalten, sie kann den VerkäuferInnen eine intensive Betreuung bieten, und zugleich wurde die mitgliederorientierte Organisationsgestaltung gestärkt. 

Von den »Billigheimern« zur »Task Force«

Während der Lidl-Kampagne hatte es in Stuttgart einige Erfolge mit OrganizingStrukturen gegeben, nicht zuletzt konnten Betriebsräte gegründet werden. Im Einzelhandel fielen vor allem die günstigsten Discounter immer wieder durch unwürdige Beschäftigungsbedingungen auf. Das Lidl-Kampagnenteam schöpfte hieraus seinen Namen: Billigheimer. Die gemeinsame Arbeit funktionierte so gut, dass die Beteiligten 2010 zusammen mit der Geschäftsführung von ver.di Stuttgart und dem Beratungsnetzwerk Organisierung und Kampagnen (OrKa) die Gründung eines ehrenamtlichen Organizing-Teams planten. Das Projekt nimmt aktuell den Einzelhandel ins Visier, soll aber prinzipiell zur Unterstützung der gesamten Bezirksarbeit offen stehen. Dort, wo es am nötigsten gebraucht wird, sollte es einspringen – ganz im Sinne einer »Task Force«. Als Aufgabenschwerpunkte wurden die Erschließung von Betrieben und die Unterstützung der Mobilisierung bei Streiks angedacht.

Die Teilnehmenden des TFO-Projektes kamen nicht nur von den Billigheimern, sondern auch aus dem Nachwuchsförderungsprojekt Perspektive U35 – einer Gruppe junger Mitglieder von ver.di Stuttgart zwischen 25 und 35 Jahren (vgl. Garbe/Vogel 2013). Jede weitere Verstärkung der TFO war von Beginn an immer willkommen. Später kamen auch Erwerbslose hinzu.

Die Besonderheit des Einzelhandels beim Organizing

Seit etwa einem Jahr betreut das Team der TFO Beschäftigte des in Teilen gewerkschaftlich organisierten Lebensmitteldiscounters Netto. Zeitweise waren es Betriebe aus dem Textileinzelhandel, vorübergehend auch ein Möbelhaus. Dass sich das Team bislang auf den Einzelhandel konzentriert, ist kein Zufall. Prekäre Beschäftigungsformen sind hier besonders ausgeprägt. Auf Abruf, geringfügig sowie befristet Beschäftigte lassen sich bekanntlich nur schwer organisieren, also gibt es im Handel besonders viel zu tun. Allerdings haben sich die Beschäftigten im Einzelhandel schon häufig überraschend kämpferisch gezeigt – von Schlecker über H&M und Zara ist die Liste der Streikbewegungen lang, ein großes Potenzial für Organisierung (vgl. Riexinger in LuXemburg 4/2011).

Auch die offene Betriebsstruktur in diesem Feld begünstigt Organizing-Ansätze. Die Beschäftigten sind leicht zu erreichen. Während ihrer Arbeitszeit im Laden ergeben sich Möglichkeiten für kurze Gespräche. Außerdem unterliegt das Organizing in der Öffentlichkeit einem besonderen Schutz. Das Unternehmen bzw. die Filialleitung wählt im öffentlichen Raum meist auch dann einen respektvollen Umgang mit den GewerkschafterInnen, wenn sie unerwünscht sind. Dem TFO-Team, dessen Mitglieder sich ihre Organizing-Kompetenzen erst erarbeiten mussten, schienen diese Bedingungen als besonders geeignet.

Die ver.di-Aktiven sind auf den Verkaufsflächen nicht nur für die Beschäftigten ansprechbar, sondern auch für die Kundschaft sichtbar. Auch hier zeigt sich die Gewerkschaft mit einem neuen Gesicht: Männer und Frauen verschiedenen Alters, aus unterschiedlichen Berufen oder Erwerbslose. Sie repräsentieren eine aufgeschlossene Gewerkschaft, die gemeinsam mit ihren Mitgliedern für die Beschäftigten agiert.

Strategien und Praxis

Die Bezirksgeschäftsführung trifft zusammen mit dem Organizing-Berater und dem zuständigen Gewerkschaftssekretär eine Vorauswahl der Betriebe, in denen Einsätze der TFO sinnvoll wären. Die konkrete Bestimmung der Betriebe wird dann von allen Teilnehmenden gemeinsam vorgenommen. Zentrales Konzept der TFO ist, dass die Ehrenamtlichen die Hauptakteure bleiben. Die beiden Hauptamtlichen haben betreuende und anleitende Funktionen.

Zur Beginn der TFO-Arbeit gab es eine kurze Einführung ins Thema Organizing und Kommunikationstrainings. Doch größtenteils erwerben die TFOlerInnen ihre Kompetenzen in der Praxis – Learning by doing. Nur die ersten Betriebsbesuche fanden in ›Testbetrieben‹ des Einzelhandels statt. In Begleitung des Gewerkschaftssekretärs und des Organizingberaters führten die zwei Teams Gespräche, die sie direkt im Anschluss daran diskutierten und auswerteten. Inzwischen geht die TFO eigenständig und regelmäßig in Zweier- oder Dreiergruppen in die Netto-Filialen. Jede Gruppe hat bestimmte Filialen fest übernommen, um Vertrauen zu den dortigen Beschäftigten aufzubauen. Erfahrungen und Eindrücke sowie Einschätzungen zum Organisationspotential werden schriftlich dokumentiert. Die Verwaltung und Pflege dieser Daten liegt in den Händen einer Ehrenamtlichen.

Bei jedem Treffen des TFO-Teams werden die Strategien diskutiert, in Frage gestellt und bei Bedarf weiterentwickelt. Recherchen werden angestellt und zusammengetragen. Der Sekretär informiert über die Tarifverträge oder andere bereits bekannte betriebliche Eigenheiten. Vor den Betriebsbesuchen werden Ziele und Botschaften, die die Beschäftigten erreichen sollen, besprochen. Die gewerkschaftliche Verankerung im Betrieb soll durch eine intensive und individuelle Betreuung der Beschäftigten erfolgen, eine direkte Verbindung herstellen und Tarifrunden unterstützen.

Auftakt einer neuen gewerkschaftlichen Bewegung?

Mittlerweile haben die Angehörigen der TFO verlässliche Routinen entwickelt und sind in der bezirklichen Gewerkschaftsarbeit eine starke Unterstützung. Aber nicht alles funktionierte immer optimal. Eine großflächige Organisierung der Beschäftigen blieb bislang aus. Dafür mag es unterschiedliche Gründe geben.

Eine enge zeitliche und fachliche Betreuung vor Ort gestaltete sich teils schwierig und auch den Ehrenamtlichen ist es nicht immer möglich, die arbeitsintensivsten Aufgaben wahrzunehmen. Unbeliebte oder besonders zeitaufwändige Aufgaben werden hin- und hergeschoben. Diejenigen, die dauerhaft im Team blieben und noch immer dort aktiv sind, stecken nicht nur selbst in zeit- und kraftraubender Erwerbsarbeit, sondern sind auch gewerkschaftspolitisch an verschiedenen Stellen aktiv.

Das ehrenamtliche Organizing erfordert ein gewisses Maß an Kontinuität und Zeit. Deshalb war es bisher kaum möglich, langfristig über einen kleinen ›harten Kern‹ hinauszuwachsen. Mit zehn aktiven Mitgliedern hat die TFO jedoch eine bemerkenswerte Größe für ein ehrenamtliches gewerkschaftliches Team, das keinerlei Interessen für den eigenen Betrieb oder Fachbereich verfolgt, sondern allein aus Solidarität und politischer Überzeugung handelt.

Allerdings fehlt den Ehrenamtlichen gelegentlich die fachliche Kompetenz der hauptamtlichen Gewerkschaftssekretäre. Bei Betriebsbesuchen kann es immer wieder vorkommen, dass sie Fragen der Beschäftigten nicht beantworten können und daraus für beide Seiten eine unbefriedigende Situation entsteht.

Trotzdem ist mit der TFO eine konstante Betreuung von Filialen möglich geworden, die ein hauptamtlicher Gewerkschaftssekretär nicht allein hätte bewältigen können. Für zukünftige Aktionen oder anstehende Streiks ist ver.di nun bestens aufgestellt. Statt auf einen kurzfristigen quantitativen Erfolg durch schnelle Mitgliedergewinnung setzt das Projekt auf nachhaltige Veränderungen: auf Mitglieder- wie auf Betriebsebene.

Den Ehrenamtlichen liegt viel an der Mitgestaltung ihrer Gewerkschaft, auch über die eigenen Fachbereiche hinaus. Im TFOProjekt können sie Stimmungen in Betrieben eigenständig erfahren und beurteilen, statt sie aus zweiter Hand von Betriebsräten oder anderen Mitgliedern zu hören. Im Laufe der Zeit gewannen sie viele Kompetenzen dazu, die nun auch an anderer Stelle zum Einsatz kommen – etwa bei der Gestaltung von Solidaritätsaktionen oder Kampagnen.

Kein Selbstläufer, aber ein großer Gewinn

Die TFO zeigt, dass ehrenamtliche Aktive fachbereichsübergreifend eine wichtige Rolle in der Organisierung einnehmen, aber die fachliche Arbeit der Hauptamtlichen nicht ersetzen können. Die regelmäßige Präsenz der Hauptamtlichen vor Ort bleibt dringend nötig, um den bereits vorbereiteten betrieblichen Boden weiter zu bearbeiten und zum Erfolg zu führen.

Organizing braucht eine klare Anleitung und zielführend vorbereitete Treffen. Es muss ein verlässlicher Rahmen für die Ehrenamtlichen geschaffen werden und für grundlegende Tätigkeiten sollte eine Bearbeitung durch Hauptamtliche garantiert sein. So kann in einem Projekt wie der TFO ein Raum für Ehrenamtliche geschaffen werden, der sich auf vielfache Weise positiv auswirkt.

In der TFO hat vor allem der Tatendrang der Seniorinnen und Senioren, der Erwerbslosen und der unter 35-Jährigen einen starken Beitrag für die Organisation geleistet. Die Öffnung für eine gemeinsame Gestaltung der Organisationsarbeit erlaubte es ver.di, Potentiale zu nutzen und einen wichtigen Beitrag zur Demokratisierung der Organisation zu leisten. Den TFO-Angehörigen wurde im Rahmen des Projekts nicht nur die Möglichkeit gegeben, zielgerichtet betriebliche Gewerkschaftsstrategien mitzuentwickeln, ihnen wurde dazu auch das nötige Handwerkszeug vermittelt. Davon profitiert ver.di auf lange Sicht: In prekarisierten Zeiten braucht es handlungsfähige, funktionierende Gewerkschaften, und die kann es nur mit starken Mitgliedern und einer starken Mitgliederbeteiligung geben.

 

Literatur

Garbe, Ivo und Sabine Vogel, 2013: Die Perspektive U 35 – Gewerkschaftliche Praxis bei jungen Erwachsenen unter 35 Jahren, in: Billmann, Lucy und Josef Held (Hg.), Solidarität in der Krise?, Frankfurt/M