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OHNE MUßE NUR STILLSTAND

Von Friederike Kuster

Die aristotelische Politik ist die erste systematische Reflexion auf politische Verhältnisse und definiert den Menschen als politisches, staatenbildendes Lebewesen. Diese Eigenschaft teilt er mit Bienen, Ameisen und Kranichen – zum Beispiel – und unterscheidet sich damit von den unpolitischen Lebewesen. Aus der Gruppe der staatenbildenden Geschöpfe ragt der Mensch dadurch heraus, dass er, wie es heißt, ›in einem höheren Maße politisch ist‹. Dieser Umstand verdankt sich seiner Sprachbegabung. Menschen sind insofern politisch, als sie sich im Medium der Sprache aufeinander beziehen und ihre Vorstellungen über das, was nützlich und schädlich ist einerseits, gerecht und ungerecht andererseits, miteinander aushandeln und in den entsprechenden Institutionen konkretisieren und realisieren.

Anders als bei den Bienen, Ameisen oder Kranichen stellt sich also die menschlichpolitische Existenzweise nicht schon naturwüchsig ein, sondern ist auf soziokulturell geschaffene und individuell angeeignete Praxisformen angewiesen, die als zweite Natur das Verhältnis des Bürgers zu sich selbst und zu seinesgleichen ermöglichen.

Die Grundlegung der praktischen Philosophie durch Aristoteles umspannt in den Disziplinen von Ethik und Politik ein einziges großes Thema: die politische Existenz des Einzelnen und ihr Biotop, die polis; – eine Existenz, die man zu führen hat, und ein Biotop, das angelegt und kultiviert sein will. Denn der bios politikos ist im Persönlichkeitsprofil, im Intellekt und im Urteilsvermögen des Einzelnen verankert und damit angewiesen auf charakterliche Dispositionen und affektiv-rationale Kompetenzen, die wiederum erst im Rahmen von geeigneten Praxisfeldern habitualisiert werden können.

Wie genau die Relation von Menschsein und Bürgersein gelingen kann, darum kreisen alle praktisch-philosophischen Überlegungen von Aristoteles. Wie sie hingegen gründlich misslingen kann, davon handelt er an einer einzigen und auch nur wenig beachteten Stelle. Das so genannte Tyrannenkapitel des Fünften Buchs der Politik (1313 a35ff) formuliert Strategien einer nachhaltigen Entpolitisierung; es zeigt prägnant und recht konkret, mit welchen Mitteln die Biotope einer politischen Existenz erfolgreich trocken gelegt werden können. Dass im Rahmen der aristotelischen Politik überhaupt über die Erhaltungsbedingungen tyrannischer Herrschaft nachgedacht wird, scheint vordergründig einem sturen Systemwillen des Philosophen geschuldet; wahrscheinlicher ist jedoch, dass es sich dabei nicht um eine protomachiavellistisches Schrift praktikabler Machterhaltungsstrategien handelt, sondern vielmehr um die individual- und sozialpsychologische Analyse von radikal entpolitisierten Verhältnissen, den denkbar schlechtesten also, in die man geraten kann.

ie man geraten kann. Die dem Tyrannen anempfohlene Entpolitisierung der Bürger zielt auf jeden Fall auf Grundlegendes: nämlich auf die intrapersonalen und interpersonalen Verhältnisse, auf den die Einzelnen in der Beziehung zu sich selbst und in seiner Beziehung zu anderen, letztlich auf die Verkümmerung und Depravation des Individuums und auf die Dissoziation bestehender Sozialverhältnisse. Beides erzeugt politische Machtlosigkeit.

Wie diese intra- und intersubjektive Diffusion zu erreichen ist, dafür werden Ratschläge erteilt: zu verfügen sind die Aufhebung von Tischgemeinschaften und politischen Genossenschaften, ein Verbot aller geselligen Vereine und zwanglosen Zusammenkünfte, nicht zuletzt die Streichung aller Arten von Bildungsveranstaltungen. Im Gegenzug ist eine sukzessive Verarmung der Bevölkerung zu betreiben, um sie mit der Sorge um den täglichen Erwerb beschäftigt zu halten, unter allen Umständen ist schließlich für die unausgesetzte Beschäftigung der Bevölkerung zu sorgen, und sei es notfalls auch, in Ermangelung besserer Ideen, durch die Anordnung von Pyramidenbau.

Diese Strategien zielen nur vermeintlich und vordergründig auf die Verhinderung von Zusammenrottung und Aufstand, sie dienen vor allem und erklärtermaßen der kalkulierten Erzeugung von Mußelosigkeit. Es ist der systematische und umfängliche Entzug von Mußemöglichkeiten, der als Hebel fungiert, mittels dessen alle Formen politischer Depravierung erfolgreich erzeugt werden können.

Muße steht zwischen dem puren Nichtstun des Müßiggangs und der Geschäftigkeit und Hetze des zu Erledigenden. Muße steht im Gegensatz zur zweckorientierten und zielgerichteten, ergebnis- und erfolgsorientierten Tätigkeit; Muße bedeutet die Bereitstellung von Räumen, wo das Individuum sich aus der Isoliertheit der einzelnen Betätigung und aus dem Dienst am Zweck lösen kann, indem es sich sammeln kann. Muße – schole- – bedeutet freie Zeit, Gelegenheit zu etwas; Muße besagt auch Feste zu feiern und Freunde zu haben, sich mit Geistigem zu beschäftigen, Vorträge und Vorlesungen zu hören und dafür den entsprechenden Ort, die Schule, aufzusuchen.

Es ist trefflich beobachtet, dass die Sorge um das Lebensnotwendige und die beständige Sorge ums künftige Dasein, die umfassende Verunsicherung der Existenz, die wir heute Prekarisierung nennen, alle Mußepotenziale des Alltags absorbiert, ebenso wie jede Form von unablässiger, zu keiner Zeit an ihr Ende gelangender Beschäftigung. Aber nicht schon die ascholia, die Mußelosigkeit an sich ist entpolitisierend – in dem Sinne, dass man nun einfach zu rein gar nichts mehr käme und sich eben auch nicht mehr um öffentliche Angelegenheiten kümmern könnte – entpolitisierend wirken die Effekte des Mußeentzugs: nämlich ein sich einstellender umfänglicher Verlust des Vertrauens: des Selbstvertrauens und des Zutrauens zu anderen. Durch die Zerstörung von Räumen freier Kommunikation und Interaktion werden die Einzelnen zu atomisierten, geschäftigen Individuen, die sich wechselseitig auf argwöhnische Distanz halten. Die Felder zwischenmenschlicher Berührung und Übereinstimmung liegen brach, das Vertrauen versiegt, Misstrauen greift um sich, bereitliegende Ressentiments werden mächtig und der eine lässt sich gegen den anderen ausspielen.

In mußelosen Verhältnissen gedeiht vor allem eine allgemeine Kleinmütigkeit; denn Selbstbewusstsein und Selbstvertrauen gewinnt der Einzelne jenseits der unmittelbaren Erziehungszusammenhänge im zweckfreien sozialen Umgang. Mikropsychos – kleinmütig – ist, wer sich selbst in seinen Möglichkeiten nicht kennenlernen kann und durch Unkenntnis der eigenen Kompetenzen und Qualitäten zu keiner Selbsteinschätzung und Selbstschätzung mehr gelangt. Die Verkümmerung des Selbstvertrauens und die durch soziale Depravierung unterbundene Schulung der Urteilskraft münden schließlich im ängstlichen Handlungsverzicht. Mikropsychos ist, wer sich nicht zu handeln getraut und sich nurmehr verhält. Machtlosigkeit ist nicht primär Mangel an verfügbaren Machtmitteln, sondern die Konsequenz der Subalternisierung des Einzelnen. Verlust des Vertrauens zu sich und den anderen: der für die tyrannische polis – die im Grunde keine polis mehr ist –, charakteristische soziale Verfall ist die Konsequenz des Selbstzerfalls des Einzelnen.

Wir teilen heute die antiken Parameter nicht mehr: die Trennung von Kopf und Hand in der Sklavenhaltergesellschaft und das darauf fußende elitäre Mußekonzept, auch nicht die Idee exemplarischen Menschseins in den Gestalten des phronimos und des Philosophen, der virtuosen Männer der Praxis und der Theorie.

Trotzdem lässt sich aus den Ratschlägen für den Tyrannen auch für Heutige noch Beunruhigendes heraushören. Es bedarf auch keines Peisistratos oder Dionyios, um Deformationen, wie sie mit der Abtötung der Muße einhergehen, konstatieren zu können. Die Vorstellung eines Stadttyrannen, der gemeinsame Mahlzeiten verbietet und Pyramidenbau verfügt, erscheint fast anheimelnd, fassbarer zumindest für mögliche Formen von Widerstand als das spätmoderne anonyme Zeitregime, das uns nachhaltig im Griff hat, indem es jedwede Form von Denken und Tun auf fristgerechte Verwertbarkeit abstellt.

Weniger unter anthropologisch-ethischer als vielmehr objektiv-sachhaltiger Rücksicht hat Niklas Luhmann schon früh in seinem Aufsatz Die Knappheit der Zeit und die Vordringlichkeit des Befristeten1 beschrieben, wie der Druck unablässiger Beschäftigung unter einem ökonomischen Fristenregime zu Verzerrungen führt. Menschen unablässig unter der Bedingung verknappter Zeit beschäftigt zu halten, hat eine Umstrukturierung der Wertordnung und empfindliche Präferenzverschiebungen zur Folge. Mit der Vordringlichkeit der Termin- und Fristsachen setzt sich die Dringlichkeit an die Stelle der Wichtigkeit. Und es sind die selektiven Effekte des unverminderten Zeitdrucks, die das Phänomen des rasenden Stillstandes erzeugen: die Bevorzugung des Bekannten und des Bereitliegenden, der Vorrang von vorhandenen Informationen, von vertrauten Kommunikationswegen und eingefahrenen Denkbahnen, der Primat des bereits Erprobten und Probaten. Die Ideologie beschleunigter wirtschaftsförmiger Zeiteffektivität führt zur Präferenz der installierten Routinen gegenüber langfristig-innovativem und subjektiv-kreativem Handeln, zu einer »Institutionalisierung opportunistischer Wertverfolgung« (Luhmann).

Im Kern aller aktuellen Be- und Entschleunigungsdebatten steckt, dass umwegige Denkweisen nicht mehr genutzt werden. Denken im emphatischen Sinne ist aber immer umwegig, da es bekanntlich mit dem Staunen anfängt, nämlich einfache Erfahrungen umständlich betrachtet, indem es das Selbstverständliche in Klammer setzt und entplausibilisiert. Angesichts einer unablässigen Beschäftigtheit und Betriebsamkeit, wo nichts bleibt, wie es ist, obwohl sich nichts Wesentliches verändert, viel erlebt, aber nichts mehr wirklich erfahren wird, alles beredet und nichts zum Thema wird, und nicht zuletzt die öffentlichen Interventionen der Intellektuellen keinen Fokus mehr zu bilden vermögen (Habermas), muss die Kunst der Abstandnahme erneuert werden. Abstandnehmen muss sich nicht räumlich vollziehen wie ehemals im Gang der Muße vom Marktplatz zur Schule und zurück – sondern kann aktuell vor allem im Modus der Verzögerung und mittels einer Suspendierung der ökonomistisch-kapitalistischen Zeitrationalität stattfinden.

Wir haben in den letzten Jahren erlebt, wie die Logik kapitalistischer Situationsdefinitionen und Entscheidungskriterien in andere Lebenszusammenhänge übertragen wurde, die umfassende Ökonomisierung der unterschiedlichen gesellschaftlichen Funktionsbereiche – und eben die Verwirtschaftlichung der Bildung. Und haben ein Bildungssystem kennen gelernt, das auf schnelle Verwertbarkeit ausgelegt ist, auf effiziente Input-Output-Zusammenhänge, auf ein abschlussbezogenes Ausbilden, wo als nutzlos gilt, was nicht unmittelbar der Verwertung zugeführt werden kann. Wir sind Bestandteil eines Betriebs geworden, in dem zu Zwecken der Vergleichbarkeit und des ›Rankings‹, der Konkurrenz und der Messung von workloads systemfremd quantifiziert wird. Der Betrieb ist als ganzer der Verfristung seines Zeithorizonts unterworfen: durch terminierte Zielvereinbarungen, Evaluationen und Re-Evaluationen, Akkreditierungen und Re-Akkreditierungen; unablässig lässt er die Zeitfenster auf- und zugehen. In solchen Zusammenhängen sind Entschleunigungsoasen als Rettung vor der drohenden Sklerotisierung unverzichtbar.

Ehemals war das Studium der spätadoleszente Freiheitsraum zwischen Schule und Beruf, in dem man unsanktioniert seiner Neugier nachging und nachhing, Denkerfahrungen machte und in der Reibung an Traditionswissen auf der einen Seite und den Altersgenossen und Lehrenden auf der anderen die Persönlichkeit bildete. Man bildete einen Stand in sich, eine innere Welt und eine innere Freiheit aus.

Aus den aristotelischen Empfehlungen für den Tyrannen lässt sich ex negativo herauslesen, dass die Möglichkeiten individueller und kollektiver Selbstbestimmung nicht zuletzt auf gemeinschaftlich geteilte Reflexionsräume angewiesen sind, in deren Rahmen instrumentelles, zweckdienliches, funktionsgerechtes, effizientes und erfolgsorientiertes Verhalten temporär suspendiert ist. Als ein solcher Modus der Distanznahme ist die Reflexion auf Praxis angesiedelt zwischen der unmittelbaren Praxis und der reinen Kontemplation; Muße im ursprünglichen Sinne.

Die Einrichtungen der zweiten Natur tendieren dazu, sich durch verknappenden Zwang und Routine in verfestigten Verhaltensweisen, zementierten Lebensformen und opportunistischer Kleinmütigkeit zu perpetuieren. Es geht darum, den Anschein ihrer Naturwüchsigkeit in Klammer zu setzen und einen Horizont zu eröffnen, der alternativen sozialen Erfahrungen, anderen kulturellen Codes und moralischen Ökonomien Raum zur Darstellung gibt, oder sie durch die entsprechenden Denkerfahrungen erst auf den Weg bringt.

Der Text basiert auf einem Vortrag, gehalten am 16.1.2009 zur Eröffnung des Promotionskollegs Demokratie und Kapitalismus der Rosa-Luxemburg-Stiftung an der Universität Siegen.

 

Anmerkungen

1 in Nikolas Luhmann: Politische Planung. Aufsätze zur Soziologie von Politik und Verwaltung, Opladen