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»No justice, no choice«. Was sexuelle Selbstbestimmung mit reproduktiver Gerechtigkeit zu tun hat

Von Hannah Schurian

Um das Recht auf Schwangerschaftsabbruch, das elementar ist für die Selbstbestimmung von Frauen, wird in Deutschland so heftig gestritten wie seit Jahrzehnten nicht. Konservative und rechtsautoritäre Kräfte blasen zum Angriff auf die Errungenschaften der Frauenbewegung und wollen das Rad der Geschichte zurückdrehen. Dabei ist der Status quo aus feministischer Sicht höchst unbefriedigend: Abtreibungen sind nach wie vor nur bedingt straffrei und werden gezielt tabuisiert (vgl. Cahoon 2018) – die Chance auf eine rechtliche Verbesserung wurde mit der Neuregelung des § 219 gerade wieder vertan. Die Angriffe bringen aber auch neuen Widerstand hervor: Immer mehr Frauen gehen gegen die Aufmärsche christlich-konservativer »Lebensschützer« und für die Abschaffung des Strafparagrafen auf die Straße. Es sind hierzulande die wohl sichtbarsten feministischen Kämpfe und sie stehen sinnbildlich für den aktuellen Kulturkampf: auf der einen Seite rechtskonservative Kräfte, die sich den Schutz des Lebens auf die Fahnen schreiben und traditionelle Familien- und Geschlechterbilder verteidigen, auf der anderen Seite das progressive Lager, das für Freiheitsrechte und gegen Bevormundung steht. Slogans wie »My body, my choice« oder »Mein Bauch gehört mir« transportieren den klassischen feministischen Ruf nach Autonomie: Finger weg von meinem Körper. Wie ich leben und lieben will, entscheide ich allein.

Pro Choice vs. Pro Life?

Diese Auseinandersetzung wird medial als Konflikt zwischen einem Pro-life- und einem Pro-choice-Lager dargestellt. Doch das Bild ist doppelt schief. Zum einen, weil es den rechten Abtreibungsgegner*innen mitnichten um das Wohlergehen aller Kinder oder Frauen geht. In ihrer Vorstellung ist allein eine sehr spezifische Form von sogenanntem ungeborenen Leben schützenswert. Das Leben all derjenigen, die nicht in ihr Rollen- und Gesellschaftsbild passen, ist dagegen wenig wert. Zugespitzt ausgedrückt: Auf Demonstrationen für die Seenotrettung im Mittelmeer hat man die Lebensschützer*innen kaum gesehen. Auf der anderen Seite fokussieren die feministischen Pro-choice-Bewegungen notgedrungen auf die Abwehr des Zugriffs von Staat, Kirche und patriarchaler Moral und fordern individuelle Wahlfreiheit. Sie kämpfen vor allem auf rechtlichem Terrain, wo die gefährlichsten Angriffe drohen. Das ist wichtig und unvermeidlich. Es ist aber auch zwangsläufig unzureichend, denn Wahlfreiheit entsteht nicht durch ein Gesetz, sondern nur in Verbindung mit sozialen Rechten und ökonomischen Ressourcen. Das gilt für zum einen für den effektiven Zugang zu Schwangerschaftsabbrüchen: was nutzt ein rechtlicher Anspruch, wenn es keine erreichbare Klinik, keinen Zugang zu Krankenversicherung oder keine Papiere gibt. Es gilt zudem in einem viel weiteren Sinne für alle Entscheidungen rund um das Kinderkriegen, das Kindergroßziehen und Füreinandersorgen – allesamt (so die alte feministische Erkenntnis) keineswegs private Angelegenheiten. Auch hier tobt ein Kampf um Selbstbestimmung. Armut, Diskriminierung und Angst machen es vielen Menschen schwer bis unmöglich, selbstbestimmt und unter guten Bedingungen Kinder zu bekommen und aufzuziehen.

Diese Auseinandersetzungen sind weit weniger sichtbar als diejenigen um das Recht auf Schwangerschaftsabbruch – auch, weil sie insbesondere marginalisierte Gruppen betreffen. Wie auch deren Anliegen in den Kampf um reproduktive Rechte einbezogen werden können, lässt sich von feministischen Bewegungen in den USA lernen.

»Reproductive Justice«: Kinderkriegen als akt des Widerstands

Die Forderung nach umfassender reproduktiver Gerechtigkeit (reproductive justice) wurde von schwarzen Feminist*innen und Feminist*innen of Color im US-amerikanischen Kontext entwickelt, die ihre Anliegen im Mainstream der Pro-choice-Bewegung nicht ausreichend vertreten sahen. In der von Sklaverei und anhaltendem Rassismus geprägten US-Gesellschaft mussten diese Gruppen historisch nicht nur um das Recht auf Schwangerschaftsabbruch kämpfen, sondern auch um das Recht auf Kinder und Familienleben – gegen Zwangssterilisierungen und Familientrennungen, aber auch gegen die bis heute überdurchschnittlich große Armut, gegen Polizeigewalt und institutionellen Rassismus. Auch anderen war und ist der Zugang zu Mutterschaft erschwert: Homosexuelle, Queers und Transgender sowie Menschen mit Behinderungen galten und gelten als »illegitime« Eltern. Und auch für arme und proletarische Frauen war das bürgerliche Ideal der Mutter und Hausfrau oft praktisch nicht lebbar.

«Mutterschaft ist ein Klassenprivileg, das vor allem denjenigen Frauen vorbehalten ist, die genug Geld haben, ihre Kinder mit allen notwendigen Vorteilen auszustatten – eine zutiefst undemokratische Vorstellung. […] das Ideal der weißen Mittelschichts-Mutter beruht auf der Abwertung von anderen Müttern als unfähig, minderwertig und illegitim.« (Ross/Solinger 2017, 4, Übers. HS)

Bis heute wird Elternschaft hierarchisiert und reguliert, nicht nur durch Diskurse, sondern auch mithilfe konkreter Bevölkerungspolitiken wie etwa Kampagnen der Geburtenkontrolle, die das Bild einer sexuell und moralisch devianten Armutsbevölkerung konstruieren. Mit dem stigmatisierenden Zerrbild der Black Welfare Queen, die viel zu früh viel zu viele Kinder bekommt und dem Staat auf der Tasche liegt, wurde in den 1980er Jahren unter Präsident Reagan der Frontalangriff auf wohlfahrstaatliche Leistungen legitimiert. In der Folge wurde die Elternschaft für arme Menschen weiter erschwert.

Rassistische und Klassenverhältnisse sind dabei aufs Engste verschränkt. Das zeigt auch das Beispiel vieler migrantischer Frauen, die ihre Kinder im Herkunftsland zurücklassen, um als Hausangestellte reichere, in der Regel weiße Frauen zu entlasten. Vor diesem Hintergrund wurde das Recht auf Familie und Kinder zur wichtigen Forderung von Schwarzen Feministinnen und Feministinnen of Colour – durchaus im Gegensatz zu vielen Feministinnen der weißen Mittelschicht, für die der Ausbruch aus der patriarchalen Kleinfamilie zentral war. Für Schwarze Frauen war Familie historisch auch ein Schutzraum und ein Ort des Widerstands gegen eine feindliche Umwelt:

»Ein Zuhause zu schaffen, so zerbrechlich und unsicher es auch sein mochte (in der Sklavenhütte oder der Holzbaracke), das war historisch für Afro-Amerikanerinnen etwas Radikales. Das Zuhause war der einzige Ort, wo man sich frei als Menschen begreifen konnte, wo Widerstand möglich war.« (hooks 1991, 384, Übers. HS)

Reproduktive Gerechtigkeit erfordert radikale Veränderung

Loretta Ross, Mitbegründerin der Frauenorganisation Sister Song, wirbt seit Jahrzehnten für einen solchen Ansatz von reproductive justice, der die Differenzen zwischen Frauen mitdenkt und auf die Gesamtheit der Unterdrückungsverhältnisse zielt. Sie definiert das Konzept als erstens das Recht, Kinder zu haben, zweitens das Recht, kein Kind zu haben, drittens das Recht, Kinder unter sicheren und gesunden Bedingungen aufziehen zu können, sowie viertens als sexuelle Selbstbestimmung für alle. Das geht weit über die Ebene individueller Rechte hinaus. Es umfasst soziale Absicherung, aber auch die Freiheit von Diskriminierung und Gewalt und den Zugang zu ökonomischen und ökologischen Ressourcen. Damit wird klar: Reproduktive Gerechtigkeit erfordert grundlegende gesellschaftliche Veränderungen.

Als Schlagwort taucht reproductive justice inzwischen auch hierzulande in feministischen Diskussionen auf. Es bleibt aber oft unklar, was es im hiesigen Kontext für die politische Praxis bedeuten kann. Meines Erachtens bietet das Konzept wertvolle Anregungen, um die strukturellen Grenzen und Voraussetzungen von Wahlfreiheit für unterschiedlichen Frauen*  zu thematisieren. Es lenkt den Blick auf die Hindernisse, die auch in Deutschland vielen Menschen eine selbstbestimmte Elternschaft verwehren. Hier liegt auch eine Chance, den Rechten das Narrativ des »Lebensschutzes« aus der Hand zu schlagen und zu zeigen, dass sie es sind, die ein gleichwertiges, gutes Leben aller Menschen verneinen. Zugleich werden aus dieser Perspektive neue feministische Subjekte und Bündnispartner*innen erkennbar: Viele Menschen, die von reproduktiven Ungerechtigkeiten betroffen sind, haben unter Umständen (noch) nicht das Gefühl, dass der Feminismus ihnen etwas anzubieten hätte. Damit erweitert sich auch das Terrain feministischer Kämpfe – von einem liberalen Verständnis individueller Gleichberechtigung hin zu einer Perspektive umfassender Befreiung von Klassenherrschaft, Sexismus und Rassismus.

Eltern zweiter Klasse

Legitime Mutter- und Elternschaft ist auch hierzulande an die Norm der weißen, heteronormativen Leistungsträgerin geknüpft, eine Norm, die im rechten Kulturkampf erneut aggressiv betont wird und Ausschlüsse verschärft. Zugleich ist Eltern- und Mutterschaft eine Klassenfrage: Angesichts von prekären Jobs, entgrenzten Arbeitszeiten und steigenden Mieten fehlen vielen Menschen die finanziellen oder zeitlichen Ressourcen, um Kinder zu bekommen oder ihnen ein Aufwachsen unter guten Bedingungen zu ermöglichen. Die Lücken in der sozialen Infrastruktur – von den Kitaplätzen bis zur Gesundheitsversorgung – verschärfen das Problem. Hinzu kommt eine sozial selektive Familienpolitik, die arme Menschen entmutigt, Kinder zu bekommen, und Kinderarmut befördert, etwa durch die Anrechnung des Kindergeldes auf Hartz IV, zugleich aber mit dem einkommensabhängigen Elterngeld Besserverdienende gezielt zum Kinderkriegen animieren will.

Diese Politiken stützen sich auf die Diskurse einer »Überalterung der Gesellschaft«, mit denen vor allem Mittelschichts- und höher qualifizierte Frauen (wohlgemerkt: nicht Männer) adressiert und massiv unter Druck gesetzt werden. Mal wird das neoliberal akzentuiert – der Standort Deutschland brauche qualifizierte Arbeitskräfte, die Rentenkassen bräuchten Beitragszahler –, mal völkisch-nationalistisch à la Sarrazins »Deutschland schafft sich ab«. Dabei werden nicht alle Kinder in die »Zukunft des Landes« eingerechnet. Kinderreiche Hartz-IV-Familien werden als »asozial« stigmatisiert, »Migrantenkinder« als potenzielle Problemfälle und Unruhestifter wahrgenommen, die zu Gewalt, Radikalisierung und Devianz neigten. Diese Abwertungen manifestieren sich in ungleichen Bildungschancen und in einer äußerst geringen sozialen Mobilität. Noch bedrückender wird das Bild mit Blick auf die geflüchteten Familien, die in Sammelunterkünften leben müssen, wo jede familiäre Privatsphäre fehlt, oder jene, die durch die faktische Abschaffung des Rechts auf Familiennachzug oder durch Abschiebungen voneinander getrennt werden.

Auch homosexuellen Paaren wird, wenn auch auf ganz andere Weise, der Zugang zur Elternschaft erschwert: Selbst wenn sie verheiratet sind, erhalten sie nicht automatisch das Sorgerecht für ein gemeinsames Kind, sondern müssen aufwendige Adoptionsverfahren anstrengen. Frauen mit Behinderung wiederum haben eine spezielle Geschichte der systematischen und institutionellen Entmündigung, in der Kinderkriegen nicht vorgesehen ist. Noch heute sind Sterilisationen bei Frauen mit geistiger Beeinträchtigung keine Seltenheit.

Wie sich der Kulturkampf um die »richtigen« und »falschen« Familien mit den materiellen Zumutungen für eine breite Mehrheit der Bevölkerung verbindet, zeigt das Beispiel Österreich. Hier werden die scharfe Attacken auf alle als “anders” definierten – Geflüchtete, LGBTIQ, Migrant*innen, Marginalisierte – von der neuen autoritär-neoliberalen Regierung auch genutzt, um eine massive Umverteilung von unten nach oben abzusichern. Auf der einen Seite wurde die wöchentliche Höchstarbeitszeit auf 60 Stunden ausgedehnt, was gerade Menschen mit Kindern unter Druck setzt. Zugleich soll ein neuer »Familienbonus« die Bereitschaft fördern, für Österreichs Nachwuchs zu sorgen. Diese steuerliche Entlastung für Menschen mit Kindern greift allerdings erst ab einem Bruttoeinkommen von 1 700 Euro und wird EU-Ausländer*innen, deren Kinder nicht in Österreich leben, verwehrt (Knittler/Bolyos 2018). Kulturkampf von rechts und Klassenkampf von oben gehen hier Hand in Hand und verschärfen reproduktive Ungerechtigkeiten. Der Angriff auf das Selbstbestimmungsrecht von Frauen geht einher mit dem breiten Angriff auf soziale Rechte.

Mein Bauch gehört mir (nicht)

All dies mitzudenken bedeutet nicht, das individuelle Recht auf Selbstbestimmung von Frauen geringer zu schätzen – im Gegenteil: Hier kann es keine Kompromisse geben. Es zeigt aber, wie wichtig es ist, auch in feministischen Zusammenhängen Raum zu schaffen, um über die gesellschaftlichen Bedingungen der persönlichen Wahlfreiheit zu sprechen.

Dies wird am Beispiel der Reproduktionstechnologien anschaulich, die ohne Zweifel ein Potenzial für mehr Selbstbestimmung bieten und biologistische Vorstellungen von Mutter- oder Elternschaft überwinden helfen. Zugleich ist offensichtlich, dass sie unter den gegebenen kapitalistischen Verhältnissen nicht zu mehr Egalität führen: Der Zugang ist eine Frage des Geldbeutels und die finanzielle Unterstützung variiert noch immer nach Ehe- und Versicherungsstatus. Zugleich wird aus der Sehnsucht nach dem eigenen Kind hier ein lukratives Geschäft. Dies kann die soziale Norm der natürlichen Mutterschaft und des eigenen biologischen Kindes eher verfestigen.

Spätestens im Fall von Leihmutterschaften wird deutlich, dass mit den neuen Technologien auch eine neue Qualität der Ausbeutung und Kommodifizierung weiblicher Körper einhergeht, die globale Ungleichheitsverhältnisse verschärft. Hier scheint es lohnend, weniger über das Recht auf ein eigenes Kind als über Formen sozialer Elternschaft nachzudenken: Wie könnten Menschen unabhängig von biologischer Elternschaft verbindlich Verantwortung übernehmen und welche Unterstützung benötigen sie dafür? In einer Gesellschaft, die jede*r beständig klarmacht, dass sie/er allein für sich sorgen muss, müssen feministische Forderungen über den Rahmen individuelle Autonomie hinausreichen.

Das gilt umso mehr mit Blick auf die knifflige Frage der sogenannten Spätabtreibungen. Wird in Deutschland bei einem Embryo eine Behinderung prognostiziert, ist ein Schwangerschaftsabbruch theoretisch bis zum neunten Monat straffrei. Dies gibt den betroffenen Frauen praktisch mehr Entscheidungsfreiheit, was zu begrüßen ist. Zugleich wird durch die Standardisierung pränataler Diagnostiken und die Pathologisierung »abweichender« Befunde hoher Druck ausgeübt. Angesichts der fehlenden Aussicht auf gesellschaftliche Unterstützung und der starken Stigmatisierung von Behinderungen überrascht es nicht, dass immer mehr solcher Schwangerschaften abgebrochen werden (etwa zu rund 90 Prozent bei der Diagnose Downsyndrom). Sich für ein behindertes Kind zu entscheiden, wird damit tendenziell ungewöhnlicher und begründungsbedürftiger, ja womöglich zunehmend zur »unverantwortlichen« Einzelentscheidung, für die die Gesellschaft keine Haftung übernehmen will. Die zentrale Forderung nach körperlicher Selbstbestimmung von Frauen muss darum mit der Forderung nach Unterstützung und Teilhabe für Menschen mit Behinderung verknüpft werden. Sonst wird mit dem Slogan der Wahlfreiheit die Verantwortung auf die Einzelnen abgewälzt. Stattdessen könnte hier an die Forderungen nach der Ausweitung entgeltfreier sozialer Infrastrukturen sowie an Kämpfe für eine Aufwertung von Care-Arbeit angeschlossen werden (vgl. Fried/Schurian 2016).

Weitergehen

Im Kampf für das Recht auf Schwangerschaftsabbruch ist es wichtig, keinen Millimeter nach rechts abzugeben und die weibliche Autonomie mit Zähnen und Klauen zu verteidigen. Zugleich die strukturellen Bedingungen zu thematisieren, die diese Autonomie beständig untergraben, ist hierzu kein Widerspruch, sondern erweitert das Terrain und die möglichen Verbündeten in diesem Kampf.

In der Praxis ist diese Erweiterung freilich nicht ganz unproblematisch. Die Pro-choice-Bewegung ist ein politisch heterogenes Bündnis, dass sich um eine Forderung sammelt und vielerorts einen Abwehrkampf gegen rechtliche Rückschritte führen. Über strukturelle Herrschaftsverhältnisse zu sprechen, kann unter diesen Bedingungen schwierig sein. Dennoch: Mit einer Erweiterung der Perspektive kommen auch neue Bündnispartner*innen in den Blick, und zwar gerade solche, deren Anliegen unter Umständen bislang wenig repräsentiert sind. Viele Bündnisse für sexuelle Selbstbestimmung gehen genau diese Schritte: Sie nehmen auch soziale Absicherung und Gesundheitsversorgung mit in ihren Forderungskatalog auf und beziehen die Stimmen von Frauen mit Behinderung oder ohne Papiere in Diskussionen ein. Für reproduktive Gerechtigkeit zu streiten, muss also nicht heißen, alle Themen zugleich zu bearbeiten oder unter einem neuen, schicken Slogan zu versammeln. Es ist eine Möglichkeit, die Widersprüche der eigenen Praxis zu reflektieren und die Verbindungen zu anderen Kämpfen zu erkennen. So lässt sich verhindern, dass sie gegeneinander ausgespielt werden, wie etwa beim Thema Spätabtreibung. Denn es gibt sie bereits, die vielfältigen Akteure, die auf verschiedenen Ebenen um reproduktive Gerechtigkeit kämpfen: Neben den Pro-choice-Bündnissen sind es die Selbstorganisationen migrantischer und geflüchteter Frauen und Familien, Gesundheitskollektive, Initiativen für gute Kita- oder Geburtsversorgung sowie Arbeitskämpfe für die Aufwertung von Sorgearbeit, etwa die der Erzieher*innen. Sich als Teil einer gemeinsamen gesellschaftlichen Auseinandersetzung zu verstehen – einer für reproduktive Gerechtigkeit – stärkt nicht nur die Einzelnen, sondern insgesamt den Gegenpol zum rechten Kulturkampf.

Denn der Feminismus ist die vorderste Front im Kampf gegen den rechten Backlash. Genau darum muss sein Versprechen der Emanzipation über ein liberales, individualistisches Bild von Chancengleichheit hinausgehen, das der Ökonomisierung des Sozialen und der ungleichen Verteilung von Lebenschancen, kurz: der Fortschreibung von Klassenherrschaft und Rassismus nichts entgegenzusetzen hat. Die feministischen Bewegungen unserer Zeit sind genau dort am hoffnungsvollsten, wo sie den doppelten Kampf gegen Neoliberalismus und rechten Autoritarismus aufnehmen.

Die globalen Frauenstreiks sind ein Beispiel, wie feministische Bewegungen den Horizont gesamtgesellschaftlicher Veränderung aufreißen können, ohne sich im Abstrakten zu verlieren. Sie verbinden vielfältige, verstreute, häufig unsichtbare Kämpfe und fordern eine kollektive und solidarische Organisierung von Sorgearbeit. Das Narrativ, das sich durch die Bewegungen gegen Frauenmorde, durch die Kämpfe um Care-Arbeit und die Frauenstreiks zieht, ist die Sorge um das Leben und die Produktion des Lebens – als Ort der Ausbeutung, aber zugleich auch als Quelle der Macht von Frauen. Das Leben – und zwar jedes Leben – wertzuschätzen und zu schützen eröffnet die direkte Konfrontation mit einer Ökonomie der Ausbeutung und Zerstörung menschlicher und natürlicher Lebensgrundlagen. Wenn wir nicht in die Falle tappen, das Leben und das Frausein essenzialistisch zu verstehen und damit erneut Auschlüsse zu produzieren, dann kann genau dieses  Selbstverständnis ein Ansatz für gemeinsames Handeln und grundlegende gesellschaftliche Veränderung sein.

Der vorliegende Text basiert auf einem Vortrag auf der Europäischen Sommerschule 2018 zu Feministischer Klassenpolitik in Belgrad.

Literatur