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Nicht allein ein »Doktor-Problem«. Weshalb es eine sozial-epidemiologische Perspektive auf Corona braucht

Von Kai Mosebach

In der derzeitigen Covid-19-Pandemie sind Virolog*innen und Epidemiolog*innen viel gefragt. Zurecht, möchte man meinen, denn sie sind Expert*innen für den Aufbau, die genetische Entwicklung und die Ausbreitung des neuartigen Virus in der Gesellschaft. Wäre da nicht das so genannte Doktor-Problem: Fragen Sie zwei Ärzt*innen nach der Einschätzung Ihrer Symptomatiken und Sie bekommen drei Antworten! Verschiedene Einschätzungen und Antworten sind aber nicht Problem, wie viele meinen, sondern Kern wissenschaftlichen Denkens. Wissenschaftliche Evidenz entsteht dadurch, dass Konsentierungen zwischen den Expert*innen stattfinden und organisiert werden. Die in Medizin und Pflege bekannten Leitlinien und Expertenstandards sind dafür schlagende Beispiele. Komplexe Welten brauchen eben vielköpfige Antworten.

Bei der derzeitigen wissenschaftlichen Betrachtung der globalen Pandemie durch die führenden Virolog*innen und Epidemiolog*innen fehlt jedoch noch etwas: das Soziale. Die Epidemiologie als Wissenschaft von der Entstehung und Verbreitung von Krankheiten in der Bevölkerung (Demos) hat eine soziologische „Schwester“: die Sozialepidemiologie. Diese fragt auch nach Ursachen und Dynamiken, sie interessiert sich aber vor allem für die in diesen Prozessen wirkenden sozioökonomischen Faktoren (vgl. Krieger 2004; Berkmann et al. 2014).

Während Altersstruktur und Geschlecht etablierte Kategorien sind, interessiert sich die praktizierende Epidemiologie – nicht nur, aber besonders in Deutschland – oftmals nicht für diejenigen Kategorien, die im Engeren soziale Unterschiede betreffen, wie Einkommen oder Wohnort. So spielen sozialstrukturelle Bedingungen der Seuchenentwicklung weder in den chinesischen Studien über die Situation im Epizentrum der globalen Pandemie in Wuhan, noch in vielen nachfolgenden Studien über die Ausbreitung der Pandemie in Europa, Nordamerika noch in vielen Regionen des „globalen Südens“ eine große Rolle (vgl. u.a. Huang et al [1]., 24.01.20).

Im Mittelpunkt stehen vor allem klinische Merkmale und die durchschnittliche Sterblichkeit, unabhängig sozialer Differenzen. Dabei sind die sozialen Unterschiede in den Auswirkungen der Krise offensichtlich. So berichtet die New York Times seit Beginn der Krise regelmäßig über soziale Verwerfungen in New York (nytimes [2], 08.05.2020). Ein anderer Bericht belegt, dass es sich bei den Todesfällen unter Beschäftigten in Krankenhäusern vor allem um die ungeschützten Mitarbeiter*innen der (patientennahen) Verwaltungs-, Wirtschafts- und Hilfsdienste (neben ungeschützten Pflegekräften) handelt, die weder als systemrelevant gelten, noch im bestehenden Versorgungsystem sonderlich „privilegiert“ sind. In der Regel handelt es sich bei ihnen um US-Amerikaner afroamerikanischer oder hispanischer Herkunft, die von sozialen Ausgrenzungsprozessen am stärksten betroffen sind (nytimes [3], 06.05.2020).

Auch die zunächst richtige Beobachtung, dass besonders Alte und Kranke ein höheres Sterberisiko haben, bleibt ohne sozialepidemiologische Kommentierung relativ aussageschwach. Erstens ist nicht das Alter per se ein Risikofaktor, sondern das Vorliegen von so genannten Vorerkrankungen, die bei älteren Menschen öfters vorkommen, im Alterungsprozess gewissermaßen endemisch sind. Gesunde 70-Jährige aus den höheren sozialen Schichten dürften dabei dennoch ein geringeres Sterberisiko haben als 50-Jährige mit mehrfachen Risikofaktoren. Selbst die derzeit viel diskutierte Studie von Forscher*innen der Stanford University um den renommierten Epidemiologen John P.A. Ioannidis, die von manchen als Argument für überfällige „Entwarnungen“ der Gefährlichkeit von Covid-19 betrachtet wird, reflektiert keine sozioökonomischen Bedingungen in der Sterbewahrscheinlichkeit. Sie geht bei ihrer Berechnung der viel niedrigeren Sterbewahrscheinlichkeit von unter 65-jährigen Personen von den tatsächlich infizierten Fällen aus und ignoriert (mangels Daten!) soziostrukturelle Unterschiede. Darüber hinaus ist ihre Aussagekraft aufgrund der vielen unterschiedlichen Dynamiken der Ausweitung der Pandemie und der unterschiedlich einsetzenden Gegenmaßnahmen in den betroffenen Ländern kaum verallgemeinerungsfähig und damit nicht in der Lage, objektive Aussagen über Risiken treffen zu können (vgl. Ioannidis et al. [4]2020).

Insgesamt werden die wesentlichen Erkenntnisse der Sozialepidemiologie also missachtet. Insbesondere prekäre Arbeitsverhältnisse, beengte Wohn- und von Umweltbelastungen geprägte Lebensverhältnisse kumulieren sich zu einer Mehrfachbelastung, deren analytischer Schlüssel soziale Ungleichheit ist und in direktem Zusammenhang mit koronaren Herzerkrankungen und anderen „Zivilisationskrankheiten“ steht (Pickett/Wilkinson 2011). Mit einer sozialepidemiologischen Perspektive wird außerdem deutlich, dass eine gewaltige sozioökonomisch verursachte Gesundheitslücke zwischen den höheren und den niedrigeren Einkommensschichten im globalen Maßstab besteht (Marmot 2004). Außerdem verdeutlicht die sozialepidemiologische Forschung, dass auch die Entstehung dieser (neuerlichen) globalen Pandemie mit den durch das „kapitalistische Weltsystem“ (Elmar Altvater) verursachten Ungleichheits- und Informalitätsstrukturen verknüpft ist (Kawachi/Wamala 2007; Basu/Stuckler 2013). Die Ausweitung von Seuchen ist seit dem Entstehen des expansiven Industriekapitalismus eng mit der Vernichtung von Ökosystemen verknüpft (Vgl. Shah 2020; Wallace et al [5]. 2020). Insofern wird diese globale Pandemie im Kapitalismus, wie wir ihn kennen, nicht die letzte sein. (Altvater 2005; Lessenich 2016)

Ein Blick auf das Soziale ist daher nicht nur in der Epidemiologie dringend vonnöten, um die besonders Gefährdeten und die sozialstrukturellen Bedingungen dieser Pandemie erkennen zu können. Angesicht der Gefahren des „sozialen Absturzes“, die für viele Selbständige aus der Mittelschicht mit dieser Pandemie verbunden sind, und der gesellschaftlichen Erwartung an den neosozialen Sozialstaat (Kühn 2008; Brunnett 2009) sich gesund zu verhalten, kann ein Ausblenden der sozialstrukturellen Bedingungsfaktoren zur Entstehung und Ausbreitung der Covid-19-Pandemie schon bald in zynische Diskurse münden. Einen Vorgeschmack darauf zeigen sowohl die angewandten Triage-Systeme in besonders betroffenen Regionen als auch die offenbar angewandte Vorselektion von an Covid-19 erkrankten pflegebedürftigen Menschen in Frankreich (Corbierer [6] 2020).

Literatur

Altvater, Elmar, 2005: Das Ende des Kapitalismus wie wir ihn kennen, Münster.

Berkman, Lisa F. /Kawachi, Ichiro/Glymour, Maria, 2014: Social Epidemiology, Oxford.

Brunnett, Regina, 2009: Symbolische Gesundheit, Bielefeld.

Dorling, Daniel, 2011: Injustice: why social inequality persists, Bristol/Portland.

Kawachi, Ichiro/ Wamala,Sarah 2007: Globalization and Health, Oxford.

Krieger, Nancy, 2004: Embodying Inequality: Epidemiologic Perspectives, Baywood.

Kühn, Hagen, 1993: Healthismus, Berlin.

Lessenich, Stephan, 2008: Der neosoziale Sozialstaat, Bielefeld

Ders. 2016: Externalisierungsgesellschaft. Neben uns die Sintflut, München

Marmot, Michael: Status Syndrome. How your social standing directly affects your health, London 2004; ders.: The Health Gap. The challenge of an unequal world.

Shah, Sonial 2020: Woher kommt das Coronavirus? In: Le Monde Diplomatique 3/2020

Stuckler, David/ Basu, Sanjay, 2013: The Body Economic. Eight experiments in economic recovery, from Iceland to Greece, London

Wilkinson, Richard/Pickett, Kate, 2010: The Spirit Level. Why Equality is Better for Everyone, London