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Lebensraum statt Lernfabrik. Was für eine Schule wollen Schüler*innen?

Von Julius van den Burg

Ihr vertretet die Interessen von Schüler*innen in Nordrhein-Westfalen. Zuletzt habt ihr laute Kritik am Umgang der Landesregierung mit der Pandemie geübt. Warum?

Das Problem ist die Prioritätensetzung. Für die Regierung standen vor allem wirtschaftliche Interessen im Vordergrund. Die kleinen Kinder sollten betreut werden, damit ihre Eltern zur Arbeit gehen können. Und in den Schulen sollen weiterhin Noten vergeben und Klausuren geschrieben werden, um uns fit zu machen für den Arbeitsmarkt. Was völlig außer Acht gelassen wurde, war die psychische Belastung der Schüler*innen durch die Isolation. Es zählten nur die Prüfungen.

Wie sah das konkret aus?

Der Distanzunterricht wurde ganz regulär benotet, obwohl doch offensichtlich ist, wie stark sich da die sozialen Unterschiede auswirken. Er wurde auch als gleichwertige Vorbereitungszeit für Prüfungen anerkannt. Nach nur zwei Wochen Rückkehr in die Schule durften schon wieder normale Klausuren geschrieben werden. Das hat enormen Stress ausgelöst.

Wurde euer Protest gehört?

Es gibt formal einen Dialog, in den wir und die Eltern- und Lehrervertreter eingebunden sind. Faktisch hat die Ministerin den Kurs einfach durchgezogen. Uns wurde zugesichert, man würde dieses Jahr bei den Prüfungen Rücksicht nehmen. Am Ende hatten wir in NRW eine der härtesten Matheprüfungen im Abitur, so schwer, dass es sogar durch die Medien ging.

Wie reagieren die Schüler*innen? Gibt es viel Unmut?

Bei uns haben sich unzählige Schülervertretungen aus ganz NRW gemeldet, von denen wir zum Teil noch nie vorher gehört hatten. Die schrieben uns: »Wir schaffen das nicht, das ist verrückt, wir gehen auf die Barrikaden.« Die Sache hat viele politisiert. Aber es gibt auch andere Meinungen. Manche sehen gar keine Möglichkeit, sich dem Druck zu entziehen, oder haben ihn schon total verinnerlicht. Ich finde, die Pandemie hat noch einmal ganz deutlich gezeigt, dass das Problem der permanente Leistungsdruck ist. Es gibt Schüler*innen, die wochenlang keine Zeit mehr für irgendwas anderes haben, als für Klausuren zu lernen. Das ist so ein Grundgefühl: zu wenig Zeit zum Leben.

Wie müsste denn jetzt gehandelt werden?

Bei den Vorschlägen der Politik, wie etwa den Nachhilfecamps, geht es immer nur darum, Lehrinhalte aufzuholen. Wir brauchen aber auch Angebote für die seelische Gesundheit. Die Vorstellung ist immer, den Stoff zu 100 Prozent nachzuholen, durch privates Nacharbeiten, und dann im Lehrplan einfach weiterzumachen. Das geht aber nicht. Wir müssen Dinge streichen, um aus dem Stress rauszukommen. Wir würden uns Angebote wünschen, die wirklich alle erreichen, zum Beispiel Freizeitangebote, bei denen sich Jugendliche treffen, wo sie miteinander und mit Sozialarbeiter*innen über die Pandemie sprechen können. Das ist ein Grundproblem: Schule ist im Moment für uns vor allem ein Lernort. Aber wir wünschen uns eine Schule, die auch ein Lebensort ist, wo man gerne hingeht.

Wie würde so eine Schule aussehen? Was ist eure Idealvorstellung?

Das Wichtigste ist, dass wir wegkommen vom Konkurrenzkampf in der Bildung. Und dafür müssen wir weg vom mehrgliedrigen Schulsystem. Es macht keinen Sinn, Kinder nach der vierten Klasse zu selektieren und zu entscheiden, wer Abitur machen darf und wer nicht. Wir wissen durch Studien, wie stark das vom sozioökonomischen Hintergrund beeinflusst wird. Wir fordern stattdessen eine inklusive Ganztags-Gesamtschule für alle, wo gemeinsam gelernt wird. Es gibt heute schon Gesamtschulen, aber die lösen diesen Anspruch oft nicht ein. Solange die Gesamtschule neben dem Gymnasium als »höherer« Schulform existiert, wo »die Besten« ausgebildet werden, wird sie immer abgewertet.

Wie würde der Unterricht in eurer idealen Schule aussehen?

Es gäbe kleinere Klassen und der Unterricht wäre darauf ausgerichtet, dass man kooperativ lernt, sich untereinander austauscht und nicht nur frontal mit den Lehrern. Kompetenzen zu erlernen wäre wichtiger als stupides Auswendiglernen. Und es würde keine Noten mehr geben – denn sie sind komplett subjektiv. Wir möchten ein Zeugnis mit einem individuellen Feedback zum ganzen Lernprozess. Nur Klausuren zu bewerten, führt nur zu »Bulimie-Lernen« und ist aus unserer Sicht nicht sinnvoll. Und natürlich wäre die ideale Schule auch eine demokratischere Schule.

Was ist denn eine demokratische Schule für dich?

Das Ziel wäre, dass wir nicht einfach die herrschenden Verhältnisse vermittelt bekommen, sondern dass wir lernen, sie kritisch zu hinterfragen. Dafür braucht es Respekt und Interesse an den Meinungen der Schüler*innen, nicht den Druck, sich an die Meinung der Lehrperson anzupassen. Das hat natürlich auch mit weniger Prüfungen und Lehrplänen zu tun. Ganz wichtig wäre auch eine starke Schülervertretung an der Schule. Sie bräuchte ein eigenes Budget, das sie selbst verwalten und für Projekte einsetzen kann. Außerdem muss ihre Stimme aufgewertet werden: Warum haben die Vertreter der Eltern in der Schulkonferenz das gleiche Gewicht wie die Schüler*innen? Wir können unsere Interessen doch selbst vertreten, ohne den Umweg über die Eltern.

Wie groß ist bei Schüler*innen denn überhaupt das Interesse, mehr mitzuentscheiden?

Die Unzufriedenheit ist meinem Eindruck nach ziemlich groß. Zum Beispiel beim Thema Digitalisierung. In meiner Stufe mussten sich alle ein Tablet selbst zulegen. Wer nicht die finanziellen Möglichkeiten hat, schreibt immer noch auf Papier und ist der Außenseiter. Da sagen fast alle: Das ist unfair, das könnte man viel besser regeln. Aber die wenigsten haben den Eindruck, sie können was verändern. Das ist ja auch nicht verwunderlich. Meiner Generation wird ja von der Politik permanent vermittelt, dass wir keine Entscheidungsmacht haben.

Welche politischen Themen bewegen denn deine Mitschüler*innen?

Bei uns in der Stadt machen viel mehr Jugendliche bei Fridays for Future mit als in der Schülervertretung. Weil das Thema uns so berührt und die Folgen so offensichtlich sind. Darüber wird ständig diskutiert, auch im Politikunterricht. Aber auch die soziale Ungerechtigkeit in der Welt beschäftigt viele. Dass man sieht, wie die Produktionsbedingungen weltweit sind, wie unfair die Handelsbeziehungen sind. Viele versuchen, am eigenen Konsumverhalten etwas zu verändern, auch wenn sie vielleicht nicht auf die Straße gehen.

Fridays for Future hatte riesigen Zulauf unter Schüler*innen, aber politisch wurde wenig erreicht. Führt das zu Resignation oder sagen die Leute: »Jetzt erst recht«?

Es gibt beides. Es gibt Menschen, die sich seit zwei Jahren richtig reinhängen und jetzt sehen, dass überhaupt nichts passiert und niemand die Politiker abstraft. Das ist frustrierend, auch weil man als Schüler meistens nicht einmal wählen darf. Der Anteil von unter 30-Jährigen ist in unserer Gesellschaft inzwischen sehr gering. Da hat man schnell das Gefühl, dass man sowieso nichts verändern kann. Trotzdem haben wir ja durchaus was in Bewegung gebracht. Das Klima ist ein Riesenthema, es beeinflusst die Wahlen. Ich glaube, viele aus meiner Generation haben in den letzten Jahren gelernt, dass sie den Regierenden nicht vertrauen können, sondern Druck machen müssen für einen Wechsel. Uns ist klar: Wenn wir jetzt nichts machen, dann ist die Welt in ein paar Jahren kaputt. Da können wir nicht sagen: Mir reicht’s, ich kann nicht mehr. Da gehen manche eher zu radikaleren Aktionsformen über und blockieren bei Extinction Rebellion die Straßen oder gehen mit Ende Gelände in die Kohlegrube.

Gleichzeitig sagst du, der Druck ist hoch, zu funktionieren, gute Noten zu haben, sich gute Chancen zu sichern. Wie viel Raum bleibt da für Widerstand und politisches Engagement?

Der Druck ist sehr groß, und das ist schwer zu vereinbaren. Das sieht man ja auch an der Zusammensetzung der Jugendbewegungen, an der fehlenden Diversität. Aktiv sind dann eben oft Schüler*innen, die sozioökonomisch gutgestellt sind, die sich in der Schule nicht so anstrengen müssen und auch mit wenig Aufwand gut durchkommen. Und andere sagen dann eben, ich muss in die Schule gehen, ich kann es mir nicht leisten, jeden Freitag beim Klimastreik mitzumachen. Das kann man niemandem übelnehmen, aber es müsste eigentlich anders sein.

Ich habe mir einmal die Websites der Landesschülervertretungen in Deutschland angeschaut. Mit euren linken Forderungen seid ihr da ziemlich in der Minderheit.

Ja, da gibt es große Unterschiede. Nicht alle wollen ihr politisches Mandat nutzen und viele sind völlig unpolitisch. Es gab immer wieder den Versuch, auf Bundesebene eine starke Schülerbewegung aufzubauen. Das ist leider kläglich gescheitert. Heute haben wir eine Bundesschülerkonferenz, die sich weigert, zu gendern, und das ist nur einer von vielen Gründen, warum wir als Landesschülervertretung in NRW nicht Teil davon sind. Wir tauschen uns aber auch mit anderen Landesschülervertretungen aus. Manche nutzen einfach andere Wege und versuchen, direkt Einfluss auf die Entscheidungsträger*innen zu nehmen. Aber natürlich gibt es auch Leute, denen es mehr um die eigene Profilierung geht als um politische Anliegen.

Gibt es auch den Vorwurf, dass ihr mit euren Positionen gar nicht für »die Schüler*innen« sprecht?

Wir sind keine Meinungsvertretung, sondern eine Interessenvertretung. Das macht es ein wenig einfacher. Wenn wir zum Beispiel sagen, wir wollen weniger Leistungsdruck, wir wollen, dass Menschen gern in die Schule gehen, dann ist das im Interesse der Schüler*innen. Und wir versuchen, das politisch auszubuchstabieren. Wir wollen ja auch meinungsbildend wirken und haben immer wieder Rückkopplung in die einzelnen Städte und Kreise. Ich teile auch das Bild der unpolitischen Schülerschaft nicht. Wir sehen doch an Bewegungen wie Fridays for Future, wie groß das Interesse an politischer Veränderung ist.

Das Gespräch führte Hannah Schurian.