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Labours Geheimwaffe – Nachbarschaften organisieren

Von Sarah Jaffe

Während sich der Ausstieg Großbritanniens aus der EU abzeichnet, überwinden Organisierungprojekte auf der Ebene lokaler Communities gesellschaftliche Spaltungslinien und geben der britischen Labour-Partei einen neuen Fokus. Boris Johnson und seine Berater*innen wollen, dass sich die nächsten Wahlen einzig und allein um den Brexit drehen. Aber jeder weiß, dass die  brennenden Probleme in Großbritannien woanders liegen, von unterfinanzierten Krankenhäusern bis zu skandalöser Ungleichheit.

Der Sitzungssaal von Chingford liegt am äußersten nordöstlichen Rand Londons. Keine U-Bahn reicht bis hierhin; so braucht es eine lange, kurvenreiche Busfahrt durch grüne Areale, um rechtzeitig anzukommen und an der Türschwelle John McDonnell, dem Schattenfinanzminister der Labour-Partei, in die Arme zu laufen.

McDonnell, der Labour-Kandidat des Bezirks, ist mit Faiza Shaheen und über hundert lokalen Aktivist*innen, Parteimitgliedern und etlichen Neugierigen verabredet, die zum ersten Mal an einem öffentlichen Treffen mit Labours „Einheit für Community-Organisierung“ (engl. Community Organizing Unit, COU) teilnehmen. Solche Treffen haben landein, landaus stattgefunden, mehr als hundert in den zwanzig Monaten seit ihrer Gründung. Sie sind Teil der Bemühungen Jeremy Corbyns und seiner Bündnispartner, die Partei in etwas zu verwandeln, das sie jahrzehntelang nicht mehr gewesen ist, sofern sie es je war: eine Bewegung, die darum kämpft, Sozialismus nach Großbritannien zu bringen.

Beyond Brexit

Während die Medien auf persönliche Konflikte der Parteiführungen und den nicht enden wollenden Brexit-Showdown fixiert bleiben, vollzieht sich der Versuch Labours, die Basis neu aufzubauen, fast gänzlich unbeachtet. In den Umfragen liegt Labour schon länger zurück und kämpft darum, eine kohärente Brexit-Politik zu entwickeln. Hierfür muss die Partei die Spaltung der Basis in dieser Frage adressieren. Ihr Erfolg lag 2017 darin, den Blick der Öffentlichkeit auf Probleme zu lenken, die nichts mit der Europäischen Union zu tun hatten – und  „Remainers“ (Brexit-Gegner*innen) wie „Brexiteers“ (Austrittsbefürworter*innen) gleichermaßen betrafen. Der von Labour angestoßene Prozess, wie er in Chingford und vielen Groß- und Kleinstädten im Land zu beobachten ist, ist einzigartig: Leute vor Ort zusammen bringen, damit sie miteinander besprechen, welche Politiken sie verwirklicht sehen wollen, sowohl mit einer hypothetischen zukünftigen Labour-Regierung als auch genau jetzt, in ihren Wahlkreisen, durch Lokalverwaltungen oder durch Graswurzel-Kampagnen.

Die Hoffnungen Labours richten sich darauf, dass die Basis, die die Partei in der letzten Zeit in Wohnvierteln im ganzen Land langsam aufgebaut hat, sich als ihre Geheimwaffe erweisen wird. Möglicherweise wird das in einer vom Gespenst des Brexit beherrschten Wahl nicht ausreichen – angesichts einer rechten Medienlandschaft, die sich der Ausschaltung Corbyns verschrieben hat, und angesichts einer Menge Labour-Abgeordneter, die dem hilfreich zuarbeiten. Doch ist dies der einzige Weg, durch den die Partei es wirklich schaffen kann, Großbritannien zu verändern: durch den Aufbau dauerhafter Beziehungen mit den Wähler*innen, indem sie deren durch das politische System unbeachtete Bedürfnisse anspricht.

Faiza Shaheen erzählt dem Publikum in Chingford, dass sie selbst in dem Bezirk aufwuchs, den sie nun vertreten will. Hochgewachsen und graziös sticht sie aus der Menge hervor, der sie erzählt, wie sie lernte, als Servicekraft in der Gastronomie zuvorkommend und aufmerksam zu sein, und wie ihr diese Fähigkeit nun als Kandidatin zupass kommt. „Ich bin nicht in die Politik gegangen, um an Problemen herumzuflicken“, erklärt sie. Auch Afshan Ahmed, Besitzerin einer Kaffeebar nebenan, spricht von der Bühne aus. Sie erntet großen Applaus für den Satz „ich komme aus einer Familie von Sozialistinnen”. In ihrer Kaffeebar, so führt sie aus, beschäftige sie junge Mütter und achte darauf, dass deren Schichten mit dem Schultag zusammenpassen.

Es ist eine bunte Menge, sowohl nach Alter als auch nach Herkunft, Hautfarbe und Geschlecht: Es gibt Frauen mit Hijab und typische Hipster von der Sorte, die angeblich Labours Basis darstellt, und ein Teenager, dessen T-Shirt ein Bild von Alexandria Ocasio-Cortez ziert. Shaheen und McDonnell bewegen sich von Tisch zu Tisch, hören ihren Wähler*innen zu. An jedem Tisch sorgt eine Unterstützer*in dafür, dass die Unterhaltung im Fluss bleibt. Wie ich später erfahren werde, hängt viel von solch einer guten Vermittlung ab. Die Stimmung im Raum ist beeindruckend positiv. Es kommt Wut über die wachsende Wohnungslosigkeit auf und auch über die anhaltenden Auswirkungen der Austeritätspolitik. Eine Frau sagt, in Großbritannien werde Wohnungslosigkeit so „normalisiert wie in den USA“. In diesem gemeinsamen Raum ist der Brexit zu einem nachrangigen Gedanken geworden.

Was die Leute zu diesem Treffen gebracht hat, sind zumeist unsichere Arbeitsverhältnisse mit Zwang zum Pendeln, fehlende Parkplätze und die Steuerbelastung kleiner Unternehmen, das Fehlen kostenloser Kinderbetreuung und sozialer Hilfen. Sie wünschen sich Jobs am Ort, so dass nicht alle ständig nach London pendeln müssen, und leistbare Wohnungen, sodass lang ansässige Einwohner*innen nicht immer weiter in die Außenbezirke verdrängt werden. Eine Frau kommentiert: „Wir müssen aufhören, Teenager zu behandeln, als seien sie eine Horde verwilderter Tiere“, und ein ehemaliger Polizeibeamter sagt zum Thema Messerangriffe: „Wir können uns nicht durch Einsperren vor dem Problem davonstehlen.“ Jemand anderes merkt an, Luftverschmutzung sei weit tödlicher als Messerangriffe.

Lebendige Beziehungen knüpfen

Doch die Menge der Versammelten wartet auch mit Lösungen auf. Menschen fragen sich, ob in ihrer Gegend ein Versuch mit einem bedingungslosen Grundeinkommen gemacht werden könnte, und sie diskutieren über Umsatzsteuererleichterungen, die mit nachhaltiger lokaler Landwirtschaft und umweltfreundlichen Praxen zu verbinden wären. Eine Frau schlägt vor, lokalen Räten die Macht zu geben, leerstehende Läden zu beanspruchen, um sie Wohnungslosen zur Nutzung zu geben; später im Sommer wird die Labour-Partei eine solche Politik vorschlagen, mittels derer lokale Autoritäten Liegenschaften, die länger als 12 Monate ungenutzt bleiben, an Startups, Kooperativen und Community-Projekte vergeben können. Eine weitere Teilnehmerin schlägt vor, ‚grüne’ Mechaniker*innen auszubilden, was auch Shaheen als offensichtlichen Bedarf ansieht, wie sie mir erzählt: Ihr Vater hatte als Automechaniker Schwierigkeiten, sich an neue Maschinen zu gewöhnen. Sie zeigt auf einige junge Leute, die sich quer durch den Raum verständigen. Dies ist eines der Hauptziele solcher Treffen und der Initiative COU im Allgemeinen: das politische Manifest Labours von der Basis ausgehend aufzubauen.

„Das heißt nicht nur zu behaupten, ‚das kommt von der Basis‘“, sagt mir Shaheen. „Wir arbeiten alle zusammen, und wenn ich ins Parlament gehe, gehe ich nicht nur als ich selbst. Ich gehe gemeinsam mit allen, die hierhergekommen sind und mich unterstützt haben. Das ist der Grund, warum es so wichtig für mich war, dort zu kandidieren, wo ich aufgewachsen bin. Ich bin jemand, der zu der Gemeinschaft hier gehört, nicht jemand, der von oben mit dem Fallschirm hier reinspringt, weil es so eine günstige Gegend ist.“

Später frage ich meine Tischnachbar*innen, was sie über das Treffen denken. Ein Kommentar lautet, es sei schön gewesen, Leute zusammenkommen zu sehen, die normalerweise nicht aufeinanderträfen und Zeit miteinander verbrächten, und zu erfahren, was andere beschäftige. „Ich halte es für sehr wichtig, dass Parlamentsmitglieder kommen und eine Verbindung zu dem schaffen, was sich im Manifest wiederfinden wird, zur lokalen Gemeinschaft, und dazu, wie Politik diese beeinflusst und positive Veränderung bringt. In der Labour-Partei dreht sich alles um die lokalen Gemeinschaften, und ich denke, dass konnten wir heute selbst auf die schönste Weise sehen.“

Als wir uns anziehen, kommt jemand auf Shaheen zu und erzählt ihr, dass eine Frau namens Nicole einen Umschlag für sie hinterlassen habe. Shaheen erinnert sich sofort an die Frau, an deren Tür sie das Wochenende zuvor geklopft hatte, und die ihr gesagt hatte, sie sei wütend auf die Labour-Partei wegen des Brexits und hätte bei den letzten Europawahlen für die liberalen Demokraten gestimmt. Shaheen hatte sie zu der Versammlung eingeladen und ihr dies als Möglichkeit empfohlen, ihre Ansichten mit der Partei zu teilen. Sie reißt den Umschlag auf. Darin befindet sich eine Spende von 250 Pfund.

In Newcastle im nordöstlichen England ist das Fußballteam Newcastle United sehr beliebt. Callum Bell, Labours Community-Organizer in der Gegend, hat den Niedergang des Teams in Eigentümerschaft des Milliardärs Mike Ashley, der auch die Einzelhandelskette Sports Direct besitzt, verfolgt. Sports Direct ist oft wegen schlechter Arbeitsbedingungen in den Nachrichten. Eine parlamentarische Untersuchung beschrieb die Bedingungen bei dem Unternehmen einmal als vergleichbar mit einem „viktorianischen Armenhaus”, und Bell sieht eine Verbindung zwischen den Kaufhäusern und dem Fußballteam. „Ashley behandelt das Fußballteam ganz so wie sein Geschäft: Kaufe billig, verkaufe teuer.“ Und so sah Bell eine Chance, verärgerte Fans zu organisieren und den Austausch über Ungleichheit im Land voranzutreiben.

Was die Fans zum Mittun motiviere, sei der Verlust von Kontrolle über etwas, „das wir lieben.“ Inzwischen gibt es eine Kerngruppe von acht oder neun hochorganisierten Fans, und 35 bis 40, die zu Versammlungen kommen, sowie Hunderttausende, die über die sozialen Medien erreicht werden können. Bei Spielen hängen sie Transparente aus und protestieren vor dem Stadion von Newcastle, das sich im Stadtzentrum befindet, so dass die Aktionen gut sichtbar sind. Die Gruppe hat sogar einen Newcastle United-Boykott organisiert – mit leidenschaftlichen Sportfans als Aktiven umso beachtlicher.

Einer der Fans, mit denen die Organisierung begann, so erinnert sich Bell, war ein Wähler der Konservativen, der den Brexit unterstützt hatte, um „die Kontrolle zurückzubekommen“. Doch jetzt, so Bell, agitiere derselbe für die Arbeitenden bei Sports Direct und denke eher daran, sich von Milliardären wie Ashley die Kontrolle „zurückzuholen“. Die Fans wussten, dass Bell für die Labour-Partei arbeitete. Doch sein erstes Ziel war nicht, sie zu deren Wähler*innen zu machen – es ging ihm darum, ihnen zu vermitteln, wie sie sich organisieren können.

„Im Fall der Organisierung der Fans von Newcastle United liegt die Chance für uns darin, eine Kampagne erwachsen zu lassen, die sich nicht nur um die Beschäftigten bei Sports Direct dreht, sondern eigentlich um eine kulturelle Institution im Herzen einer Gemeinschaft, zu der weit mehr Leute gehören“, erklärt Dan Firth, Leiter der COU. „Es ist etwas, woran wirklich jede und jeder jeden Tag denkt und worüber alle sprechen.“ Wenn tausende Fußballfans zu hinterfragen beginnen, wem eigentlich ihr geliebtes Team gehört, und woher dieser Mensch das Geld dafür hat, dann erhöht das nicht nur den Druck gegenüber Sports Direct als „Arbeitgeber“, sondern verändert auch die Art, wie Menschen über die Ökonomie denken.

Das zumindest ist die Hoffnung Labours. Firth, der jahrelange Organisierungserfahrung hat, zunächst mit Citizens UK und dann mit seiner eigenen Organisation namens We Can Win, kam nach den Wahlen von 2017 zur COU. Diese begann nach einem Vorstoß von Parlamentsmitgliedern, Corbyn von der Macht zu verdrängen, und als Teil des Versuchs von 2016, seine zweite Kampagne voranzubringen. Sie baut auf einer Idee auf, die zentralen Stellenwert für den Corbynismus hat: dass die Partei eine soziale Bewegung bilden muss.

Neue Protagonist*innen und vermittelnde Zwischenschichten aufbauen

Als zur Wahl von 2017 Corbyns Aufstieg in den Umfragen schließlich die Mehrheit der damaligen Premierministerin Theresa May kippte, schien sich diese Vision zu bestätigen. Doch zuletzt befand sich Labour auf unwegsamem Gelände, als die schlechte Presse schier kein Ende nahm und das Brexit-Chaos Widersprüche innerhalb der Partei offenbar werden ließ. Früh im Jahr spaltete sich eine Gruppe von Abgeordneten von der Partei ab und gab den Brexit und Bedenken gegen Corbyns Führung als Gründe an – allerdings spaltete sich auch diese Gruppe gleich darauf wieder und wieder.

Sowohl die Stimmenanteile Labours als auch der Tories kollabierten zur Europawahl, als die Brexit-Partei die Austrittswilligen und die Grünen und Liberaldemokraten die „Remain”-Wähler*innen einsammelten. Während Boris Johnson unbeirrt auf den Austritt aus der EU fokussiert, und Gerüchte über einen Deal mit Nigel den Konservativen helfen, als Brexit-Partei erlittene Verluste wettzumachen, versucht Labour, die Spaltung der eigenen Basis zwischen jenen, die in der EU bleiben wollen und jenen, die dagegen sind, zu überwinden.

Die COU versuchen, Labour zurück zu den eigenen Wurzeln zu bringen. „Die Partei ist ganz offensichtlich aus der Gewerkschaftsbewegung und dem Organizing hervorgegangen“, sagt Firth. „Diese Tradition wurde unterhöhlt, als wir begannen, immer mehr politisches Personal aus think tanks und von der Ivy League oder anderen Top-Universitäten zu rekrutieren. Die Ausrichtung, Leute aus der arbeitenden Klasse reinzubringen, verschwand irgendwie.“

Doch sicherlich unterhöhlte nicht nur Labour das, was Parteien einmal gewesen waren. Die Wende zum Neoliberalismus in traditionell sozialdemokratischen Parteien ging, wie Paolo Gerbaudo, politischer Soziologe und Autor von »Die Digitale Partei« hervorhebt, Hand in Hand mit der „Entmachtung der Basis der Parteien, und dies mit einem klaren politischen Ziel, welches darin bestand, die Führungsebene von jeglicher Kontrolle durch die einfachen Mitglieder zu befreien.“ Aktivist*innen innerhalb Labours wurden, wie mir Gerbaudo erzählt, in den Jahren Tony Blairs und New Labours mit Misstrauen betrachtet, weil sie dazu tendierten, links der Führung zu stehen. Und selbst während Labour an der Regierung war, sei die Massenbasis der Partei noch geschrumpft.

In jüngerer Zeit überspringen selbst linke Formationen oft den Prozess des Aufbaus einer Basis. Vielmehr ähneln Parteien wie Podemos in Spanien eher technischen Startups, so Gerbaudo, die es Aktivist*innen ermöglichen, sich digital zu engagieren und dem verbunden zu fühlen, was häufig eine charismatische Führung ist. Momentum, die Organisation, die aus der Zeit Corbyns erster Führung hervorging, operiert als eine Art zivilgesellschaftlicher Pressure Group gegenüber der Labour-Partei, in dem sie für den linken Flügel von Corbyns Basis mobilisiert. Auch in den USA haben Kandidat*innen als zentrale Elemente ihrer Kampagnen Organisationen wie Our Revolution von Bernie Sanders aufgebaut, doch sind diese Organisationen oft nicht viel mehr als ein Email-Verteiler.

Was den meisten dieser neuen Parteien fehlt, hebt Gerbaudo hervor, sind die vermittelnden Zwischenschichten, jene Aktivist*innen oder jenes Parteipersonal, welches die Präsenz der Partei in  Groß- und Kleinstädten ausmacht. „In Online-Diskussionen fehlt es an etwas Sozialem, es fehlt eine soziale Integration, eben das Gemeinschaftsmoment, das eigentlich entscheidend war, eine Schlüsselfunktion politischer Parteien“, erklärt Gerbaudo. „Dies war es, was einer Art säkularer Kirche glich, was es Leuten ermöglichte, Teil eines Kollektivs zu sein, sich beteiligt zu fühlen. Darauf basierten Versorgungsleistungen, daraus gingen Orte hervor, wo sich verwandte Seelen fanden.“ Gewerkschaften waren eigentlich Organisationen, in denen sich die Menschen hierfür fanden – und in einer abgeschwächten Weise noch immer finden –, doch ihre Kapazitäten sind nach der Zerschlagung großer Industrien begrenzt.

Firths Sicht ergänzt dies: „Als Thatcher die Minen und Stahlwerke schloss, waren es nicht nur die Jobs, die verloren gingen. Es war auch die Art kollektiver, politischer Kultur und Institutionen. Ein Teil dessen, was wir jetzt versuchen, besteht einfach im Wiederaufbau dieser Kultur und darin, die Labour-Partei ins Herz der Wohnviertel zurückzubringen – dahin, wo sie seit einiger Zeit nicht mehr war.“ Seine Hoffnung ist, auf diese Weise das Vertrauen der Wähler*innen in Politiker*innen zurückzubringen, von denen sie bisher nur wenig mehr als Posen vor Fernsehkameras gesehen haben. Und er hofft, in diesen Vierteln Menschen zu finden, die Organisierungskampagnen leiten und selbst Kandidat*innen der Partei werden können.

„Es gibt eine riesige Distanz zwischen der Mittelklasse, der zahlreiche Aktivist*innen entstammen, und jener arbeitenden Klasse, die Labour anziehen müsste“, so Gerbaudo. Es sind die Gespräche an den Türen der Sozialwohnungen, die Basisarbeit in Nachbarschaften, die sich von Parteien im Allgemeinen und Labour im Besonderen abgehängt fühlen, seien es migrantisch geprägte Distrikte in London oder weiße Wähler*innen im deindustrialisierten Norden. Hierin liege die „wahrhaft revolutionäre Aktivität”, wie Gerbaudo betont. „Dies ist die Lücke, die durch Organisierung geschlossen werden muss, durch Integration der Communities, dadurch dass die vergemeinschaftende Funktion politischer Organisationen zurückkommt.“

Lokale Nonprofit-Organisationen, so Firth, erhalten zumeist Mittel von gemeinnützigen Stiftungen, wofür ein gewisser Abstand zu Parteipolitik Bedingung ist. Community-Organisierungsprojekte innerhalb der Partei hingegen bieten die Freiheit, je nach Bedürfnis politische Fragen zu erörtern. Das macht es möglich, jede Kampagne – die zum Boykott gegen Newcastle United, jene gegen die schlechten Wohnbedingungen im Sozialwohnungsbau, gegen den Abriss vorhandener Wohnungen oder gegen Wasserprivatisierung – als Teil eines breiter angelegten Projekts zur Transformation der britischen Wirtschaft zu verstehen.

„Ich bin immer ganz offen“, erklärt Aydin Dikerdem, ein Organizer und örtlicher Labour-Stadtrat, der sich gegen den Abriss von zwei Wohnhäusern in Westminster einsetzt. „Ich sage, schaut, ich arbeite für die Labour-Partei, aber ich bin nicht hier, um nach Stimmen zu fragen. Das werde ich tun, wenn eine Wahl ansteht. Für mich geht es hier um Gerechtigkeit.“

Wie Dikerdem sagt, wird er bei anstehenden Wahlen um Stimmen werben. Doch während des Sommers drehte sich der Kampf darum, die Häuser zu retten, in denen einige Wohnungen Kommunalbesitz, andere in privater Hand sind. Das entsprechende Grundstück gehört dem achtundzwanzigjährigen Duke of Westminster, einem Multimilliardär. Dessen Firma plant, die Häuser dem Erdboden gleichzumachen und gegen Luxusbehausungen zu ersetzen. Der Duke hat zwar die Errichtung eines Anteils sozial geförderter Wohnungen versprochen, doch das Ziel der Bewohner*innen ist, den Abriss ganz zu stoppen.

„Es handelt sich um eine profitable Gegend, die Gebäude sind schön, und es sind nur zehn Minuten zu laufen bis zum Sloane Square – also wirklich wertvolles Land“, so erklärt Dikerdem. „Das ist der pure Immobilienkapitalismus. Vor dem Hintergrund, dass dies ohnehin ein profitabler Ort ist, und dass die Leute glücklich sind, dort zu leben – warum will einer der 30 reichsten Männer der Welt das tun?“ Nachdem er im persönlichen Gespräch mit einer Bewohnerin auf die Abrisspläne hingewiesen worden war, begann Dikerdem mit einer Kampagne von Haustürgesprächen und organisierte ein Treffen, an dem fünfzig Menschen teilnahmen. Diese Koalition sei „ein wirklich interessantes Bündnis über Klassengrenzen hinweg“, sagt er. „Wir sind alle sehr an die Einebnung von Sozialwohnungen gewöhnt – aber hier handelt es sich um Bewohner*innen der arbeitenden Klasse, der Mittelklasse und auch um einige der oberen Mittelklasse – und sie sehen sich alle mit demselben Problem konfrontiert.“

Die Wohnungskrise ist es auch, was die Organisierungsbemühungen von Beth Foster-Ogg in Putney, einem anderen Teil von London, motiviert. Foster-Ogg setzte sich mit einer Frau in Verbindung, die von ihrer Angst getwittert hatte, dass ihr Wohngebäude das nächste Grenfell sein könnte – jener Sozialwohnungsblock, der im Jahr 2017 brannte. Als sie zu dem Gebäude ging, so Foster-Ogg, habe sie noch mehr Probleme vorgefunden: Wasser in unmittelbarer Nähe zu Stromleitungen, aber auch Schimmel und kaputte Fahrstühle, so dass Bewohner*innen mit Behinderung fest saßen. Bewohner*innen, die wiederholt versucht hatten, das Management individuell auf Mängel anzusprechen, waren stets abgeblockt worden.

Nachdem die Bewohner*innen miteinander zu sprechen begonnen hatten, waren sie in der Lage, ihre Aktivitäten auszuweiten, soziale Medien zu nutzen, um Druck auf den Eigentümer aufzubauen, so dass dieser sich zu Gesprächen bereitfinden musste und Reparaturen erstritten werden konnten. „Sie haben eine wunderbare Gemeinschaft aufgebaut, das ist sehr schön zu sehen, sagt Foster-Ogg. „Sie passen wechselseitig auf ihre Kinder auf, unterstützen ihre Nachbarn – sie sind ganz offensichtlich zu dem geworden, was Community-Organisierung bedeutet: Leute zusammenbringen, ihnen eine Mitsprache in ihrer lokalen Gemeinschaft ermöglichen.“

Wenn Foster-Ogg den Leuten sagt, dass sie für die Labour-Partei arbeite, seien die Reaktionen gemischt. „Wir sagen, dass wir Community-Organizer sind, dass unserer Meinung nach Austerität Nachbarschaften zerstört, und dass wir Leute in lokalen Kämpfen unterstützen und das System verstehen wollen – und dass dies wichtig für die Labour-Partei ist.“ Oft seien die Leute schon zuvor auf Politiker*innen zugegangen und hätten um Hilfe gefragt, aber nicht viel bekommen – eine Organizer*in zu treffen, kann die erste positive Erfahrung mit politischem Engagement sein, die sie überhaupt machen.

Die Kampagne in Westminster und jene in Putney seien Anfangspunkte einer London-weiten Kampagne zur Wohnungsfrage, so Firth. Beide Seiten des Problems gehörten zusammen: die Bedingungen, unter denen die Leute derzeit leben, und der Mangel an bezahlbaren Wohnungen, während die Anzahl der Luxusangebote gleichzeitig steigt. Da ist es auch nicht von Nachteil, dass Putney in einem Wahlkreis liegt, den Labour bei den nächsten Wahlen für sich gewinnen möchte. „Die meisten in dieser Kampagne”, so Firth, „sind arbeitende Frauen of color, die sich selbst nie als politisch gesehen haben. Und wie sie jetzt an vorderster Front stehen, eine Kampagne für die Sanierung ihres Wohnblocks anführen, aber sich auch mit anderen in London im Kampf für bessere Wohnbedingungen verbinden – könnten sie direkt als Stadträtinnen kandidieren. Das sind die Leute, bei denen du dann denkst, ‘ja, mit ein bisschen Unterstützung wären sie wunderbare Kandidatinnen fürs Parlament’.“

Ein Programm von unten

Eine Woche später hat sich in Redruth, in Cornwall am südwestlichen Ende des Vereinten Königreichs, eine ganz ähnliche Menge versammelt, um die Ansprache Rebecca Long-Baileys zu folgen, Labours Schattenministerin für Wirtschaft, Energie und industrielle Strategien. Es geht um die Planung der ‚grünen industriellen Revolution‘ – Labours Version des Green New Deal. Wieder ist die Belegschaft divers, doch die mittlere Altersstufe überwiegt. Das Gebäude, in dem wir uns treffen, war Teil eines Komplexes zum Zinnabbau, als Cornwall noch eine Minenstadt war. Strahlend gelbe Poster im Raum verkünden „grüne Jobs mit der Gewerkschaft“ und „Investiert in Eure Städte“.

Die Versammlung beginnt mit dem Beitrag eines zehnjährigen Klimastreikenden, der in den Raum verkündet: „Wir haben keinen Planeten B.“ Long-Bailey wendet sich an die Menge: „,Ihr findet eure Kraft nicht bei Konferenzen und Tagungen, sie kommt nur von unten.“ Auf die Bühne begleitet wird sie von Schattenminister für Handel, Barry Gardiner, der ein Blumen-T-Shirt mit Bienen trägt. „Dieses T-Shirt ist eine Vision der Zukunft, die wir haben könnten”, scherzt Gardiner. Eine Kampagne gegen den Klimawandel sei nicht nur im Büßerhemd und mit Schwermut zum Erfolg zu führen, fährt er fort, sondern „indem wir den Leuten Hoffnung geben.“

Im letzten Jahr bestand die Community-Organisierung darin, überall im Land solche Treffen zu arrangieren, erzählt mir John McDonnell. „Die Idee ist, dass wir die Stadt verändern. Wir laden die örtlichen Mitglieder ein, gewerkschaftlich Aktive, Stadträtinnen und -räte, Meinungsführer*innen im Viertel, nachbarschaftliche Organisationen, auch Leute von lokalen Geschäften, und alle, die kommen wollen. Unsere Idee ist, unser Manifest von unten nach oben zu entwickeln.“

Das vorherige Parteimanifest – eines, das 2017 überraschenden Erfolg erreichte – wurde, wie er erklärt, in aller Eile vor den vorgezogenen allgemeinen Wahlen geschrieben, als niemand ein gutes Abschneiden Labours erwartete. Es umfasste die Wiedervergesellschaftung des Eisenbahn- und Versorgungswesens und der Post, Lohnsteigerungen und neue Rechte für Arbeitende, die Abschaffung von Studiengebühren und neue Steuern zu Lasten der Reichen, um dies alles zu finanzieren. Bei den nächsten Wahlen will Labour sich auf diesen Radikalismus stützen, und das mit Rat und Anregungen der Mitglieder.

„Natürlich, wir werden Schluss machen mit den Austeritätsmaßnahmen und die öffentlichen Dienstleistungen wieder aufbauen – aber wir werden darüber noch hinausgehen“, sagt James Meadway, ehemaliger Wirtschaftsberater von John McDonnell und Autor eines neuen Buchs über ‚Corbynomics‘. „Das bedeutet gewaltige Investitionen in Arbeit und Infrastruktur an Orten, die von der Regierung seit 40 Jahren ignoriert wurden, und ein neues großes Versprechen, den Besitz großer Firmen auf die Arbeitenden zu übertragen.“ Hierbei bezieht er sich auf den Plan eines „inklusiven Eigentumsfonds“, der unlängst von der Financial Times [1] als Karikatur dargestellt wurde. Besser beschrieben ist er als Plan dafür, Firmen zu verpflichten, Anteile an die Arbeitenden abzugeben, so dass diese die Profite machen. (Bernie Sanders [2] schlug in jüngster Zeit etwas Ähnliches vor.) Ebenso gibt es Pläne dafür, die Grundbesitzverhältnisse in Großbritannien radikal zu verändern, eingeleitet mit einem Bericht unter dem Titel „Land für die Vielen“.

„Johnson und seine Berater*innen wollen, dass sich die nächsten Wahlen einzig und allein um den Brexit drehen“, so fährt Meadway fort. „Aber jeder weiß, dass die Probleme im Land viel größer sind als dies, von unterfinanzierten Krankenhäusern bis hin zu skandalöser Ungleichheit. Es ist die Labour-Partei, die radikale und vermittelbare, populare Lösungen für diese Probleme bieten kann.“ Und diesmal hat die Partei die Mitglieder in den Prozess mit einbezogen. Kaum überraschend, werden Labours Ideen lokal Aktiven bekannt vorkommen, weil sie bereits heute darum kämpfen, diese zu verwirklichen.

Viele der Veranstaltungen, wie etwa die in Cornwall, fanden in Gegenden statt, in denen für den Brexit gestimmt wurde. Labours Kampf um die Frage des Brexits bestand darin, zwei Seiten einer Basis zusammen zu bringen, die beim Referendum entgegengesetzt gestimmt hatten, jedoch viel ähnlichere Klasseninteressen haben, als es zunächst scheinen mag. Insbesondere der Green New Deal ist ein Versuch, Ideen für lokale Gegebenheiten zu entwickeln, rund um grüne Jobs und ein Versprechen auf etwas Besseres, das nicht von der EU abhängt. In Liverpool, so McDonnell, schlugen Einwohner*innen ein Energiegewinnungsprojekt zur Nutzung des Flusses Mersey vor, das über eine in lokalem öffentlichem Eigentum befindliche Anlage funktionieren sollte. „Die Leute bersten vor Ideen”, sagt er.

Long-Bailey ist eine von Labours jüngeren Stimmen in der Führungsebene. Sie wurde im Jahr 2015 Abgeordnete und hatte zunächst, wie sie lachend erzählt, erwartet, „dass wir von den Hinterbänken aus agitieren würden, um sozialistischer zu werden.“ Ihre Erfahrungen als Kampagnenführerin und Agitatorin helfen ihr nun sehr, und auf diesen beruht auch ihre Zustimmung zu den COU. „Normalerwiese hören die Leute bei solchen Veranstaltungen den Redner*innen zu”, sagt sie, doch bei den jetzigen Veranstaltungen ist es v.a. sie selbst, die zuhört. „Es ist großartig zu sehen, wie sich die Leute an den Tischen darüber heißdiskutieren, welche Art von Energietechnik wir vorantreiben sollten. Das ist die Art von Diskussionen, die wir in den Nachbarschaften voranbringen wollen, um zu sehen, was sie wollen, welche Jobs sie in Zukunft haben wollen, was ihre Vorstellungen zu ihren Wohnungen sind – anstatt Politik von oben nach unten zu machen.“

Danielle Rowley, Abgeordnete aus Midlothian in Schottland und Schattenministerin für Klimagerechtigkeit und grüne Beschäftigung, sprach bei einer anderen Veranstaltung in Motherwell außerhalb Glasgows über ihre Geschichte als Organizerin. „Für Jeremy Corbyn war es eine Schlüsselpriorität, sicherzustellen, dass wir uns in lebendiger Weise mit diesen Bewegungen verbinden“, sagt sie mir. „Nicht nur zu sagen, ‘Wir sind die Labour-Partei und denken dies und jenes’, sondern eher zuzuhören und bei dem mitzumachen, was sie tun.“

Ökologische Klassenpolitik

Das Rahmenwerk einer Grünen Industriellen Revolution, wie die Argumente der Klimagerechtigkeit, sieht Labour als Möglichkeit, die Menschen in den Kampf ums Klima einzuschließen, die zunächst mehr mit ihrem unmittelbaren wirtschaftlichen Wohlergehen beschäftigt sind. „Wenn du an jemandes Tür klopfst, dann merkst du, dass die meisten Leute sich um das Thema Klimawandel sorgen, aber was ihnen mehr Sorgen bereitet, wie viel Geld sie in der Tasche haben, und was sie ihren Kindern zu essen geben, und was diese tun werden, wenn sie groß sind“, sagt Long-Bailey. „Wir müssen in den Nachbarschaften darüber diskutieren, welche Optionen auf dem Tisch liegen und was sie wollen.“

Am Ende jeder Veranstaltung gibt das Community-Organisierungsteam Unterschriftenlisten herum, um die Teilnehmenden in Bildungsmaßnahmen zu Organisierung und Kampagnenarbeit einzubinden. „Ungefähr 40 Prozent der Leute, die dann kommen, sind keine Labour-Mitglieder, also nicht die üblichen Verdächtigen“, sagt Dan Firth. „Wir bringen neue Leute rein – wir denken ständig darüber nach: ‘Wie können wir die Bewegung weiter aufbauen?‘“

Während der Veranstaltung in Cornwall hörte Kathrine See, Labours lokale Organizerin, einen Namen immer wieder: South West Water, die private Wasserversorgungsfirma. Die Leute beschwerten sich über die Wasserqualität, über braunes Wasser, das aus den Hähnen komme. Labours bezirklicher Kandidat Paul Farmer berichtete von einer Frau, deren Haus aufgrund einer gebrochenen Leitung abgesoffen sei. See setzte sich mit Bewohner*innen zusammen und begann mit Umfragen zu der Firma in der Umgebung. Dann schrieb sie einen offenen Brief an das Management von South West Water und forderte eine Klärung zum Zustand der unterirdischen Wasserleitungen, von denen sich herausstellte, dass sie teils Jahrhunderte alt waren. Mittlerweile sammelt sich die Nachbarschaft rund um die Kampagne, von der aus als nächstes ein Treffen mit South West Water angestrebt wird.

„Ganz allgemein gesprochen, war die nachbarschaftliche Organisierung ein großer Gewinn für Cornwall“, sagt See. Denn der Südwesten war eigentlich immer ein von Labour unberührtes Terrain: Jahrelang waren Liberaldemokraten und Konservative die dominierenden Kräfte. Entsprechend war es ein Schock, als Labour 2017 innerhalb eines Jahres zwei Sitze gewann. Die lokale Parteiorganisation, so See, habe es nie wirklich versucht. „Meist sehen die Menschen keinen Zusammenhang zwischen dem, was in ihrem täglichen Leben passiert, und den vielbeschäftigten Politiker*innen in Westminster.“ Mit ihrer eigenen Gegenwart und den Veranstaltungen in Cornwall stellt Labour nun eine wirkliche Adresse in der Gegend dar. Es gibt vier Stadträt*innen in der Region, die durch Community-Organisierung ins Amt kamen.

Über die COU wurde in der Presse nur wenig berichtet, was sich als zweischneidig erweisen mag. Denn ihre Arbeit spielt sich unter dem Radar ab – wer nichts davon hört, so Rowley, könne den Eindruck gewinnen, dass Labour nicht viel tue. Doch während der Versammlungen zeige sich eine andere Seite der Geschichte: „Wenn es um andere Parteien geht, dann sagt der Blick auf das, was die Führung und einige bestimmende Mitglieder tun, schon fast alles über die Partei insgesamt. Doch im Fall Labours gibt es uns als Graswurzelbewegung, und was über die Bildschirme flattert, ist nur ein kleiner Ausschnitt dessen, was wirklich passiert.“

Wahlen gewinnen mit Organizing

Seit der Brexit-Abstimmung haben Rechte wie Boris Johnson und Nigel Farage, trotz ihrer makellosen Oberklassen-Ahnentafel, sich mit einem Mal in die Gewänder des Populismus gekleidet und versuchen, den härtesten aller Brexits durchzusetzen – während selbst die Regierung zugibt, dass dies in naher Zukunft zu Problemen bei der Nahrungsmittel- und Medikamentenversorgung führen könnte. Die Herausforderung für Labour in einer Wahl sei es, so Firth, sich die Idee, als Bewegung zu agieren, nach deren Vereinnahmung von rechts, wieder anzueignen.

Bei den Kommunalwahlen, die für Labour ein eher gemischtes Bild boten, wenn auch nicht so schlecht wie bei den Europawahlen, wie Firth bemerkt, wurden in den Gegenden, in denen Organizer*innen unterwegs waren, „Stadtratswahlen gewonnen, Labour-Bürgermeister*innen gewählt – und wir erhöhten unsere Stimmenanteile und Sitze. Wir haben uns in bestimmten Randlagen im ganzen Land organisiert – an Orten, in denen wir gewinnen müssen, um an die Regierung zu kommen.“

Es sind diese an der Basis organisierten Leute, die in der Lage sein werden, weiterhin Forderungen an Labour zu stellen, falls es die Partei an die Regierung schafft. Sich zurückzulehnen und zu erwarten, dass Labour nun einfach einen Schalter umlegen und den Sozialismus verwirklichen kann, wird nicht ausreichen. Es wird viel grundlegende Arbeit nötig sein, und die Organizer*innen vor Ort werden wissen, was in kurzer Zeit getan werden kann, um die Unterstützung der Basis aufrechtzuerhalten, während die Führung um längerfristige Veränderungen kämpft. Die Bedürfnisse von Cornwall über Schottland bis zu den Vororten Londons sind sehr verschieden, doch bestimmte Muster wiederholen sich: Wohnen ist zu teuer, der öffentliche Nahverkehr unzuverlässig und Jobs sind eine Rarität. Cornwall, so erklärt Long-Bailey, hat seine produktive Basis aus den Zinnminen während des Thatcherismus verloren. Heute kommt das meiste Geld aus dem Tourismus. Auch andere Gegenden, wie Motherwell, sahen ihre industrielle Basis wegbrechen, haben aber nicht das gleiche touristische Potenzial. „Es wird nicht überall auf die gleiche Weise funktionieren“, sagt sie, „es werden gemeinschaftsbezogene Ansätze zum Zuge kommen müssen, und jede Gegend wird anders als die anderen sein.“

Gerade Umweltthemen bringen Menschen zusammen. Gemeinsam denken sie darüber nach, wo die Ansätze liegen, die sie von einem individuellen ‚mehr recyceln‘ zu politischen Lösungen bringen. „Wenn sie zusammensitzen und danach gefragt werden, was Politik ändern könnte, dann gehen die Äußerungen am ehesten in die Richtung von ‚ich habe nun jahrelang recycelt, während diese riesigen Unternehmen dies und jenes getan haben‘“, so erzählt Rowley. Und Long-Bailey fügt hinzu, gemeinsam würden die Leute realisieren, dass „wir eine radikale Revolution der ganzen Technologie und der ganzen Wirtschaft brauchen, um diese Sache angehen zu können.“

In Uxbridge, mitten in Boris Johnsons Wahlkreis, steht Ali Milani auf der Bühne. „Boris Johnson repräsentiert den Archetypus jener Sorte von Politiker*innen, die uns an diesen Punkt gebracht haben. Er ist die Verkörperung eines Menschen, der von Geburt an dazu bestimmt war, Premierminister zu werden, und die Person, deren Untätigkeit und Fahrlässigkeit dazu geführt haben, dass wir hierherkommen“, sagt Milani.

Er ist 25 Jahre alt, einer von Labours jüngsten Kandidat*innen, und er kandidiert für Johnsons Sitz, in einem Wahlkreis außerhalb des Flughafens von Heathrow, von dem er sagt, die Luft dort sei in etwa die schlechteste in ganz Europa. Klimawandel finde jetzt statt, so Milani, nicht erst in der Zukunft. „Boris Johnson muss nicht hier leben. Er isst nicht dort, wo wir essen. Er geht nicht zur Schule, wo wir zur Schule gehen. Er atmet ganz buchstäblich nicht die gleiche Luft wie wir.“

Zu den Leuten, die diese Luft atmen, gehören Al und Lola, zwei streikende Studierende, die diese Veranstaltung, ein weiterer Auftakt zur „Grünen industriellen Revolution“, zu der Extratische geholt wurden, um alle Teilnehmenden zu empfangen. Al fordert Labour dazu auf, in größerem Rahmen zu denken: ein karbonfreies 2050 sei „ein Zeichen der Inkompetenz.“ Lola hingegen betont, Internationalismus müsse im Zentrum von Labours Politik stehen, um die „rassistischen Reaktionäre“ zurückzudrängen, die den Klimawandel als Vorwand für die Schließung der Grenzen benutzen wollen.

Es gibt hier auch Leute wie Vickie and Georgie Warner, Mutter und Tochter aus dem Distrikt, die an meinem Tisch sitzen. Georgie ist an der Oberschule, und Vickie arbeitet bei Mail Boxes Etc. Georgie ist eine Klimaaktivistin. Ihre Mutter sagt mit einem Lächeln: „Ich wurde eigentlich durch meine Tochter hierhergebracht. Sie hat mich wirklich aktiviert.”

Beide greifen Milanis Leitfragen auf und betonen, wie viele gutgestellte Leute Anhänger*innen von Boris Johnson seien, und wie viele Menschen aus der arbeitenden Klasse schlicht um ihr Überleben kämpfen müssten. Es gibt Lebensmitteltafeln in der Stadt, und zum ersten Mal, seit Vickie sich erinnern kann, sind Obdachlose zu sehen. Sie beide kamen motiviert zum Treffen, so Georgie, aber „mit Hass auf Boris Johnson“ – und waren überrascht ob des Formats der Veranstaltung wie auch der Anzahl der Teilnehmenden.

Auf meine Frage, ob sie sich nun, nach dem Treffen, auch in der Community-Organisierung engagieren würden, nicken beide heftig. „Ja, ich muss schließlich Nägel mit Köpfen machen“, sagt Vickie. „Das ist es, was die Leute in Bewegung bringen wird. Wenn wir Veränderung wollen, ist es das, was wir tun müssen.“

Zuerst erscheinen bei © prospect.org [3]

Aus dem Englischen von Corinna Trogisch