| Krugman versus Stiglitz zu Ungleichheit und ökonomischem Wachstum

Oktober 2013
Dean Baker

Joe Stiglitz hat auf die negativen Auswirkungen von Ungleichheit auf Wirtschaftswachstum hingewiesen (vgl. LuXemburg 2/2013, 22ff). Paul Krugman bezieht sich in seiner Antwort auf einige der Punkte Stiglitz´ und diskutiert, ob Umverteilung von Einkommen von unten nach oben zu Minderungen bei den Steuereinnahmen und zu Stagnation führen würde. Zum ersten Punkt weist Krugman richtig darauf hin, dass das US-amerikanische Steuersystem zumindest geringfügig gestaffelt ist. Daher sollte doch eine allgemeine Einkommensumverteilung von unten nach oben die Steuereinnahmen steigern – entgegen Stiglitz´ Behauptungen. Es ist jedoch möglich, dass Stiglitz die Steuern und Transferzahlungen in einem größeren Gesamtzusammenhang betrachtet hat. Dieser ist sicherlich vieldeutiger und könnte durchaus beide Hypothesen bestätigen. Angenommen wir verteilten drei Prozent der Einkommen um (ca. 400 Milliarden pro Jahr) von den unteren 20 Prozent zu den oberen 20 Prozent. Obwohl es fast sicher ist, dass die Steuereinnahmen zunähmen, so würden wir doch wahrscheinlich mehr Geld für Essensmarken, temporäre Sozialhilfe (TANF), das Gesundheitsfürsorgeprogramm (Medicaid) und andere Leistungen ausgeben, die an Bedürftigkeitsprüfungen gekoppelt sind. Ich vermute, dass die Bilanz negativ ausfallen würde, aber dies würde davon abhängen, wer genau betroffen wäre und wer das Geld erhalten würde.

Die entscheidende Frage ist: Würde Unterkonsumption drohen, wenn wir umverteilen würden von Menschen mit geringem Einkommen – welches sie Stiglitz zufolge zu großen Teilen ausgeben würden – hin zu Menschen mit hohem Einkommen, von dem diese seiner Argumentation nach weniger ausgeben würden? Krugman weist dieses Argument zurück mit dem Hinweis, dass das Konsumverhalten von den Einkommensniveaus ihrer gesamten Lebensspanne und nicht den kurzfristigen Einkommen abhinge. Wenn dem so wäre, würde es bedeuten, dass Menschen grundsätzlich einen größeren Anteil ihres Einkommens ausgeben, wenn es niedrig ist, als wenn es hoch ist. Daher wendet er sich der Makro-Ebene zu, um zu überprüfen, ob es Hinweise auf einen Anstieg der Sparquote während der letzten drei Jahrzehnte gibt, in denen sich die Einkommensverteilung  ja zugunsten der Besserverdienenden verschoben hat.

Die nationalen Statistiken zu Einkommensentwicklungen zeigen selbstverständlich ein Absinken der Sparquote, aber die Geschichte ist viel komplizierter. Die Werte der Aktienmärkte begannen ihr bis dahin übliches durchschnittliches Verhältnis zu den Konzernprofiten in den 1980er Jahren zu übersteigen und in der Aktienblase der 1990er Jahre schnellten sie weit darüber hinaus. Auch die Eigenheimpreise begannen in den 1990er Jahren, über den Langzeittrend hinaus zu steigen und übertrafen diesen in den letzten zehn Jahren bei weitem. Wir wissen, dass das Konsumverhalten von Menschen zum Teil von ihrem Vermögen abhängt. Der relative Anstieg von Aktienwerten im Verhältnis zu den Einkommen in den 1980er Jahren bedeutete, dass das Vermögen im Verhältnis zum Einkommen höher war, als dies normaler Weise der Fall gewesen wäre. Dies könnte eine Zunahme des Konsums und ein Abfallen der Sparquote erklären. Das gleiche trifft für die steigenden Eigenheimpreise in den 1990er und 2000er Jahren zu. In anderen Worten: Wir hatten kein Unterkonsumptionsproblem, weil Blasen im Aktien- und Immobiliensektor die Nachfrage auf sehr hohem Niveau hielten. Belegt dies Stiglitz´ Argumentation? Ich würde nicht so weit gehen wie er, aber Krugmans Beweisführung ist offensichtlich nicht so solide, wie sie zunächst erscheint.

In diesem Zusammenhang sind zwei weitere Aspekte relevant. Die allgemeinen Daten über das Sparvolumen würden den Privatsektor in den 1970er Jahren relativ zu späteren Jahrzehnten aufgrund der hohen Inflation in diesem Jahrzehnt überbewerten. Diese ließ die Realwerte der Staatsanleihen sinken, die sich in Besitz des privaten Sektors befanden. Dies bedeutet wiederum, dass die Defizite während dieses Jahrzehnts geringer waren, als sie schienen, aber auch, dass die Ersparnisse des Privatsektors geringer waren, als die offiziellen Daten suggerieren.

Außerdem ist es wichtig zu beachten, dass wir uns in dieser Geschichte keine Sorgen um Unterkonsumption machen müssen, da die daraus resultierenden niedrigen Zinssätze zu einer Schwächung des Dollars und somit zu einem Anstieg der Nettoexporte führen würden. Dies geschah ansatzweise Mitte der 1990er als Folge des Defizitabbaus zu Beginn der Clinton-Regierung. Durch Finanzminister Robert Rubins Politik des starken Dollars und der Ostasienkrise nahmen die Ereignisse dann jedoch einen anderen Gang. Dies ist eine längere Geschichte, aber den Lehrbüchern zufolge sollten reiche Länder wie die Vereinigten Staaten über Außenhandelsüberschüsse verfügen und Kapital in ärmere Länder schicken. Die Tatsache, dass wir in den letzten 15 Jahren in großem Stil das genaue Gegenteil beobachten konnten, ist kein gutes Anzeichen.

Nachtrag: Seth Ackerman hat mich darauf hingewiesen, dass ein Vergleich der Sparquoten nur für die Perioden Sinn macht, in denen sich die Gesellschaft nahe der Vollbeschäftigung befand. Sonst sind die Sparquoten künstlich aufgeblasen durch die Tatsache, dass die gedrückten Löhne den Nenner verringern. Für die späten 1980er, Mitte und Ende der 1990er, und die Periode um den Höhepunkt des 2000er Zyklus´ ist es sinnvoll von Vollbeschäftigung auszugehen. Zu Beginn und Mitte der 1980er, den frühen 1990er Jahren und zu Beginn des letzten Jahrzehnts wäre dies unzutreffend. Natürlich hätten wir bei Vergleichen die gleichen Probleme für die Krise der 1970er Jahre.

Dieser Beitrag erschien am 23.1.2013 auf der Internetplattform Portside: portside.org/2013-01-24/krugman-versus-stiglitz-inequality-and-economic-growth.

Aus dem Amerikanischen von Tashy Endres