- Zeitschrift LuXemburg - https://www.zeitschrift-luxemburg.de -

KONVERSION!?

Von Bernd Röttger

STRATEGIEPROBLEME BEIM UMBAU KAPITALISTISCHER PRODUKTION

Der gegenwärtige Kapitalismus hat sich in die Krise manövriert, ohne dass es einer »relativen Prosperität der Arbeiterklasse« bedurfte, wie Marx sie vor Augen hatte; deren Kämpfe deutete er als »Sturmvogel der Krise« (MEW 24, 410). Die jüngste Periode kapitalistischen Wachstums setzte vielmehr die Schwächung der Arbeiter- und Gewerkschaftsbewegung voraus. In den Betrieben war es im Rahmen von »Standortsicherungsvereinbarungen« schon lange nicht mehr gelungen, die gewaltige Umverteilung zugunsten des Kapitals zu verhindern, auch nicht in den vermeintlichen »Bastionen« der Gewerkschaftsbewegung, der Automobilindustrie. Die durch Umverteilung gespeiste »Plethora des Kapitals« sah sich aufgrund geringer Renditen produktiver Investitionen gezwungen, die »Bahn der Abenteurer« zu betreten und zu spekulieren (MEW 25, 261). Zugespitzt ließe sich sogar formulieren, dass gerade die Schwäche der Arbeiter- und Gewerkschaftsbewegung die gegenwärtige Krise des Kapitalismus (mit) verursacht hat: Ihr ist es nicht gelungen, in den tarifpolitischen Auseinandersetzungen den Geldhahn abzudrehen, aus dem sich die spekulativen Blasen speisten, oder durch strukturpolitische Interventionen jene industriellen Spezialisierungsprofile zu verändern, die deutlich auf den Export ausgerichtet sind.

Nichts deutet auf eine Abkehr von diesen Strategien hin. Es dominiert eine restaurative Krisenpolitik, die vorgibt, die Krise überwunden zu haben, wenn der Zustand vor der Krise rekonstruiert ist. Ein dramatischer Anstieg der Massenarbeitslosigkeit konnte durch »intelligente« arbeitsmarktpolitische Instrumente verhindert werden; soziale Unruhen sind trotz forcierter Asymmetrien in der Lastenverteilung der Krise ausgeblieben; die Renditen des Finanzkapitals erklimmen wieder Höhen, die die Herzen der Rentiers wärmen; und auch die Exporte springen nicht zuletzt wegen eines fallenden Euro-Kurses wieder an.

Das optimistische Getöse der versammelten Restauration basiert jedoch darauf, die Überakkumulation via Handelsbilanzüberschüssen auf weltökonomische »Partner« abzuwälzen. Mit dem Bankrott der griechischen Defizitökonomie haben solche »Krisenlösungen« schon die nächste Krise – die des Euros und der europäischen Integration – produziert. Und im Schatten solcher restaurativ- krisenpolitischen Betriebsamkeit ist derweil ein Weltklimagipfel kläglich gescheitert, werden die Kosten der Kapitalvernichtung weiter munter »nach unten« durchgereicht und der Ölkonzern BP lässt aufgrund mangelnder Investitionen in die Sicherheit seiner Anlagen eine gigantische Menge Öl in den Golf von Mexiko strömen.

RHETORIK DER KONVERSION

Klaus von Beyme formulierte 1990 in der renommierten Zeitschrift der Deutschen Vereinigung für Politische Wissenschaft, dass »ökologische und soziale Katastrophen […] in einigen Jahrzehnten« dafür sorgen werden, dass »der Ruf nach der Steuerung« des Kapitalismus wieder deutlich ertönen werde. Und »der totgesagte Sozialismus« werde dann »erneut als geistiges Arsenal der künftigen Steuerungstheorien dienen« (470ff).

Vordergründig scheint dies eingetreten zu sein. Allerdings bedeutet die »Rückkehr des Staates« in der Krise nicht, dass die »Vorzimmer des Sozialismus« bereits tapeziert werden. Im Gegenteil: Die Bourgeoisie hat nur zentrale Bezugspunkte der Durchsetzung ihrer Interessen ausgetauscht, sie wechselt vom »Fluchtpunkt Ökonomie« (Elmar Altvater), mit dem sie sich im Gefolge der Weltwirtschaftskrise 1974/75 aus den Fesseln des fordistischen Klassenkompromisses befreien wollte, zum »Fluchtpunkt Staat«, der sie vor den eigenen Kräften der Selbstvernichtung schützen soll.

Jede Krise ist Ergebnis konkreter Widersprüche der vorhergehenden Prosperitätskonstellation. Der sie tragende Typus kapitalistischer Entwicklung gilt daher als historisch de-legitimiert: So mischen sich in die »Rückkehr des Staates« Forderungen, die alte, überkommene »Entwicklungslogik« in der Krisenpolitik zu überwinden. In den Mittelpunkt solcher Krisenstrategien rückt die Automobilindustrie, in der sich exportorientiertes Wachstum und ökologisch desaströse Lebensweise kreuzen. Hinter den Forderungen nach einer »neuen Entwicklungsweise« verbirgt sich eine verwirrende Gemengelage von Interessen, Strategien und Zielen, deren kleinster gemeinsamer Nenner gegenwärtig in der Formel der Konversion Gestalt annimmt.

Antizipierte Krisenausgänge reichen vom »grünen Kapitalismus«, in dem sich die Investitionsneigung des Kapitals auf vermeintlich »nachhaltige Produkte« konzentrieren soll (etwa: Elektroautos), über Vorstellungen einer »neuen Lebensweise«, in deren Zentrum der Bruch mit der »Automobilgesellschaft« steht, bis hin zu Ansätzen zu einer sozialistischen Transformation. Gemeinsam ist ihnen die These: Die bundesdeutsche Ökonomie produziere falsche Produkte für falsche Märkte. Konversion wird zum Catch-all-Begriff für bessere Produkte (weil ökologisch) und neue Märkte (weil binnen- und bedarfsorientiert). Damit ist noch nichts ausgesagt über betriebliche Verfügungs- und Kontroll- sowie gesellschaftliche und politische Herrschaftsverhältnisse, unter denen Konversion wirklich prozessieren kann.

Weil Konversion auf die Umstellung von Produktpaletten zielt, müssen Konversionsstrategien notwendig betrieblich durchgesetzt werden. Hans-Jürgen Urban (IG Metall) zufolge schaffte die Krise Situationen, in denen bestimmte Betriebe aufgrund ihres Spezialisierungsprofils kaum überleben können. In solchen Fällen müsse »im Rahmen einer ökologischen Umbaustrategie über ganz andere Produkte und eine andere Art des Produzierens nachgedacht werden«. Solche betrieblichen Sanierungsfälle laufen »auf eine forcierte Konversionsstrategie hinaus« (Urban 2009). Von ausdiskutierten und in strategische Schritte gegossenen »Einstiegsprojekten« in eine demokratische Transformation des Kapitalismus ist bislang wenig zu erkennen, nicht einmal der Weg dorthin. Die Forderung nach Konversion wird zu einem bloßen Lippenbekenntnis, wenn beispielsweise die attac-AG arbeitfairTeilen in einem offenen Brief an die Betriebsräte der Opel AG drastische Arbeitszeitverkürzungen fordert, und in einem Nebensatz schreibt, dass diese in eine »Konversion der Autoindustrie« eingebunden sein müsse, die »jetzt geplant und begonnen werden« müsse.1 Gegenwärtig entstehen allenfalls zaghafte Adaptionen eines demokratischen Umbaus der Produktion. So etwa beim Hersteller moderner Vakuumpumpen, Sterling SiHi in Itzehoe 2009: Im Rahmen der gewerkschaftlichen »Besser-statt-billiger«- Strategie wurde dem Unternehmen ein korporatistisches »Innovationsprogramm« abgerungen. Belegschaft und Betriebsrat entwickeln nun in Zusammenarbeit mit dem Management Vorschläge für neue Produkte, Arbeitsprozesse und Unternehmenskultur (vgl. taz 25.8.2009).

Konversionsansätze, wo sie denn verfolgt werden, bleiben bislang einer korporatistischen Logik der Interessenpolitik verhaftet. Zudem sind sie Element eines betrieblichen und gewerkschaftlichen Abwehrkampfes – nicht einer neuen gewerkschaftlichen Offensivstrategie. Mit dem alleinigen Verweis auf die Notwendigkeit der Konversion liegt nicht schon die Blaupause einer Umbaustrategie vor, aus der sich Werkzeuge für eine Transformation kapitalistischer Entwicklung zusammenstückeln ließen. Eine solche Interpretation – das lehren auch die bisherigen Erfahrungen mit Konversionsprojekten – wäre weit gefehlt.

GESCHICHTE DER KONVERSION

Den entscheidenden Referenzfall für die Konversionsdebatten der 1970er und 1980er Jahre markiert der Zulieferer der Luftfahrtindustrie Lucas Aerospace in Großbritannien (vgl. Wainwright in diesem Heft). Als Pläne zum Beschäftigungsabbau im hochgradig von Rüstungsaufträgen abhängigen Unternehmen bekannt wurden, bildeten die (verschiedenen) Gewerkschaften im Unternehmen ein gemeinsames shop stewards combine committee, das 1976 einen Plan zum Umbau der Produktion – den corporate plan – entwickelte (Wärmepumpen, Ultraschallgeräte, Hybridmotoren). Er verstand sich als Element eines Kampfes »für das Recht auf Arbeit an vernünftigen Produkten […], um die wirklichen Probleme der Menschen zu beseitigen, statt sie zu erzeugen«. Erstmals wurde ein gewerkschaftlicher Kampf um den Erhalt von Arbeitsplätzen mit einem Kampf um die Entwicklung einer neuen Produktpalette verknüpft. Schnell wurde deutlich, dass eine solche Verknüpfung nur umsetzbar war, wenn die betriebliche Dispositionsgewalt des Kapitals gebrochen würde. Die Protagonisten verstanden ihren Plan als Schritt »zu mehr industrieller Demokratie«. »Wirkliche industrielle Demokratie« könne sich nicht »auf Arbeiterrepräsentation im Aufsichtsrat beschränken«, wo Entscheidungen getroffen werden, »die längst vom oberen Management vorstrukturiert sind« (zit.n. Albrecht 1979).

Lucas Aerospace bildete den Auftakt einer Vielzahl von betrieblichen Ansätzen zur Rüstungskonversion – auch in der BRD. Im Herbst 1981, als das Alternativprojekt bei Lucas Aerospace endgültig an der Borniertheit des Managements scheiterte, wurde durch die IG Metall Vertrauensleute bei Blohm & Voss Hamburg der erste Arbeitskreis Alternative Produktion in der von der Werftenkrise geschüttelten Küstenregion gegründet. Bis Ende 1983 entstanden ca. 40 solcher betrieblichen Arbeitskreise, nicht nur im Schiffbau und in der Rüstungsindustrie. Sie wurden durch eine Innovationsberatungsstelle in der IG Metall Bezirksleitung Küste unterstützt. Der IGM Gewerkschaftstag im Oktober 1983 unterstrich deren »Forderung nach der Vorbereitung von Umstellungen auf andere Produkte auf der Basis hochentwickelter Technologie«. Zudem gründeten sich Arbeitskreise »Techniker, Ingenieure, Naturwissenschaftler« in der IG Metall.

Die Produktivkraftentwicklung sollte unter demokratische Kontrolle gebracht werden. Die in der Bundesrepublik entstandenen Ansätze basierten ähnlich der britischen Erfahrung auf einer Aktivierung der Belegschaften und Forderungen nach »erweiterter Mitbestimmung und Kontrolle« der Unternehmen, in der »die Beschäftigten ihr Qualifikationspotenzial und ihre Interessen einbringen und durchsetzen können« (Heseler/Kröger 1983, 199). Der Kampf um Konversion basierte auch hier auf der intensiven Einbeziehung der Belegschaften.

Die deutschen Arbeitskreise Alternativer Produktion gingen über die britische Erfahrung hinaus. Da die Veränderung der betrieblichen Entscheidungsstrukturen von den Firmenleitungen oft vehement zurückgewiesen wurde, war den Arbeitskreisen schnell klar, dass ihre Ziele nicht allein auf der Betriebsebene durchsetzbar waren. Allein die Forderung nach Einrichtung einer paritätisch besetzten Kommission zur Diskussion und Auswertung von Produktvorschlägen des Arbeitskreises stieß auf ein kategorisches Nein der Geschäftsführungen – so beispielsweise bei VFW/MBB in Bremen (vgl. Duhm et al. 1983, 116).

Die Arbeitskreise verstanden sich als betriebliche Ausformungen gesellschaftlicher Mitbestimmung. Sie verkörperten »einen Typ der Interessenvertretung mit allgemein-politischer Orientierung« (Schomaker et al. 1987, 148). Alternative Produktion auf den Werften wurde gekoppelt mit der Forderung nach »regionalen und nationalen Beschäftigungsprogrammen«, demokratischen Entscheidungsstrukturen in der regionalen Wirtschaftspolitik und der Einführung von Branchenräten (Heseler/ Kröger 1983, 193ff). Verstaatlichungen wurden dagegen skeptisch beurteilt, da schon der Abwehrkampf der Belegschaft auf der »Staatswerft« HDW Hamburg den Staat als kapitalistischen Vorreiter desavouierte.

Obwohl getragen durch eine noch breite Friedensbewegung und trotz vorliegender ausgefeilter makroökonomischer Konzepte »qualitativen Wachstums« (das Gutachten der Memorandumsgruppe »Alternativen der Wirtschaftspolitik« 1982 trug diesen Titel) konnten sich die Ansätze der Rüstungskonversion nicht durchsetzen. Geforderte betriebsübergreifende Arbeitskreise kamen nicht zustande – auch weil hierfür die IIG Metall die Koordination nicht übernahm. Die Gewerkschaftsspitzen konzentrierten sich auf die Tradition konventioneller Tarif- und korporatistischer Krisenpolitik. Insbesondere in der regionalen Strukturpolitik, der eine zentrale Bedeutung für die Entwicklung und den Umbau der Werften zugeschrieben wurde, entstanden in den 1980er Jahren – wie schon in der Stahlkrise im Ruhrgebiet und im Saarland – korporatistische Krisenarrangements, die zwar die Gewerkschaftsspitzen einschlossen, die Konversionsinitiativen »von unten« aber zunehmend marginalisierten (Bettelhäuser 1988, 46ff).

Im Umbau der DDR-Wirtschaft nach 1989 konnte an diese demokratische Tradition schon nicht mehr angeknüpft werden. Als mit dem Ende der Systemkonfrontation eine »Friedens-Dividende« möglich schien und damit die Konversion der Rüstungsindustrie eine neue Renaissance erlebte, wurde Konversion auf den Ruinen demokratischer Umbauprojekte in regional- und strukturpolitischen Programmen mit EU-Unterstützung weitergeführt. Konversion degradierte zur »Unternehmensstrategie«, die zwar die Einführung betrieblicher Konversionsrunden mit Vertretern von Management und Betriebsrat vorsah, diese »runden Tische« aber als Elemente betrieblichen Innovationsmanagements einsaugte und den einst vorhandenen demokratiepolitischen Gehalt absprengte.

TYPEN DER KONVERSION

Konversion ist also nicht gleich Konversion. Wenn etwa die Volkswagen AG tarifpolitisch gezwungen wird, 20 Millionen Euro jährlich für die Entwicklung innovativer Produkte zur Verfügung zu stellen oder das Motorenwerk in Salzgitter inzwischen Blockheizkraftwerke baut, handelt es sich um Strategien unternehmerischer Produktdiversifizierung, nicht aber um Strategien demokratischer Organisation und Neuausrichtung der Produktion. Als Volkswagen in den 1980er Jahren die Triumph-Adler AG als Tochterunternehmen führte und somit – bis zur Übernahme durch Olivetti – auch Schreibmaschinen produzierte, redete noch niemand von Konversion. Die gegenwärtige Konversionsrhetorik scheint wesentlich voraussetzungsfreier zu sein – auf jeden Fall ihres betriebsdemokratischen Anspruchs enthauptet.

Tatsächlich lassen sich Konversionsansätze der Produktion anhand der sie auslösenden Prozesse unterscheiden:

1 | Staatsgetriebene Formen der Konversion. Sie entstehen exemplarisch in Zeiten der Kriegsvorbereitung bei der Umstellung auf Rüstungswirtschaft, in geringerem Maße auch durch Umstellung auf »Friedenswirtschaft« – oft erfolgen sie binnen kürzester Zeit.

2 | Weltwirtschaftlich getriebene Formen der Konversion. Sie bilden sich infolge der internationalen Durchsetzung »hegemonialer Produktions- und Tauschnormen« (Michel Aglietta), in der sich immer auch Branchenhierarchien verschieben. Die Entwicklung des finnischen Nokia-Konzerns von der Papierfabrik (organisierter Kapitalismus), über den Gummiproduzenten (Fordismus) zum Telekommunikationsdienstleister (High-TechKapitalismus) verdeutlicht diese Triebkraft.

3 | Wettbewerbskorporatistische Formen der Konversion. Sie entstehen als betriebliche Innovationsprozesse (oft unter Einschluss des unmittelbaren Produzentenwissens), um mit innovativen Produkten neuen Märkte zu erschließen.

4 | Demokratische Formen der Konversion, die die Frage des was der Produktion mit der Frage des wie verknüpfen.

In der Konversionsdebatte der 1980er Jahre identifizierte die IG Metall in ihrer Erklärung auf der 8. nationalen Schiffbaukonferenz die Bestrebungen der autonomen Arbeitskreise Alternative Produktion als Bereitschaft der Arbeitnehmer, »aktiv an der Erarbeitung von Grundlagen der Unternehmenspolitik mitzuarbeiten« (zit. n. Heseler/Kröger 1983, 226). Unternehmenspolitik aber konstituiert sich nicht allein durch Entscheidungen über die Produktpalette, sondern auch durch Verfügungsgewalten über die Produktionsmittel. Solange diese unangetastet und in Privatbesitz bzw. Delegationsrecht bleiben, verharren alle Konversionsstrategien in einer subalternen Funktion (»neuer Wein in alten Schläuchen«), können sich nicht zu »Einstiegsprojekten« einer demokratischen Transformation kapitalistischer Produktion entfalten.

Über die Durchsetzungsbedingungen von »Demokratie am Arbeitsplatz«, gleichsam die Voraussetzung demokratischer Konversionsprojekte, gibt es in der Geschichte der Arbeiter- und Gewerkschaftsbewegung lange Debatten. Marx sah bereits in den Arbeitergenossenschaften des 19. Jahrhunderts den Beweis erbracht, »dass der Kapitalist als Funktionär der Produktion […] überflüssig geworden« ist (MEW 23, 400) und die kapitalistische Produktion »durch das demokratische und segensreiche System der Assoziation von freien und gleichen Produzenten« (MEW 16, 195) verdrängt werden kann. Rosa Luxemburg merkte in Sozialreform oder Revolution an, dass die Produktionsgenossenschaften »die wichtigsten Zweige der kapitalistischen Produktion« nicht berühren, »als allgemeine Reform schon aus dem Grunde nicht erscheinen« können. Auch in den Konversionsdebatten blitzt das Problem der Fortexistenz privatwirtschaftlicher Konkurrenzbeziehungen als wirkungsmächtige Restriktion demokratischer »Übernahme« der Produktion durch die Belegschaften immer wieder auf. Die Diskussion um das Verhältnis von Fabrikräten und Partei (Lenin, Gramsci und Luxemburg) lässt sich als eine über das Verhältnis von staatsgetriebener und demokratischer Form der Konversion lesen. »Wirtschaftsdemokratie« (Karl Korsch, Fritz Naphtali, später Viktor Agartz) fragt nach dem Verhältnis von industrieller Autonomie, Sozialisierung der Produktion und Verstaatlichung von Branchen – letztlich: Wie ist »Produzentendemokratie« möglich, in der der »Stoffwechsel mit der Natur« (Marx) organisiert und die »freie Assoziation der Produzenten« verwirklicht werden kann?

In der gegenwärtigen Konversionsdebatte stehen diese Grundfragen neu. Einige (auch) aktuelle Strategieprobleme lassen sich auf ihrer Grundlage präziser benennen.

STRATEGIEPROBLEME

»Schön beschissene Zeiten, in denen […] die Sozialisten den Kapitalismus vorantreiben.«
(Manuel Vázquez Montalbán, Der letzte Bolero)

Auch in autonomen gewerkschaftlichen Arbeitskreisen entwickelte Konzeptionen »alternativer Fertigung« können immer wieder als Instrumente für die Erschließung neuer Geschäftsfelder der Unternehmen in den Dienst gestellt werden – sie können vom Kapital innerhalb einer »Integrationslogik« (Lelio Basso) angeeignet werden. Gleiches gilt für die Industrie- und Strukturpolitik. In ihrer gegenwärtigen Konstitution »verdauen« sowohl betriebliche Innovations- als auch regionale Umbaustrategien Konversions ansätze und verwandeln sie in Projekte kapitalistischer Modernisierung. Konversionsstrategien können nicht in eine bestehende Betriebsverfassung oder Industrie- und Strukturpolitik hineingetragen werden; sie müssen vielmehr deren Konstitution verändern.

»Nicht um die Konservierung der Vergangenheit, sondern um die Einlösung der vergangenen Hoffnung ist es zu tun.«
(Max Horkheimer u. Theodor W. Adorno, Dialektik der Aufklärung)

Konversionsansätze können sich nicht darauf verlassen, dass mit der Eroberung neuer Märkte durch neue Produkte der Klassenkompromiss auf der betrieblichen Ebene zu neuer Ehre kommt. Auch in den florierenden Unternehmen auf den »neuen Märkten« bleibt das forcierte Abpressen von Mehrarbeit die Regel. Mit Konversion verknüpfte Hoffnungen bleiben so notwendig unabgegolten. Dagegen bezeichnet demokratische Konversion der Produktion keine Lösung mit einem festgesetzten Ziel, sondern einen transformatorischen Prozess, in dem die Kooperation der Arbeitenden seine kapitalistische Formbestimmung abstreift und seinen emanzipatorischen Charakter entfaltet.

»In Erwägung: es will euch nicht glücken Uns zu schaffen einen guten Lohn Übernehmen wir jetzt selbst die Fabriken In Erwägung: ohne euch reicht’s schon.«
(Bertolt Brecht, Resolution der Kommunarden)

Konversionsansätze entstehen v.a. in Situationen der Zuspitzung betrieblicher ökonomischer Krisen (Rationalisierungen, Entlassungen, Werksschließungen). Ihre Durchsetzung als wirtschaftsdemokratischer Prozess ist somit gezwungen, sich aus einer Position der Defensive zu entfalten. In einer solchen müssen sie a) den unmittelbaren Interessen der Beschäftigten Rechnung tragen und b) in der Lage sein, diese zu transformieren und in Konfliktfähigkeit zu überführen. Die ganze Klaviatur erfolgreicher Betriebs- und Gewerkschaftspolitik ist neu zu spielen, denn »vor die Demokratie im Betrieb hat das bürgerliche Recht« bekanntlich »das Eigentum, das Arbeitsrecht die Kündigung gesetzt« (Blanke 1995, 25). Demokratisierung der Betriebe setzt daher erhöhte Konfliktbereitschaft der Belegschaften als Resultat ihrer Politisierung und erhöhte institutionell und rechtlich gesicherte Konfliktfähigkeit der Gewerkschaften als Ergebnis zivilgesellschaftlicher und politischer Kämpfe voraus.

»Über das Fleisch, das euch in der Küche fehlt Wird nicht in der Küche entschieden.«
(Bertolt Brecht, Die Mutter)

Konversionsansätze entstehen in den Betrieben. Konversionsansätze, die auf den Betrieb beschränkt bleiben, laufen aber (wie die Arbeiterkooperativen) Gefahr, dem »ehernen Gesetz der Transformation« (Franz Oppenheimer) zu erliegen: sich entweder gegenüber dem sie umgebenden kapitalistischen Markt komplett abschotten zu müssen, um ihren eigenen Ansprüchen genügen zu können – was aber infolge der totalitären Tendenz kapitalistischer Vergesellschaftung nie wirklich realisierbar ist –, oder sich anzupassen, von hehren Ansprüchen zu verabschieden bzw. schlicht unterzugehen. Zudem setzt die transnational integrierte Produktion alternativen Fertigungskonzepten auf der einzelbetrieblichen Ebene enge Grenzen. Die Übernahme von Produktionsstätten durch die Belegschaften etwa steht unter den Bedingungen transnational integrierter Produktion vor neuen Problemen: Konzepte »alternativer Produktion« erfordern ein stärkeres Maß an transnationaler Koordination.

»Eine Gesellschaftsordnung geht nie unter, bevor alle Produktivkräfte entwickelt sind […]; und neue höhere Produktionsverhältnisse treten nie an die Stelle, bevor die materiellen Existenzbedingungen derselben im Schoße der alten selbst ausgebrütet sind.«
(Karl Marx, Vorwort Zur Kritik der Politischen Ökonomie)

Konversionsansätze zielen in der Regel auf Zurücknahme der Weltarbeitsteilung und auf lokale und regionale Märkte. Sie drohen daher, Produktivität zurückzusetzen. Das aber war in den Entwürfen der »freien Assoziation der Produzenten« gerade nicht vorgesehen. Ihr transformatorisches Potenzial entfalten Konversionsstrategien nicht als »Verzichtsentwürfe«, sondern nur dann, wenn sie eine Verbesserung der Lebens- und Arbeitsbedingungen der Menschen wirklich glaubhaft machen können. Davon sind wir aber beim gegenwärtigen »Stand der Dinge« noch weit entfernt. Konversion paart sich heute im Zeichen der global-ökologischen Krise in der Regel mit dem normativen Appell, Ansprüche zurückzuschrauben. – Nicht gerade eine »sexy Alternative«!

Die Konversionsdebatte wird ohne die Diskussion grundlegender Strategieprobleme alternativer Betriebs-, Struktur- und Wirtschaftspolitik nicht auskommen, will sie nicht als betriebliche Modernisierungsstrategie von den »aufgeklärten Kapitalfraktionen« verdaut werden. Auch der zarte Aufschwung »nach der Krise« hat keineswegs die Notwendigkeit demokratischer Konversion erledigt. Sie entfaltet sich zu einer tatsächlichen Bewegung, wenn in den betrieblichen Konflikten offensichtlich wird, dass eingeschliffene Praxen gewerkschaftlicher Interessenpolitik immer weniger interessenpolitische Rückschritte verhindern können und der »labor unrest« sich rührt. Das ist – so der marxistische Ideologietheoretiker Terry Eagleton (2000, 256) – keine »fromme Hoffnung der Linken, sondern eine empirische Tatsache«. Denn »wenn sich Menschen, die in bescheidenen, lokalen Formen politischen Widerstands engagiert sind, durch die Eigendynamik dieser Konflikte direkt mit der Macht des Staates konfrontiert sehen, dann kann es geschehen, dass sich ihr politisches Bewusstsein definitiv und irreversibel verändert«. Strategieprobleme der Durchsetzung alternativer Krisenausgänge rücken dann zwangsläufig ins Zentrum. Es kann nicht schaden, darauf vorbereitet zu sein.

 

LITERATUR

Albrecht, Ulrich, 1979: Alternative Produktion: Das Beispiel Lucas Aerospace, in: Kritisches Gewerkschaftsjahrbuch 1978/79: Arbeiterinteressen gegen Sozialpartnerschaft, Berlin/W., 204–16
Bettelhäuser, Fritz, 1988: Entwicklungsgesellschaft Werften – eine Idee von oben. Gespräch mit Fritz Bettelhäuser, Betriebsrat auf der Bremer Vulkan-Werft, in: Hildebrandt, E., Schmidt, E., Sperling, H.J. (Hg.), Kritisches Gewerkschaftsjahrbuch 1988/89: Zweidrittelgesellschaft – Eindrittelgewerkschaft, Berlin/W., 46–53
Beyme, Klaus von, 1990: Die vergleichende Politikwissenschaft und der Paradigmenwechsel in der politischen Theorie, in: Politische Vierteljahresschrift (PVS), 31. Jg., H. 3, 457–73
Blanke, Thomas, 1995: 75 Jahre Betriebsverfassung: der Siegeszug eines historischen Kompromisses, in: Kritische Justiz, 12–25
Duhm, Rainer, u.a., 1983: Sozial nützlich und umweltverträglich – Initiativen gegen Produktions- und Arbeitskrise, in: Kritisches Gewerkschaftsjahrbuch 1983/84: Wachstum alternativ, Berlin/W., 111–24
Eagleton, Terry, 2000: Ideologie. Eine Einführung, Stuttgart
Heseler, Heiner, und Hans Jürgen Kröger, 1983: Alternativen zur gegenwärtigen Schiffbaupolitik, in: dies. (Hg.), »Stell’ Dir vor, die Werften gehören uns…«. Krise des Schiffbaus oder Krise der Politik, Hamburg, 186–201
Schomaker, Klaus, Peter Wilke und Herbert Wulf, 1987: Alternative Produktion statt Rüstung. Gewerkschaftliche Initiativen für sinnvolle Arbeit und nützliche Produkte, Köln, 148
Urban, Hans-Jürgen, 2009: Ein neues Modell der Wirtschaftsdemokratie. Interview in: SoZ, H. 7–8, Juli–August

Anmerkungen

1 Vgl. dazu auch die Kritik daran von Elmar Altvater; alles dokumentiert in: express 2/2010.