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Klassentreffen. Eribons »Rückkehr nach Reims«

Von Rainer Rilling

Das Buch des französischen Soziologen Didier Eribon „Rückkehr nach Reims“ hat es in wenigen Monaten zur vierten Auflage gebracht. Die Resonanz im Feuilleton (Zeit, SZ, Welt, Junge Welt, Neues Deutschland, Freitag, FAZ) und Zeitschriften (Spiegel, Sozialismus, Merkur) bis hin zu diversen Blogs und Facebook ist groß. Vor allem: Sie ist durchgängig positiv – die Rede ist vom Meisterdenker, von Meisterschaft oder Brillanz und mehr. Diese Reaktion geht in erster Linie auf zwei Sachverhalte zurück, die Eribon sehr prononciert präsentiert. Dabei geht es erstens um die Metamorphosen des Ethos, der Wahrnehmungen, der politischen Diskurse und der Ideen der Linken (und darüber hinaus!), die sich in Frankreich zwischen „1968“ und der Etablierung des neoliberalen Modells bis Anfang der 1980er Jahre durchsetzten. „Was aus der politischen Repräsentation und den kritischen Diskursen verschwand, war nicht nur die Arbeiterbewegung mit ihren Kämpfen und Traditionen, es waren die Arbeiter selbst, ihre Kultur, ihre spezifischen Lebensbedingungen, ihre Hoffnungen und Wünsche.“ Doch diese aktiv produzierte Unsichtbarkeit wird beginnend in den 1970er und frühen 1980er Jahren langsam gebrochen durch eine neue, ganz andere Repräsentation der Arbeit im Prozess des Aufstiegs des Front National und des Niedergangs der politischen Arbeiterbewegung. Aktuell kommen etwa ein Drittel der unter 25-jährigen FN-Anhänger aus unteren Angestellten- und Arbeiterfamilien. Diese Wendung („Wie aus Linken Rechte werden“) ist das zweite Thema des Buches. Eribon versucht zu erklären, wie die heutigen »classes populaires«, die „sogenannten einfachen Leute, die in Wahrheit Leute ohne Privilegien sind“, dazu kamen, sich durch den Front National vertreten zu sehen. Eine grundlegende Voraussetzung dafür ist, dass sie im Weltbild der Parteien selbst überhaupt benannt und auch sinngebend vorkommen – was im Fall der FN wie auch der PCF der Fall war: „…die Bindung an die Kommunistische Partei (bestimmte) als eine Art politisches Ordnungsprinzip den Horizont des Verhältnisses zur Politik überhaupt.“ Politische Organisationen jenseits der Parteien ignoriert Eribon im Übrigen fast vollständig, denn es sind für ihn „politische Diskurse und diskursive Kategorien (welche) die Konstituierung als politisches Subjekt beeinflussen. Die Parteien spielen dabei eine wichtige, fundamentale Rolle, denn jene, die keine Stimme haben, können nur sprechen, wenn sie von jemanden vertreten werden, wenn jemand für sie, in ihrem Namen und ihrem Interesse, spricht.“ Das Element der Vermittlung durch eine Partei ist für ihn „entscheidend.“ Eine erstaunliche, zweifache Verkürzung auf eine politische Form (die Partei) und Methodik (Diskurse, auch im Sinne der politischen Rhetorik).

Er nimmt einen anderen Weg – zurück in der eigenen Biografie und der seiner Familie, wobei er diese historische Sozialbiografie mit zahlreichen soziologischen (sozialhistorischen und sozialanalytischen) Skizzen und Narrativen verknüpft. Diese kommunistische Familie steht für ein großes Segment der französischen Arbeiterklasse, das schon 2002 in der ersten Runde der französischen Präsidentschaftswahlen den rechtsextremen Jean-Marie Le Pen wählte und diesen so in die Stichwahl mit Chirac brachte. Ein Segment, das in der Folgezeit stetig anwuchs. Seine biografische Auseinandersetzung geht jedoch weiter zurück und fokussiert sich auf die Zeit der 1950er bis frühen 1980er Jahre. Es geht also um Vergangenheit, der Buchtitel „Rückkehr nach Reims“ meint eine Rückkehr in die Geschichte seines Lebens, seiner Familie, der „einfachen Leute“ dieser Zeit, seiner „Herkunftsklasse“ – der Arbeiterklasse. Auf seiner Geburtsurkunde (1953) waren die Berufe seiner Eltern vermerkt: „Hilfsarbeiter und Putzfrau“. „Wir lebten damals in extremer Armut, um nicht zu sagen im Elend.“ (73) Jahrelang arbeiteten beide am Fließband. Sein Vater hat „von seinem vierzehnten bis zu seinem sechsundfünfzigsten Lebensjahr in der Fabrik gearbeitet, von seinem letzten Schultag bis zu dem Tag, als man ihn ungefragt in Frührente schickte. Meiner Mutter erging es kurz darauf genauso (sie war fünfundfünfzig). Beide wurden von einem System ausgestoßen, das sie ein Leben lang schamlos ausgebeutet hatte.“ Eribon durchläuft gleichsam klassenormale Kindheitsmuster in einem von der PCF repräsentierten unteren Arbeitermilieu, aber seit den 1960ern wird er zum ersten Aufsteiger der Familie, er wechselt ins Gymnasium, mit 18 an die Universität, mit 20 zum Sehnsuchtsort Paris. Er wird schließlich Professor für Soziologie in Amiens. Und vor allem: Er beginnt in der zweiten Hälfte der 1960er anders zu leben, entdeckt das Schwulsein, durchläuft eine durch Distinktion und Unterwerfung gekennzeichnete erfolgreiche Bildungskarriere, erlernt einen nichtproletarischen Habitus, politisiert sich. All das verdichtet sich zum Bruch: Ich „war vor meiner Familie geflohen und verspürte nicht die geringste Lust, sie wiederzusehen…nichts verband uns, nichts hatten wir gemeinsam. Wenigstens glaubte ich das oder hatte es so sehr glauben wollen, weil ich dachte, man könne ein Leben losgelöst von seiner Familie leben und sich neu erfinden, indem man der Vergangenheit und denen, die sie bevölkern, den Rücken zukehrt.“ Eribon: Die „Arbeiterkultur und ‘Armutskultur‘” loszuwerden oder sie unsichtbar zu machen, hat mich „in jedem einzelnen Moment meines Lebens beschäftigt.“

Coming out

Als sein an Alzheimer erkrankter Vater stirbt, „der all das verkörpert hatte, was ich hatte hinter mir lassen und womit ich hatte brechen wollen, der für mich ohne Zweifel eine Art negatives soziales Modell abgegeben hatte“, dem er mit „Abscheu und Hass“ begegnete und den er als „dummen und gewalttätigen Menschen, der mehr brüllte als sprach“ charakterisierte, der „von der Gewalt der sozialen Welt geformt worden war“ ­ da reagiert er vor allem mit dem Wunsch zu „verstehen“. Er stellt sich „Fragen über soziale Schicksale, über die Teilung der Gesellschaft in Klassen, über den determinierenden Einfluss der sozialen Welt auf die Subjektkonstitution“ – konkret: Welche fort wirkenden „Dispositionen“ (Bourdieu) ihn prägten. Er fährt zurück zu seiner Mutter in das von Reims einige Minuten entfernte Dorf Muizon. Er hatte seine Eltern 20 Jahre lange nicht gesehen, erstmals nach 35 Jahren in Paris und vielen anderen Orten in der Welt kehrt er zurück „in ein Herkunftsmilieu, aus dem man hervor- und von dem man fortgegangen ist“, um neu zu sich und den zwei verschiedenen Welten ihn ihm selbst zu kommen. Dort, aus Fotos und dem Gespräch mit seiner Mutter, reaktualisiert sich dann sein konserviertes wie negiertes Selbst, der gespaltene Habitus des Didier Eribon kommt an die Oberfläche. Er entdeckt, dass sein „Coming-out aus dem ‚sexuellen Schrank‘ – das Verlangen, meine Homosexualität anzunehmen und zu bejahen – mit dem Eintritt in etwas zusammengefallen (war), das man den ‚sozialen Schrank‘ nennen könnte“: die Ablehnung und Verneinung der Arbeiterklasse und Klassenherkunft, kräftig gezeichnet von Herrschaft, Gewalt, Unterwerfung, Inferiorisierung, Homophobie, Rassismus, Elend der „niedrigeren Klassen“. Sie war ihm „zunehmend unerträglich“ geworden. Bisher hatte er angenommen, dass seine Homosexualität der Motor und die eigentliche Ursache des Bruchs mit seiner Familie war – und der Bruch mit seinem sozialen Milieu der Arbeiterklasse kommt deshalb nicht in seinen Blick. Mit der „Rückkehr nach Reims“ begegnet er diesem zweiten Bruch. Neben die Zeit der sexuellen Scham tritt dann eine Praxis eines zweiten Registers der sozialen Scham („Herkunftsscham“) eines „sozialen Überläufers“, der aussteigt, „gewissermaßen klassenflüchtig“ ist, dessen Prägung durch die Herkunftsklasse das „verstörende Gefühl (schafft), an einem Ort zugleich zu Hause und fremd zu sein.“ Seine Beschreibung dieser „sozialen Scham“ ist das affektive Zentrum des Buchs und er fragt sich: „Warum habe ich, der ich so viel über Mechanismen der Herrschaft geschrieben habe, kaum etwas zur sozialen Herrschaft geschrieben?“ Und: »Warum habe ich, der ich dem Schamgefühl im Prozess der Emanzipation und Unterwerfung [le processus de l’assujettissement et de la subjectivation] eine so große Bedeutung beigemessen habe, so gut wie gar nichts zur sozialen Scham geschrieben?“

Klassenflucht

Seine originelle Formulierung „klassenflüchtig“ trifft gleich mehrfach: die Flucht aus der konkreten „Herkunftsklasse“ und, radikaler noch, zeitweise sogar aus jedem Selbstverständnis, seine soziale Position klassentheoretisch und –kulturell zu denken. Klassenbezug und -begriff werden bei ihm getilgt. Die Tilgung des Klassenbegriffs aus der politischen Debatte ist im Frankreich Eribons (sicherlich mehr als in Deutschland) ein wesentlicher Grund für die Verwandlung des Front National in einen Hoffnungsträger und ein politisches Subjekt der Politik gewesen. Bis heute wird „Klasse“ im politischen Diskurs des Front National (oder anderer rechter Parteien in Europa) vermieden. Und die „Flucht“ aus der klassenpolitischen Rhetorik findet sich auch bei einem Großteil der Linken, die dabei auch darauf verzichtet, den Subjekten von Klassenherrschaft nachzugehen. Eribons hochgeschätzte Bücher zur Homosexualität erwähnen „Klassen“ und „soziale Herrschaft“ kaum, wie er selbst bemerkt (das betrifft auch die Debatten zur Intersektionalität). Nicht der soziale Abstieg, sondern die eigene als Aufstieg verstandene neue soziale Identität in einem anderen sozialen Milieu, in dessen Zentrum Bildung und geistige Arbeit stehen, ist für ihn der doppelt scheinbar klassenlose soziale Kontext, in dem er nun lebt: ohne Klassenhabitus, also auch ohne deutlichen Klassenbezug in seinen politischen Aktivitäten. Dieser doppelte Prozess des sozialen Aufstiegs und der minoritären Subjektivierung als Homosexueller ist im Übrigen vielen ‚Traditionslinken‘ Anlass für Ablehnung und Misstrauen gewesen, da sie ihn als Distanzierung, Entsolidarisierung und Missachtung (statt Anerkennung) empfanden. Eribons mühevolle aber auch ironische und selbstdistanzierte Beschreibung der gebildeten Mittelklasse kommt ohne konzisen Klassenbezug aus. Mal spricht er von den Wertvorstellungen „der dominierenden Klasse“, die er nicht „vollständig“ übernommen habe, mal rechnet er sich explizit dem Milieu der Mittelklasse, der „Privilegierten“ oder des Bürgertums zu. Doch: „Ich habe die Zugehörigkeit zu einer Klasse immer gespürt“ – ihre Sprache etwa hat er „niemals wirklich vergessen, sondern in einem fernen Winkel meines Gedächtnisses abgelegt“. Oder: „Manche Klassenreflexe bleiben einfach“ und mit ihnen „ein schlechtes Gewissen“. Und: Er habe den „Kämpfen des Volkes“ immer nahegestanden. Doch der Abstand war groß!

Historische Zeit?

Die mehr als zwei Jahrzehnte, die Eribon seine Eltern nicht gesehen hatte, verblassen in seiner Sozialbiografie und Analyse völlig, obwohl er fordert, „die Dimension der historischen Zeit wieder ein(zu)führen.“ Ihm geht es um den sozialen und politischen Raum der 1950er und frühen 1960er Jahre und die damit verknüpfte kommunistische Identität, gegen die er sich dann neu subjektiviert hatte. Sie sind in der dann folgenden „Zwischenzeit“, von der man kaum etwas erfährt, aus seinem Blickfeld verschwunden. Diese Zwischenzeit ist auch nicht das Thema seiner Wendung zur Rückkehr zur Zeit davor. Was sich in diesen zwei Jahrzehnten in der sozialen Welt Frankreichs abspielte – Stichworte wären: Fragmentierung, Deindustrialisierung, Internationalisierung, Immigration, sozialgeografische Umwälzungen, Entkernung des französischen Sozialstaates, neoliberale Entpolitisierung, tiefe Krise der einst so mächtigen Gewerkschaften, die Häufung von Prekarität und sozialen Abstiegen aus der Mittelklasse – klammert er in seinem 2009 erschienen Buch aus (nimmt sie aber in aktuellen Debatten jetzt auf, vgl. Die Zeit, 4. 7. 2016). Eine Analyse der Veränderung der Klassenverhältnisse nimmt er nicht vor, auch weil er (am Beispiel seiner eigenen Verwandtschaft) der Ansicht ist, dass heutzutage im sozialen Gefüge „all diese Menschen denselben Platz ein(nehmen) wie früher, die relationale Position in der Klassengesellschaft hat sich für die gesamte Verwandtschaft kaum geändert.“ Er vergleicht die Konstellation der 1950er und frühen 1960er Jahre mit der Gegenwart und fokussiert primär auf politische Sachverhalte: Sein Text aus 2009 sieht in der veränderungsresistenten Verfassung der „alten“ Arbeiterklassenlinken (der KP) der 1950er und 1960er Jahre, in der neoliberalen Inkorporation der rechtssozialdemokratischen PS („schicke Kaviarlinke“) und ihrer Sprache der Macht, welche die Idee der Unterdrückung ad acta legte und endlich der Brüchigkeit der südeuropäischen Bewegungen (Podemos, Syriza) die Ursachen für die politische Wendung der Arbeiter. Erklärt werden sie nicht. Die Veränderung der Sozial- und Klassenverhältnisse (und ihr politischer Ausdruck) spielt keine relevante Rolle (obwohl sie doch als gesellschaftliches „Verdikt…von Geburt an über uns lag“).

Das „Wir“ hat sich verändert

Für das „Überlaufen“ eines beträchtlichen Teils der Arbeiterklasse zur Rechten und zum von ihm „verhassten“ Front National sieht er eine zentrale Ursache und zugleich eine wesentliche Differenz. Er fragt: „Von wem dürfen sich die Ausgebeuteten und Schutzlosen heute vertreten und verstanden fühlen? An wen wenden und auf wen stützen sie sich, um politisch und kulturell zu existieren, um Stolz und Selbstachtung zu empfinden, weil sie sich legitim, da von einer Machtinstanz legitimiert, fühlen? Oder ganz schlicht: Wer trägt der Tatsache Rechnung, dass sie leben, dass sie etwas denken und wollen?“ Seit den 1970er und 1980er Jahren entwickelte sich eine neue Antwort. Die Arbeiter*innen fühlten sich „kollektiv im Stich gelassen“ und „nicht länger repräsentiert. […] Das war der Grund, weshalb sich im Rahmen einer wie von selbst ablaufenden Neuverteilung der politischen Karten große Teile der Unterprivilegierten jener Partei zuwandten, die sich nunmehr als einzige um sie zu kümmern schien und die zumindest einen Diskurs anbot, der versuchte, ihrer Lebensrealität wieder einen Sinn zu verleihen. […] Mit der Wahl der Kommunisten versicherte man sich stolz seiner Klassenidentität, man stellte diese Klassenidentität durch die politische Unterstützungsgeste für die ‚Arbeiterpartei‘ gewissermaßen erst richtig her. Mit der Wahl des Front National verteidigte man hingegen still und heimlich, was von dieser Identität noch geblieben war[…]. So […] dass man die Zustimmung zum Front National zumindest teilweise als eine Art politische Notwehr der unteren Schichten interpretieren muss. Sie versuchten, ihre kollektive Identität zu verteidigen, oder jedenfalls eine Würde, die seit je mit Füßen getreten worden ist und nun sogar von denen missachtet wurde, die sie zuvor repräsentiert und verteidigt hatten. [… ] Wessen Fehler ist es also, wenn die scheinbar letzte politische Rettung ein solches Gesicht trägt? Wenn die überlebende oder wiederhergestellte Bedeutung des ‚Wir‘ sich dermaßen gewandelt hat, dass nun nicht länger die ‚Arbeiter‘ den ‚Bourgeois‘ gegenüberstehen, sondern die ‚Franzosen‘ den ‚Ausländern‘? Oder genauer: wenn der Gegensatz zwischen ‚uns hier unten‘ und ‚denen da oben‘, in den sich der zwischen Arbeitern und Bourgeois verwandelt hat (was schon nicht mehr dasselbe ist und jeweils unterschiedliche politische Schlussfolgerungen impliziert), plötzlich eine nationale und ethnische Komponente bekommt, weil ‚die da oben‘ als Befürworter einer Immigration wahrgenommen werden, deren Folgen ‚die da unten‘ angeblich jeden Tag zu ertragen haben, einer Einwanderung, die plötzlich für alle möglichen Übel verantwortlich gemacht wird? Man könnte sagen, dass die Stimme für die Kommunisten eine positive Selbstaffirmation darstellt, die für den Front National eine negative. […] Die Eigenschaft, Franzose zu sein, wurde zu einem zentralen Element und löste als solches das Arbeitersein oder Linkssein ab. […] Die fehlende Mobilisierung als Gruppe bzw. die fehlende Selbstwahrnehmung als solidarisch-mobilisierbare Gruppe […] führt dazu, dass rassistische Kategorien die sozialen ersetzen. Wenn die Linke die Mobilisierbarkeit aus dem Selbstwahrnehmungshorizont der Gruppe löscht, dann rekonstituiert diese sich anhand eines anderen, diesmal nationalen Prinzips, anhand der Selbstwahrnehmung als »legitime« Population eines Territoriums, das einem scheinbar weggenommen wird und von dem man sich vertrieben fühlt: Das Viertel, in dem man lebt, ist für das Selbstverständnis und die Sicht auf die Welt nun wichtiger als der Arbeitsplatz und die Position im sozialen Gefüge. Ganz allgemein speist sich die kollektive Selbstbehauptung nun aus der Zugehörigkeit zu einem Land, als dessen natürlicher Herr und Besitzer man sich fühlt und das seinen Bewohnern staatsbürgerliche Rechte oder Anrechte garantiert, auf die man einen exklusiven Anspruch zu haben meint. Die Vorstellung, ‚andere‘ könnten von diesen Anrechten – oder dem, was noch davon übrig ist – ebenfalls profitieren, wird unerträglich, da man glaubt, der eigene Anteil an ihnen werde dann kleiner.“ Die nationale Konnotation, die Eigenschaft Franzose zu sein, wurde zentral. Als imaginäre Gemeinschaft vermittelt sie Subjektivität. Sie ersetzte die Identität, Arbeiter oder Linker zu sein – aber, so die von Eribon betonte Differenz, nur unvollkommen, gleichsam als brüchige Restidentität. Daher sieht Eribon auch gegen die verbreiteten pessimistischen linken Positionen durchaus viel Sinn darin zu versuchen, jene, die ein solches Überwechseln in eine eben brüchige rechte Identität praktiziert haben, wieder ‚zurückzuholen‘ – wenn auch nicht nach Reims!

… ist es aus mit Europa?

Diese Differenz wird freilich in der nicht-linken Rezeption häufig unterschlagen, woraus sich die einfache Schlussfolgerung ergibt, dass die ‚Schuld‘ an diesem Übergang der Linken zuzuschreiben sei. Daher die positive Reaktion auf Eribons Text von Seiten rechter oder liberaler Autoren. Gustav Seibt etwa hat Anfang des Jahres in der ersten umfangreichen Feuilletonbesprechung (Der Verrat der Kaviarlinken, SZ , 21./22.5.2016) genau dieses Manöver vorgenommen. „Eribon gibt der Linken die Hauptschuld am Aufstieg der Rechten. Sie habe seit den Achtzigerjahren ihren Klassenstandpunkt verraten, sei neoliberal und reformistisch geworden, zur herrschenden Klasse übergelaufen und Teil von ihr geworden. Wer die ‚gauche du caviar‘, die Kaviarlinke Frankreichs, vor Augen hat, kann hier nur herzhaft zustimmen, zumal wir aus Deutschland die Genossen der Bosse ja auch kennen. Gegen sie zu stimmen, ‚rechts‘ zu wählen, ist dann reaktiv eine neue, letzte Gestalt des Klassenkampfs, gerade in der Aufkündigung einer rhetorisch gewordenen Moralität. Aber das ist noch nicht alles. Denn Eribon erkennt schon im archaischen, stalinistisch gebliebenen Kommunismus der Vor-Mitterrand-Zeit das Potenzial von Missgunst, Neid und Fremdenhass, das der ‚Front National‘ seither bespielt. Mit Blick auf Deutschland darf man fragen, ob die Erfolge von Pegida und AfD in den ostdeutschen Bundesländern nicht eine ähnliche postkommunistische Genealogie nahelegen. Wenn das Soziale national wird, ist man rasch bei den Rechten.“ Seibt unterschlägt freilich Eribons Einwendung, dass die Kommunistische Partei die rassistischen Empfindungen niemals „zum Brennpunkt des politisches Interesses“ hat werden lassen und dass der Rassismus eben der gesamten politischen Rechten in Frankreich zur variantenreichen zentralen Triebkraft der politischen Dynamik des FN geworden ist. Doch Seibt könnte zugleich recht haben: „Wenn Frankreich den Rechten anheimfällt, ist es aus mit Europa“. Die deutsche Linke, die sich seit geraumer Zeit in diversen europapolitischen Optionen verheddert hat, sollte die Möglichkeit eines rechtsdominierten, autoritär-faschistoiden und global agierenden Europas nicht weiter aus ihrem politischen Horizont verbannen.

Dieser Beitrag ist Teil einer Reihe von Artikeln, mit der wir an dieser Stelle die Debatte zu Eribons »Rückkehr nach Reims« [1] «weiterführen möchten.