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Grüner Sozialismus – warum die Klimabewegung an den alten Debatten nicht vorbeikommen wird

Von Raul Zelik

Aus den Reihen der Klimabewegung wird immer wieder dafür plädiert, sich von den Begriffen des 20. Jahrhunderts frei zu machen und jenseits der alten Systemdebatten zu argumentieren. So heißt es bei der Transformationsforscherin Maja Göpel in einem Interview mit dem Berliner Tagesspiegel: „Das letzte, was wir jetzt brauchen, ist eine ideologische Diskussion über Sozialismus und Kapitalismus.“ Und Luisa Neubauer von Fridays for Future schlägt in die gleiche Kerbe, wenn sie in einem Interview mit der TAZ erklärt, man brauche zwar eine andere Form des Wirtschaftens, aber mit Sozialismus habe das nichts zu tun.[1] [1]

Wenn man sich die Umweltbilanz der sozialistischen Staaten im 20. Jahrhundert vor Augen hält, scheint diese Argumentation sofort einzuleuchten. Das Fehlen von Privateigentum und Profitinteressen stoppte den Prozess der Naturzerstörung offenkundig nicht, im Gegenteil: Die Umweltbilanz der sozialistischen Länder war in vieler Hinsicht noch verheerender als die der westlichen Industriestaaten. Auch wenn das Projekt, sibirische Flüsse mithilfe von Nuklearexplosionen in die zentralasiatische Steppe umzuleiten, nie realisiert wurde, steht es doch emblematisch für die in der Sowjetunion verbreitete Vorstellung, die Natur nach menschlichem Bedarf modellieren zu können. In Texten des sowjetischen Schriftstellers Andrej Platonow klingt das bereits in den 1920er und 1930er Jahren an: „Der Mensch ändert sich langsamer, als er die Welt verändert. Genau das ist das Zentrum der Tragödie.“[2] [2] Und dort, wo der Sozialismus keinen großen technologischen Phantasien frönte, herrschte einfach Gleichgültigkeit gegenüber den Kreisläufen der Natur. Wer älter ist, erinnert sich vermutlich noch an den beißenden Smog, der in der DDR in den Wintermonaten über den Städten hing, und an die Luftverschmutzung in der Umgebung der petrochemischen Werke.

Dennoch scheint es mir wichtig, Göpel und Neubauer in der Sozialismusfrage zu widersprechen. Meine These ist, dass man, wenn man den Kollaps der ökologischen Systeme auf unserem Planeten abwenden will, um sozialistische Politik nicht herumkommt. Denn dass sich die Naturzerstörung trotz unzähliger Absichtserklärungen von Politik und Wirtschaft immer weiter beschleunigt, lässt sich – was bei Fridays for Future ja auch weitgehend geteilt wird – kaum anders erklären als mit dem Wesen des Kapitalismus. Anders als es in vielen Debatten den Anschein hat, ist der Kapitalismus wiederum nicht einfach eine Lebenseinstellung oder ein Konsummodell, sondern zunächst ein Eigentums- und Klassenverhältnis. Was das bedeutet und inwiefern es mit dem Prozess der Naturzerstörung verschränkt ist, will ich im Folgenden skizzieren.

Was ist der Treiber der Naturzerstörung?

Zunächst aber muss man wohl noch einmal begründen, warum der Kapitalismus trotz seiner enormen Wandlungsfähigkeit mit ökologischer Nachhaltigkeit unvereinbar sein soll.

In den Umweltwissenschaften ist unstrittig, dass die Weltgesellschaft mit großer Geschwindigkeit auf den Kollaps der biophysikalischen Systeme zusteuert. Eine vielzitierte Referenz ist die Studie von Johan Rockström, der zufolge die Menschheit von neun biophysikalischen Grenzen (Erderwärmung, Übersäuerung der Ozeane, Ozonabbau, atmosphärische Aerosolbelastung, biochemische Kreisläufe, Süßwasserverbrauch, Landnutzung, Unversehrtheit der Biosphäre, Einbringung neuer Substanzen in die Umwelt) drei in globalem Maßstab und weitere drei in einigen Weltregionen überschritten hat.[3] [3] Das Problem ist also längst nicht nur der Klimawandel, dem man mit der Einführung erneuerbarer Energien beikommen will – zumal auch die Energiewende nicht das erforderliche Ausmaß hat: In Deutschland, wo erneuerbare Energien stark gefördert wurden, ist  der Anteil von Wind, Wasser und Sonne an der Gesamtenergieversorgung seit 1990 von 1% auf gerade einmal 15% gestiegen.[4] [4] Als Gemeinplatz kann weiterhin gelten, dass das Wirtschaftswachstum in dieser Entwicklung eine zentrale Rolle spielt. Schon Anfang der 1970er Jahre verwies der Bericht des Club of Rome auf „Grenzen des Wachstums“, [5] [5] und der Ökonom Georgescu-Roegen zeigte auf, dass ökonomische Prozesse nicht außerhalb biophysikalischer Zusammenhänge betrachtet werden können. Produktion sei immer auch eine Stofftransformation, die die Zunahme von Entropie (= den Verlust von nutzbaren Ordnungszuständen) nach sich zieht und deswegen längerfristig nur in dem Maße gesteigert werden kann, wie die Naturkreisläufe alte Ordnungszustände wieder herstellen.

Doch der Erkenntnis, dass die ökonomische Steigerungsdynamik die materielle Grundlage unserer Existenz zerstört, wird trotz aller Evidenz aus den Reihen der Wirtschaftswissenschaften und der Politik nach wie vor erbittert Widerstand geleistet. Als Rettungsring gilt seit einiger Zeit die green economy, die nun auch ganz offiziell von der Europäischen Union als Ziel verfolgt wird. Hinter dem Projekt des „grünen Wachstums“ verbirgt sich einerseits die Idee, dass die Natur ökonomisiert und bepreist werden sollte („alles lässt sich in Geldwerte umrechnen“), und andererseits das Versprechen, den ökonomischen Wertschöpfungsprozess durch neue Technologien und Recycling-Kreisläufe vom Naturverbrauch abzukoppeln. Das Bruttosozialprodukt soll weiter wachsen, während man den Natur- und Ressourcenverbrauch auf ein nachhaltiges Niveau drücken will. Prominent vertreten wird diese Vision etwa vom langjährigen Leiter der grünennahen Heinrich-Böll-Stiftung Ralf Fücks (2013),[6] [6] der den Anbruch eines neuen, ökologischen Wachstumszeitalters verkündet. Doch die Zahlen der vergangenen Jahrzehnte sprechen eine andere Sprache. Obwohl seit 40 Jahren Nachhaltigkeitsziele vereinbart werden, ist der Verbrauch fossiler Energien weiter rasant angestiegen, und die globalen CO2-Emissionen haben sich seit Beginn der Klimapolitik Ende der 1980er Jahre verdoppelt. Trotz effizienterer und ökologischerer Technologien ist der – nicht-nachhaltige –Stoffwechsel mit der Natur weiter gewachsen.

Woran das liegt, lässt sich an der Transformation der Industrie- in Dienstleistungsgesellschaften veranschaulichen, die zur Jahrtausendwende als Abschied von der schmutzigen brown economy und als Einstieg in eine ökologische Zukunft gefeiert wurde. Entgegen aller Versprechen hat sich gerade die Digitalisierung, die den Ressourcenkonsum reduzieren sollte, als Treiber neuer materieller Zerstörungen erwiesen.[7] [7] Das hat u.a. damit zu tun, dass die Nachfrage nach Metallen und seltenen Erden einen Bergbau-Boom in Gang gesetzt hat. In diesem Zusammenhang haben viele Regierungen in Lateinamerika bis zu 50 Prozent ihres Territoriums als Konzession an Bergbaukonzerne vergeben. Weil die steigenden Rohstoffpreise neue Abbaumethoden profitabel machen, wird der Bergbau großflächiger und die Zerstörung von Naturgebieten nimmt exponentiell zu. Mit der Digitalisierung einher geht außerdem ein wachsender Energieverbrauch. Doch selbst die Wasserkraft, die ja als ökologisch gilt, zieht in vielen Ländern v.a. des globalen Südens große Zerstörung nach sich. Weil gigantische Stauseen angelegt werden und dabei Biomasse in großen Mengen zersetzt wird, sind die Wasserkraftwerke oft nicht einmal klimaneutral.

Die versprochene Entkoppelung von Wertschöpfung und Stofftransformation ist unter Bedingungen des kapitalistischen Weltmarkts offenbar eine Chimäre. Neue Prozesse und Technologien können zwar ressourcenschonender werden, aber sie behalten eine materielle Dimension. Dazu kommen außerdem die fatalen Rebound-Effekte.[8] [8] So werden Automotoren sparsamer, aber dafür die Fahrzeuge größer; die Emissionen von Flugzeugen sinken, aber dafür explodiert die Zahl der Flüge. Das Wachstumsprinzip steht der Reduktion der Umweltbelastungen entgegen.

Kapitalozän

Ein großer Teil der Klimabewegung fordert deswegen einen Systemwechsel und benennt das Wirtschaftswachstum als zentrales Problem, was insofern plausibel erscheint, als dieses sowohl im Kapitalismus als auch im Sozialismus als wichtigste Kennziffer der Effizienz akzeptiert war. Doch was verbirgt sich hinter diesem Wachstum? In den Debatten der Klimabewegung wird hier meist auf das „Zivilisationsmodell“ der industriellen Moderne verwiesen; also auf ein Ensemble aus technischen Strukturen, Konsummustern, Wachstumsparadigmen, Wissenssystemen usw. In diese Richtung weist auch die ursprünglich aus der Geologie stammende geochronologische Epochenbezeichnung „Anthropozän“, die u.a. von den Umweltwissenschaften aufgenommen wurde[9] [9]: Der Eingriff der Menschheit in die Natursysteme sei, so heißt es, so groß, dass von einem menschengemachten Erdzeitalter gesprochen werden müsse.

Ausgehend von diesem Erklärungsansatz, der die Menschheit gewissermaßen kollektiv verantwortlich macht, zielen viele Transformationsstrategien darauf ab, durch Überzeugungsarbeit für ein anderes Naturverhältnis zu werben, konkrete Gegenmodelle zu entwickeln (wozu auch ein anderes Konsumverhalten zu zählen ist) und Gesellschaft, Politik und Wirtschaft von einer Postwachstums-Perspektive zu überzeugen. Und das ist denn wohl auch der Kern der These, die politischen Grabenkämpfe des 20. Jahrhunderts müssten überwunden werden. Anstatt sich in lähmenden Systemdebatten zu verzetteln, will man die Menschen für eine Transformation des „Zivilisationsmodells“ gewinnen.

Nun ist gewiss unstrittig, dass ökologische Zerstörungen auch mit gesellschaftlichen Vorstellungen und unserer Subjektivität als Individuen zu tun haben. Wenn in einer Gesellschaft alle davon überzeugt sind, dass die Natur kolonisiert werden muss, Wachstum die wichtigste Kennziffer eines guten Lebens darstellt und die Steigerung des Güterkonsums alternativlos ist, dann entfalten diese Ideen auch materielle Kraft. Insofern geht es selbstverständlich auch um eine Transformation der Ideen – um die Kritik des Wachstumsfetischismus, um ein anderes Naturverhältnis, um alternative Verkehrs-, Wohn- und Energiekonzepte.

Doch dieser Ansatz blendet ein zentrales Problem aus: Es ist weder die Menschheit noch die Gesellschaft, die die ökologische Krise der Gegenwart zu verantworten hat. Zumindest was die globalen Ungleichheiten angeht, wird das im Allgemeinen auch zur Kenntnis genommen. Laut Weltbank betragen die CO2-Emissionen Äthiopiens mit seinen 110 Millionen Einwohner*innen gerade einmal 2 Prozent (!) der Emissionen Deutschlands mit seinen 80 Millionen Einwohner*innen.[10] [10] Die Verantwortung für Klimawandel und Naturzerstörung ist also nach Stellung im kapitalistischen Weltsystem ausdifferenziert. In den Umweltbewegungen wird das unter dem Begriff der Klimagerechtigkeit thematisiert: Es sei die Lebensweise des reichen, industrialisierten Nordens, die die ökologischen Verheerungen verursacht und die Folgeschäden auf andere Teile der Weltbevölkerung abwälzt.[11] [11] Aber damit ist eine entscheidende Frage immer noch nicht beantwortet, nämlich: Was steckt hinter dieser „Ungerechtigkeit“? Sind es wirklich die Konsumerwartungen der Menschen im „Norden“ und der „westliche“ Wachstumsfetischismus, die den zerstörerischen Prozess antreiben?

Wenn wir historisch zurückblicken, stellen wir fest, dass der entscheidende Eingriff in die ökologischen Systeme mit dem Aufstieg eines konkreten ökonomischen Systems zu tun hatte – nämlich des Industriekapitalismus, der seit etwa 200 Jahren die Inwertsetzung aller Lebensbereiche und Weltregionen vorantreibt. An Marx geschulte Sozialwissenschaftler wie Elmar Altvater oder Jason Moore haben in diesem Zusammenhang vorgeschlagen, nicht von einem „Anthropozän“, sondern von einem „Kapitalozän“ zu sprechen – einem vom Kapital dominierten Erdzeitalter.[12] [12] Dieser Kapitalismus wiederum ist zwar untrennbar verknüpft mit Lebens-, Fortschritts- und Entwicklungsvorstellungen, aber er ist v.a. ein spezifischer ökonomischer Mechanismus und eine Form der sozialen Herrschaft. Das grundlegende Strukturprinzip im Kapitalismus ist nicht das Wachstum des Bruttoinlandprodukts, sondern die Vermehrung des Kapitals: G-W-G‘. Geld wird in Waren verhandelt, um (mithilfe der Ware Arbeitskraft) am Ende eine größere Geldmenge zu erhalten, die wiederum re-investiert werden kann. Das Faszinierende, aber auch Dramatische an diesem Prinzip ist, dass es alle Schranken niederreißt. Auf der Suche nach neuen Anlagenmöglichkeiten nimmt das Kapital alle geographischen Räume und gesellschaftlichen Lebensbereiche in Besitz. Oder wie es der Soziologe Klaus Dörre resümiert: „Diese Bewegung ist grundsätzlich expansiv. Sie […] ist auf beständige Einverleibung eines Außen, eines nichtkapitalistischen Anderen angewiesen.“[13] [13] Dieser Prozess, den Dörre in Anlehnung an Rosa Luxemburg, David Harvey und Jason Moore als „Landnahme“ bezeichnet, ist der entscheidende Treiber der ökologischen Zerstörung, denn die Wertmehrung drängt ständig über die Grenzen der natürlichen (und sozialen) Reproduktion hinweg. Ökologisch reicher, aber „wertloser“ Regenwald wird in ökologisch arme, aber „wertvolle“ Soja- oder Palmölplantagen verwandelt. Ein Ort kann nie nur ein Ort sein, sondern muss wenigstens die touristische Erschließung in Form eines Eco-Resorts ermöglichen.

Das Problem der Eigentumsordnung

Diese Dynamik speist sich nicht aus den Ideen von Wachstum, Steigerung und Produktivismus, die unser Leben auf die eine oder andere Weise durchdringen, sondern aus einem Herrschaftsverhältnis. Die bürgerliche Gesellschaft zeichnet sich dadurch aus, dass man nicht aufgrund adeliger Geburt oder exzessiver Gewaltanwendung „oben“ ist, sondern weil man sein Eigentum erfolgreich vermehrt hat. Wer sein Kapital falsch einsetzt, steigt – zumindest langfristig – gesellschaftlich ab. Und das schließlich ist der Grund, warum eine ökologische Wende ohne sozialistische Politik nicht zu haben sein wird (obwohl, wie erwähnt, sozialistische Politik alles andere als eine Garantie für eine ökologische Wende ist). Dass die ökologische Transformation seit 40 Jahren auf der Stelle tritt, hat nicht in erster Linie mit gesellschaftlichen Überzeugungen und subjektiven Verhaltensmustern, sondern mit der Struktur des kapitalistischen Weltmarkts zu tun. Die Klasse der Vermögenseigentümer*innen reproduziert ihre Machtstellung durch einen ökonomischen Mechanismus, der systematisch über die biophysikalischen Grenzen der Natur hinausdrängt. Wer die ökologische Zerstörung stoppen will, muss deshalb die Interessen der Eigentümer*innen massiv beschneiden. Er muss die Verwandlung von Regenwald in Sojafelder verbieten und Geschäftsmodelle unterbinden, die – wie das Fliegen – unter den bestehenden Voraussetzungen gar nicht klimaneutral organisiert werden können. Eine ökologische Transformation geht gar nicht anders als mit harten Eingriffen in die „Freiheit“ der Eigentumsordnung. Und das betrifft nicht nur einzelne Branchen, sondern das Kapital als Ganzes und v.a. jene mächtigen Finanzkonzerne, die für die Anleger*innen nach Investitionsmöglichkeiten suchen. Allein der Vermögensverwalter BlackRock  muss unvorstellbare 7,5 Billionen US-Dollar investieren.

Doch wie soll das gehen, wenn die stoffliche Produktion insgesamt sinken muss? Sicher, einige Branchen und viele Infrastrukturen müssen auch in Zukunft ausgebaut werden, und dem unteren Drittel der Weltbevölkerung fehlt es nach wie vor an grundlegenden Konsumgütern. Doch ökologische Nachhaltigkeit kann nur erreicht werden, wenn eben auch viele Branchen „zurückgebaut“ werden. Für die Konsument*innen wäre das längst nicht so dramatisch wie oft behauptet. Ein Smartphone zu besitzen, das 15 Jahre hält, oder mit dem Nachtzug (und dementsprechend seltener) nach Südeuropa zu verreisen wäre wohl für die wenigsten ein echter „Verzicht“. Aber für das Kapital wäre es dramatisch, denn wenn weniger verkauft wird, lässt sich weniger verdienen.

Die Klage der Klimabewegung, „die Politik“ habe keine Antworten auf die Krise, fällt deswegen auch ein wenig auf sie selbst zurück. Denn „die Politik“ hat deswegen keine Lösungen auf den Weg gebracht, weil sie nicht in die 1 des Kapitals eingreifen wollte Eine Klimabewegung jedoch, die mit Sozialismus nichts zu schaffen haben möchte, läuft Gefahr das Gleiche zu tun. Denn Sozialismus ist, zumindest wäre das meine von Karl Polanyi entlehnte Bestimmung des Begriffs, nichts anderes als die historische Bewegung, die die Interessen des Kapitals zugunsten einer demokratischen Gestaltung ökonomischer Prozesse zurückdrängt. Wer die Macht des Eigentums (an Produktionsmitteln und Kapitalvermögen) nicht problematisiert, hat auch ökologisch nichts zu gewinnen. Eine Nachhaltigkeitsrevolution wird nur möglich sein, wenn die Gesellschaft sich die Macht verschafft, Wirtschaftsprozesse zu lenken, zu steuern und zu begrenzen.

Eva von Redecker hat in ihrem bemerkenswerten Buch Revolution für das Leben. Philosophie der neuen Protestformen (2020) versucht, eine marxistische Theorie der Eigentumsverhältnisse mit feministischen Theorien der Reproduktion von Leben und sozialen Beziehungen zu verschränken. Sie schlägt vor, über den tieferen Charakter der Eigentumsordnung zu sprechen. Also nicht nur darüber, ob Eigentum privat oder kollektiv organisiert ist, sondern auch darüber, welches Konzept hinter diesem Eigentum steckt. Ihrer Ansicht nach beruht das Eigentum heute auf dem Prinzip der „absoluten Sachherrschaft“ – einer Verfügungsmacht, die das Recht zur Zerstörung mit einschließt. Eine ökologisch-solidarische Lebensweise müsste also nicht nur Gemeineigentum stärken, sondern auch die Verfügungsgewalt über dieses beschränken.

Auf etwas andere Weise hat Elmar Altvater die Herausforderung eines ökologisch-solidarischen Systemwechsels skizziert. Der 2018 verstorbene Berliner Politikwissenschaftler beschreibt den Kapitalismus als „trinitarische Kongruenz“, als eine „historisch einmalige ‚Dreifaltigkeit‘ von europäischer Rationalität, die in der modernen Industrie Gestalt annimmt, den fossilen Energieträgern, die ihr Treibstoff sind, und der kapitalistischen Gesellschaftsformation mit ihrer durch Profit und Konkurrenz stimulierten Dynamik“.[14] [14] Folgt man Altvater, dann unterscheidet sich eine ökosozialistische Position in dreierlei Hinsicht von anderen Transformationsansätzen: Sie widerspricht erstens den Apologet*innen des „grünen Wachstums“, die versprechen, die ökologische Krise durch neue Technologien – Effizienzgewinne, erneuerbare Energien, Recycling, Elektromotoren, Wasserstoff usw. – zu lösen, und damit letztlich ein Weiter-so propagiert. Sie hält im Unterschied zu den Wachstumskritiker*innen aber zweitens auch die Veränderung von Konsumerwartungen, gesellschaftlichen Paradigmen und Subjektivität für ungenügend, weil sie den Akkumulationszwang des Kapitals als entscheidenden Treiber der Naturzerstörung ausmacht. Und sie unterscheidet sich drittens von der klassischen Linken, weil eine kollektive Eigentumsordnung und ökonomische Planung eben noch nichts über ihre Zielsetzung aussagen. Aus Altvaters Sicht bestand das Drama des Sozialismus – neben seinen zutiefst autoritären und eben auch nicht „klassenlosen“ Strukturen – darin, dass er die kapitalistische Akkumulation unter Bedingungen des Staatseigentums zu kopieren suchte. Das kapitalistische Akkumulationsgesetz wurde sozusagen im Rahmen der Systemkonkurrenz verlängert. Eine gesellschaftliche Alternative müsste hingegen alle drei Komponenten der „Kongruenz“ im Blick haben: Sie müsste das utilitaristische Naturverhältnis der industriellen Moderne überwinden, auf einer nachhaltigen (d.h. nicht endlos expandierenden) Energie- und Ressourcenversorgung beruhen und von Gemeineigentum sowie solidarischen Gesellschaftsstrukturen geprägt sein.

Was also wäre das Merkmal einer ökosozialistischen Transformationsstrategie? Entscheidend scheint mir, den Kommodifizierungsprozess – also die profitorientierte Verwandlung aller Lebensbereiche – zu stoppen und immer mehr Bereiche unter der Prämisse zu re-organisieren, dass der Stoffwechsel mit der Natur auf ein nachhaltiges Niveau abgesenkt wird und solidarische Beziehungen in der Gesellschaft gefördert werden.[15] [15] Die Verwandlung von privatem in kollektives Eigentum bleibt zentral, weil die Gesellschaft erst dann über den Einsatz von Ressourcen und Produktionsmitteln entscheiden kann, wenn diese gemeinsam besessen werden. Nach den Erfahrungen des 20. Jahrhunderts darf unter Gemeineigentum allerdings nicht mehr in erster Linie Staatseigentum verstanden werden. Ein Instrument, um die Machtkonzentration in den Händen von Staatsbürokratien und Parteieliten zu verhindern, könnte sein, das Gemeineigentum plural und netzwerkartig zu organisieren: Wenn kommunale Infrastrukturen, selbstverwaltete Betriebe, öffentlich-rechtliche Anstalten, Genossenschaften, traditionelle Almenden und neue digitale Commons, Stiftungen und Staatsbetriebe koexistierten, würde die Herausbildung einer bürokratischen Nomenklatura zumindest erschwert.

Neben der Stärkung des demokratisch verwalteten Eigentums muss es ökosozialistischer Politik darum gehen, die grundlegenden Kriterien ökonomischer Entscheidungen neu zu definieren. In der Vergangenheit kreisten ökonomische Debatten um die Frage, wie Reichtum geschaffen, gesteigert und verteilt wird. In Anbetracht der biophysikalischen Grenzen unseres Planeten steht heute ein ganz anderes Problem auf der Agenda: Wie können wir unseren Stoffwechsel mit der Natur umfassend reduzieren?

Die Leitlinien eines ökosozialistischen Projekts wären also Gemeineigentum, demokratische Lenkung der ökonomischen Prozesse, solidarisch-egalitäre Beziehungen und ökologische Nachhaltigkeit. Doch was bedeutet dieser Ansatz für die konkrete Politik?

Ein sozialökologischer Theorieansatz

Ein Grundproblem linker Theorie im 20. Jahrhundert war, dass sie ihren selbst gestellten Ansprüchen nicht gerecht wurde. Der Feminismus weist schon seit den frühen 1970er Jahren auf dieses Defizit hin: Eine ökonomische Analyse, die die Reproduktion außer Acht lässt, hängt in der Luft. Dabei geht es einerseits darum, die Aneignung der (Haus-) Arbeit und anderer unbezahlter Tätigkeiten in den Blick zu nehmen, andererseits aber auch darum, Gesellschafts- und Naturverhältnisse als miteinander verschränkt zu analysieren.

Interessanterweise war dieser umfassende Materialismusbegriff bei Marx und Engels schon sehr viel weiter entwickelt, als es die sozialistische Politik im 20. Jahrhundert vermuten lässt. Eine zentrale Erkenntnis der beiden lautete, dass Arbeit immer auch Naturtransformation bedeutet. Aber auch schon ökologische Krisen wurden von ihnen reflektiert. Wie John Bellamy Foster und Kohei Saito nachgezeichnet haben,[16] [16] beschäftigte sich Marx v.a. in seinen späten Lebensjahren ausführlich mit biophysikalischen Prozessen. Sein Interesse galt dabei u.a. dem Phänomen sich erschöpfender landwirtschaftlicher Böden. Durch den Verstädterungsprozess und die Abwanderung von Bauern wurde nämlich der Stoffwechselkreislauf auf dem Land unterbrochen: Lebensmittel wurden in die Städte verkauft, menschliche Exkremente landeten nicht auf den Äckern, sondern in den Straßengräben, Flüssen und damit schließlich im Meer, was Marx als „unheilbaren Riss … im Stoffwechsel“ bezeichnete.[17] [17] Die kapitalistische Produktionsweise erschöpfte in diesem Sinne nicht nur den Arbeiter, sondern auch die Natur. Findige Geschäftsleute lösten das Problem vorübergehend, indem sie Naturdünger als Ware auf dem Markt brachten. Auf den ehemaligen Schlachtfeldern der napoleonischen Kriege wurde Knochendünger abgebaut oder Vogelinseln, auf denen sich Guano finden ließ, wurden in Besitz genommen. Die Kehrseite des sozialökologischen Prozesses war eine neokoloniale Expansion, die schon bald wieder auf neue Grenzen stieß.

Produktiv für einen ökosozialistischen Ansatz sind aber auch die Studien Jason W. Moores. In seinem Buch Kapitalismus im Lebensnetz (2020) vertritt der US-Soziologe u.a. die These, das grundlegende Problem sozialökologischer Theorie bestehe darin, dass sie die Trennung zwischen Mensch und Natur perpetuiere. Moore plädiert stattdessen dafür, Mensch und Gesellschaft konsequent als Teil der Natur zu behandeln. In diesem Sinne fragt er, wie Gesellschaften konkrete Naturen produzieren und wie bestimmte gesellschaftliche Strukturen das „Lebensnetz“, in dem sie sich bewegen, durch ihren Stoffwechsel zerreißen. So muss eine Seefahrergesellschaft, die schneller Schiffe baut, als ihre Wälder nachwachsen, auf Dauer untergehen: Die Regeneration des Waldes ist die sozialökologische Grenze dieser Gesellschaftsform. Genau dies könnte man als Problem des kapitalistischen Weltmarkts beschreiben. Seine ökonomischen Prozesse sind von den Reproduktionszyklen abgekoppelt. Die Transformation ist unvermeidlich – die Frage ist nur, ob diese by design oder by disaster eintritt.

Die sozialökologische Methode, die die Natur in die Gesellschaftsanalyse und umgekehrt die Gesellschaft in die Umweltforschung hereinholt, ist deshalb so wichtig, weil sie den materialistischen Kern der ökologischen Debatte deutlich macht und damit die politische Diskussion umdreht: Hat es heute oft den Anschein, als wäre Naturschutz ein moralisches oder ideelles Anliegen, während die marktorientierten Wirtschaftswissenschaften von „harten Fakten“ ausgehen, beansprucht ein kritisch-sozialökologischer Ansatz genau dieses Feld der harten Fakten. Er zeigt auf, welche gesellschaftlichen Strukturen Reproduktionskreisläufe zerstören und welche gesellschaftlichen Hindernisse bei einer Transformation aus dem Weg geräumt werden müssen.

Klassencharakter der Naturzerstörung

In diesem Text habe ich, zumindest implizit, schon mehrfach die These vertreten, dass sich der Kapitalismus zunehmend gegen das Leben selbst richtet. Das emblematische Beispiel hierfür ist die Transformation des reichen, aber „wertlosen“ Regenwaldes in wüste, aber „wertvolle“ agrarindustrielle Nutzflächen. Wer schon einmal auf einem brasilianischen Sojafeld oder einer südostasiatischen Palmölplantage gestanden hat, auf der buchstäblich Totenstille herrscht, weiß, wovon die Rede ist.

Trotzdem wäre es falsch zu denken, der Widerspruch von Kapital und Arbeit sei durch einen neuen Widerspruch ‚Kapital vs. Leben‘ abgelöst worden. Der Klimawandel kennt nicht nur ein imperiales Gefälle – der reiche Norden verursacht ihn, der globale Süden trägt die Kosten –, sondern hat auch einen ausgeprägten Klassencharakter. Lucas Chancel und Thomas Piketty haben aufgeschlüsselt, dass das reichste eine Prozent der US-Bevölkerung pro Kopf zwanzigmal so viel zum Klimawandel beiträgt wie der Durchschnittsamerikaner. Ähnliche Zahlen gibt es auch für Deutschland: Das reichste Zehntel der Gesellschaft emittiert pro Kopf viermal so viel wie die unteren 50 Prozent.[18] [18] Hinter diesem Phänomen steckt v.a. der Luxuskonsum: viele Flüge, große Wohnhäuser, Yachten usw. Interessant ist, dass Bildungsstand und ökologisches Bewusstsein in diesem Zusammenhang offensichtlich viel weniger relevant sind als Klassenzugehörigkeit. Laut einer Studie des Umweltbundesamtes  haben Akademiker*innen einen deutlich höheren Energieverbrauch als Hauptschulabsolvent*innen, und die kritisch-künstlerischen Milieus einen sehr viel höheren Konsum als die prekäre Unterschicht.[19] [19] Der ökologische Fußabdruck steht – welch Wunder – in direktem Verhältnis zu Einkommen und Vermögen.

Es ist aber nicht nur so, dass die besitzenden Klassen überdurchschnittlich zum Klimawandel beitragen, sondern umgekehrt auch so, dass die Folgen des ökologischen Kollapses nach Klassenzugehörigkeit unterschiedlich verteilt sind. Wer reich ist, kann sich gegen Überschwemmungen versichern, sich ein Wohnhaus in höheren Lagen kaufen und die steigenden Lebensmittelpreise problemlos bezahlen. Der Lancet-Report 2019 prognostiziert pro Grad Temperaturanstieg einen Ernterückgang von ein bis sieben Prozent bei Mais, Weizen, Reis und Soja.[20] [20] Die heraufziehende ökologische Krise wird deshalb immer eine klassenspezifische Krise sein, die v.a. die Armen trifft – im globalen Süden, aber durchaus auch im wohlhabenden Norden.

Sozialökologische Bündnisse

Ein ökosozialistischer Ansatz bemisst sich nicht in erster Linie daran, dass er diese Verhältnisse treffend bestimmt, sondern dass er einen ökologisch-solidarischen Systemwechsel ermöglicht. Dafür sind gute Analysen hilfreich, aber entscheidend sind Bewegungen und Kämpfe, die heute dominierenden Interessen schnellen Profits zurückdrängen. Aus diesem Grund gibt es politisch betrachtet keine andere Möglichkeit, als an jene Bewegungen und Konflikte anzuknüpfen, die sich, mit einer solidarischen oder ökologischen Grundausrichtung, schon heute entlang konkreter Anliegen und Interessen formieren.

Genau das ist allerdings das große Problem ökosozialistischer Politik: Die Bewegungen, die für ökologisch-solidarische Verhältnisse eintreten könnten, haben Interessen, die sich teilweise diametral widersprechen. Da sind zum Beispiel Gewerkschaften und Sozialverbände, für die die gesellschaftliche Teilhabe immer auch gleichbedeutend war mit einer Erhöhung des Konsumniveaus. Das ist einerseits völlig richtig, als Konsum ja tatsächlich eine Form der materiellen Teilhabe darstellt, aber andererseits eben auch falsch, weil die stete Konsumsteigerung letztlich eher den Bedürfnissen des Kapitals als der Arbeit folgt. Man könnte sagen, sich die unteren Klassen die größere materielle Teilhabe im Fordismus durch eine Kolonisierung ihrer Wünsche erkauft heben. Eine gigantische Werbeindustrie sorgt seit bald einem Jahrhundert dafür, dass die  Massenfertigung des Industriekapitalismus auch auf einen entsprechenden Absatz trifft. Schon der Autofabrikant Henry Ford wusste um das Problem: Massen an Autos müssen auch massenhaft verkauft werden. Alternativlos war der fordistische Kompromiss indes nicht, denn die Gewerkschaften hätten auch für mehr politische Macht und Zeit-Autonomie kämpfen können – für Wirtschaftsdemokratie und eine Arbeitszeitverkürzung. Doch v.a. die „sozialpartnerschaftlich“, sprich: reformistische orientierten Gewerkschaften ließen sich auf eine für das Kapital vergleichsweise komfortable Lösung ein: Intensivierung der Arbeit und mehr Konsum.

Wenn Klima- und Umweltbewegungen heute die konsumistische Kultur beklagen, haben sie deshalb Recht und Unrecht zugleich. Sie haben insofern Recht, als der Konsumismus die Vermüllung des Planeten befeuert und eine entfremdete Lebensweise produziert. Gleichzeitig jedoch verkennen sie, dass der Massenkonsum eben auch eine soziale Errungenschaft der unteren Klassen repräsentiert. Wer bei Konsumkritik pauschal „die Gesellschaft“ adressiert, ohne nach Klassen zu differenzieren, schlägt sich – ob gewollt oder nicht – auf die Seite des Kapitals, das immer auch ein Interesse daran hat, die Löhne im eigenen Unternehmen zu senken.

Sehr zugespitzt zeigte sich dieser Konflikt zwischen Gewerkschaften und Umweltbewegung bei den Auseinandersetzungen um den Braunkohletagebau, wo die Klimaaktivist*innen darauf drängten, den Kohleabbau so schnell wie möglich zu beenden, die betroffene Belegschaft jedoch einen Betrieb verteidigte, in dem nicht nur gute Löhne gezahlt werden, sondern auch so etwas wie Arbeitermacht existiert: ein hoher gewerkschaftlicher Organisierungsgrad und Aufstiegsmöglichkeiten für die Belegschaft.[21] [21] Aufgabe ökosozialistischer Politik muss es sein, Bündnisse zu schmieden, die widerstreitende Anliegen zusammenführen, oder zumindest Brücken zu schlagen. Das ist umso wichtiger als in Anbetracht der heraufziehenden sozialökologischen Krise ein Abdriften von Teilen der unteren Klassen in faschistisches Fahrwasser droht, wie es sich in den Wahlerfolgen rechtspopulistischer Parteien längst andeutet. Bei wachsender materieller Konkurrenz ist das Angebot der Rechten – Abschottung nach außen, Intensivierung des Fossilismus, Rassismus und Affirmation patriarchaler Männlichkeit – insofern attraktiv, als es erst einmal erlaubt, sich nach unten abzugrenzen und ohne anstrengende gesellschaftliche Transformation weiterzumachen wie gehabt.

Damit dieses Kalkül nicht aufgeht, muss ökosozialistische Politik verbindende Klammern zwischen sozialen Bewegungen, Gewerkschaften, Umwelt- und Wohlfahrtsverbänden aufzeigen. Ein konkretes Beispiel dafür ist der seit 2019 praktizierte Ansatz klimabewegter Students for Future und des linken Studierendenverbands SDS, Beschäftige des öffentlichen Nahverkehrs bei Arbeitskämpfen und beim Aufbau gewerkschaftlicher Basisgruppen zu unterstützen. Dahinter steckt der Gedanke, dass der Umbau des Verkehrsmodells weg vom individuellen PKW hin zu ökologischen, öffentlichen Infrastrukturen von den Beschäftigten selbst vorangetrieben werden und mit einer Verbesserung der Arbeitsbedingungen in diesem Bereich einhergehen muss. Denn erst wenn Jobs bei Bahn und Bus ähnlich gut bezahlt sind wie in der Automobilindustrie, werden Beschäftigte bereit sein, diese Transformation mitzutragen.

Aber es gibt längst auch andere Ansatzpunkte für sozialökologische Bündnisse, beispielsweise  gemeinsam verabschiedeten Papiere von Wohlfahrts- und Umweltverbänden oder die Mobilisierung von Fridays for Future für die „Seebrücke“ (Solidarität mit Geflüchteten). Auch wenn solche Bündnisse prekär und punktuell sind, bleiben sie der entscheidende Ansatzpunkt für eine Politik des ökologisch-solidarischen Systemwechsels.

Industriekonversion

Vor diesem Hintergrund erklärt sich auch, warum eine ökosozialistische Linke eben nicht den Fehler begehen darf, sich wie in den 1970er und 1980er Jahren von Arbeitskämpfen abzuwenden und sich einer postindustriellen Romantik zu verschreiben. Damals nämlich lief die Technologie- und Entwicklungskritik oft auf einen Ausstieg aus der Industriegesellschaft hinaus. Dabei war die Kritik inhaltlich zunächst einmal gut begründet: Infrastrukturen erzeugen Pfadabhängigkeiten, und Technik ist keineswegs neutral, sondern schreibt konkrete Herrschaftsverhältnisse fest. Das Fließband beispielsweise in der Fabrik entwickelt, um den Arbeitsrhythmus in der Fabrik kontrollieren und die Arbeiter*innen effizienter fremdbestimmen zu können.

Es gilt also immer, Technologien und Infrastrukturen infrage zu stellen, doch gleichzeitig ist es auch falsch, aus der Industriegesellschaft herausspringen zu wollen. Stahl und Computer lassen sich nicht handwerklich herstellen, und offenes Kaminfeuer hat eine schlechtere Ökobilanz als ein modernes Heizungssystem. Der Kern eines ökosozialistischen Projektes sollte daher nicht sein, gegen das Industriezeitalter zu Felde zu ziehen, sondern konkreter zu definieren, worum es geht, nämlich darum, dass die Wirtschaft nicht entlang der zu erwartenden Profite, sondern entlang der gesellschaftlichen Bedarfe und auf Grundlage der natürlichen Reproduktionskreisläufe gestaltet wird. Auch wenn der Güterkonsum des oberen Drittels der Weltbevölkerung sinken muss, muss die Produktion vieler Güter weitergehen oder in manchen Sparten auch wachsen: Medizingeräte, Solaranlagen, U-Bahnen, öffentliche Infrastrukturen, Wärmedämmungen, Heizungs- und Kühlungssysteme … Auch eine ökosozialistische Gesellschaft muss digital kommunizieren können, wenn sie die Vielzahl der globalen Probleme bearbeiten will. Eine Union der Landkommunen kann das nicht leisten. Eine ökosozialistische Linke braucht daher beides: eine Technologie- und Fortschrittskritik, wie sie seit Walter Benjamin, der Frankfurter Schule, dem Feminismus und der postkolonialen Entwicklungskritik erarbeitet wurde, aber eben auch industriepolitische Konversionskonzepte, die nicht in die Enge des isolierten Dorfs zurückführen.

Eine Möglichkeit, das Problem nach vorn aufzulösen, besteht darin, die Industriekonversion aus der Perspektive der Betroffenen voranzutreiben. Beschäftigte haben kein Interesse daran, sinnlose oder sogar schädliche Produkte herzustellen. Sie sind in der Regel gern bereit, weniger zu arbeiten oder andere Dinge zu produzieren, solange das nicht auf Kosten ihrer gesellschaftlichen Teilhabe geht – gute Arbeit und ein sicheres Einkommen. Eine ökosozialistische Politik muss deshalb an die linksgewerkschaftliche Forderung nach Wirtschaftsdemokratie anknüpfen: Der ökologische Umbau von Industrien und Branchen muss die Rechte der Beschäftigten verteidigen, von ihnen selbst mit entwickelt und von gesellschaftlichen Transformationsräten (aus Gewerkschaften, Umweltverbänden, Naturwissenschaften und gesellschaftlichen Organisationen) demokratisch gestaltet werden. In manchen Branchen muss es darum gehen, andere Güter herzustellen – z.B. öffentliche Verkehrsmittel statt PKW zu bauen –, andere, wie der Flugverkehr, stehen aus ökologischen Gründen ganz zur Disposition, und viele Industrien werden einfach weniger produzieren müssen, wenn der Stoffwechsel mit der Natur reduziert werden soll.

Das scheint wie eine Quadratur des Kreises, weil es im Kapitalismus selten solidarische Lösungen gibt. Doch wenn Arbeit und Reichtum unter allen verteilt werden, muss niemand bei einer Industriekonversion auf der Strecke bleiben. Und es gibt heute viele konkrete Ansatzpunkte für einen solchen Prozess. Der Vorschlag des LINKEN-Vorsitzenden Bernd Riexinger, die kriselnde Lufthansa mit der Bahn AG zu einem öffentlichen Unternehmen zu verschmelzen, zielte genau darauf ab. Da es aus ökologischen Gründen gar nicht angebracht ist, die vielen Inlandsverbindungen der Lufthansa aufrechtzuerhalten, hätte man das staatliche Rettungspaket in Höhe von 9 Milliarden Euro an eine Konversion des Verkehrssektors koppeln können. In einem öffentlichen Verkehrskonzern oder zumindest aufgrund öffentlicher Auflagen hätten die Kurz- und Mittelstreckenverbindungen auf die Schiene verlagert werden können, gleichzeitig hätte man sichergestellt, dass die Transformation nicht auf Kosten der Beschäftigten geht.

Bei der Konversion von Industrien und Konsummodellen sollte sich eine ökosozialistische Politik außerdem dem „Verzichts“-Diskurs entgegenstellen. Sie muss deutlich machen, dass eine ökologisch-solidarische Transformation die Lebensqualität in vieler Hinsicht verbessern würde. Wenn eine Gesellschaft weniger produziert, kann die verbleibende Zeit so umverteilt werden, dass alle deutlich weniger arbeiten und mehr Zeit für soziale Beziehungen bleibt. Die Reduktion des Warenkonsums kann durch ein Mehr an kulturellen und öffentlichen Infrastrukturen aufgewogen werden. Eine autofreie Stadt kann sich in einen Ort nachbarschaftlicher Begegnung verwandeln usw.

In diesem Zusammenhang gilt es die Frage zu stellen, ob das, was wir heute als Wohlstand bezeichnen, wirklich unseren Bedürfnissen oder denen des Kapitals entspringt. Das wirft auch ein Licht auf die Werbeindustrie. Damit wir frei und bewusst darüber entscheiden können, was wir als Gesellschaft und als Individuen benötigen, müssten wir erst einmal dafür sorgen, dass man uns nicht mehr vorspricht, was angeblich unverzichtbar ist. Viel autoritärer als eine gemeinsame Beschränkung des Stoffwechsels ist das alltägliche Bombardement mit Konsum- und Werbebotschaften in der „freien Marktwirtschaft“.

Eine ökosozialistische Politik wird nur möglich sein, wenn es gelingt, neue und radikal andere Vorstellungen darüber, was ein gutes Leben auszeichnet, in der Gesellschaft zu verankern. Und an diesem Punkt trifft sich ein ökosozialistischer Ansatz auch wieder mit anderen Transformationsstrategien. Der Kampf gegen die kapitalistische Zerstörung von Natur und Gesellschaft ist selbstverständlich auch eine Auseinandersetzung um Köpfe, Ideen und Wünsche.

Dieser Beitrag ist aus DRITTE NATUR [22] Technik – Kapital – Umwelt [22] 5/2021 (Erstpublikation) mit freundlicher Genehmigung von (c) Matthes & Seitz Berlin entnommen.

Anmerkungen

[1] [23] Jonas Bickelmann: „‚Ein Verantwortungs-Verweigerungs-Liberalismus der Besitzenden‘“. Interview mit Maja Göpel. In: Der Tagesspiegel, 25.9.2020; Peter Unfried: Die größte Lüge der Klimapolitik. Luisa Neubauer im Interview. In: taz. FUTURZWEI, 10.9.2019.

[2] [24]  Andrej Platonow: Dshan oder Die erste sozialistische Tragödie, Berlin 2019.

[3] [25]  Johan Rockström et al.: „Planetary Boundaries: Exploring the Safe Operating Space for Humanity“. In: Ecology and Society 14/2, 2009. (www.ecologyandsociety.org/vol14/iss2/art32/ [26]) (10.12.2020).

[4] [27] Vgl. Umweltbundesamt (2020): Primärenergieverbrauch (www.umweltbundesamt.de/daten/energie/primaerenergieverbrauch#primarenergieverbrauch-nach-energietragern [28]) (10.12.2020).

[5] [29] Vgl. Donella Meadows et al.: Die Grenzen des Wachstums. Bericht des Club of Rome zur Lage der Menschheit. Stuttgart 1972.

[6] [30] Ralf Fücks: Intelligent wachsen. Die grüne Revolution. München 2013.

[7] [31] Vgl. Birgit Mahnkopf: „Produktiver, grüner, friedlicher? Die falschen Versprechen des digitalen Kapitalismus“. In: Blätter für deutsche und internationale Politik 11/2019.

[8] [32] Vgl. Tilman Santarius: Der Rebound-Effekt. Über die unerwünschten Folgen der erwünschten Energieeffizienz. Wuppertal Papers zur Wachstumswende Nr. 5, Wuppertal Institut 2012.

[9] [33] Vgl. Paul J. Crutzen: „Geology of mankind“. In: Nature 415 (2002).

[10] [34] Vgl. die Datenbank der Weltbank zu „CO2 emissions (kt)“: data.worldbank.org/indicator/EN.ATM.CO2E.KT?contextual=aggregate&locations=ET [35] (10.12.2020).

[11] [36]Vgl. Ulrich Brand/Markus Wissen: Imperiale Lebensweise, München 2017.

[12] [37] Elmar Altvater: „Kapitalozän. Der Kapitalismus schreibt Erdgeschichte“. In: Luxemburg. Gesellschaftsanalyse und linke Praxis. 2-3/2017 (www.zeitschrift-luxemburg.de/kapitalozaen/ [38]) (10.12.2020) und Jason W. Moore (Hg.): Anthropocene or Capitalocene. Nature, History, and the Crisis of Capitalism. Oakland 2016.

[13] [39] Klaus Dörre: „Risiko Kapitalismus. Landnahme, Zangenkrise, Nachhaltigkeitsrevolution“. In: ders. et al. (Hg.): Große Transformation? Zur Zukunft moderner Gesellschaften. Wiesbaden 2019, S. 7.

[14] [40]  Elmar Altvater: Das Ende des Kapitalismus – wie wir ihn kennen. Münster 2005, S. 72.

[15] [41] Zur Bedeutung der Solidarität als neuer „Beziehungsweise“ hat die queere Feministin Bini Adamczak einen lesenswerten Vorschlag entwickelt: Bini Adamczak: Beziehungsweise Revolution. Berlin 2017.

[16] [42] John Bellamy Foster: Marx’s Ecology. Materialism and Nature. New York 2000; Kohei Saito: Natur gegen Kapital. Marx’ Ökologie in seiner unvollendeten Kritik des Kapitalismus. Frankfurt a.M./New York 2016.

[17] [43] Karl Marx: MEW 25, Berlin/DDR 1983, S. 482; vgl. McKenzie Wark: Molekulares Rot. Theorie für das Anthropozän. Berlin 2017, S. 10f.; Foster: Marx’s Ecology.

[18] [44] Lucas Chancel, Thomas Piketty:  Carbon and Inequality. From Kyoto to Paris. Paris 2015; Oxfam: Extreme Carbon Inequality. 2015, S. 7 (www-cdn.oxfam.org/s3fs-public/file_attachments/mb-extreme-carbon-inequality-021215-en.pdf [45]) (10.12.2020).

[19] [46] Umweltbundesamt: Repräsentative Erhebung von Pro-Kopf-Verbräuchen natürlicher Ressourcen in Deutschland (nach Bevölkerungsgruppen). Texte 39/2016, S. 13.

[20] [47]Nick Watts et al. »The  2019 Report of The Lancet Countdown on Health and Climate Change«, in: The Lancet 394/2019.

[21] [48] Sophie Bose, Klaus Dörre et al.: „Braunkohleausstieg im Lausitzer Revier. Sichtweisen von Beschäftigten“. In: Rosa-Luxemburg-Stiftung (Hg.): Nach der Kohle, Berlin 2019.