| Gewerkschaften globalisieren?

März 2014  Druckansicht    Druckansicht
von Anrew Herod

Wo man hinkommt, wird über Globalisierung gesprochen. Im gewerkschaftlichen Feld ergibt sich daraus fast zwangsläufig die Schlussfolgerung: »ArbeiterInnen müssen sich global organisieren!«, »Gewerkschaften müssen sich internationalisieren!« Ich will nicht behaupten, dies seien nicht zentrale Elemente einer lebendigen Gewerkschaftspolitik, um der entfesselten Macht des globalen Kapitals etwas entgegenzusetzen.1 Ich denke aber doch, dass unsere Antworten etwas komplexer sein müssten als ein simples ›Wir müssen uns globalisieren‹. Kompliziert wird die Lage unter anderem durch die Frage der Geographie.

Auf den ersten Blick mag es seltsam erscheinen, dass ausgerechnet in einer Situation, in der die Welt (angeblich) flach und grenzenlos wird, Globalisierung zur »Delokalisierung« des menschlichen Lebens führt und wir Zeugen eines sogenannten death of distance – des Verschwindens von Entfernungen – werden, dass sich ausgerechnet da Gewerkschaftsstrategien mit Geographie befassen sollen und sich GeographInnen für Arbeitsfragen interessieren. Die Geographie wird üblicherweise als ein Feld wahrgenommen, in dem es in erster Linie um Kartographie und Kartierung geht, darum, wo Orte liegen, um die physische Beschaffenheit von Landschaften, die Verortung von Flüssen, Gebirgszügen, Wüsten und so weiter. Globalisierung wiederum gilt als die Vollstreckerin von Marx’ berühmter »Vernichtung des Raums durch die Zeit« (MEW 42, 430). In den 1990er Jahren haben jedoch einige selbsternannte »Labour Geographers« angefangen, Interesse an Fragen der Arbeit zu entwickeln, und an den arbeitenden Menschen. Der Grundgedanke dieser Forschungsrichtung ist, dass Beschäftigte an spezifische Orte gebunden sind, und diese ihre jeweiligen Möglichkeiten politischer und ökonomischer Praxen beeinflussen.2 Geographie nehme angesichts einer globalisierten Weltwirtschaft an Bedeutung zu, statt – wie oft behauptet – tendenziell unwichtig zu werden. Wenn Unternehmen praktisch überall investieren können und es kaum Orte gibt, die mehr als 24 Stunden voneinander entfernt liegen, dann entscheidet sich die Frage, wohin Firmen letztlich ihre Werke verlegen, oft an minimalen Unterschieden. Schließlich, so eine weitere These der Arbeitsgeographie, können ArbeiterInnen durch ihre politischen und ökonomischen Praxen konkreten Einfluss auf die Geographie des Kapitalismus nehmen, und zwar im lokalen wie im globalen Maßstab.

In ihrer Analyse der politischen und ökono-mischen Verhaltensweisen von ArbeiterInnen und ihren Organisationen, haben Arbeit geographen einen der berühmten Marxschen Aphorismen adaptiert: »Die Menschen machen ihre eigene Geographie, aber nicht unter selbstge­wählten Umständen.« Es geht darum, das Funktionieren des Kapitalismus durch eine historisch-geographische Linse zu verstehen, die die Beschäftigten ins Zentrum rückt. Aus einer Marxschen Theorietradition kommend, greifen diese Arbeiten auch feministische, post-strukturalistische und andere post-marxistische Ansätze auf.

Von der Geographie der Arbeit können wir lernen, warum Raum und Ort wichtig sind, um zu verstehen, warum ArbeiterInnen tun, was sie tun, wenn sie Strategien zur Verbesserung ihres Lebens entwickeln. Raum und Ort bilden nicht einfach nur den Hintergrund ökonomischer und politischer Kämpfe oder die Bühne, auf der diese stattfinden. Sie sind vielmehr deren zentraler Bestandteil. Die Geographie des Kapitalismus hat beispielsweise konkrete Auswirkungen auf das Leben von ArbeiterInnen. Die Art und Weise, wie Kapitalisten sich diese ökonomische Landschaft des Kapitalismus wünschen – nämlich als Landschaft der Rentabilität statt der Nicht-Rentabilität –, wird tendenziell nicht den Vorstellungen der ArbeiterInnen entsprechen, da diese Rentabilität möglicherweise auf Arbeitslosigkeit beruht. Aber auch unterschiedliche Gruppen von Beschäftigten können voneinander abweichende Vorstellungen davon haben, wie die ökonomische Geographie des Kapitalismus gestaltet sein sollte: ArbeiterInnen einer Community sind möglicherweise daran interessiert, dass bei ihnen investiert wird und dadurch (so hoffen sie) Arbeitsplätze geschaffen werden; diese Investitionen wiederum können zu Lasten von Beschäftigten in anderen Communities gehen, deren Werk wegen der räumlichen Neuverteilung des Firmenkapitals vielleicht geschlossen wird. Unterschiedliche soziale Akteure – verschiedene Segmente des Kapitals sowie unterschiedliche Gruppen von ArbeiterInnen – können also konfligierende Interessen hinsichtlich der Frage vertreten, wie die Geographie des Kapitalismus strukturiert sein soll. Und dies wiederum beeinflusst die Verhaltensweisen der jeweiligen Akteure. Wird Arbeit beispielsweise in abgelegene Gebiete verlagert, kann dies den Aufbau starker gewerkschaftlicher Organisationen behindern, weil es schwierig ist, die notwendigen Kontakte über große räumliche Distanz hinweg herzustellen. Die United States Steel Corporation schien über ein solches angewandtes geographisches Wissen zu verfügen, als sie vor über einem Jahrhundert die Stadt Gary im Bundesstaat Indiana gründete und sich so dem gewerkschaftlich gut organisierten Chicago entzog.

Eine geographische Perspektive ist außerdem deshalb wichtig, weil Kämpfe an einem Ort dramatische Konsequenzen haben können für Beschäftigte, die hunderte oder tausende von Kilometern weit entfernt sind. Angesichts globaler Produktionsnetzwerke kann es beispielsweise sein, dass diejenigen, die in Reynosa in Mexiko Automobilkomponenten fertigen, in organisatorischer Hinsicht enger mit US-amerikanischen FließbandarbeiterInnen verbunden sind als mit anderen Beschäftigten in Mexiko. Ein Streik in Reynosa hätte also größere Auswirkungen auf Fabriken in den USA als auf die nahegelegenen Fabriken anderer Fertigungsstätten in Mexiko. Es ist wichtig zu untersuchen, wie Produktionsketten räumlich organisiert sind, um die Konsequenzen von Handlungen nachvollziehen zu können, die eventuell in nächster Nähe überhaupt nicht spürbar sind, dafür aber hunderte oder tausende von Kilometern weit entfernt. Geht es in der Arbeitersolidarität in einem grundlegenden Sinne darum, auch über räumliche Distanzen hinweg zusammenzukommen, hat dies fundamentale Bedeutung für das Nachdenken über Gewerkschaftsstrategien.

Richard Trumka, der Vorsitzende der American Federation of Labor and Congress of Industrial Organizations (AFL-CIO), argumentiert, dass Gewerkschaften, wenn sie »in der Lage sein wollen, Firmen wie Shell, Exxon, DuPont oder anderen Unternehmen, die ohne Rücksicht auf nationale Grenzen operieren, erfolgreich entgegenzutreten, Solidarität auf globaler Ebene neu definieren müssen« (Labor Notes 11/1991, 4). Es gibt viele ähnliche Aussagen. Zwei Fälle möchte ich hier diskutieren, um die angeblich so offensichtliche Lösung all der genannten Probleme in Frage zu stellen – nämlich sich im selben geographischen Maßstab zu organisieren wie das Kapital (also transnational). In Zweifel ziehen möchte ich auch die Annahme, dass eine transnationale Form der Organisierung immer irgendwie progressiv sei. Beide Beispiele zeigen, wie wichtig es für die Entwicklung von Gewerkschaftsstrategien ist, geographisch sensibel vorzugehen.

Ist also transnationale Organisierung eine notwendige Voraussetzung für Erfolg? Die kurze Antwort auf diese Frage lautet nein. Sicherlich ist es oft nötig, Solidarität zwischen ArbeiterInnen über nationale Grenzen hinweg aufzubauen, um transnational organisierten Unternehmen erfolgreich etwas entgegenzusetzen. Insgesamt ist die Idee des Internationalismus für Linke ansprechend. Und tatsächlich waren es in den 1990er Jahren die transnationalen Verbindungen zwischen Beschäftigten, die den Ausschlag gaben für den Erfolg einer USWA-Kampagne gegen das Multi-Milliarden-Dollar-Konglomerat von Marc Rich (vgl. Herod 1995). Der Konflikt begann, als einer von Richs Subunternehmern 1 700 Gewerkschaftsmitglieder aus einer Aluminiumschmelzanlage in der kleinen Stadt Ravenswood in den Appalachen-Bergen in West Virginia aussperrte. An ihrer Stelle wurden sogenannte Ersatzarbeiter eingesetzt, scabs, was wörtlich etwa so viel heißt wie Grind oder Schuppe und ein geläufiger Ausdruck für Streikbrecher ist. Die ausgesperrten GewerkschafterInnen und ihre VertreterInnen reagierten darauf zunächst mit Aktionen innerhalb der USA: Sie organisierten einen landesweiten Boykott des von den scabs produzierten Metalls. Es wurde von Bier- und Softdrink-Produzenten zur Dosenherstellung verwendet. Letztlich waren es aber die internationalen Aktivitäten der USWA, die ausschlaggebend waren dafür, dass die ausgeschlossenen ArbeiterInnen an ihre Arbeitsplätze zurückkehren und bessere Arbeitsbedingungen und Rentenzahlungen erwirken konnten. Innerhalb von 18 Monaten hatte die USWA Aktionen in 28 verschiedenen Ländern (u.a. Niederlande, Großbritannien, Kanada, Frankreich, Venezuela, Rumänien, Bulgarien, Tschechoslowakei und der Schweiz) und auf fünf Kontinenten organisiert. Wäre der Streik noch weiter gegangen, wären Aktionen in Australien, Russland, Israel, Hong Kong und Finnland hinzugekommen. Der Kampagne gelang es, auch die räumlichen Verbindungen aufzuzeigen zwischen unterschiedlichen Teilen von Richs Holdinggesellschaften und anderen Beteiligten, die es ihm erlaubten, international zu agieren: Bauxitminen in Jamaika und Venezuela; Angestellte in niederländischen Banken, die seine Geschäfte finanzierten; Gewerkschaften in Osteuropa, wo Rich Metallschmelzereien erwerben wollte; Beschäftigte in Bukarest, wo er vorhatte, das berühmte Athenee Palace Hotel zu kaufen; und Schweizer ParlamentarierInnen, da Rich in der Schweiz lebte.

Trotz des Erfolges dieser und vieler ähnlicher Kampagnen ist es jedoch in bestimmten Fällen nicht nur nicht notwendig, eine transnationale Kampagne zu entwickeln, sondern kann sogar kontraproduktiv sein, weil möglicherweise Ressourcen gebunden werden, die anderswo gebraucht werden. Hier können die Auseinandersetzungen zwischen den United Auto Workers (UAW) und General Motors (GM) von 1998 als Beispiel gelten: GM musste damals 27 seiner 29 nordamerikanischen Fahrzeugmontageanlagen schließen und die Produktion in 117 Komponentenanlagen in Kanada, den USA, Mexiko und selbst Singapur entweder ganz stilllegen oder erheblich reduzieren. Die Unterbrechungen waren so gravierend, dass GM einen Produktionsverlust von ca. 500 000 Fahrzeugen hinnehmen musste und der Marktanteil von 31,9 Prozent im August 1997 auf 21,6 Prozent im August 1998 sank. Der Streit kostete GM im zweiten und dritten Quartal 1998 ungefähr 2,3 Milliarden US-Dollar nach Steuern (vgl. Herod 2000, 521ff). Interessant an dieser Auseinandersetzung jedoch ist, dass die beeindruckende geographische Ausweitung dieses Streiks keinesfalls Resultat gezielter Bemühungen von UAW war. Vielmehr waren hier die Aktionen von nur knapp 9 200 Beschäftigten in zwei Produktionsanlagen für Komponenten in Flint, Michigan, ausschlaggebend. Wegen lokaler Konflikte um Arbeitsregulierung waren sie in Streik getreten. Was ihnen dennoch diese Reichweite gab, war die Tatsache, dass GM – wie viele andere Firmen – zunehmend nach dem Just-in-Time-Prinzip operierte. Dadurch, dass die Komponenten erst dann am Fließband ankommen, wenn sie benötigt werden, statt wochenlang in Warenhäusern zwischenzulagern, sollten Kosten gespart werden. Gleichzeitig macht dies die Firmen hinsichtlich Unterbrechungen der Produktionskette leicht verwundbar. Dies wussten die UAW-Mitglieder in Flint zu nutzen: Innerhalb einer Woche waren mehr als 50 000 Beschäftigte in 71 Montage- und Komponentenwerken gezwungen, ihre Arbeit niederzulegen. Am Ende der darauffolgenden Woche waren es 121 Montage- und Komponentenwerke, die aufgrund von Arbeitsmangel ganz oder teilweise geschlossen wurden. 105 514 ArbeiterInnen befanden sich im Ausstand.

Die Geographie dieser Kettenreaktion von zwei relativ kleinen Streiks in Flint führt uns zwei Punkte vor Augen. Zum einen, dass ein Streik an spezifischen Schlüsselpunkten im Produktionsnetz z.B. dann globale Konsequenzen haben kann, wenn ein Unternehmen Just-in-Time-Methoden zum Inventarmanagement anwendet. Diese Einsicht wirft auch für Gewerkschaften neue strategische Fragen auf. Zum anderen wird deutlich, welche Betriebe sich in Bezug auf den organisatorischen Raum am nächsten sind – eine Nähe, die mit ihrer Nähe im physischen Raum kaum etwas zu tun haben mag. So waren zum Beispiel einige Werke in Mexiko und Kanada insofern ›näher‹ an denen in Flint, als sie viel schneller vom Streik betroffen waren als Werke in der gleichen Region. Wie sollten wir also über die räumlichen Beziehungen zwischen den Orten nachdenken? Und was bedeutet dies für Strategien zum Aufbau von Solidarität?

Ist transnationale Organisierung immer fortschrittlich? Auch hier ist die Antwort nein. Entgegen einer häufigen Vermutung zeigt eine Analyse transnationaler Organisierung aus geographischer Perspektive, dass dies nicht immer der Fall ist. Ausschlaggebend ist, ob ArbeiterInnen sich über den Raum hinweg zusammenschließen, um Klasseninteressen voranzutreiben oder ob sie ihre jeweiligen ›geographischen Interessen‹, also ihre Interessen gemäß einer örtlich gebundenen Perspektive verfolgen. Die US-amerikanische Geographin Rebecca Johns (1998) unterscheidet hier zwei Arten internationaler Solidarität. Den ersten Typus nennt sie »angepasste Solidarität« und meint damit, dass Solidaritätskampagnen hauptsächlich deshalb organisiert werden, um die Interessen der eigenen Community zu verteidigen. Über die Auswirkungen, die solchen Aktionen für Beschäftigte anderswo haben können, wird wenig nachgedacht. ArbeiterInnen im globalen Norden können sich zum Beispiel für bessere Arbeitsbedingungen ihrer KollegInnen im globalen Süden einsetzen – weniger aus echtem Interesse für deren Leben, sondern weil dadurch eine Verlagerung der Firmengeschäfte in den globalen Süden unwahrscheinlicher wird. Johns zufolge kann es sogar sein, dass US-amerikanische oder europäische ArbeiterInnen dadurch, dass sie helfen, Löhne und Arbeitsbedingungen im globalen Süden zu verbessern, letztlich Investitionen verhindern, die die lokalen Ökonomien in Gang bringen könnten. In solchen Kampagnen gehe es also vor allem darum, den eigenen Platz in der sich entfaltenden Geographie des globalen Kapitalismus zu verteidigen.

Im Gegensatz dazu nennt Johns die zweite Art der Solidarität »transformatorische Solidarität«. Während die angepasste Solidarität eher privilegierte ArbeiterInnen dieser Welt zu schützen trachtet, bemüht sich die transformatorische Solidarität um die Infragestellung der dem Kapitalismus zu Grunde liegenden Klassenverhältnisse, unabhängig davon, welche Gegenden davon profitieren: »Klasseninteressen dominieren hier gegenüber Interessen, die räumlich begründet und verortet sind, [solche Bemühungen] ziehen nicht eine Gruppe von ArbeiterInnen einer anderen vor« (Jones 1998, 256). Ihre Unterscheidung dient weniger der Klassifikation als der Heuristik. Im Hinblick auf transnationale Organisierung von Gewerkschaften soll sie helfen, zentrale Fragen an die jeweiligen Prozesse zu stellen: Was gibt den Anstoß für die Aktivitäten, worin liegen die tatsächlichen Konsequenzen für alle Beteiligten, und worin liegt das transformatorische Potenzial solcher Kooperation? Sicherlich ist es schwierig, dies immer genau zu bestimmen. Würden AktivistInnen denn zugeben, dass sie nur in ihrem eigenen Interesse handeln, oder würden sie versuchen, ihr Eigeninteresse hinter der Behauptung eines ›selbstlosen Internationalismus‹ zu verbergen? Beide Arten der Solidarität können dazu führen, dass die Geographie des globalen Kapitalismus auf radikal unterschiedliche Weise gestaltet wird. »Angepasste Solidarität« zielt darauf, die schon privilegierten Räume der Weltwirtschaft zu verteidigen. Sicherlich kann auch »transformatorische Solidarität« zu diesem Ergebnis führen, aber es ist nicht ihr unmittelbares Ziel. Je nach den Besonderheiten einer Situation kann es sogar dazu kommen, dass ArbeiterInnen ihre direkten ökonomischen und lokalen Eigeninteressen – wie z.B. die Sicherung von Investitionen für ihre Communities – für breitere Klasseninteressen aufgeben.

Globalisierung ist ein ökonomischer, politischer, kultureller und sozialer Prozess. Aber es ist auch ein geographischer: Die Verbindungen zwischen Orten – und zwischen den Menschen an diesen Orten – verschieben sich durch die Aktivitäten von Kapital und Arbeit. Deshalb brauchen ArbeiterInnen als politische Akteure – und auch wir als BeobachterInnen und AktivistInnen – ein geographisches Bewusstsein. Wir müssen verstehen, wie Globalisierungsprozesse die Verbindungen zwischen Orten transformieren und wie die Handlungen von Beschäftigten solche Transformationen bedingen können: Wie beeinflussen ArbeiterInnen die Art und Weise, in der sich die neue Geographie der Weltwirtschaft entfaltet? Wir müssen uns darüber bewusst sein, wie Orte räumlich miteinander verbunden sind, wenn wir erfolgreich sein wollen im Kampf für eine gerechtere Welt. Wir müssen über die räumlichen Beziehungen zwischen Orten nachdenken – auf jeden Fall über die physische Distanz, aber auch darüber, wie Orte im organisatorischen Raum miteinander verknüpft sind. Der Schlüssel zur Entwicklung von transnationalen Strategien liegt also darin zu wissen, wie ArbeiterInnen und die jeweiligen Unternehmen in ein weites Netz ökonomischer und politischer Beziehungen eingebunden sind und worin die geographischen Zielsetzungen derjenigen bestehen, die sich an solchen Aktivitäten beteiligen. Eine transnationale Strategie – wie die der Ravenswood-ArbeiterInnen – mag daher manchmal tatsächlich richtig sein. Unter anderen Umständen – wie bei Firmen, die Just-in-Time-Systeme nutzen – ist es nicht das Richtige, weil viel Zeit und Geld für die Entwicklung einer unnötigen Kampagne verloren gehen. Ebenso ist es wichtig, dass ArbeiterInnen und ihre Institutionen die geographisch ungleichen Effekte ihrer Handlungen verstehen – unterschiedliche Orte werden auf unterschiedliche Art betroffen, manchmal positiv, manchmal negativ. Zu untersuchen, wie verschiedene Teile der Welt miteinander verbunden sind, ist daher ein zentraler Ausgangspunkt für die Entwicklung einer effektiven und progressiven Gewerkschaftsstrategie in einer immer stärker vernetzten globalen Ökonomie.

 

Aus dem Englischen von Anna Muessener

 

Literatur

Bergene, Ann Cecilie, Silvy B. Endresen und Hege Merete Knutsen (Hg.), 2010: Missing Links in Labour Geography, Farnham

Castree, Noel et al., 2004: Spaces of Work: Global Capitalism and Geographies of Labour, London

Herod, Andrew, 1995: The practice of international labor solidarity and the geography of the global economy, in: Economic Geography 71.4, 341–363

Ders., 2000: Implications of Just-in-Time production for union strategy: Lessons from the 1998 General Motors-United Auto Workers dispute. Annals of the Association of American Geographers 90.3, 521–547

Ders., 2001: Labor Geographies: Workers and the Landscapes of Capitalism, York

Johns, Rebecca A., 1998: Bridging the gap between class and space: U.S. worker solidarity with Guatemala, in: Economic Geography 74.3, 252–271

Marx, Karl, 1974: Grundrisse der Kritik der politischen Ökonomie, MEW 42, Dietz Verlag, Berlin/Ost

 

 Anmerkungen

1     Zwei Beispiele hierzu: die Gründung der SeefahrerInnen-Gewerkschaft Nautilus International durch eine Fusion von britischen, niederländischen und schweizerischen Gewerkschaften und 2008 die Vereinbarung von United Steelworkers of America und der britischen UNITE, eine neue globale Einheit
zu formen, nämlich Workers Uniting.

2     Dazu ausführlicher: Herod (2001), Castree et al. (2004) und Bergene et al. (2010).

 

Erschienen in LuXemburg,  Heft 3-4/2013.