| GESELLSCHAFTLICHE GABELUNGEN

Juli 2009  Druckansicht
Gespräch mit Ana Esther Ceceña

Wie ist die Krise einzuschätzen? Und welche strategischen Orientierungen ergeben sich daraus für die Linke? Die Redaktion fragte feministische Intellektuelle (I).

Was ist der Charakter der gegenwärtigen Krise?

Die Krise ist keine zufällige Funktionsstörung, sondern entspricht der selbstzerstörerischen Natur des kapitalistischen Systems. Die Organisationsweise von Gesellschaft und Produktion sowie der Aneignung der Natur ist nicht nachhaltig und hat zu irreversiblen Schäden geführt – obwohl sie aus technischer Sicht sehr effizient erscheint. Das 20. Jahrhundert stand im Zeichen größten Fortschritts und schlimmster Verwüstung zugleich. Armut und Prekarität verbreiten sich parallel zur Konzentration des Reichtums. Die ökologischen Schäden haben gefährliche Kipppunkte erreicht. Dies ist auch keine »Finanzkrise« – vielmehr eine systemische Krise. Die Ausdehnung von Privateigentum und Verwertung bis hin zu genetischen Codes, Nano-Strukturen und intellektueller Produktion hat ein enormes Potenzial zur Enteignung und Bereicherung. Die Mechanismen wirken ausschließend und sind undemokratisch verfasst. Sie werden ihre Widersprüche reproduzieren und die Krise vertiefen, so dass letztlich die geschichtlichen Grenzen des Systems berührt werden.

Wie sind die Reaktionen?

Es gibt generell zwei mögliche Formen: Gesellschaftliche Reorganisationsprozesse oder katastrophische Lösungsversuche. Krisenmanagement und Stagnation: Die Krise fördert die Konzentration des Kapitals. Sehr machtvolle Gruppen wollen die Bedingungen der Instabilität und Unordnung erhalten und haben die Fähigkeit, die Krise für ihre Zwecke zu nutzen und die Entscheidungen von Regierungen und internationalen Organisationen zu beeinflussen. Die Antikrisenmaßnahmen orientieren sich bereits einseitig an ihnen und werden die Krise tendenziell vertiefen. Sie könnten die Welt in katastrophische Situationen treiben. Autoritarismus: Das vorige Szenario ist aus sich heraus allerdings nicht langfristig tragfähig. Hinzutreten muss eine weitgehende gesellschaftliche Reorganisation mitsamt schärferer sozialer Kontrolle, um die Folgen von Exklusion einzudämmen und Unzufriedenheit nicht in Rebellion umschlagen zu lassen. Dazu sind eine Stärkung der Kräfte der Fragmentierung, die Zersetzung von Gemeinschaften, die Schaffung eines universellen Panoptikums, die Militarisierung von Polizei und Alltag nötig. Das Szenario wird bereits umgesetzt und ist die Basis einer kapitalistischen Reorganisation, die sich auf soziale Disziplinierung konzentriert. Emanzipation: Das dritte Szenario wird getragen von sozialen Bewegungen und Revolten, die eine explizit nichtkapitalistische Alternative als Lösung der Krise wollen, damit einen zivilisatorischen Scheideweg produzieren. Dieser Prozess schafft Autonomie und Freiräume jenseits des Kapitalismus – freilich auf allen Ebenen in fortwährendem Konflikt mit ihm. Die Rückgewinnung einer intersubjektiven Verbindung zur Natur, indem sie nicht länger nur als Objekt betrachtet und in Warenform gepresst wird, die Rekonstruktion von Gemeinschaften und ihrer Perspektiven, die Einführung dezentraler und direkter Demokratie sind grundlegende Elemente zur Entwicklung kreativer gesellschaftlicher Fähigkeiten, der Kern einer möglichen anderen Welt. Kurzfristig werden wohl die ersten beiden Szenarien dominieren. Letztlich werden ihre Grundlagen jedoch zerrüttet sein, sowohl durch innere Widersprüche wie durch die Aktivitäten der Unzufriedenen. Mittelfristig öffnen sich also Horizonte für das dritte Szenario.

Wie ist die Situation der Linken?

Die stärker institutionalisierte Linke hat ihre Kritik am Neoliberalismus verschärft, kommt darüber aber nicht wirklich hinaus. Sie favorisiert nostalgische Positionen, die auf eine Wiederherstellung des Wohlfahrtsstaates zielen, ohne die veränderten Bedingungen und Formen der Produktion, des Eigentums, der Arbeitsverhältnisse und der Machtaus- übung ernst zu nehmen. Beispielsweise ist der Arbeitsmarkt inzwischen mehrheitlich von informellen und prekären Arbeitern und Arbeiterinnen geprägt, ein signifikanter Anteil von Illegalisierten und Migranten unter ihnen – dies ist eine strukturelle Verschiebung. Die institutionelle Linke ist zudem vorwiegend auf Wahlen und kurzfristig umsetzbare Programme orientiert. Daher beschränkt sie sich auf keynesianische Strategien, um die Folgen der Krise zu mildern, ohne deren Tiefe und Komplexität anzugehen. Es existieren aber auch soziale Bewegungen, die gegen imperiale Projekte wie die panamerikanische Freihandelszone ALCA, die Aktivitäten transnationaler Konzerne und die Errichtung von Militärbasen mobilisieren, gegen Privatisierungen von Wasser oder Regenwäldern und gegen zunehmende Repression und Verschärfungen des Strafrechts. Sie gaben den Impuls für demokratische Prozesse, die zu den Siegen bei Präsidentschaftswahlen in Bolivien und Ecuador führten und das aktive Element in der Transformation Venezuelas bildeten. Dieser Teil der Linken zielt auf antikapitalistische, demokratische Transformation.

Was kann die Linke kurzfristig tun?

Sie muss geichzeitig zwei verschiedene Wege beschreiten: Transformationsprozesse sehen sich einer Macht gegenüber, die Mittel der Einschüchterung, der Repression, der Kontrolle einsetzt, während sie Räume für nicht-kapitalistische und nicht-durchmachtete Verhältnisse zunehmend einschränkt. Letzteres führte zur subjektiven Verinnerlichung der Verhältnisse und zur Ausbildung eines entsprechenden Bewusstseins: Der Kapitalismus steckt uns in den Knochen. Doch wir müssen uns eine Alternative vorstellen können, wenn wir etwas verändern wollen. Es gilt Freiräume innerhalb des Kapitalismus zu öffnen und zu verteidigen. Beispiele sind die Regierungsarbeit in Bolivien, die autonomen Erfahrungen der Zapatisten, die Besetzungen von Territorien durch den MST.

Die kurzfristige Perspektive ist der Moment des Auftauchens von Vorstellungen, die den alltäglichen Kämpfen einen Sinn und Kohärenz verleihen, auch wenn noch nicht viele Anzeichen des Wechsels wahrzunehmen sind. Es ist die Zeit des Säens, der Definition des Kurses, neuer Erfahrungen. Wir können die Transformation der inneren Strukturen, unseres Verhältnisses zur Natur, der Geschlechterverhältnisse, der Verhältnisse unterschiedlicher ›Ethnien‹ oder Kulturen nicht verschieben. Sie sind unverzichtbarer Teil eines praktischen, emanzipatorischen Prozesses – lokal, national, transnational. Bedingung der Transformation ist die Fähigkeit, alle Dimensionen des Lebens und des Raumes zugleich in die gesellschaftliche Neugründung einzubeziehen. Die Bildung neuer Subjektivitäten ist unerlässlich.

Was könnte eine langfristige – transformatorische – Perspektive sein?

Konkrete Utopien geben den unmittelbaren Handlungen und Kämpfen eine Richtung. Begreifen wir die kapitalistische Produktionsund Lebensweise als nicht nachhaltig, also geschichtlich begrenzt, ohne ihre Fähigkeiten zur permanenten Erneuerung zu unterschätzen, führt uns die langfristige Perspektive zu einer systemischen Gabelung: Unter diesem Blickwinkel über Alternativen zu sprechen, heißt an einer vollständigen gesellschaftlichen Neugründung zu arbeiten. Auf dieser Ebene lässt sich die zapatistische Vorstellung verorten, eine Welt zu bauen, in die viele Welten passen, ebenso wie die konkrete Utopie eines guten Lebens (buen vivir) der andischen Indigenen in Bolvien oder Ecuador.

Es sind Neuverknüpfungen von Geschichte, Erfahrung und Utopie, die das gesellschaftliche Verhältnis zur Natur ins Zentrum und die kapitalistische Beherrschung der Natur durch den Menschen in Frage stellt. Konkurrenzverhältnisse sollen durch Solidarität ersetzt werden, indem das Politische als alltägliche Praxis der Vermittlung zurückgewonnen wird. Dezentralisierte und direkte Demokratie dient dazu, Partizipation, Diversität und den Abbau von Hierarchien voran zu treiben. Die Nutzung natürlicher Ressourcen dient zur Reproduktion des Lebens, nicht der Akkumulation.

Diese konkrete Utopie strahlt aus. Lateinamerika hat begonnen von einem guten Leben zu träumen, diese Vorstellung in der Praxis auszumalen, ihre Grundlagen zu schaffen – nicht ohne Widersprüche, Fehltritte, Hindernisse, doch mit dem Willen, dem Leben eine neue Hoffnung zu geben.

Aus dem Mexikanischen von Mario Candeias