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Fußballpolitik in der Türkei: Anpfiff Erdoğan, Stadion leer

Von Mahir Kaplan

An vielen Orten der Welt ist der professionelle Fußball ein wichtiges Medium der Vergesellschaftung, über das Gemeinschaften gestiftet und Grenzen gezogen werden. Stets gibt es auch eine Verbindung zur Politik. Und wie die nichtendende Debatte um den Besuch einer Veranstaltung des türkischen Präsidenten Erdoğan durch die deutschen Nationalspieler Ilkay Gündoğan und Mesut Özil ein Licht auf den Status quo vermeintlicher Integration in Deutschland warf, so beleuchtet der folgende Vorfall das politische Klima in der Türkei im Vorfeld der Präsidentschaftswahlen.

Am 18. April 2018 wurde das zweite Spiel im Halbfinale des türkischen Pokalspiels ausgetragen. Auf dem Platz standen sich die Mannschaften von Fenerbahçe und Beşiktaş gegenüber, neben dem von Galatasaray die Teams der zwei populärsten und hochkarätigsten Clubs in der Türkei.

Zuschauer*innen im Stadion und an den Fernsehbildschirmen konnten verfolgen, wie die Fans des Gastgebers Fenerbahçe ab Beginn des Spiels Wasserflaschen, Feuerzeuge, Münzen und andere Gegenstände auf das Feld schleuderten. Wiederholt veranlasste der Schiedsrichter Lautsprecherdurchsagen, um sie zum Unterlassen dieser Angriffe aufzufordern. Kurz darauf kam es zu einem Wortgefecht zwischen Ersatzspielern von Beşiktaş und einigen Fans des gegnerischen Teams; Beşiktaş-Trainer Şenol Güneş wurde von einem Gegenstand am Kopf getroffen, fiel der Länge nach hin und verließ etwas später das Feld. Die Mehrheit der Fenerbahçe-Fans behauptete indes, es habe ihn nichts getroffen und der Vorfall sei vorgetäuscht gewesen. Die Spieler von Beşiktaş folgten ihrem Trainer, und das Spiel wurde abgepfiffen. Wie der Schiedsrichter auch in seinem abschließenden Bericht festhielt, war das Match “wegen Störung durch das Publikum” beendet worden.

Was folgte, kann als exemplarisch für das derzeitige soziale und politische Klima in der Türkei gelten. Nach dem vorzeitig beendeten Spiel waren sich sämtliche Fußballkommentator*innen, frühere Schiedsrichter*innen und alle Fußballinteressierten darüber einig, der Grund für den Abbruch sei „Störung durch das Publikum“ gewesen. Dieser Ausgang würde – wie stets in solchen Fällen, ob in der Türkei oder andernorts –, dem gastgebenden Team als Niederlage zu Buche schlagen.

Doch hoppla. Am nächsten Tag verlautete Präsident Tayyip Erdoğan während eines Fernsehauftritts, der Vorfall gehe über Fußballrandale hinaus, und es müsse ein Komplott dahinterstehen. Direkt darauf erklärte Devlet Bahçeli, langjähriger Führer der MHP und in jüngster Zeit im engen politischen Bündnis mit der Regierungspartei AKP, er persönlich glaube, die beste Entscheidung für die Türkische Fußball-Föderation (TFF) sei es, anzuordnen, dass die verbliebenen Minuten des Matchs nachgespielt werden sollten. Und plötzlich nahmen die Dinge eine unerwartete Wendung. Niemand war mehr an einer korrekten Entscheidung interessiert. Die Regierungsmacht hatte der TFF zu wissen gegeben, wie zu entscheiden war. Den simplen Umstand zur Sprache zu bringen, dass in Fällen wie diesem das gastgebende Team als jenes, das die Sicherheit zu gewährleisten hatte, zu bestrafen sei, und dass diese Regel auch im akuten Fall Anwendung finden müsse, war schwierig geworden – ganz abgesehen von einer grundsätzlichen Ablehnung politischer Einmischung in ein Sportereignis.

Wieder einmal war zu beobachten, dass Erdoğan zu praktisch allem im Lande eine Meinung hat, und dass diese jeweilige Meinung unbestreitbares Gesetz ist. Nun berichteten die Fußballkommentator*innen, die Entscheidung sei klar. Fast niemand erwartete eine Entscheidung gegen Erdoğans ‚Direktive’. Und tatsächlich entschied die Türkische Fußball-Föderation, dass die letzten 32 Minuten des abgebrochenen Spiels am dritten Mai im leeren Stadion nachgespielt werden sollten.

Daraufhin traten Vorstand und Kongressmitglieder des Beşiktaş-Clubs zusammen und diskutieren, wie zu reagieren sei. Ähnlich den Fans des Teams sprach sich die breite Mehrheit der Kongressmitglieder dafür aus, das Spiel aus Protest gegen die gelenkte Entscheidung zu boykottieren. Am darauffolgenden Tag gab der Vorstand eine Pressemitteilung heraus und erklärte den Entschluss, „aus Protest gegen die regelwidrige Entscheidung nicht am Spiel teilzunehmen“. Das Beşiktaş-Team erschien am Tag des angesetzten Spiels nicht auf dem Rasen.

Zwei Tage später gab die TFF bekannt, Beşiktaş sei zur Strafe für das Fernbleiben vom Pokalwettbewerb im nächsten Jahr ausgeschlossen; zusätzlich werde eine Geldstrafe verhängt. Gerüchte rankten sich indes um eine noch härtere und langfristigere Strafe für Beşiktaş’ ‚Ungehorsam‘.

Und was würde all dies für einen Fußballfan irgendwo in der Welt bedeuten? Einfach absurd.

Eben jene Geisteshaltung, die von anderen verlangt, über den plötzlichen und dramatischen Sinneswandel derer hinwegzusehen, die die Entscheidungen zum Spiel vor und nach Erdoğans Einmischung kommentierten, steht exemplarisch für die derzeitige Situation in der Türkei. Selbst die Frage nach Anwendung geltender Regeln oder die Feststellung, dass eine Regel nicht eingehalten wurde, wird von den Repräsentanten der Regierungspartei und ihren Unterstützer*innen als Defätismus oder gar Verrat angesehen. Noch über die Außerkraftsetzung staatlicher Funktionen und Einrichtungen, die Ausschaltung von Gesetzen und Menschenrechten nach dem Willen des ‚Chefs‘ hinaus wird selbst das zivile Feld, in dem der Staat nicht oder zumindest weniger präsent ist, im Einklang mit der sich stetig weiter vollziehenden Entrechtung organisiert – oder desorganisiert. Nicht einmal im Sport kann Erdoğan Widerspruch tolerieren. Und dieses Regime der Unterdrückung macht die Menschen zusehends verzweifelter, irritierter und bringt sie nahe an die Explosion.

Eine Unterstützung und Solidarität unter den Fans der drei großen Clubs, wie sie zu Zeiten des Gezi-Aufstands möglich war und gegenüber dem zivilen Ungehorsam von Beşiktaş fehlte, hätte die allgemeine Haltung permanenter Konfliktvermeidung aufbrechen und Gegenwehr gegen Machtmissbrauch initiieren können. Solch eine Unterstützung und Solidarität hätte der Idee, dass Widerstand gegen Unrecht möglich und notwendig ist, neuen Raum gegeben.

Die Gelegenheit ist verstrichen, doch selbst eine solche Möglichkeit auszusprechen, bedeutet für viele einen Schimmer Hoffnung in diesen harten Zeiten. Solche Gelegenheiten und Anlässe sind von vitaler Bedeutung in einem Klima, in dem den Menschen das Ignorieren von Tatsachen aufgenötigt wird und Konfliktvermeidung ehernes Gesetz geworden ist.

Aus dem Englischen von Corinna Trogisch