| Fruits of Organizing

Mai 2014  Druckansicht    Druckansicht
Von Pauline Bader

Eine Strategie gewerkschaftlicher Erneuerung?

Die britischen Gewerkschaften leiden seit Jahrzehnten an Mitgliederschwund und abnehmender Organisierung. Arbeitsverhältnisse sind so durchdringend prekarisiert, dass sich kaum noch jemand traut, für bessere Arbeitsbedingungen oder höhere Löhne aufzustehen. Um hier neue Wege zu gehen, wird – wie in vielen anderen Ländern (vgl. u.a. LuXemburg 4/2011) – über veränderte gewerkschaftliche Strategien diskutiert. Gibt es Möglichkeiten, die working class nicht mehr nur am Arbeitsplatz, sondern in ihrem Lebensumfeld zu erreichen?

Nachdem Citizens UK, eine Koalition aus überwiegend religiösen Community-Organisationen, mit Methoden des Community Organizings in London einen politischen Mindestlohn durchsetzen konnte, wurde dieser Ansatz auch in der britischen Gewerkschaftsbewegung populärer. Große Arbeitgeber wie etwa die Universitäten konnten seit Beginn der Kampagne 2001 gezwungen werden, einen »London Living Wage« zu zahlen. Dieser liegt mit 8,80 Pfund über dem nationalen gesetzlichen Mindestlohns von 6,31 Pfund (7,60 Euro) und berücksichtigt die erhöhten Lebenshaltungskosten in der Stadt.1

Bereits im Jahr 2003 organisierte der Trade Union Congress (TUC) eine Konferenz mit dem Titel »Community Unionism«. Viele Diskussionsrunden und einige Pilotprojekte später brachte Unite the Union im Jahr 2011 das bisher umfangreichste Programm dieser Art heraus: das Unite Community Membership Scheme. Inzwischen sind landesweit zehn Organizer damit betraut, Unite-Community-Strukturen aufzubauen. Zur ihrer Zielgruppe gehören erwerbslose und ehrenamtlich tätige Menschen, RentnerInnen, Studierende, pflegende Angehörige und Menschen, die aufgrund von Behinderung oder Krankheit erwerbsunfähig sind.

Das Programm der mit 1,42 Millionen Mitgliedern größten britischen Gewerkschaft verfolgt ambitionierte Ziele. Aktive Mitglieder sollen gewonnen werden: Rentner_innen, Studierende und Erwerbslose sollen nicht nur das Beitrittsformular ausfüllen, sondern mit anderen Unite-Community-Mitgliedern vor Ort gemeinsam politisch aktiv werden. Es geht um empowerment und movement building: Die NutzerInnen öffentlicher Dienstleistungen und damit diejenigen, die am stärksten von der Austeritätspolitik betroffen sind, erhalten die Möglichkeit, Proteste und Kampagnen dagegen selbst zu organisieren. Es geht um Bündnisbildung: Die Sozialproteste sollen stärker mit den gewerkschaftlichen Aktivitäten in der Krise, insbesondere mit denen der organisierten Beschäftigten im öffentlichen Dienst, koordiniert werden. Außerdem soll die Organisierung in einer Gewerkschaft attraktiver gemacht werden für Erwerbslose, People of Colour, Frauen und junge Menschen. Klar ist, dass es dafür neuer Formen der Organisierung bedarf. In einem Land, das seit zwei Jahrzehnten in einer Krise der politischen Repräsentation steckt, versucht Unite, Legitimität zurückzugewinnen und ihre soziale Verankerung in Arbeitervierteln zu stärken.

Schwierige Bedingungen: Strukturwandel und restriktive Gesetzgebung

Mit solchen Konzepten suchen die Gewerkschaften nach Antworten auf den ökonomischen und gesellschaftlichen Strukturwandel. Ihre Wurzeln liegen in den vergleichsweise homogenen Arbeitervierteln, die um die Docks, die Zechen und großen Industrieanlagen entstanden waren. Ein Großteil dieser Arbeitsplätze ist seit den 1980er Jahren verlorengegangen. Die ehemealigen Hafenund Industriearbeiter sind heute großteils im privaten Dienstleistungssektor und das unter prekären Bedingungen beschäftigt. Null-Stunden-Verträge gelten bei den Unternehmen als der neuste Schrei.2

Zwischen 1980 und 2012 verloren die Gewerkschaften rund die Hälfte ihrer Mitglieder (Moylan 2012). Neben dem veränderten makroökonomischen Kontext und der veränderten Zusammensetzung der lohnabhängigen Bevölkerung wird stets die gewerkschaftsfeindliche Gesetzgebung als zentrale Ursache für den Niedergang der Gewerkschaften genannt. Von der konservativen Regierung in den 1980er Jahren Schritt für Schritt verabschiedet, sind die Restriktionen bis heute größtenteils in Kraft ist. Dazu gehört die Einschränkung des Streikrechts: Seit 1980 etwa dürfen ArbeiterInnen nur noch an Streikposten vor dem eigenen Betrieb teilnehmen.

Die Labour-Regierung nahm die Gesetze zur Beschneidung kollektiver Rechte keinesfalls zurück und förderte die Aktivität privater Unternehmen im öffentlichen Sektor, was den Druck in Richtung einer Kommodifizierung sozialer Dienstleistungen erhöhte. Der öffentliche Sektor in Großbritannien ist, wie in so vielen Ländern Europas, der Bereich mit der höchsten Organisationsdichte. Aus diesem Grund sind die massiven Kürzungen im öffentlichen Dienst auch so bedrohlich für die Gewerkschaften.

Wie geht es weiter? Gewerkschaftliche Suchbewegungen

Die zahlreichen Gewerkschaftsfusionen der letzten Jahrzehnte haben neben einer Zentralisierung von Entscheidungsmacht über finanzielle Ressourcen und Streikaktivitäten ein immer komplexeres System innergewerkschaftlicher Interessenrepräsentation geschaffen. Diese Strukturen führen jedoch nicht dazu, dass gerade die marginalisierten und vielfach diskriminierten sozialen Gruppen – Frauen, junge Menschen und MigrantInnen – erfolgreich angesprochen und für gewerkschaftspolitisches Engagement gewonnen werden konnten. Auch die seit Anfang der 1990er verstärkt eingesetzten betriebsbezogenen Organizing-Kampagnen nach US-amerikanischen Vorbild konnten zwar den Mitgliederverlust einiger Gewerkschaften stoppen (vgl. Herry u.a. 2003), ob von ihnen allerdings nachhaltige Impulse für eine gewerkschaftliche Revitalisierung ausgingen, ist umstritten (vgl. Holgate/Simms 2010). Community Organizing stellt somit den jüngsten, organisationspolitisch weitreichenden Anlauf der britischen Gewerkschaften dar.

Eine erste Bilanz

Nach rund zwei Jahren hat das Unite-Community-Programm gut 6700 Mitglieder, rund 70 Aktivengruppen und fünf Community Support Centres. Der Großteil der aktiven Mitglieder sind im Ruhestand, waren aber früher schon gewerkschaftlich aktiv. Es gibt jedoch auch Gegenbeispiele. Für einen monatlichen Beitrag von umgerechnet 2,50 Euro erhalten die Mitglieder Zugang zu einer Reihe von auf prekäre Lebenslagen abgestimmte Beratungs- und Serviceleistungen. In den Nachbarschaftszentren werden teils kostenfreie Englisch- und IT-Kurse angeboten. In einer Situation, in der die öffentliche Daseinsfürsorge immer stärker abgebaut und der Zugang zu Sozialberatung, Rechtshilfe oder kostenfreier Erwachsenenbildung immer weiter eingeschränkt wird, übernimmt Unite Community zum Teil vormals staatliche Aufgaben.

Im Mittelpunkt des Programms stehen jedoch die Kampagnenaktivitäten der lokalen Gruppen, die organisatorisch und finanziell unterstützt werden. Viele Community-Miglieder haben an Fortbildungen zu Themen wie Gleichstellung und Vielfalt in der Community, Nutzung von Sozialen Medien oder Rhetorik teilgenommen. Arbeitsschwerpunkte des Jahres 2013 waren in den meisten Gruppen die Entwicklung lokaler Aktivitäten im Rahmen der nationalen Kampagnen »Stop the Bedroom Tax« und »Save our National Health System«.3 Es wurden jedoch auch eigene Akzente gesetzt. In Bristol beispielsweise engagierte sich eine Gruppe muslimischer Frauen aus der somalischen Community erfolgreich für einen Frauentag im lokalen Schwimmbad. Viele Gruppen sind aktiv gegen die Schließung von Bibliotheken oder anderen öffentlichen Einrichtungen. Lokal waren auch die Organisation von antifaschistischen Protesten, Aktionen gegen die repressiven Praktiken von Jobcentern, Zwangsräumungen, Wohnungsnot oder die Einstellung einer Buslinie im ländlichen Raum Thema.

Ein weiterer Baustein ist der Aufbau eines ehrenamtlichen Beratungsnetzwerkes, das bei der Beantragung staatlicher Transferleistungen unterstützt. Es richtet sich in erster Linie, aber nicht ausschließlich, an Unite-Community-Mitglieder. Ein wichtiges Anliegen besteht außerdem darin, solidarische Praxen mit den regulären Gliederungen der Gewerkschaft zu etablieren. Diese unterstützen in einigen Regionen die lokalen Unite-Community-Strukturen finanziell. Unite Community beteiligt sich im Gegenzug an Arbeitskämpfen oder an betriebsbezogenen Protestkundgebungen.

Das Beispiel Unite Community zeigt, dass es sich beim Community Organizing um einen explorativen Ansatz gewerkschaftlicher Erneuerung handelt. Es ist ein offener Prozess, der viel Flexibilität, Kreativität und Fingerspitzengefühl verlangt. Welcher Angebote vonseiten der Gewerkschaft und welche konkreten Organisations- und Politikformen bedarf es, um Menschen in prekären Lebensverhältnissen für politisches Engagement zu gewinnen oder es ihnen zu ermöglichen? Die regionalen Organizer verfügen über ein hohes Maß an Eigenständigkeit und probieren vieles aus. Auch bemühen sie sich um einen intensiven Erfahrungsaustausch innerhalb des hauptamtlichen Teams.

Ein Beispiel für Transformative Organizing?

Wie weitreichend sind die Veränderungen, die im Rahmen von Unite Community erreicht werden? Wo befindet sich dieses Projekt im ewigen Spannungsverhältnis von sozialer und politischer Arbeit, also bloßer ›Linderung‹ und der Arbeit an einer Transformation der Gesellschaft?

Vieles, was bei Unite Community geleistet wird, ist darauf gerichtet, die unmittelbaren Lebensbedingungen von erwerbslosen Menschen zu verbessern. Der karitative Charakter tritt dort am stärksten hervor, wo UniteCommunity-Gruppen mit lokalen Tafeln zusammenarbeiten. In der Weihnachtszeit rief Unite Community sogar die Mitglieder auf, den Tafeln zu spenden.

Unite Community bietet praktische Unterstützungsleistung, die stark an soziale Arbeit erinnert. Diese Angebote sind jedoch auch ein Mittel, um mit Menschen aus der Nachbarschaft in Kontakt zu kommen und einen Eindruck davon zu vermitteln, wofür Unite Community steht und was eine Gewerkschaft ist. So leistet das ehrenamtliche Unterstützungs- und Beratungsnetzwerk Einzelfallarbeit, aber nicht nur. Es ist eine Peer-to-Peer-Beratung und sie ist politisch motiviert.

Auch soziale Events wie gemeinsames Frühstück oder eine Schwimmgruppe für Frauen ermöglichen eine informelle Kontaktaufnahme mit der lokalen Gewerkschaft. Gleiches gilt für die vielen Bildungsbausteine. Wie gut es gelingt, Menschen über diese Angebote zu politisieren, ihr Selbstbewusstsein zu stärken, soziale Beziehungen aufzubauen und sie als aktive Mitgliedern ihrer Community und der Gewerkschaft zu gewinnen, muss sich über die Zeit erweisen.

Bestimmte Aktivitäten von Unite Community gehen jedoch klar über soziale Arbeit hinaus: Unite Community ist ein Sammelbecken für Leute, die sich auf unterschiedliche Weise in ihrem Alltag widerständig verhalten. Es findet real so etwas statt wie movement building, auch wenn es ein langwieriger Prozess ist. Die Praxis der zeitintensiven Einzelgespräche und des Aufbaus sozialer Beziehungen trägt Früchte.

Es gelingt den hauptamtlichen Organizern, Kampaigner und Organizer auszubilden oder AktivistInnen zu unterstützen in dem, was sie eh schon seit Jahren tun. Durch praktische Unterstützungs- und politische Kampagnenarbeit wird ein wertvoller Erfahrungsschatz gebildet, den die Mitglieder auch in die Betriebe mitnehmen, wenn sie wieder einen Job finden. Oftmals sind es die aktivsten Mitglieder, die am schnellsten wieder einen Job finden, was für Unite Community ein Problem der Kontinuität darstellt.

Ein Keim für gesellschaftliche Veränderungen steckt auch in dem Ansatz, Sozialproteste und die Aktivitäten organisierter Beschäftigter praktisch zu verknüpfen und neue Formen der Solidarität zu entwickeln. Bisher orientiert Unite Comunity auf das Verhältnis von erwerbslosen und erwerbstätigen Mitgliedern, potenziell könnte aber auch Solidarität im Alltag, etwa in Situationen von rassistischer und sexistischer Diskriminierung, hinzukommen, oder Solidarität in der Nachbarschaft im Falle einer Zwangsräumung.

Im Mai 2013 organisierte Unite Community einen internationalen Workshop zu Kampagnen gegen Zwangsräumungen. Kontinuierliche Aktivitäten haben sich hier noch kaum entwickelt. Vieles hängt davon ab, welche Menschen lokal aktiv werden und welche Ziele sie mit ihrem Engagement verfolgen. Vielen geht es primär darum, wohlfahrtsstaatliche Errungenschaften zu verteidigen. Anderen liegt eine umfassende herrschaftskritische Praxis am Herzen, und ihr Aktivismus lässt dies auch erkennen.

Unite Community ist ein schillerndes Projekt und alles andere als widerspruchsfrei. Insbesondere der Link zwischen Unite und der Labour-Partei fällt hier ins Auge. Auch unter David Miliband distanziert sich Labour nicht grundsätzlich von der Austeritätspolitik der Regierung. Unite Community ist jedoch insofern Hauptfinanzier der Partei, als Gewerkschaftsmitglieder lange Zeit automatisch Parteimitglieder wurden, und die Gewerkschaft in ihrem Namen abstimmte. Erst vor Kurzem fiel der Beschluss, dies den Mitgliedern künftig zur Wahl zu stellen.

Unite Community leistet einen wichtigen Beitrag zur Stärkung der Sozialproteste gegen die Austeritätspolitik und es ist ein spannendes Labor gewerkschaftlicher Erneuerung, in dem es längst nicht nur um Abwehrkämpfe geht. Offen ist allerdings, welche Impulse in Richtung Gesamtgewerkschaft gesetzt werden können. Inwiefern dort verstanden wird, was Community Organizing überhaupt ist. Bisher ist Unite Community eine Gewerkschaft in der Gewerkschaft. Vieles, unter anderem die Anschlussfinanzierung des Projekts hängt davon ob, ob eine bessere Vermittlung des Erreichten stattfinden wird und wie grundlegend sich der Blick auf Erwerbslose verändert. Erweitert sich das Verständnis der Gewerkschaft als Organisation, sodass diese in Zukunft nicht nur Menschen in Lohnarbeit, sondern die working class in ihrer gesamten Breite organisiert und real repräsentiert? Sicher ist, dass es einer Ausweitung solidarischer Praxen und der Kooperationen zwischen lokalen industrial branches und community branches bedarf, damit der Community-Flügel nicht weiter eine Gewerkschaft in der Gewerkschaft bleibt. Ob und wie die eher winzigen Community-Gruppen die Politik von Unite Community beeinflussen können, wird sich unter anderem auf der Policy Conference zeigen, die diesen Juni wieder ansteht – insbesondere falls es dort zu Konflikten um kritische Punkte wie Positionen der Gewerkschaft zu Fracking kommen sollte.

 

Anmerkungen

1 Mehr Informationen über die Living-Wage-Kampagne unter: www.livingwage.org.uk. Vgl. hierzu auch Holgate, Wills 2007.
2 Sie ermöglichen es einem Unternehmen, Arbeitskräfte anzustellen, ohne diesen eine bestimmte Anzahl an Arbeitsstunden zu garantieren. Während vereinbarter Arbeitszeiten müssen sich die Beschäftigten dennoch zur Verfügung halten. Und sie gelten als erwerbstätig.
3 Erstere richtet sich gegen Zwangsumzüge von TransferleisungsempfängerInnen, die – nach Einschätzung der Behörden – in zu großen Wohnung leben und für ein zusätzliches Zimmer eine Kürzung ihrer Bezüge in Kauf nehmen müssten. Die zweite Kampagne richtet sich gegen die Teilprivatisierung des Gesundheitssystems.

Literatur

Heery, Edmund, John Kelly und Jeremy Waddington, 2013: Union Revitalization in Britain, in: European Journal of Industrial Relations 9 (1), 79–97
Holgate, Jane, 2013: Community Organising in the UK: A »New« Approach for Trade Unions?, lubswww. leeds.ac.uk/fileadmin/webfiles/ceric/Documents/EDI_ paper_Holgate.pdf), 1.03.2014
Holgate, Jane und Melanie Simms, 2010: Organising for What? Where Is the Debate on the Politics of Organising?, in, Work, Employment & Society 24 (1), 157–168
Holgate, Jane und Jane Wills, 2007: Organizing Labour in London: Lessons from the Living Wage Campaign, in: Turner, Lowell und Daniel B. Corfield (Hg.): Labor in the New Urban Battlegrounds: Local Solidarity in a Global Economy, Ithaca/New York
Moylan, John, 2012: Union Members Halved Since 1980, www.bbc.co.uk/news/business-19521535