| Fem-Ma statt Emma. Warum ich Feministin und Marxistin bin

Januar 2018  Druckansicht    Druckansicht
Von Katja Kipping

Vor einiger Zeit begab sich eine Runde linker Frauen in ihrer Erinnerung auf die Suche nach ihrem jeweils ersten Mal. Dem ersten Mal, sich selbst bewusst als Feministin und Marxistin bezeichnet zu haben. Wir hörten so manche Geschichte voll Freude über das Erstaunen des jeweiligen Gegenübers: »Echt jetzt?« Wir hörten amüsante und ermutigende Geschichten. Berichte darüber, wie Erkenntnisse an Widerständen und Widersprüchen wachsen können.

Ich selber bemerkte beim Nachdenken über mein Outing als Feministin und Marxistin, um wie viel zaghafter mein Bekenntnis ausfiel, Marxistin zu sein, und wie viel leichter es mir fiel, mich als Feministin zu bezeichnen. Aber nicht nur ich war konfrontiert mit ähnlichen Selbstzweifeln, wie viel Seiten Marx man wohl studiert haben muss, wie viele Textstellen man beständig abrufbar haben muss, um würdig zu sein, sich als Marxistin bezeichnen zu können. Nicht nur ich war letztlich begeistert über die Formulierung »Marxistin im Werden«. Eine Marxistin im Werden muss nicht fürchten, eines Tages wegen mangelnder Textkenntnis als Aufschneiderin überführt zu werden. Zudem drückt diese Formulierung »im Werden« so trefflich aus, dass alles im Fluss ist. Welche feine Absage ans Metaphysische!

Und in der Tat, auch mein Denken war weiter im Fluss. Im Weiteren fiel mir auf, dass ich mir beim Bekenntnis, Feministin zu sein, die Frage nach einem Text-Kanon, den es zu verinnerlichen galt, nie gestellt hatte. Bei Lichte betrachtet eine fragwürdige Hierarchisierung, die ich da unbewusst vorgenommen hatte. Der nach einem Mann benannten Weltanschauung musste man sich durch entsprechendes Studium als würdig erweisen. Beim Feminismus reichte die Einstellung? Hatten da etwa patriarchale Prägungen meine innere Zensorin beeinflusst?

Auffällig war auch, dass die meisten von uns sich jeweils als Marxistin UND Feministin beschrieben. Kaum eine fügte beide Verortungen in einen Begriff zusammen, also als feministische Marxistin oder marxistische Feministin. Als ob beide Weltanschauungen jeweils in Parallelwelten verortet wären. Sicherlich, beides war uns wichtig. Sicherlich, so ziemlich jede von uns hätte beschworen, Kapitalismus und Patriarchat gleichermaßen überwinden zu wollen. Und doch kam ich nicht umhin, mich zu fragen: Führen wir jeweils ein Doppelleben im Feminismus und im Marxismus? Unser Kampf gegen die herrschenden Produktions- wie Reproduktionsverhältnisse als Multitasking, als Hin-und-her-Wechseln zwischen verschiedenen Akteursrollen?

Mein Unbehagen wuchs. Als ich für den ersten Marxismus-Feminismus-Kongress, der von der Rosa-Luxemburg-Stiftung und dem InkriT (Institut für kritische Theorie) organisiert wurde, um einen Dreizeiler zur Beschreibung meiner Person gebeten wurde, schrieb ich ohne zu zögern: »Sie versteht sich als marxistische Feministin bzw. feministische Marxistin im Werden.« Nun war es raus. Und ich fragte mich, warum das so lange gedauert hatte. Nachdem die unbewusste Denkblockade gelöst war, konnte ich selbst nicht mehr recht verstehen, warum ich nicht schon immer so gesprochen hatte. Eigentlich liegt es ja auf der Hand.

Die beiden Herrschaftsverhältnisse, den Kapitalismus und das Patriarchat, als zwei unabhängig voneinander bestehende Formen der Ausbeutung und Unterdrückung zu analysieren, macht wenig Sinn. Die Verschränkungen sind offensichtlich. Wie wollen wir die schlechtere Entlohnung der Arbeit von Frauen, die ungleiche Verteilung der Reproduktionsarbeit zwischen den Geschlechtern oder die Warenförmigkeit der Frauenkörper unabhängig von der kapitalistischen Produktionsweise erklären? Und wie die kapitalistische Produktionsweise ohne die Ausbeutung der nicht entlohnten Arbeitskraft der Frauen auf der ganzen Welt für die Produktion des Lebens selbst?

Kompass für den gemeinsamen Weg

Die Lösung ist, Geschlechterverhältnisse selbst als Produktionsverhältnisse zu verstehen. Also nicht nur an einem Faden des Knotens zu ziehen, sondern den ganzen Herrschaftsknoten zu lösen, wie Frigga Haug es genannt hat (2013). Aus der Analyse der Verschränkung können wir dann Visionen für eine andere Gesellschaft entwickeln und Schritte hin zu ihrer Verwirklichung einleiten. Die Antwort kann nämlich nicht sein, entweder im Hier und Jetzt für die Verbesserung der Lebensbedingungen von Frauen zu kämpfen oder diese Verbesserung nur in der Überwindung des Kapitalismus zu suchen. Ich halte es mit Rosa Luxemburg und ihren Überlegungen zu einer »revolutionären Realpolitik«. Immer nur auf Sicht zu fahren führt schnell zu Irrwegen. Wer sich allein auf Abwehrkämpfe und Nahziele fokussiert, verrennt sich im Hamsterrad der alltäglichen Zumutungen.

Wir brauchen einen Kompass, der uns auf dem Weg in eine andere Gesellschaft auf Kurs hält. Dieser Kompass ist für mich die 4-in-1-Perspektive. Also die Vorstellung, dass im Leben von Männern und Frauen und all jenen, die nicht in die Zwei-Geschlechter-Ordnung passen wollen, gleichermaßen Zeit ist für vier zentrale Bereiche: 1. Erwerbsarbeit, 2. Reproduktions- bzw. Care-Arbeit, 3. politische Einmischung und 4. Arbeit an sich selbst, vorstellbar als Muße oder kulturelle Entfaltung. Dazu wurde bereits viel geschrieben und diskutiert (vgl. Debatte in LuXemburg 2/2011).

Zurück zum Verhältnis von Marxismus und Feminismus. Gemein ist beiden, dass sie jeweils eng verwoben sind mit Bewegungen. Die Entstehung des Marxismus ist unvorstellbar ohne Arbeiterbewegung und andersherum; der Feminismus nicht ohne Frauenbewegung und andersherum die Frauenbewegung nicht ohne den Feminismus. Und beide haben zum Ziel, mit Marx »alle Verhältnisse umzuwerfen, in denen der Mensch ein erniedrigtes, ein geknechtetes, ein verlassenes, ein verächtliches Wesen ist«. Jedoch ist die Beziehung von Frauenbewegung und Arbeiterbewegung alles andere als eine Liebesbeziehung. Obwohl die theoretischen und praktischen Verknüpfungen so offensichtlich sind, verstanden sich jeweils die real existierenden Bewegungen nur selten als im gemeinsamen Kampf verbundene, sich ergänzende. Abgrenzung und soziokulturelle Skepsis bestimmen teils bis heute ihre Koexistenz. Unterlassungssünden auf beiden Seiten. Wer sich als Frau in beide Bewegungen begibt, muss oft doppelte Arbeit leisten. Zu oft wird der Kampf gegen die Reproduktionsverhältnisse zur nachrangigen Frauenfrage degradiert, die zu warten hat. Darauf reagiert so manche linke Feministin mit Ignoranz gegenüber den ökonomischen Machtverhältnissen. Die Falle der antithetischen Fesselung schnappt zu.

Den Herrschaftsknoten lösen

Umso bemerkenswerter ist es, dass es doch immer wieder Ansätze und Bestrebungen gab, diese antithetische Fesselung zu überwinden und den Herrschaftsknoten in Gänze in Angriff zu nehmen. Inzwischen wissen wir, dass die Frage nicht lautet, gibt es eine Verknüpfung von Arbeiter- und Frauenbewegung, sondern: Was ist zu tun, um diese Verknüpfung konkret praktisch herzustellen.

Jede Weltanschauung, jede Bewegung bedarf zu ihrer Weiterentwicklung und Verstärkung ihrer Sichtbarmachung. So ausgesprochen, klingt es nach einer banalen Selbstverständlichkeit. Doch leider ist dies alles andere als selbstverständlich. Leider ist vielmehr das große Verschweigen, das silencing der übliche Gang der Dinge. So wie die Leistung von Frauen in der Geschichte zu großen Teilen dem Verschweigen anheimfiel, so wird die Produktion des Lebens, die immer noch überproportional von Frauen erledigt wird, beim Aufzählen der anrechenbaren Leistung verschwiegen. Hand aufs Herz, wir selber sind nur zu oft – unbewusst und wider Willen – Komplizinnen jenes patriarchalen Verschweigens. Sind wir doch so beschäftigt damit, als emsige Bienchen fleißig die Arbeit im Hintergrund wegzutragen. Sind wir doch viel zu sehr immer noch gefangen von der Vorstellung, Bescheidenheit sei eine Zier, und reagieren deshalb unwirsch, wenn Frauen diese Tugend so ganz missen lassen (komischerweise gilt dies meist
nur für weibliche Personen).

Eben jenes Verschweigen, jene Ignoranz drohte auch den Ansätzen des Feminismus-Marxismus. Woher kam der Begriff? Die Suche war mühsam. Wo der Ausdruck auftauchte, war er schon da. Schließlich schrieb Frigga Haug die vielen feministischen Marxistinnen an und fragte nach Herkunft, Namen, Zitaten. Das Resultat: Eine schob es der anderen zu, wurde unsicher. Es wurde aber klar, dass es an der Zeit sei, einen feministischen Marxismus weiter voranzutreiben, dessen Aufgaben ja noch lange nicht eingelöst sind, aber immer dringlicher werden.

Spätestens in dem Moment, in dem wir uns entscheiden, an diesem Prozess mitzuwirken, sind wir verloren für die unbewusste Komplizenschaft mit dem patriarchalen Verschweigen. Es ist an der Zeit für ein Bekennerschreiben »Ich bin eine feministische Marxistin.« Kurz: Ich bin eine fem-ma. Denn zur Sichtbarmachung gehört auch, Begriffe zu besetzen. Die Verknüpfung ist längst im Werden, beeinflusst unser Denken und Handeln. Knüpfen wir daran an. Wir haben immer noch so manche Kette abzuwerfen und eine Welt zu gewinnen. Eine Welt frei von den bisher herrschenden Produktions- und Reproduktionsverhältnissen.

Leicht veränderte Eröffnungsrede beim Kongress »Marxismus-Feminismus«, der im März 2015 in der Rosa-Luxemburg-Stiftung stattfand.

Literatur

Haug, Frigga, 2013: Herrschaft als Knoten denken, in: LuXemburg 2/2013