| Farbe bekennen. Wie ich lernte, dass Klasse zählt

April 2020  Druckansicht
Von bell hooks

»Ich habe viele Bücher zum Thema Ungerechtigkeit geschrieben; darüber, wie man der Ausbeutung von races, Geschlechtern und Klassen ein Ende setzen kann. Dies ist das einzige Buch, das sich konkret mit dem Thema Klasse befasst. Mehr als je zuvor rief das Schreiben einen Schmerz in mir hervor, der mich häufig im Herzen tief verletzt und weinend über 
meinem Schreibtisch zusammenbrechen ließ.«

Meine Reise zu einem Klassenbewusstsein begann für mich als Studentin am College, als ich die Politik der amerikanischen Linken kennenlernte, Marx, Fanon, Gramsci, Memmi, das Kleine Rote Buch und vieles mehr las. Doch als mein Studium endete, empfand ich meine Sprache noch immer als unzulänglich. Ich fand es noch immer schwierig, die Bedeutung von Klasse in Bezug auf race und Gender zu verstehen. […] Als ich begann, über Klasse zu schreiben, bemühte ich mich, mir meine eigene persönliche Reise – von der Arbeiterklasse hin zur Welt des Wohlstands – zu vergegenwärtigen, auch in dem Bestreben, ein größeres Bewusstsein für die Bedeutung von Klasse zu entwickeln.

Das Private ist politisch: Zur Bedeutung von Klasse innerhalb der Familie

Wenn man gemeinsam mit vielen Menschen auf engem Raum lebt, wächst man mit einer anderen Vorstellung von Eigentum und Privatsphäre auf, als Leute, die schon immer viel Platz hatten. In unserem Haus wurden die Zimmer geteilt. Unser erstes Haus, es war gemietet, hatte drei Schlafzimmer. Es war im Grunde ein Betonblock, der einst als Behausung für Arbeiter*innen gebaut worden war, die nur für kurze Zeit an diesen abgelegenen Ort kamen, um im Boden nach Öl zu suchen. Es gab nur wenige Fenster. Düster und kühl wie eine Höhle, war es ein Haus ohne Erinnerungen oder Geschichte. Auch wir hinterließen keine persönliche Note. Der Beton war zu massiv, als dass die Mittel eines Paares mit drei kleinen Kindern – und noch weiteren unterwegs – ausgereicht hätten, um ihr erstes Heim neu zu gestalten. Auf der Spitze eines kleinen Hügels gelegen, war das Haus von grünem Dickicht, wildem Geißblatt und überall wachsenden Brombeersträuchern umgeben. Mehr Festung als Zufluchtsort, war es für einen frisch verheirateten Ehemann und jungen Vater der perfekte Ort, um im Haus sein eigenes patriarchales Reich aufzubauen – hart, umfassend, kalt. […]

Es fehlte an so vielem: Es gab keine Badewanne. Wasser musste heiß gemacht, getragen und in riesige Zinnwannen geschüttet werden. Gebadet wurde in der Küche, um beim Ritual von Wasser erhitzen, schütten und waschen Zeit zu sparen. So etwas wie Privatsphäre gab es nicht. Wasser war knapp, wertvoll, wurde sparsam benutzt und niemals verschwendet. Zumindest sagten uns das die Erwachsenen. Es war eine bessere Geschichte als die versteckte Tatsache, dass Wasser Geld kostete. Dieser einfache ökologische Aspekt ließ es uns immer als magisch erscheinen. Es wurde wertgeschätzt und umsichtig behandelt. Im Sommer sehnten wir uns danach, nackt zu sein, in Planschbecken rumzuspritzen oder mit Schläuchen zu spielen, doch wir wussten es besser. […]

Ich weiß nicht, ob sich unsere Mutter je selbst als arm betrachtet oder der Arbeiterklasse zugehörig gefühlt hat. Sie war eine geschiedene Teenagerin mit zwei Töchtern als sie unseren Vater heiratete. In jenen Jahren lebten die Kinder aus der ersten Ehe bei ihrem biologischen Vater. An den Wochenenden kamen sie zu Besuch zu uns. Vermutlich hatte mein Vater meine Mutter geheiratet, weil sie schwanger war. […] Er wollte sie haben, auch wenn er sich nicht wirklich sicher war, ob er tatsächlich eine feste Bindung eingehen wollte – ohne die Möglichkeit, fortan weiterhin um die Häuser ziehen zu können. Mama, wie auch ihre wunderbaren Schwestern und der gutaussehende Mann, den sie geheiratet hatte, liebte Spaß und Freiheit. Sie zog gern um die Häuser. Aber sie spielte auch gerne Vater-Mutter-Kind. Und der Betonklotz bedeutete für sie die Erfüllung tiefsitzender Sehnsüchte. Es gab kein Zurück – keine Wiederkehr, keine Tränen, kein Bedauern.

Arm zu sein und zur Arbeiterklasse zu zählen, war im Betonklotz nie ein Thema. Wir waren zu jung, um die Bedeutung von Klasse zu verstehen, und um die Träume unserer Mutter, sich auf und davon zu machen und ihr Elternhaus hinter sich zu lassen, teilen zu können. Ein Mädchen ohne ordentliche Ausbildung, ohne den richtigen Hintergrund, konnte ihren Status nur durch eine Ehe verändern. Als Ehefrau gebührte ihr Respekt. All ihre Träume drehten sich um materiellen Status, und darum, eine Welt zu betreten, in der sie all das hätte, was zu einem Leben gehörte, in dem man es zu etwas gebracht hatte. In den Augen der Welt galten die Leute in ihrem Elternhaus, die ohne Sozialversicherung lebten, eine altmodische Art hatten und das Radio dem Fernseher vorzogen, als arm.

Sogar als Kinder war uns schon klar, dass unser Vater mit seiner Schwiegermutter alles andere als zufrieden war. Er war der Ansicht, dass sie ihren Ehemann dominierte und auch ihren Töchtern beigebracht hatte, ihre Männer so zu behandeln. Noch vor der Hochzeit ließ er Mutter wissen, wer in dieser Ehe die Hosen anhaben würde. Es würde immer sein Haus sein.

Das Haus, aus dem meine Mutter stammte, war ein weitläufiger zweistöckiger, mit Brettern umrahmter Holzverschlag, der je nach Laune von Baba, der Mutter meiner Mutter, um weitere Räume erweitert wurde. Als wir geboren wurden, war sie schon alt und lebte dort gemeinsam mit ihrem Ehemann, unserem geliebten Großvater Daddy Gus. Er war alles, was sie nicht war. Ein gottesfürchtiger ruhiger Mann, der die Regeln befolgte und nie seine Stimme oder Hand erhob. Er war der Heilige unserer Familie. Baba war die geliebte Teufelin, ein gefallener Engel. Was sie sagte, war Gesetz – sie gebrauchte ihre scharfe Zunge, ihren Jähzorn sowie ihren schonungslosen Witz und Willen, damit alles nach ihren Vorstellungen lief.

Anders als der Betonklotz, war das Haus in dem Mutter in der 1200 Broad Street aufgewachsen war, die Verkörperung einer verzauberten Erinnerung. Veränderungen wurden weder benötigt noch waren sie gewollt. Die altbewährten Lebens- und Verhaltensweisen, waren die einzigen, an denen festgehalten wurde, die einzigen, für die es sich lohnte, Opfer zu bringen. In Babas Haus war alles, was selbstgemacht werden konnte von höherem Wert. Es war ein Haus, in dem Selbstversorgung an der Tagesordnung war. Der Garten war da, um Gemüse und Blumen anzupflanzen und um Würmer zum Angeln zu züchten. Kleine illegale Verschläge auf der Rückseite des Hauses dienten als Behausung für die Hühner, die frische Eier legten. Selbstgezüchtete Trauben wuchsen, um später Wein daraus zu machen; aus angebautem Obst wurde Marmelade gekocht. Dies war ein Haus, in dem niemals irgendetwas weggeworfen wurde und alles eine Verwendung hatte. Für ein Kind war es unmöglich, zu erkennen, dass dies ein Haus von Erwachsenen ohne Sozialversicherungsnummer und ohne regelmäßige Arbeit war. Alle im Haus waren ständig beschäftigt. Müßiggang und Selbstversorgung passten einfach nicht zusammen. Alle Zimmer im Haus waren angefüllt mit Erinnerungen; jedes Teil hatte eine Geschichte, die von Mündern erzählt wurden, die schon lange Zeit in dieser Welt gelebt hatten, Münder, die sich erinnerten. […]

Jeder in unserer Welt sprach über race, niemand über die Bedeutung von Klasse. Obwohl wir wussten, dass Mama während ihrer Teenagerinnenjahre das hinterwäldlerische Haus und die altmodische Lebensweise verlassen und davonlaufen wollte, um neue Dinge zu besitzen, im Laden gekaufte Sachen, sprach niemand über Klasse. Niemand sprach über die Tatsache, dass in der 1200 Broad Street niemand einer ›richtigen‹ Arbeit nachging oder echtes Geld verdiente. Niemand nannte ihren Lebensstil ›alternativ‹ oder ›utopisch‹. Und obwohl es die 1960er-Jahre waren, betrachtete niemand sie als Hippies. Es war einfach die Welt, in der die alten Lebensweisen erhalten blieben. Es war die vormoderne Welt, die Welt armer bäuerlicher Schwarzer Landbesitzer*innen, die im Süden unter einem rassistischen Regime der Apartheid lebten. […] Als kleines Mädchen wollte ich mehr als alles andere in dieser altmodischen Welt leben. Stattdessen musste ich mit meiner Mutter in der Neuen Welt leben. Innerlich war mein Herz gebrochen und ich fühlte mich zerrissen. Ich hatte eine alte Seele und die Welt des Neuen konnte mich nicht beeindrucken.

Ich war weit von zu Hause entfernt, als ich realisierte, dass mein schlauer und als Hausmeister in einem Postamt hart arbeitender Vater nichts als eiskalte und tiefe Verachtung für diese nicht-lesenden Schwarzen Leute, die nicht zwingend nach dem Gesetz lebten, übrig hatte. Als patriotischer Patriarch lebte er streng nach dem Gesetz und war stolz darauf. Auch Mutter zeigte er offen seine Verachtung für die Welt, aus der sie kam und verstärkte damit nicht nur die Scham für ihre Gesellschaftsschicht, sondern auch ihre Sehnsucht danach, soweit sie konnte von den alten Bräuchen wegzuziehen, ohne alle Verbindungen je ganz abzubrechen.[…]

Um zu überleben, musste meine Mutter ihren Frieden mit der Welt des Modernen und Neuen machen. Indem sie der alten Welt den Rücken kehrte, öffnete sie ihr Herz und ihre Seele für die billige Welt der im Laden gekauften Dinge. Entschlossen aufzusteigen, verfrachtete Mutter uns vom Land in die Stadt, raus aus dem Betonklotz und hinein in das Haus von Herrn Porter. Und das war ein richtiges Haus – voller Geschichte und Erinnerungen. […] In diesem zweistöckigen Haus, mit dem nachträglich angebautem Schlafzimmer, lebten wir gemeinsam mit Herrn Porters Geist und seinen Erinnerungen. Zu diesem Zeitpunkt bestand unsere Familie aus sechs Mädchen, einem Jungen, Mutter und Vater. Fern vom einsamen Haus auf dem Hügel mussten wir lernen, mit den wachsamen Augen und flüsternden Zungen der Nachbarn zu leben. Mutter war fest entschlossen, dass weder über sie noch über ihre Kinder schlecht geredet werden würde. Wir waren in ein gehobenes Viertel gezogen, in dem pensionierte Lehrer*innen und ältere Frauen und Männer wohnten. Wir mussten lernen, uns entsprechend zu benehmen. […]

In Herrn Porters Haus wurden wir uns alle zunehmend der Bedeutung von Geld bewusst. Wie für die meisten Schwarzen in unserem Viertel, hatten Geldprobleme auch für uns, mehr als alles andere, mit ethnischer Zugehörigkeit und der Tatsache zu tun, dass die weißen Leute die guten Jobs – jene mit guter Bezahlung – für sich selbst behielten. Obwohl unser Vater mit seinem Job ein anständiges Gehalt verdiente, bedeutete diese rassistische Apartheid, dass er niemals das Gehalt eines weißen Mannes verdienen würde, auch wenn er die gleiche Arbeit verrichtete. Als Schwarzer im rassistischen Süden konnte er sich glücklich schätzen, dass er überhaupt einen Job mit regelmäßigem Einkommen hatte.

Ein Mann zu sein und das Geld nach Hause zu bringen, gab Vater das Recht zu herrschen, alles zu entscheiden und die Autorität unserer Mutter jederzeit zu untergraben. Mehr als alles andere hasste unser Vater an seinem Eheleben, dass er sein Geld teilen musste. Er rückte nur wenig Haushaltsgeld heraus und verlangte für alle Ausgaben die entsprechenden Belege. Um sicher zu gehen, dass es keinen unnötigen Überfluss gab, gab er gerade so viel von seinem Geld ab, dass es kaum reichte, um die Ausgaben zu decken. Wenn es um die materiellen Bedürfnisse heranwachsender Kinder ging, war für ihn fast alles Luxus – von Schulbüchern bis hin zur Kleidung für die Schule. Ständig hatten wir sein Mantra im Ohr, dass er selbst solche Extras (Geld fürs Orchester, für Sportkleidung) als Heranwachsender nicht benötigt hätte. Meist tat er so, als gingen ihn diese Probleme nichts an.

Mutter hatte Verständnis für unsere materiellen Sehnsüchte. Sie hörte sich das Klagen über unseren Mangel geduldig an. Und sie war diejenige, die versuchte, uns unsere Herzenswünsche zu erfüllen, ohne dabei jemals über die Bedeutung von Klasse oder ihren eigenen Wunsch zu sprechen, dass ihre Kinder sich einmal auf Gebieten hervortun sollten, die ihr selbst nie offen gestanden hatten. Mehr als Klasse war für Mutter Sexualität – die Gefahr einer ungewollten Schwangerschaft – der sichere Weg, sich als Frau die Zukunft zu verbauen. Und obwohl sie ihre Töchter nie dahingehend drängte, einen Mann nur des Geldes wegen zu heiraten, beschwor sie drohende Armut, um uns vor Sexualität zu warnen. Zudem drängte sie uns ständig, uns auf unsere Bildung zu konzentrieren, um einmal gute Jobs bekommen zu können. […]

Frauen, die Sozialhilfe empfingen wurden bemitleidet. Nicht weil sie keine Jobs hatten, sondern weil sie keine Männer hatten, die sie zu respektablen Frauen machten. Im Alter von sechzehn Jahren begann ich, tief in mir drin zu spüren, dass respektabel zu sein und Respekt zu erhalten, nicht das Gleiche war. Alle, die Aretha Franklin zugehört hatten, wusste das. Bei Respekt ging es darum, so gesehen und behandelt zu werden, als sei man von Bedeutung. Männer wie mein Vater hatten keinen Respekt vor Frauen. Ihrer Ansicht nach konnte eine Frau, wie jedes andere Objekt auch, gekauft werden. Was gab es da zu respektieren? […]

Alle sprachen über Geld, niemand sprach über die Bedeutung von Klasse. Wie in den meisten Städten im Süden, in denen Rassismus an der Tagesordnung blieb, auch lange nachdem Gesetze in Büchern zur Aufhebung der ›Rassentrennung‹ festgeschrieben worden waren, lebten Schwarze Menschen auf der einen Seite der Straße und die weißen auf der anderen. Die gesetzlich festgeschriebene Aufhebung der ›Rassentrennung‹ änderte daran nichts. Egal wie viel Geld Schwarze verdienen konnten, sie blieben auf Schwarze Räume beschränkt. Dies erweckte den Anschein, dass wir tatsächlich in einer Welt lebten, in der Klasse keine Rolle spielte; sondern vielmehr ethnische Herkunft und Hautfarbe. Geld war wichtig. Doch konnte man mit keinem Geld der Welt die eigene Hautfarbe ändern. Jeder hielt an dem Glauben fest, dass race der entscheidende Faktor war, wenn es darum ging, dass alle Schwarzen Menschen das gleiche Schicksal teilten – egal wie hoch ihr Vermögen in Dollars war.

Während in unserem Haushalt nie über die Bedeutung von Klasse gesprochen wurde, wurde die Wichtigkeit von Arbeit – hart zu arbeiten – hoch geschätzt. Unser Vater arbeitete hart in seinem Job, und Mutter arbeitete zu Hause schwer. Harte Arbeit war eine Tugend. […]

Klassenbewusstsein entwickeln

Als Kind wollte ich oft Dinge haben, die sich meine Eltern nicht leisten konnten. Anstatt uns zu sagen, dass es dafür an Geld fehlte, manipulierte uns Mutter häufig dahingehend, den Wunsch verschwinden zu lassen. Manchmal würdigte sie uns herab und beschämte uns wegen des Objekts unserer Begierde. Daran erinnere ich mich noch sehr gut. Das wunderschöne gelbe Kleid, das ich unbedingt haben wollte, wurde in ihrem Geschichten erzählenden Mund zu einem wirklich hässlichen Teil, das angeblich so aussah, als ob es eine Mammy – ein Schwarzes Kindermädchen, das weiße Kinder hütete – zusammengenäht hätte, und das kein Mädchen, das etwas auf sein Aussehen gab, sich jemals wünschen würde. Oftmals wurden meine Wünsche als wertlos und dumm dargestellt. Ich lernte, ihnen zu misstrauen und sie verstummen zu lassen.

Ich lernte, dass es mir innerlich besserging, wenn ich nicht über Geld nachdachte oder mir erlaubte, mich irgendwelchen Fantasien oder Wünschen hinzugeben. Ich lernte die Kunst der Verdrängung. Bevor mir klar war, dass Geld eine Rolle spielt, hatte ich mir oft Dinge gewünscht, die teuer waren, Dinge, die sich ein Mädchen meiner sozialen Gesellschaftsschicht für gewöhnlich nicht wünschte. Aber damals war ich noch ein Mädchen, das sich der Bedeutung von Klasse nicht bewusst war, und ich dachte nicht, dass meine Wünsche dumm und falsch waren. Und als ich herausfand, dass sie es doch waren, ließ ich sie los. Ich konzentrierte mich aufs Überleben, darauf zurechtzukommen.

Als ich ein College auswählte, an dem ich studieren wollte, kam das Geldproblem auf und musste besprochen werden. Selbst wenn ich mich um Darlehen und Stipendien bemühte, und alles, was im Zusammenhang mit dem Studium stand, bezahlt wurde, blieben doch immer noch Fahrtkosten, Bücher und eine Vielzahl anderer versteckter Kosten. Mutter ließ mich wissen, dass für derlei Extrakosten kein Geld zur Verfügung stand, weshalb sie mich drängte, ein College zu besuchen, das in der Nähe lag, was finanziell helfen würde. In meinem ersten Jahr besuchte ich also ein nahegelegenes College. Eine schlicht aussehende, weiße College-Studienberaterin hatte in unserem Wohnzimmer gesessen und meinen Eltern erklärt, dass für alles gesorgt sei, dass mir ein Vollstipendium gewährt worden sei, dass meine Eltern für nichts würden bezahlen müssen. Sie wussten es besser. Sie wussten, dass da immer noch Fahrtkosten waren, Kleidung, all die versteckten Kosten. Dennoch fanden sie diese Schule akzeptabel. Sie konnten mich dort hinfahren und wieder abholen. Ich musste an den Feiertagen nicht extra nach Hause kommen. Ich könnte es schaffen.

Nachdem mich meine Eltern an dem vornehmlich weißen College abgesetzt hatten, sah ich das Entsetzen im Gesicht meiner Mitbewohnerin, weil sie bei jemanden untergebracht würde, der Schwarz war, also bat ich um einen Wechsel. Zweifelsohne hatte auch sie ihre Bedenken geäußert. Ich bekam ein winziges Einzelzimmer nahe dem Treppenhaus. Meine Kommiliton*innen hielten Abstand zu mir. Ich aß in der Cafeteria und musste mir keine Gedanken darüber machen, wer außerhalb dieser Welt für Pizza und Getränke zahlen würde. Ich behielt meine Wünsche, meine Armut und Einsamkeit für mich; ich kam zurecht.

Ich ging nur selten shoppen. Von Zuhause bekam ich Pakete mit funkelnagelneuen Kleidern geschickt, die Mutter gekauft hatte. Obwohl wir nie darüber sprachen, wollte sie nicht, dass ich mich unter den vielen privilegierten weißen Mädchen schämen musste. Ich war das einzige Schwarze Mädchen in meinem Wohnheim. Es gab in mir keinen Platz für Scham. Ich fühlte Verachtung und Desinteresse. Mit ihrem Gekicher und ihrer Besessenheit zu heiraten, waren die weißen Mädchen an der Frauenuniversität wie Außerirdische für mich. Wir kamen nicht vom gleichen Planeten. Ich lebte in der Welt der Bücher. Die einzige weiße Frau, die zu meiner engen Freundin wurde, lernte ich kennen, als ich las. Ich versteckte mich im Schatten eines Baumes mit riesigen Ästen, die Art von Bäumen, die scheinbar mühelos auf gut betuchten Universitätsgeländen wuchsen. […]

Als junge Frau, deren Familie aus Illinois kam, aber ursprünglich aus der ehemaligen Tschechoslowakei eingewandert war, verstand sie die Bedeutung von Klasse. Wenn sie von den anderen Mädchen sprach, die mit ihrem Reichtum und ihren familiären Verhältnissen angaben, lagen Verachtung, Wut und Neid in ihrer Stimme. Neid war immer etwas, das ich zu verdrängen versuchte. Ließ man ihn zum Trost zu nah an sich heran, konnte Neid zur Verblendung und schließlich zu einem Verlangen führen. Ich begehrte nichts, was sie hatten. Sie begehrte alles und schämte sich nicht, ihre Wünsche offen auszusprechen. Aufgewachsen in der Art von Gemeinschaft, in der ständig darum gewetteifert wurde, wer das Größte, Beste was-auch-immer kaufen konnte, in einer Welt der organisierten Arbeit, der Gewerkschaften und Streiks, verstand sie die Welt der Bosse und Arbeiter*innen, derjenigen, die alles, und jener, die nichts hatten.

Die weißen Freund*innen, die ich in der Highschool gekannt hatte, waren mit den Privilegien ihrer Klasse bescheiden umgegangen. Aufgewachsen wie ich, mit den Traditionen der Kirche, die uns gelehrt hatte, sich ausschließlich mit den Armen zu identifizieren, wussten wir, dass sich im Überfluss das Böse verbarg. […]

Eine meiner Englisch-Professorinnen hatte an der Stanford University studiert. Sie war der Ansicht, dass dies der richtige Ort für mich sei – ein Ort, an dem Intellekt mehr wertgeschätzt wurde als dumme Spielchen und die akademische Arbeit nicht vom Styling und der Suche nach einem geeigneten Ehemann überschattet wurde. […] All die kaum ausgesprochenen Erkenntnisse über Klassenprivilegien, die ich während meines ersten Jahres am College gewonnen hatte, hatten mir nicht die Augen für die Realität von Klassenscham geöffnet. Noch immer war mir nicht in den Sinn gekommen, dass meine Mutter sich deshalb entschieden weigerten, irgendwelche Probleme mit Geld zuzugeben, weil ihr Schamgefühl in Bezug auf ihre Klasse tief- und festsaß. Und als sich diese Scham mit ihrem Bedürfnis mischte, die minderwertige, hinterwäldlerische Kultur ihrer Familie hinter sich gelassen zu haben, war es ihr unmöglich, geradeheraus über die Belastung zu sprechen, die mein Studium in Stanford für die Familie bedeutete. […]

Als meine Eltern sich weigerten, mir die Erlaubnis zu geben, nach Stanford zu gehen, akzeptierte ich ihr Urteil für eine Weile. Überwältigt vom Schmerz, war ich wochenlang kaum in der Lage zu sprechen. Mutter versuchte meinen Vater umzustimmen, weil Leute außerhalb ihrer Welt ihr erklärt hatten, was für ein Privileg es war, eine solche Gelegenheit zu haben. Ich entschied, dass ich auch ohne ihre Erlaubnis gehen würde. Und obwohl mir meine Mutter ihre Zustimmung nicht gab, war sie bereit zu helfen.

Aufgrund meiner Entscheidung, waren wir gezwungen über Geld zu sprechen. Mutter erklärte, dass Kalifornien zu weit weg war, dass es immer Kosten verursachen würde, dort hinzukommen, dass sie mir nicht zur Hilfe eilen konnten, falls etwas schieflief, und dass ich nicht in der Lage sein würde, an den Feiertagen nach Hause zu kommen. All das hörte ich, doch war mir die Bedeutung nicht klar. Ich war einfach nur erleichtert, dass ich nicht an die Frauenuniversität zurückkehren würde, dem Ort, an dem ich eine richtige Außenseiterin gewesen war.

In Stanford gab es andere Schwarze Studierende. Es gab sogar ein Wohnheim, in dem viele von ihnen lebten. Ich hatte nicht gewusst, dass ich auch dort hätte wohnen können, daher zog ich in das Wohnheim, das mir zugewiesen wurde. […] Die Stanford Universität war ein Ort, an dem man von Grund auf alles über die Bedeutung von Klasse lernen konnte. Aufgebaut von einem Mann, der an harte Arbeit geglaubt hatte, sollte es ein Ort sein, an dem Studierende aller sozialen Schichten – Frauen und Männer – zusammenkommen konnten, um gemeinsam zu arbeiten und zu lernen. Es sollte ein Ort der Gleichberechtigung und des Kollektivismus sein. Seine Visionen wurden von vielen als fast schon kommunistisch betrachtet. Die Tatsache, dass er reich war, ließ alles weniger bedrohlich erscheinen. Vielleicht, weil niemand wirklich daran glaubte, dass die Vision realisiert werden könnte. […]

In Stanford wollten meine Kommiliton*innen mich kennenlernen, fanden es hip, niedlich und regelrecht aufregend mit einer Schwarzen Person befreundet zu sein. Sie luden mich auf teure Urlaube und Ski-Ausflüge ein, die ich mir nie hätte leisten können. Sie boten an zu bezahlen. Ich fuhr nie mit. Zusammen mit anderen Studierenden, die auch nicht aus privilegierten Familien kamen, suchte ich nach einer Unterkunft, in der ich während der Feiertage und der Zeit, in der das Wohnheim geschlossen war, unterkommen konnte. Wir trafen uns und sprachen über die absurde Annahme, dass alle das nötige Geld zum Verreisen hätten. Das Personal hatte ebenfalls Urlaub, weshalb auch alle Studierenden gehen mussten. Dann und wann blieben die Mitarbeiter*innen während der Feiertage da und ließen auch uns dableiben. Einmal nahm mich eine der Frauen, die für das College putzte, mit zu sich nach Hause. […]

Zuerst wohnte ich gemeinsam mit einem Mädchen, das ebenfalls aus der Arbeiterklasse stammte – ein wunderschönes weißes Mädchen aus Orange County, die wie auf den Bildern aussah, die ich auf dem Cover des Seventeen Magazine gesehen hatte. […] Wie die Freundin aus meinem ersten Jahr am College wusste auch sie, wie es sich anfühlte, in der Welt der Reichen arm zu sein. Aber anders als ich, war sie fest entschlossen, eine von ihnen zu werden. Wenn das bedeutete, dass sie die hübschen Klamotten stehlen musste, hatte sie kein Problem damit. Und wenn es bedeutete, dass ein privilegierter Freund ab und an ein paar Blutergüsse auf ihrem Körper hinterließ, war es auch das Risiko wert. Sie war überzeugt, dass die Welt, die die Reichen erschaffen hatten, insgesamt unfair war – alles ein einziger großer Betrug; um vorwärts zu kommen, musste man das Spiel mitspielen. Für sie war ich ein unschuldiges Ding, ein Lamm, das zur Schlachtbank geführt wurde. Es überraschte sie kein bisschen, als ich begann, unter dem Druck widersprüchlicher Werte und Sehnsüchte zu zerbrechen. […] Tatsächlich glaubten fast alle um mich herum, dass Leute aus der Arbeiterklasse keine Werte hatten. Ausgerechnet an der Universität, wo sich der Gründer Leland Stanford vorgestellt hatte, dass sich verschiedene soziale Schichten auf einer gemeinsamen Basis treffen, musste ich feststellen, wie sehr Menschen mit Klassenprivilegien die Arbeiterklasse fürchteten und hassten. Ich war schockiert, wenn ich hörte wie Kommiliton*innen ihrer Verachtung und ihren Hass gegenüber Leuten Ausdruck verliehen, die nicht den richtigen Hintergrund mitbrachten. Naiv, wie ich war, glaubte ich, dass sie diese Ansichten hatten, weil sie so jung waren, dass der Mangel an Lebenserfahrung diese Ansichten aufrechterhielt und rechtfertigte. Ich hatte immer gearbeitet. Angehörige der Arbeiterklasse hatten mich immer ermutigt und unterstützt.

Um in dieser neuen Welt der getrennten Klassen zu überleben, der Welt, in der ich auch zum ersten Mal auf eine Schwarze bürgerliche Elite traf, die genau wie ihre weißen Gegenparts nichts als Verachtung für Arbeiter*innen übrighatten, musste ich Stellung beziehen, um mir meiner eigenen Klassenzugehörigkeit klar zu werden. Dieser Wahrheit ins Gesicht zu sehen, war am schwersten. Da man mir mein Leben lang beigebracht hatte, dass Schwarze Menschen untrennbar und solidarisch im gemeinsamen Kampf gegen Rassismus verbunden waren, wusste ich nicht, wie ich auf die elitären Schwarzen, die voller Verachtung für alle waren, die nicht ihre Klasse oder Lebensweise teilten, reagieren sollte. […]

Während meiner Jahre als Doktorandin, wurde mir wieder und wieder gesagt, dass ich nicht das richtige Auftreten für eine Doktorandin an den Tag legte. Langsam begriff ich, dass in der akademischen Welt für Leute aus der Arbeiterklasse nur Platz war, wenn sie bereit waren, ihre Vergangenheit hinter sich zu lassen. Das war der Preis für die Eintrittskarte. Arme Studierende wurden an den besten Studieneinrichtungen nur dann willkommen, wenn sie gewillt waren, ihre Erinnerungen aufzugeben, die Vergangenheit zu vergessen und die assimilierte Gegenwart als die einzig erstrebenswerte und bedeutsame Realität anzuerkennen.

Oft hatten Studierende aus nicht privilegierten Verhältnissen einen Nervenzusammenbruch, weil sie nicht vergessen wollten. Sie konnten die Last all der Widersprüche, mit denen sie konfrontiert wurden, nicht ertragen. Sie waren am Boden zerstört. In den meisten Fällen brachen sie das Studium ab, ohne einen Hinweis auf ihre inneren Qualen zu hinterlassen; es gab keine institutionellen Protokolle, wie ihre Sicht auf die Welt von einer elitären Vision von Klasse und Privilegien angegriffen wurde. Die Aufzeichnungen gaben lediglich an, dass sei, selbst nachdem sie finanzielle Hilfe und andere Unterstützung erhalten hatten, es einfach nicht geschafft hatten, dass sie schlicht nicht gut genug gewesen waren. […]

Als ich promovierte, fühlte ich eine große Unsicherheit darüber, wer ich geworden war. Ich war unsicher, ob ich das Studium geschafft hatte, ohne mich und meine Werte, an die zu glauben ich erzogen worden war, zu verlieren – harte Arbeit, Aufrichtigkeit und Respekt für alle, ungeachtet ihrer Klasse. Als ich mein Studium schließlich abschloss, war meine Treue zur arbeitenden Klasse ungebrochen. Auch wenn meine Füße die ersten Schritte auf dem Weg in Richtung Klassenprivilegien gegangen waren. Es würde immer Widersprüche geben. Es würde immer Konfrontationen rund um das Thema Klasse geben. Ich würde immer wieder überprüfen müssen, wo ich stehe.

Mit freundlicher Genehmigung veröffentlichen wir einen gekürzten Auszug aus ihrem Buch »Where We Stand: Class Matters«, das demnächst unter dem Titel »Die Bedeutung von Klasse« im Unrast Verlag auf Deutsch erscheint.

Aus dem amerikanischen Englisch von Jessica Yawa Agoku