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Die Zukunft beginnt Heute

Von Christina Kaindl

»… die ewige Unsicherheit und Bewegung zeichnet die Bourgeoisepoche vor allen anderen aus. […]
Alles Ständische und Stehende verdampft.«
(Kommunistisches Manifest)

Im Zentrum des Kapitalismus steht die Zukunft. Seine sozialen Formen können veralten, aber er ist nicht altbacken. Verwertung sucht fortwährend neue Grenzen, die in Schranken verwandelt und überwunden werden: die Poren des Arbeitstages schließen, die weißen Flecken auf dem Globus kapitalisieren, die Mittel der Reproduktion zu Waren machen, Raum und Zeit vernichten, indem die Produktion um den Globus gestreut und just in time kommuniziert wird. Wie Digitalisierung und Industrie 4.0 eine neue Zukunft einläuten, kann noch nicht ausgemacht werden. Technik und Produktivität setzen sicherlich zum nächsten Sprung an. Auch in welchen sozialen Formen das gelebt werden wird, ist unklar: als Massenerwerbslosigkeit, weil Produktivitätswachstum weiter mit steigender Ausbeutung verbunden ist, statt die Arbeitszeit gerechter und zum allgemeinen Wohlsein zu verteilen, oder als ein neues soziales Gleichgewicht auf Grundlage konsequenter Verteilungspolitik? Die Zukunft ist offen, aber nicht beliebig. Sie entspringt nicht einfach technischen Innovationen. Fürs Erste wird der 3-D-Drucker die Trennung zwischen Kapital und Arbeit nicht aufbrechen, auch wenn wir uns in Zukunft unsere Zahnspange oder unser Designobjekt selbst ausdrucken können. Die Produktionshalle, eher technisch als ›3-D-Drucker‹ zu bezeichnen, in der eine chinesische Firma im vergangenen Jahr begonnen hat, Häuser ›auszudrucken‹, maß 150 x 10 x 6,6 Meter. Dass Millionen Endverbraucher diese im Alltag anwenden, ist vorerst nicht zu erwarten. An den verschiedenen Schüben von Hochtechnologisierung und daran, wie ›der Markt‹ bis zu den Beschäftigten am Produktionsband vordringt, haben wir gesehen, wie der Mensch neben die Maschine tritt – und bisweilen abtritt. Allein die technische Entwicklung oder der Umstand, dass Anleitungen für 3-D-Drucker im Internet zugänglich sind und teils außerhalb des Lohnverhältnisses programmiert wurden, wird den Kapitalismus jedoch so wenig in Luft auflösen, wie es die Beteiligung von Beschäftigten am Unternehmenseigentum mittels Aktien tat.

Die Zukunft ist offen

Da Zukunft offen ist, wird Handeln vervielfältigt, um Risiken zu verringern (vgl. Rilling 2014, 18). Das schließt ein mögliches Ende der Zukunft, zumindest der Menschen auf dem Globus nicht aus. Die Denkfigur einer Erde ohne Menschen und einer Zukunft als Katastrophe ist mit der Romantik aufgekommen. Nicht erst seit der Gefahr eines Nuklearkriegs oder einer Klimaapokalypse ist dieser Bezug auf eine katastrophische Zukunft auch in linken Diskussionen präsent. Spätestens seit Rosa Luxemburgs Sozialismus oder Barbarei ist die Bedrohung der kapitalistischen Zukunft ein fester Bestandteil linken Denkens. Auch die Barbarei verändert ihre Gestalt: die ersten Massenvernichtungswaffen der Weltgeschichte, der Vernichtungskrieg der Nazis, Hungerkatastrophen, Militärdiktaturen. Sie erweist sich als ein Durchgangsstadium auf dem Weg zu neuen Verwertungsstrategien und Regulationsformen.

Die Befreiung der Menschen und die der gesellschaftlichen Reproduktion von der Notwendigkeit menschlicher Arbeit ist der Möglichkeit nach ein Glück. Jürgen Kuczynski sprach schon in den 1990er Jahren davon, dass die notwendige Arbeit – wäre sie gerecht verteilt – in Zukunft auf einen Bruchteil sinken könnte, zwei Tage pro Woche oder gar eine begrenzte Arbeitsphase im Leben von einigen Jahren. Bleiben die zentralen Dimensionen des Kapitalismus unangetastet, ist diese Vision für die meisten Menschen jedoch mit Schrecken verbunden. Dann bedeuten kürzere Arbeitszeiten eine Verdichtung von Arbeit, statt deren Umverteilung. Solange es keinen Transfer des gesellschaftlichen Reichtums von Unternehmensgewinnen zu Löhnen gibt, ist auch bei kürzerer Arbeitszeit eine volle Teilhabe an der Gesellschaft nicht möglich. Diese setzt voraus, dass aus dem gemeinsam Erarbeiteten auch die gemeinsamen Garantien des Lebens, der Bildung, Kultur und Erholung gebildet werden, als öffentliche Daseinsvorsorge und als Commons. Ein Mehr an Zeit ohne Existenzangst würde Fragen des Zusammenlebens und der Demokratie in den Mittelpunkt rücken: Wie wollen wir leben, was wollen wir wie produzieren, wie lässt sich Wirtschaft an den Bedürfnissen der Menschen ausrichten? Können die Kommunikationstechniken helfen, Demokratie zu vertiefen? Fragen für eine offene Zukunft. Sie sind der schwankende Horizont, behelfsmäßig gesprochen als Sozia­lismus – grün, demokratisch und lustvoll –, auf den sich linkes Zukunftsdenken bezieht.

Mit dem Untergang des Staatssozialismus sollte es ein Ende haben mit einer gänzlich anderen Zukunft. Die Struktur der Zeit selbst wurde dem Markt und der Spekulation überlassen. Die Zukunft sollte zwar schnell, ungeahnt, neuartig und vielfältig sein, aber eben nie wieder grundlegend anders. Klaus Holzkamp hat als ein Charakteristikum des »deutenden Denkens« ausgemacht, dass es die Möglichkeit verändernden Handelns von vornherein ausschließt, dass Zukunft nur so gedacht werden kann, dass sie »keine neuen Entwicklungen und Qualitätsstufen [erbringt], sondern lediglich als eine Extrapolation, quasi ›Reihenbildung‹ der Struktur des ›Unmittelbaren‹ auf dem zeitlichen Kontinuum« (1983, 389, Herv. im Original). Die Herausforderung an linkes Denken ist, Entwicklungsdenken zu sein: Zukunft kann nicht ›mehr vom Gleichen‹ sein, nicht einfach bunter und schneller. Sie kann den gegebenen Zustand nicht einfach überspringen. Ohne seine Haken in die Gegenwart zu schlagen, bleibt Entwicklungsdenken Wunschdenken, kitschig und folgenlos. Die Pfade der Transformation müssen beim Gehen geschaffen werden. Dass die Gegenwehr machtvoll ist, betont Gramscis Begriff des »Stellungskriegs«. Es geht auch um die Nachschublinien, um das gesamte »industrielle und organisatorische System des Territoriums« (Gramsci 2012, 1588). Das Terrain wandelt sich mit jeder Auseinandersetzung.

Verstellte Zukunft

Die Bundesregierung hat eine enorme Fähigkeit, Strukturen unangetastet zu lassen, die Verhältnisse zu versteinern und gleichzeitig zu vermitteln, dass es vorangehe, für alle gesorgt sei. Dabei zeigt sich aus unterschiedlichen Pers­pektiven, dass eine Fortsetzung des Bestehenden die Zukunft der Mehrheit der Menschen gefährdet, dass es so nicht weitergehen kann. Das Modell der Produktion beruht auf Exportmaximierung und Prekarisierung, es verschärft die Widersprüche von arm und reich. Im Zentrum des finanzgetriebenen Kapitalismus steht die Wette auf die Zukunft. Diese kennt aber keine gesellschaftliche Verantwortung. Der finanzgetriebene Kapitalismus kann nur überleben, wenn er Gesellschaft und Natur ohne Hemmung malträtiert: durch die Umverteilung der Einkommen und Vermögen, durch die Inwertsetzung weiter Bereiche des öffentlichen Eigentums, durch eine Politik, die Löhne senkt, die die Versorgung der Bevölkerung beständig verschlechtert und öffentliche Daseinsvorsorge privatisiert. Viele Menschen erwartet im Alter ein Leben in Armut. Die hohe Kinderarmut, besonders in Familien mit Alleinerziehenden, symbolisiert einen rabiaten Umgang mit der nächsten Generation: Wir hinterlassen eine zerstörte Umwelt und kaum Ansätze für eine nachhaltige Produktion, Mobilität, Energiegewinnung. Eine marode öffentliche Infrastruktur, Schulen, in denen es auch mal durchs Dach regnet, Krankenhäuser, die sich mit Vorliebe der Reichenpflege widmen, und eine Politik, die all das als Fortschritt preist. Sie hat die soziale Ungleichheit so weit verschärft, dass gesellschaftliche Kohärenz, selbst Innovation und Fortschritt, bedroht sind. Arbeiten und Leben sind prekär geworden: mit der systematischen Überforderung der einen und der strukturellen Unterbeschäftigung der anderen, ob im Verkauf, in der Pflege oder in der Produktion. Immer mehr Menschen können von ihrer Arbeit nicht leben, ihr Leben nicht planen, oder sie haben gar keine Arbeit. Die Zukunft ist ihnen unsicher, der Stress macht sie krank.

Die Konzentration von Reichtum geht einher mit der Konzentration von Macht. Die wirtschaftliche Vormacht der Bundesrepublik setzt sich nicht in Wohlstandsgewinnen für die Mehrheit fort. Nicht in Europa, wo viele Menschen am Abgrund stehen, aber nicht einmal in Deutschland. Sie tastet die soziale Spaltung der Beschäftigten nicht an. Die Regierung hat kein Konzept für die Konversion umweltschädlicher und zerstörerischer Industrien, das gute Arbeitsplätze schafft. Die Privatisierungen belasten die Menschen mit Ausgaben für Leistungen, die der Staat als Gegenleistung für gezahlte Steuern bereitstellen sollte. Selbstverständliches wie Wohnen und Mobilität wird zum Problem, profitorientierte Gesundheitsversorgung zum Gesundheitsrisiko. Wissen, das von allen erwirtschaftet wurde und allen nutzen sollte, wird zur privaten Kommerzsache.

Die Vormachtstellung der Bundesrepublik in Europa und die von wirtschaftlichen Interessen getriebene internationale Politik reißen eine tiefe Kluft. Statt sozialer Gerechtigkeit und einer Vertiefung der Demokratie werden die Strukturen der EU systematisch gegen demokratische Ansprüche abgeschirmt. Nationalstaatlich verfasste parlamentarische Verfahren werden unter den Vorzeichen marktkonformen Krisenmanagements ausgehebelt. Sie reichen nicht an die Herausforderungen einer sozial gerechten und ökologisch zukunftsfähigen Globalisierung heran. Die organisierte Rechte nutzt dies und macht mobil.

Wessen Zukunft?

Dieses Modell ist nicht zukunftsfähig – was nicht über die Innovationskräfte des Kapitals täuschen darf. ›Zukunftsfähig‹ kann nur ein starker, emphatischer Begriff sein: Er beantwortet die Frage: Wessen Zukunft?, und fordert Zugewinne an Wohlstand, Selbstbestimmung und Teilhabe an gesellschaftlichem Reichtum und politischen Entscheidungen für alle.

Quer durch Europa und um die halbe Welt hat diese Politik den Ruf nach ›echter Demokratie‹, nach der Entmachtung des einen Prozent ausgelöst. Aus den Bewegungen sind verschiedene Verdichtungen, Projekte und neue linke Parteien entstanden. Wie sieht eine linke Strategie aus, Zukunft ins Jetzt zu ziehen, ohne im Gegenwärtigen unterzugehen? Diese Kunst muss erst entwickelt werden. Liebgewordene Gegenüberstellungen müssen aufgegeben werden: radikale Forderungen, die nur wenigen etwas bedeuten, weil sie keine Verbindung zum eigenen Leben haben, auf der einen, pragmatische Orientierungen innerhalb des Machbaren, die keine Verbindungen zu den Wünschen und Interessen der Vielen aufnehmen können, auf der anderen Seite. »Die politische Schlüsselaufgabe dabei ist, Wirklichkeitssinn und Möglichkeitssinn (Musil) zueinanderzubringen, im Wirklichen das Mögliche zu finden und im Möglichen das Realistische, Wirklichkeitsfähige – ohne im Wirklichen das Mögliche und im Möglichen das Wirkliche zu verlieren« (Rilling 2014, 44).

Diese Kunst hängt zusammen mit dem Denken in Entwicklungspfaden. Das englische Wort trajectories fasst es besser: Es bezeichnet nicht nur die Flugbahn etwa eines Geschosses, sondern auch das Feld, das damit durchmessen wird. Transformationen lassen sich nicht in ihren Entwicklungspfaden planen, doch die weiteren Flugbahnen und das von ihnen durchzogene Feld müssen Teil der strategischen Überlegungen sein: Wie verschieben sich die Kräfteverhältnisse, wo entstehen neue Akteurskonstellationen, wo können Projekte verbunden werden? ›Einstiegsprojekte‹ stehen nicht für sich. Ob aus Konzepten Projekte und aus Projekten ›Einstiege‹ werden, hängt von ihrer aktiven Verknüpfung ab. Die Frage, wer sich damit verbinden kann, welche Einstiege zusammengezogen werden können, wie sich übergreifende Plattformen ergeben können, gehören von Anfang an dazu. In diesem Sinne schrieb Greg Sharzer »smalls-scale-alternatives won‘t change the world« (2012). Einstiegsprojekte können ein strategisches Labor sein, in denen »die Köchin lernt, die Führung zu übernehmen« (Lenin), in denen die Menschen sich als Aktive, als politisch handlungsfähig erfahren. Um die Welt zu verändern, müssen sie über ihren Tellerrand hinaus. Und nach den Einstiegen muss das Terrain neu vermessen werden, wartet ein neuer Stellungskrieg in veränderter Konstellation. Linke Parteien können hier eine wichtige Funktion haben. Sie müssen nicht nur plurale politische Angebote machen, sondern Verbindungen zu verschiedenen Reformakteuren und linken Projekten aufbauen. SYRIZAs Erfahrung zeigt, dass der Prozess keine Addition und auch kein bloßes Bündnis sein kann: Aus den ganz unterschiedlichen Ansatzpunkten muss ein gemeinsames Projekt werden, das zumindest auf mittlere Frist trägt. Alle Akteure, Parteien wie Bewegungen, werden sich in diesem Prozess auch selbst verändern müssen. Sie sind nicht bloß Mosaiksteinchen, die zusammengefügt werden können. Dabei mag die humanitäre Katastrophe in Griechenland ein solches Projekt gewissermaßen ›erleichtern‹, weil sie fokussiert. In Deutschland ist die Aufgabe schwieriger – zivilgesellschaftliche Institutionen, die dringend für eine Veränderung gebraucht würden, sind Teil des gesellschaftlichen Blocks an der Macht. Das politische Feld auch der emanzipatorischen Alternativen ist fragmentiert: Immer noch gelingt es den Grünen, die Aktiven in der sozialökologischen Transformation auf sich zu orientieren und sich gleichzeitig einem gemeinsamen Projekt zu versperren. Viele gewerkschaftlich Aktive setzen weiter auf die SPD, auch wenn diese keine Anstalten macht, die Spaltungen der Beschäftigten so zu bearbeiten, dass eine neue Klassenpolitik sichtbar würde. Die Erwerbslosenbewegungen sind erschöpft, und nur an wenigen Punkten bilden sich neue Bündnisse, die Perspektiven verbinden. Eine selbstbewusste Armenbewegung hat sich hier kaum gebildet. Und die Fähigkeiten der Selbstrepräsentation und des Community Organizing, wie sie in den USA verbreitet sind, sind bislang keine Massenerscheinung. Auch diese Funktion müssten Einstiegsprojekte und exemplarische politische Praxen erfüllen. Wie dies aussehen könnte, muss in gleicher Weise Teil einer Diskussion um die Zukunftsfähigkeit linker Politik sein wie die Entwicklung von konzeptionellen und strategischen Fragen.

Eine offene Zukunft zurückzugewinnen und beiseitezuschieben, was die Zukunft verstellt: Dies wird nur gegen die gegenwärtige Politik und Regierung entwickelt werden können, nicht mit ihr. Ob es gelingt, aus dem aktuellen Machtblock Teile herauszubrechen und für ein gemeinsames Projekt zu gewinnen, wird sich nicht allein durch Gespräche klären lassen. Die Kräfteverhältnisse müssen verschoben werden. Dafür bedarf es der vielen Aktiven in Gewerkschaften und Bewegungen, in Bürgerinitiativen für Rekommunalisierung und gegen steigende Mieten. Es bedarf der »gesellschaftlichen Partei« (Gramsci), der Gegenkräfte, die der Möglichkeit nach für eine andere Hegemonie stehen. Doch sie muss sich erst finden. Die LINKE kann, wenn sie gut ist, als Scharnier dienen, als Hilfestellung für die Herausbildung eines »Kollektivwillens« (Gramsci). Die Zukunft zurückzugewinnen, muss ein gesellschaftlicher Prozess sein, in der Diskussion dazu können nicht nur ExpertInnen und PolitikerInnen zu Wort kommen, sie geht alle an. Zukünfte beginnen immer jetzt. Sie müssen den gegenwärtigen Kräfteverhältnissen abgerungen werden: Zukunftsfragen können nicht losgelöst von ökonomischen und Machtfragen angegangen werden. Gleichzeitig geht linkes Zukunftsdenken und -handeln um die große Unterbrechung des Gegebenen. Die radikale »Utopie ist kein fixes Ziel, sondern immer ein Horizont in Bewegung« (Umberto Eco). Die sozialistische Tradition hat diesen Gedanken auf neue Füße gestellt. Zukunft kommt nicht auf uns zu. Wir machen sie in der Bewegung. Indem wir uns bewegen.

 

Literatur

Gramsci, Antonio, 2012: Gefängnishefte, Heft 7, Berlin/Hamburg

Holzkamp, Klaus, 1983: Grundlegung der Psychologie, Berlin/Frankfurt/M

Marx, Karl, 1848: Kommunistisches Manifest, MEW 4, Berlin

Rilling, Rainer, 2014: Transformation als Futuring, in: Michael Brie (Hg.): Futuring, Münster, 12-49

Sharzer, Greg, 2012: No Local. Why small-scale-alternatives won‘t change the world, Winchester