| Die Vier-in-einem-Perspektive in der Praxis

Dezember 2011  Druckansicht    Druckansicht
Von Cornelia Möhring und Katharina Schwabedissen

Im Heft 2/2011 stellte Frigga Haug den Ansatz der Vier-in-einem-Perspektive (4in1) vor (122ff). Sie orientiert auf eine Veränderung der gesellschaftlichen Zeitregime: Radikale Verkürzung der Lohnarbeitszeit soll die Beteiligung aller an den Erfordernissen der Reproduktion wie an politischgesellschaftlicher Tätigkeit, Erholung und Bildung ermöglichen. Die vorliegenden Beiträge aus Heft 3/2011 sind ein Einstieg in eine Debatte um praktische Umsetzung und Relevanz des Konzeptes für alltägliche Politik.

Von der Arbeit und ihrer Verteilung aus begründet sich Herrschaft. Von hier lassen sich gegenwärtige Krisen, lässt sich unsere Politik begreifen. Stets geht es um die Verfügung über Arbeitskraft, die eigene oder fremde, so dass alle Politik und Ökonomie hier ihren Anfang nimmt – und ihr Ziel findet, indem sie letztlich um die Zeit streitet. (Aus dem alternativen feministischen Präambel-Entwurf zum Parteiprogramm Die Linke)

 

Cornelia Möhring

4in1 kann ein Transformationsprojekt sein, mit dem konkrete politische Schritte, auch Realpolitik genannt, in ein Fernziel – eine Utopie – eingebettet sind. In der Praxis kann sie als Forderungs-Kompass genutzt werden. Für mich als frauenpolitische Sprecherin der Linksfraktion ist sie zugleich ein Lernprojekt, mit dem ich revolutionäre Realpolitik angehen kann, ein Bezugspunkt, um nicht im parlamentarischen Drucksachen-Dschungel unterzugehen. Frauen- oder feministische Politik einer linken Partei braucht fundierte theoretische Kämpfe: damit »Gleichstellung« sich nicht in der jetzigen Systemstruktur erschöpft oder sich auf Beschreibungen von Benachteiligungen von Frauen beschränkt und nur unverbundene Einzelforderungen für deren Aufhebung stellt. Eine solche Politik wird reformistisch, sozialdemokratisch und teilweise sogar reaktionär.

In meiner Praxis und der Entwicklung von Frauenpolitik hilft mir der 4in1-Ansatz, das Hemmnis einer Entweder-Oder‑Logik zu überwinden. Denn ein starres und wenig dialektisches Verständnis von linker Politik, ein ebensolches Umgehen mit Theorie und ihren »Klassikern«, ist aus meiner Sicht eine der größten Blockaden in der Entwicklung einer linken Erzählung und einer erkennbaren Strategie ihrer Umsetzung in Der Linken. Das wäre aber bitter nötig, um den aktuellen Herausforderungen angemessen zu begegnen. Die Beschäftigung mit der 4in1-Perspektive könnte hier unterstützen. Nur leider stößt sie in Der Linken immer noch auf Tabus. 4in1 weitet den Blick, zielt Befreiung aus allen Herrschaftsverhältnissen an und setzt auf selbstverändernde Praxen. Und eine auf Veränderung der Gesellschaft zielende (Frauen-) Politik darf sich nicht in der Diskussion um »falsche Alternativen« erschöpfen: Wollen wir ein Erziehungsgeld für Mütter erstreiten oder bessere Kindergärten? Sollten wir den Kampf der Gewerkschaften um Löhne und Tarifabkommen stärken oder sollten alle Bürgerinnen und Bürger ein Grundeinkommen erhalten? Sind Minijobs und Betreuungsgeld besser als nichts oder sollen alle erwerbsfähigen Menschen Vollarbeitszeit-Arbeitsplätze in Anspruch nehmen können? Damit landen wir in Sackgassen und verkämpfen uns im Beharren auf den jeweils »richtigen« Forderungen. Immer wieder haben wir erfahren, wie sich Forderungen, gegen uns richten können, wenn sie nicht auf grundsätzliche Veränderungen zielen. So wurde aus kollektiver Selbstbestimmung »Eigenverantwortung«, aus Freiheit »volles Risiko«, aus Gleichstellung im Erwerbsleben die »Vereinbarkeit von Familie und Beruf«. Und die Befreiung aus dem Familien-Ernährer- Modell mündete für viele Frauen in Minijobs und in der Alleinerziehenden‑Armutsfalle. Mit der utopischen Dimension der 4in1‑Perspektive öffnet sich der Blick auf alle Felder der gesellschaftlichen Arbeit und Entwicklung; »Frauenpolitik« ist damit nicht mehr Randthema, das irgendwie auch berücksichtigt werden muss. Zugleich werden wichtige Politikfelder aus ihrer reduzierten reformistischen (Klientel-)Ecke geholt und zu (Menschheits-)Themen, mit denen wir mit linker Politik an die Grenzen des Systems und ein Stück darüber hinaus gehen, in Richtung einer veränderten, gerechteren Gesellschaft. Aktuelles Beispiel hierfür ist der Kampf um Arbeitszeitverkürzung und für das Recht auf Arbeit. Die Entwicklung der Produktivkräfte könnte längst in einen Zeitwohlstand für alle münden. Doch in Neoliberalismus und Krise führte dies zum Abbau von Arbeitsplätzen und ihrer Verlagerung ins Ausland, zur Aufspaltung von Betrieben und der damit einhergehenden Ausgliederung von Tätigkeiten, damit sie für billige Löhne mit dafür »günstigeren« Werkverträgen erbracht werden. Wenn sich der gewerkschaftliche Kampf auf den Erhalt von Arbeitsplätzen für die verbleibende Stammbelegschaft beschränkt (was aus »Klientel-Sicht« nachvollziehbar ist) und nicht um gute Arbeit und ein gutes Leben für Alle geführt wird, verfehlt er das Ziel emanzipatorischer Politik. Eine linke sozialistische Partei (und Fraktion) darf an solchen Punkten nicht stehen bleiben! Wir brauchen den langen Atem der Utopie, sonst verlieren wir in Einzelforderungen die Kraft, um nicht nur Arbeitszeitverkürzung, sondern die Umverteilung der gesamten Lebenszeit und aller Tätigkeiten zu erkämpfen. 4in1 setzt praktisch an: Bei der Fremdverfügung über Zeit als Grundlage von Herrschaft und Ausbeutung. Sie verknüpft die Felder der Politik und der gesellschaftlichen Tätigkeiten. Die Entwicklung der Produktivkräfte generiert einen immensen Wohlstand an Zeit, die nicht an alle verteilt wird, sondern sich in dem Widerspruch verdichtet, dass die einen immer mehr rennen, rackern, rasen, um die Arbeit überhaupt zu schaffen und im »Spiel« zu bleiben, während die anderen aussortiert in der Armutsfalle stecken.

Frauen sind, wie wir seit langem wissen, aufgrund der gesellschaftlichen Arbeitsteilung besonders »betroffen« – eine Arbeitsteilung, die ihnen die Verantwortlichkeit für den gesellschaftlichen Produktionsbereich zuweist, in dem es darum geht, Leben zu erzeugen, zu erhalten und zu pflegen – und der gleichzeitig an den Rand gedrängt ist. Die vorgeschlagene Umwälzung der Zeitökonomie verknüpft die gesellschaftliche Ebene mit der individuellen; wir können direkt an den Alltagserfahrungen und dem Alltagsbewusstsein der Menschen anknüpfen. Wir behalten immer eine gesellschaftliche Veränderung im Fokus, indem wir uns fragen: Wie sieht die Gesellschaft aus, in der wir leben wollen? Mit wem wollen wir sie erkämpfen? Wer übernimmt jetzt und künftig für was die Verantwortung? Wie viel öffentliche Verantwortung brauchen wir? Und wem muss dafür was gehören? Wer bestimmt über die Zeit? Die Antworten fügen sich zu einer neuen linken Erzählung eines solidarischen Gemeinwesens zusammen – in ihr scheint ein neuer, demokratischer Sozialismus auf, wo tatsächlich die freie Entfaltung eines und einer Jeden die Voraussetzung der freien Entfaltung aller ist.

 

Katharina Schwabedissen

4in1 verknüpft, was in meinem Leben stets in Konkurrenz zueinander zu stehen scheint: Meine beiden Söhne sind heute acht und dreizehn Jahre alt. Zwei Drittel des Monats bin ich alleinerziehend, ein Drittel »kinderlos«. Seit sieben Jahren mache ich Parteipolitik, ich bin Landessprecherin der Partei Die Linke ind NRW – bis vor 12 Monaten war diese Arbeit unbezahlt. Für den Familienunterhalt ging ich einer Erwerbsarbeit nach – in Teilzeit, damit noch Zeit für Kinder und Politik blieb. Ich schloss zeitgleich mein Studium in Philosophie und Geschichte ab. Die vier Bereiche sind präsent: Reproduktion (meine Kinder und ich), Erwerbsarbeit (Teilzeit), Muße und Weiterentwicklung (Studium) und die politische Teilhabe (Politik in und um Die Linke). Von »Vereinbarkeit« kann allerdings kann keine Rede sein.

Wie sieht in den herrschenden Verhältnissen ein Alltag in allen vier Bereichen aus? Teilzeitarbeit bedeutet in der Regel kontinuierliche Mehrarbeit ohne Lohnausgleich. Bei einer (Teilzeit-)Stelle in der Politik gibt es keine Überstunden. Sie heißen dort »ehrenamtliches Engagement«. Arbeit – ob bezahlte oder unbezahlte – in der Politik heißt häufig »Präsenzpflicht« unabhängig von den Lebensumständen. Das Private ist weiterhin nicht politisch oder mit den Worten eines Genossen: »Wenn man Kinder hat und eine Magisterarbeit schreibt, muss man eben nicht in den Landesvorstand gehen.« Maßstab (politischer) Arbeit ist aus der Sicht von (vielen) Männern nach wie vor die Teilung von Familie und Arbeit: Zuhause ist doch alles erledigt, wenn man von der Erwerbsarbeit kommt. Es ist Zeit, um zu lesen oder stundenlang auf Sitzungen zu sitzen, die zu Zeiten stattfinden, in denen Mütter (und immer mehr Väter) ihre Kinder ins Bett bringen. Kinderbetreuung gilt als Luxus und wird dem Rhythmus von Sitzungen angepasst und nicht den Bedürfnissen von Eltern und Kindern – auch in der Partei Die Linke. Das Ergebnis solcher Strukturen ist vor allem bei Frauen ein schlechtes Gewissen. Ist man bei den Kindern, dann kann man sich nicht an der Diskussion beteiligen. Beteiligt man sich an der Diskussion, ist man nicht bei den Kindern. Verlässt man die Arbeit pünktlich, bleibt Arbeit liegen. Die Zeit reicht in den herrschenden Strukturen nie. Die vier Lebensbereiche zu leben bedeutet Arbeit bis zum Umfallen – oder Rückzug. Der Kampf um die Zeit ist also zentral. Vollbeschäftigung, wenn die Erwerbsarbeitszeit bei 20 Wochenstunden liegt, ist möglich, aber kein Zweck an sich. Erwerbsarbeit soll notwendige Arbeit sein und die Mittel zum Leben produzieren. Alles, was Leben zerstört, wird über Bord geworfen: Waffen, Atomstrom, 20-Liter-Autos stehen auf dem Prüfstand. Zeit würde frei für Kinder, die Sorge um Alte und Kranke, für Freundschaften und vieles mehr. Endlich hätten wir Zeit, für die persönliche Weiterentwicklung in Kunst, Musik, Literatur und der Natur – und um uns alle in die Politik einzumischen. Wir überließen sie nicht mehr Einzelnen, die 80 Stunden und mehr in der Woche in Parlamenten arbeiten und arbeiten lassen. 4in1 fordert eine andere Politik, in der »die Köchin einen Staat leiten« können soll. Nicht nur der Staat würde ein anderer sein, sondern auch die Köchin. 4in1 ist also zunächst eine Perspektive. Sie bietet aber auch einen Kompass, der mit konkreter Politik gefüllt werden muss. Auf dem Weg in eine andere Gesellschaft kann 4in1 als politisches Projekt stehen, das auf die radikale Umverteilung von Zeit und damit auch von Geld und Macht setzt. Am Anfang steht die Forderung nach einer neuen Verteilung von Zeit. Hinter dieser Forderung stehen reale Kämpfe, die uns keiner abnehmen wird. Sie fordert nicht nur abstrakt »mehr Zeit«, sondern das Ende der Profitlogik im Kapitalismus – damit neue Eigentumsverhältnisse und eine neue Bewertung des Arbeitsbegriffs. Es ist an der Zeit!