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»DIE LINKEN HÄNGEN AM FORTSCHRITT«

Von Humberto Cholango

Das Weltsozialforum kann als Antwort auf das kapitalistische und neoliberale Gesellschaftsmodell gelten. Es ist ein Ort, an dem Alternativen entwickelt werden können. Es repräsentiert keine einheitliche Linie oder politisch-ideologische Strömung. In einigen Fragen wurden klare Linien und Gegenpositionen entwickelt: Bezogen auf die Área de Livre Comércio de las Américas (ALCA) in Lateinamerika oder die WHO tritt das Forum für politische Veränderungen ein.

Die Sozialforen haben viele Veränderungen in Lateinamerika angestoßen: Die sozialen Bewegungen sind in jedem Land gestärkt worden. Früher hat jeder für sich gekämpft, in seinem Bereich, in seinem Land. Ein Projekt wie das Unasur (Union Südamerikanischer Nationen) wäre ohne das Forum kaum denkbar gewesen.

Die indigenen Bewegungen waren zunächst nicht vertreten. Erst nach und nach entwickelte sich das Forum zum wichtigen Ort, wo sie Netzwerke und Bündnisse aufbauen und Debatten anregen konnten: Die Idee der »Plurinationalität«1 war nicht leicht zu verankern, Vielen war das Konzept unverständlich. Auch die konstituierenden Versammlungen, die später den plurinationalen Staat deklarierten, waren für andere Akteure nicht unproblematisch. So gehört Präsident Morales etwa den Aymara an, aber sein Zugang war stark gewerkschaftlich geprägt. Später ging das Konzept in die neue Verfassung Boliviens ein3 .

Auch der Vorschlag des ITTs (IshpingoTambococha-Tiputini-Projekt) war für viele schwer zu fassen: finanzielle Anreize zu schaffen, um Erdölfelder nicht auszubeuten2 (vgl. den Beitrag von Edgardo Lander in diesem Heft). Viele Linke sind noch in einem Fortschrittsglauben verankert, der auf wirtschaftlichem Wachstum und damit auf Ausbeutung natürlicher Ressourcen beruht, einer Extraktionsökonomie.

Weil die Sozialforen sich zu einem Ort entwickelt haben, an dem alle Ungerechtigkeiten zur Sprache gebracht werden, ist es den indigenen Bewegungen gelungen, bestimmten Forderungen Gehör zu verschaffen. Auf dem Weltsozialforum ist uns gelungen, die Coordinadora Andina de Organizaciones Indígenas (CAOI) zu gründen und so die Interessen der Indigenen der Andenregionen gemeinsam zu vertreten. Dabei geht es nicht nur um Themen der Indigenen. In jüngster Zeit ist die Koordination eine der wichtigsten Protagonisten geworden, Regierungen wie die von Alan García in Peru, Bachelet in Chile oder Uribe in Kolumbien und ihre Politik zu kritisieren. Künftig müssen wir die Kämpfe zum Schutz der natürlichen Ressourcen vertiefen, etwa zur Wasserkrise in der Andenregion. Zu einem Großteil liegen die Konzessionen für diese Gebiete bei ausländischen Bergbauunternehmen, in Kolumbien und Peru gibt es Freihandelsabkommen. In Bolivien war die Strategie, das Thema mit anderen zu verknüpfen, bzw. es als Einstieg zu nutzen, um zu fragen, was mit den restlichen natürlichen Ressourcen passiert. In Ecuador beginnt die Diskussion darum gerade.

Unsere Arbeit zielte darauf, die Organisierung zu stärken. In Peru etwa konnte vor einigen Jahren noch nicht die Rede von indigenen Bewegungen sein. Jetzt werden sie langsam sichtbar. Der Prozess wird vom Engagement der jeweiligen Organisationen abhängen und von denen, die ihn anführen. Die Ecuarinari ist bereits Teil der Koordination. Möglicherweise werden sich auch die Confederación Nacional de Organizaciones Campesinas, Indígenas y Negras (FENOCIN) und die Federación Ecuatoriana de Indígenas Evangélicos (FEINE) anschließen. Die CAOI wird mit der Zeit an Stärke gewinnen.

Der Text geht auf ein Gespräch mit Alejandra Santianilla, Rosa-Luxemburg-Stiftung Quito, zurück. Aus dem ecuadorianischen Spanisch von Ann-Katrin Lebuhn 

 

Anmerkungen

1 Plurinacionalidad bezieht sich nicht auf Nationalität im bürgerlich-staatlichen Sinn, sondern auf kollektive Identitäten, deren Zugehörige grenzübergreifend und im bewegungsgeschichtlichen Sinn internationalistisch zusammenarbeiten.
2 Zentrales Argument war, dass es nicht nötig sei, weiter Erdöl zu fördern, da es nicht einmal möglich ist, die bereits entdeckten Reserven aufzubrauchen, ohne die ökologische Tragfähigkeit der Erde zu überschreiten.
3 Vgl. Tanja Ernst und Isabella Radhuber in Luxemburg 2/2009, 68–75