| Die Entstehung einer neuen Arbeiterklasse in China

Juni 2011  Druckansicht    Druckansicht
Von Au Loong Yu

Von Mai bis Juli 2010 gab es in China mehrere Streikwellen, besonders im Automobilsektor. Hintergrund ist die seit 15 Jahren andauernde relative Abnahme der Löhne im Verhältnis zum Brutto-Inlandsprodukt. In den vergangenen zehn Jahren hat es vor allem in Südchina eine ganze Reihe spontaner Streiks gegeben. Nur selten wird über sie berichtet, so dass sie nicht in den Statistiken auftauchen. Im Jahr 2000 wurden in China 2 Millionen Autos hergestellt, 2009 waren es bereits 14 Millionen: eine gewaltige Expansion. Doch die Löhne steigen nur sehr langsam, die Arbeiter verdienen kaum ein Zehntel dessen, was amerikanische Arbeiter verdienen. In den frühen 1990er Jahren lag ihr Anteil zwischen 53 und 55 Prozent, heute liegt er bei 40 Prozent des BIP. Die Löhne reichen kaum für die Reproduktion der Arbeitskraft. Und die Lohnniveaus weichen beträchtlich voneinander ab. Häufig wird länger als 50 Stunden gearbeitet, mitunter 70 oder 100 Stunden pro Woche – was gegen die gängigen Arbeitsgesetze verstößt.

Im Mai 2010 gab es einen 17 Tage dauernden Streik bei Honda in Guangzhou. Vom ersten Tag an waren die Arbeiter radikal, am zweiten forderten sie eine Neuwahl der gewerkschaftlichen Arbeitervertretung. So etwas hatte es zuvor noch nicht gegeben, und die Regierung zog die Neuwahl tatsächlich in Erwägung. Die Forderung nach unabhängigen Gewerkschaften war schon in früheren Auseinandersetzungen gestellt worden, aber zum ersten Mal erkannte die Regierung die Legitimität dieser Forderung an. Allerdings handelte sich nur um eine Neuwahl auf der Produktionsebene. Mit dem Streik konnten die Arbeiter eine Lohnerhöhung um 34 Prozent erreichen, für Auszubildende sogar um 70 Prozent. Während des Streiks waren sie in der Lage, die Produktion in vier weiteren angeschlossenen Honda-Fabriken zum Erliegen zu bringen. Nach Berichten in verschiedenen Zeitschriften und Zeitungen – allerdings gibt es unterschiedliche Statistiken darüber – haben von Mai bis Juli wenigstens acht Streiks in der chinesischen Automobilindustrie stattgefunden. In der gesamten Industrie der Provinz Guangdong fanden in 100 Fabriken Streiks statt. Von früher stattgefundenen Streiks in Montagefabriken liegen leider keine Berichte vor, so dass wir wenig über die Situation wissen. Die Streikwellen von Mai bis Juni 2010 waren erfolgreich, auch wenn sie nicht lange anhielten, weil die Regierung schnell Zugeständnisse machte.

Wieso war die Streikwelle angesichts der Größe Chinas so klein? Chinesische Arbeiter stellen ein Viertel der Industriearbeiter weltweit, im Dienstleistungssektor ist es ein Fünftel. Die Streikwelle war also nicht groß genug, um den Staat ernsthaft herauszufordern. Ihre Bedeutung liegt darin, dass sie eine Perspektive eröffnet. Vor allem zwei Elemente sind – in aller Kürze – wichtig: Einerseits bildet sich eine neue Arbeiterklasse aus Wanderarbeitern vom Land. Sie sind jung, zwischen 15 und 20 Jahren alt, sie sind besser gebildet, obwohl sie aus ländlichen Gebieten kommen, und im Gegensatz zu ihren Vätern und Onkeln haben sie nie das Land bestellt. Sie fühlen sich also von Anfang an mit dem Stadtleben verbunden und haben deutlich andere Erwartungen als die ältere Generation der Wanderarbeiter, die in den 1970er Jahren geboren wurden und nach 20 Jahren Wanderarbeit in ihre Dörfer zurückkehren und kleine Geschäfte oder ähnliches betreiben wollen. Die in den 1980er oder 1990er Jahren geborenen Arbeiter dagegen wollen in den Städten bleiben. Viele Forscher haben auf diesen großen Unterschied hingewiesen. Allerdings haben sie einen Punkt übersehen: den Grund, weshalb diese Arbeiter die Forderung nach Neuwahl ihrer gewerkschaftlichen Vertretung stellen. In den Staatsunternehmen sind seit den 1990er Jahren 14 Millionen Arbeiter entlassen worden, aber nur selten wagen sie, Neuwahl ihrer Repräsentanten zu fordern, weil die Niederschlagung der demokratischen Bewegung 1989 eine fürchterlich demoralisierende Wirkung auf sie hatte. Dieses Erbe ist immer noch präsent, auch wenn die Nachwirkungen langsam schwinden. Doch diese jüngere Generation, diese zwanzigjährigen Arbeiter haben von 1989 noch nicht mal gehört. Sie sind nicht mit dieser Art Demoralisierung belastet. Die Forderung erscheint ihnen legitim, daher stellen sie sie.

Das zweite Element ist der größere politische Kontext. Weil über die vergangenen 20 Jahre die Arbeiterbewegung unterdrückt und die Löhne niedrig gehalten wurden, gibt es eine gewaltige Unzufriedenheit in den Arbeiterklassen. Wenn es heute Auseinandersetzungen zwischen Arbeitgebern und Beschäftigten gibt, sympathisieren die Reporter und die Presse ganz selbstverständlich mit den Arbeitern statt mit dem Management oder gar der Lokalregierung. In gewisser Hinsicht kehrt sich also die Furcht vor der Regierung langsam um. Die Arbeitskämpfe erhalten zunehmend größere Legitimität. Diese Art von Veränderung können wir auf der Ebene der Lokalregierungen beobachten: Zunächst griffen sie die Arbeiter an, indem die offizielle örtliche Gewerkschaft 200 Arbeiter vorbeischickte, damit sie 60 Arbeiter verprügeln. Doch sie erreichten eher das Gegenteil: Sofort startete Globalization Monitor eine Kampagne, und in der internationalen Presse wurde weithin über den Kampf berichtet. Die lokale Regierung wurde dann von der Regionalregierung unter Druck gesetzt, solche Angriffe zu unterlassen. Dann fingen sie an, Zugeständnisse zu machen. Auch dieser Teil der Geschichte ist von Bedeutung. Es ist zu erwarten, dass, wenn auch sehr langsam, eine Arbeiterbewegung entstehen wird, insbesondere in der Automobilindustrie. Der Parteistaat ist noch zu mächtig und stark für sie. Es wird Zeit brauchen, aber die Bewegung wird weiter wachsen.

Aus dem Englischen von Daniel Fastner