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Der nutzlose Punker Samuel Beckett

Von Leonhard F. Seidl

Wie die Mauer starb 1989 auch Samuel Beckett; physisch. Damals, gerade mal 12 Jahre alt, assoziierte ich mit ihm »Endspiel«. Der Titel stand auf einem der unzähligen Buchrücken im Büro meines Vaters. Wie auch sein geflügeltes Wort »Warten auf Godot«.

Im gleichen Jahr nahm er mich präadoleszenten Bub mit ins Schauspielhaus Hamburg, wo seine Dramen mit einem Stipendium gewürdigt wurden. Mein Vater wirkte während seines Stipendiums an einer Hamlet-Inszenierung mit. Über diese Parabel, über die Narrheit der Macht, klärte er mich vor der Premiere auf. Und das Stück, gespielt auf der imposanten Bühne dieses prunkvollen Schauspielhauses, hinterließ einen bleibenden Eindruck auf mich.

Wie auch die Verleihung des Walter-Serner-Preises, mit dem mein Vater fünf Jahre zuvor, als Erster für seine kafkaeske Shortstory »Albert« ausgezeichnet wurde. Protagonist ist ein Häftling, dessen einziger, emotionaler Kontakt zur Außenwelt die Fliege Albert ist. Der Knacki wird wegen guter Führung entlassen. In der Straßenbahn sieht er auf dem Hals einer jungen Frau Albert sitzen. Sie erschlägt seinen Kumpel; er erwürgt sie. Schlussendlich muss er zurück in den Knast: Ohne Albert.

Ist der Preis heute mit 5 000 Euro dotiert, gab es damals die gesammelten Werke Walter Serners, die noch heute im Bücherregal meines Vaters einen besonderen Glanz auf mich und auch auf ihn ausstrahlen. Geschrieben hatte er die erste Version von »Albert« auf einem Kassenbeleg des Abwasserzweckverbandes München Ost, wo er zu jener Zeit sein quälendes Dasein als Beamter fristete; was er nie war. Aber sein Arbeitervater, ein Münchner SPDler und Werkzeugmacher, wollte, dass er etwas »gscheites« lernt und seine Zeit nicht mit einem Musikstudium verplempert.

Diese beiden Würdigungen, in Verbindung mit dem enormen Wissen meines Vaters über Literatur und Kunst, das er wie nebenher, kind- und später erwachsenengerecht völlig unprätentiös, einfließen ließ, setzte meines Erachtens den Keim für mein jetziges, nicht immer einfaches, Schriftstellerdasein. In dem er und meine Mutter mich nicht nur bestärken, sondern bedingungslos unterstützen. Und er pflanzte damit auch das Streben nach Freiheit und den Mut, dies zu leben und mich politisch zu engagieren: gegen die Faschisierung der Gesellschaft und die Zerstörung der Umwelt. In jungen Jahren, als politischer Punker, mit einem starken »No future!«-Hang zur Selbstzerstörung, auch aufgrund der politischen (An-) Schläge: Hoyerswerda, Rostock-Lichtenhagen, Mölln, Solingen und des bayerischen CSU-Faschismus »Du gehörst ja vergast.«

1994, nach der »Knaben«realschule startete ich eine Krankenpflegeausbildung in Erding. Ja, genau dort, wo das fade Weißbier herkommt. Wo ich auf eine junge, bildhübsche und willensstarke Frau aus Sachsen-Anhalt traf, in die ich mich sofort verknallte: Sie war »pur Punk«. Sie führte mich nicht nur in so manche Geheimnisse der Liebe ein und war die trinkfesteste Frau, die ich jemals kennengelernt habe. Sie wurde als Leistungsschwimmerin in der DDR gedopt, was sich mitunter in Aggressionsschüben niederschlug. Durch sie lernte ich unter anderem die DDR-Kult-Punkband »Schleimkeim« kennen; die Sex Pistols der DDR.

Punker stellten für die Arbeiterklasse der DDR gemeinhin so etwas wie »Zecken« dar, was wir auch aus anderen Mündern kennen und keinesfalls in einen hufeisentheoretischen Vergleich münden soll. Punker stellen sich nicht in den Dienst eines, wie auch immer gearteten Staates, und ordnen sich schon gar nicht einer dogmatischen Ideologie unter. Selbst, wenn dem ein hehres Streben einiger, nach einer besseren Welt vorangeht, das dann in einen totalitären Staat mündet.

So sang »Schleimkeim«-Sänger Dieter Ehrlich, genannt »Otze« im Song »Norm«:

» Kommst du dann zur Arbeit

Und glaubst du bist befreit

Doch dort mußt du deine Minuten schaffen

musste raffen raffen, musste raffen raffen

Norm, Norm, Norm – Du bist zur Norm geboren

Schaffst du keine Norm, bist du hier verlorn.«

 

Otze wurde als »arbeitsscheu« angesehen, wie die Stasi in ihren Akten vermerkte. Er wurde immer wieder inhaftiert und verhört, u. a. wegen des Songs »Ende DDR« – »Ich schäme mich schon lange nicht mehr für meine Heimat, die DDR … Bin damit durch … Karriereristen und Faschisten und nur falsche Kommunisten.«

Ihm wurde vorgeworfen, er und seine »Scheißband ziehen die Schmeißfliegen der ganzen Nation« an. Schmeißfliegen sind vermeintlich zu nichts nütze, sie schwirren um die Kacke herum. Oder sie helfen einem Knacki seinen letzten Rest Menschsein zu bewahren. Oder um es mit Goethe zu sagen: Für sie ist der Zweck des Lebens, das Leben selbst. Diskfunktion als Form des Widerstands. Oder mit dem Titel eines Schleimkeim-Albums umschrieben: »Mach dich doch selbst kaputt!« Und weiter: »Bevor es jemand anders tut«.

Was Otze letztlich kaputt und umgebracht hat, darüber kann nur gemutmaßt werden: Die Drogen, die Stasi, die Haft, der Zwang. 1989 erschlug er im Streit, voll mit Drogen und Alkohol seinen Vater mit einer Axt. Am 23. April 2005 starb er in der forensischen Psychiatrie an Herzversagen.

Einen ähnlich schlechten Leumund wie die Punker, hatten in der Staatspropaganda der DDR Schriftsteller wie Samuel Beckett oder James Joyce, weil sie keinen Beitrag zur realsozialistischen Indoktrination leisteten.

Man könnte gerade heutzutage durchaus zurecht anmerken, dass dies in Richtung »L’art pour l’art«, also »Kunst um der Kunst willen« gehe, die nur dazu diene, um einen bourgeoisen und kleinbürgerlichen Genuss zu befriedigen. Damals jedoch war dieses Ausklinken, nicht funktionieren und nicht manipulieren durchaus eine Form des Widerstands. Was auch Theodor W. Adorno für die bundesdeutsche Literatur oder besser geschrieben für Literatur im Allgemeinen postuliert hatte. Im Gegensatz zu Jean Paul Sartre, der Schriftsteller*innen eine wichtige Funktion als Intellektuelle zuschrieb. Für Sartre sollten sie in ihrer littérature engagée Dinge benennen und damit für die Leser*innen enthüllen, damit jene dafür Verantwortung übernehmen.

Adorno führte in seiner »Ästhetik der Negativität der Kunst und Literatur« aus, dass engagierte Literatur einen Beitrag zum »Verblendungszusammenhang« leisten würde, auch im kapitalistischen System. So funktioniere »das Authentische« als ästhetisches Kriterium in der Literatur nicht. Die Gleichsetzung von Echtheit und Wahrheit sei nicht haltbar. Außerdem sei Echtheit ein »Wert individueller Rückbesinnung«. Und dieses Forcieren der »Echtheit« sei ein »Herrschaftsprinzip«, dass der dogmatischen Verteufelung des »Unechten« oder »Andersartigen« den Weg bahne. Wer in seiner Literatur keinen Beitrag zum Verblendungszusammenhang leiste, sei unter anderem Samuel Beckett.

Samuel Beckett, der einstige Résistance-Kämpfer also der nichtsnutzige Punker der Literatur? Beckett schrieb um der Literatur willen. Punker leben um des Lebens willen. Vielleicht noch für die ständige Revolte gegen oktroyierten Zwang. Dogmatisch verteufelt, in beiden deutschen Staaten als »andersartig« und nutzlos wie eine Schmeißfliege.

Der Punker Samuel Beckett als literarische Figur gedacht, könnte Widersprüche, Reibungen von Systemen aufzeigen. In der DDR als linker Punker, der dennoch ein Systemfeind ist. Und in der BRD ein kritischer Linker, der quer denkt, gegen jegliche Denkschubladen. Sei es nun die unkritische Haltung mancher Linker Religionen gegenüber oder gegenüber einer »Ich habe mir heute im Bioladen ein gutes Gewissen gekauft. Du auch?«-Mentalität. E sollte doch klar sein, dass es eine Klassenfrage ist, ob man sich dies leisten kann, unabhängig von ökologischen Aspekten. Außerdem ist gutes Gewissen durchaus in der Lage umwälzlerisches Potenzial zu fressen. Darum soll gerade an dieser Stelle der Klassenstandpunkt nicht unerwähnt bleiben. Und natürlich auch in der Literatur dargestellt werden, wie es zuletzt Anke Stelling mit »Schäfchen im Trockenen« oder die französischen Kolleg*innen Edouard Louis oder Annie Ernaux getan haben.

Wie wichtig dies ist, hat auch mein warmherziger und gebildeter Vater, der wie bereits erwähnt aus einer Arbeiterfamilie stammt und die Klassenschranken durchbrochen hat, erst kürzlich bestätigt. »Es tut gut, wenn man weiß, dass man nicht allein ist«, sagte er mir gegenüber nach der Lektüre von Didier Eribons Klassencharakterstudie »Rückkehr nach Reims«.

Gerade in Zeiten zunehmender Ungleichheit sollten die Ausbeutungsmechanismen des Kapitalismus aufgezeigt werden; natürlich in literarisch-emanzipatorischer Form und ohne erhobenen Zeigefinger, mit widerständischen Leerstellen: wie in einem von Punkern besetzten Haus in Ost-Berlin, in dem auf Godot gewartet wird.