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Demokratische Biopolitik neu betrachtet: Antwort auf eine Kritik

Von Panagiotis Sotiris

Bryan Doninger hat in seiner jüngsten Intervention [1] meinen Beitrag Against Agamben: Is a Democratic Biopolitics Possible? [2]  kritisiert.  Seine wichtigsten Kritikpunkte lauten: a) Da ich dem im Werk von Michel Foucault verwendeten Begriff der Biopolitik nicht genügend Aufmerksamkeit schenken würde, hätte ich Anatomo-Politik und Biopolitik durcheinandergebracht. b) Deswegen sei mir auch entgangen, dass das von mir versuchsweise vorgeschlagene Konzept der demokratischen Biopolitik bereits im gegenwärtigen neoliberalen System umgesetzt wird, und zwar mit katastrophalen Folgen.

Eigentlich war mein Beitrag mehr eine Reaktion auf eine der frühen Meinungsäußerungen [3] von Giorgio Agamben zur gegenwärtigen Pandemie und ein Einwand gegen die Versuchung, jede kollektive Verhaltensänderung einfach als eine Form autoritärer “Biopolitik” zu denken. Ich hatte zu diesem spezifischen Zeitpunkt, noch ganz zu Beginn der Pandemie, den Eindruck, es sei unangebracht, alle Maßnahmen der physischen Distanzierung als Ausdruck einer “autoritären Biopolitik” zu betrachten.

Zugleich war es mir wichtig aufzuzeigen: Es gibt mehr als die Wahl zwischen bloßem Nichtstun und dem Einsatz von Zwangsmitteln in Form von weitreichenden Restriktionen und Lockdowns. Des Weiteren schlug ich vor, neu über eine Politik nachzudenken, die auf demokratische Art und Weise mit öffentlicher Gesundheit umgeht, indem sie auf Partizipation, kollektive Diskussionsprozesse und eine Demokratisierung von Wissen setzt, um so möglicherweise Verhaltensänderungen herbeizuführen – darunter auch Praxen der physischen Distanzierung. Letztere sind dann Ausdruck von gesellschaftlicher Verantwortung und Solidarität und nicht der Aussetzung von Sozialität.

Ich beschrieb dies als eine Art von “demokratischer Biopolitik”, wobei ich a) ein relationales Verständnis von Biopolitik zugrunde legte und b) mich eher an den späteren Schriften und Konzepten von Foucault wie Parrhesia und Mut zur Wahrheit orientierte. Insgesamt hatte das Ganze eher einen skizzenhaften Charakter, mein Beitrag war mehr ein politischer Kommentar als ein theoretischer Text.

Bryan Doninger hat in seiner Kritik zu Recht darauf hingewiesen, dass Biopolitik bei Foucault eine spezifische Bedeutung zukommt und dass sich der Begriff nicht einfach nur auf das Verhältnis zwischen Macht und Aspekten der Gesundheit bezieht, wie häufig angenommen wird. Von daher möchte ich im Folgenden die Komplexität des Denkens von Foucault nutzen, um damit meinen Standpunkt genauer zu erläutern. Bekanntlich entwickelte Foucault in den 1970er Jahren eine Kategorie, die er Disziplinarmacht nannte. Die folgende Definition stammt aus seinem Buch “Die Strafgesellschaft”:

“Ich habe in der Tat den Eindruck, dass wir in einer Gesellschaft mit einer Disziplinarmacht leben, das heißt mit Apparaten, deren Form die Beschlagnahme, deren Ziel die Konstituierung von Arbeitskraft und deren Instrument der Erwerb von Disziplin oder Gewohnheiten ist.” (Foucault 2015, 322)

Foucault grenzte die Disziplinarmacht von der Macht des Souveräns ab. In seinen unter dem Titel “Die Verteidigung der Gesellschaft” erschienenen Vorlesungen von 1975/76 heißt es hierzu:

“Im 17. und 18. Jahrhundert trat dann ein bedeutendes Phänomen auf den Plan: die Erscheinung – oder besser Erfindung – eines neuen Machtmechanismus mit ganz besonderen Verfahren, völlig neuen Instrumenten und ganz anderen Apparaten, der, wie ich denke, mit den Souveränitätsverhältnissen völlig inkompatibel ist. Dieser neue Machtmechanismus bezieht sich zunächst auf die Körper und mehr auf das, was diese tun, als auf die Erde und ihr Produkt. Er ist ein Machtmechanismus, der Zeit und Arbeit eher aus Körpern als aus Gütern und Reichtum zu gewinnen vermag.” (Foucault 2001, 51)

Die Disziplinarmacht hat mit Normen und Normalisierungsprozessen zu tun; damit, wie Körper produktiv gemacht werden. Foucault stellte dies in einen Zusammenhang mit dem Aufstieg des Kapitalismus. Zum Zeitpunkt, als diese Texte entstanden, setzte sich Foucault gerade intensiv mit Marx auseinander, was man den damals erschienenen Interviews mit ihm deutlich anmerkt.[1] [4] Etliche von Foucaults Schriften aus dieser Zeit, die sich mit Fragen der Gesundheit oder der Medizin befassen, scheinen diesem Konzept der Disziplinarmacht zu folgen. Ganz offensichtlich ist dies in seinen Vorlesungen von 1973/74, veröffentlicht in “Die Macht der  Psychiatrie”, in denen Foucault darauf insistiert: “Der Mechanismus der Psychiatrie sollte ausgehend von der Art und Weise, wie die Disziplinarmacht funktioniert, verstanden werden.” (Foucault 2005). Dies ist auch die Grundlage für sein Werk “Überwachen und Strafen”, mit dem er sein Konzept der Disziplinarmacht einem größeren Publikum nahebrachte (Foucault 2017a)

Foucault behauptete nicht, die Disziplinarmacht habe die Souveränitätsmacht einfach abgelöst. Vielmehr ging er von der Fortdauer der Logik der Souveränität aus, zum einen als Instrument gegen die Monarchie und gegen andere Kräfte, die die Disziplinarmacht hemmen, zum anderen als System juridischer Rechte, die in gewisser Weise Voraussetzung für die Wirksamkeit der Disziplinarmacht sind bzw. zu ihrer Verschleierung beitragen.[2] [5]

Das Konzept Biopolitik entstand parallel zur Vorstellung von einer Biomacht. Das Konzept der Biomacht steht für den Versuch, eine Form der Macht zu beschreiben, die über Überwachung und Disziplinierung hinausgeht – obwohl die ursprünglichen Ausführungen von Foucault hierzu eher vage bleiben. Man sieht das daran, wie er Biomacht und Biopolitik im ersten Band von “Sexualität und Wahrheit” und in “Die Verteidigung der Gesellschaft” definiert. Foucault verwies hier auf ein Verständnis von der Macht zum Leben, die kennzeichnend war für eine bestimmte historische Epoche und in der sich eine Demarkationslinie zwischen Anatomo-Politik und eigentlicher Biopolitik als zwei verschiedenen koexistierenden und bis zu einem gewissen Grad komplementären Modalitäten abzuzeichnen begann.

“Konkret hat sich die Macht zum Leben seit dem 17. Jahrhundert in zwei Hauptformen entwickelt, die keine Gegensätze bilden, sondern eher zwei durch ein Bündel von Zwischenbeziehungen verbundene Pole. Zuerst scheint sich der Pol gebildet zu haben, der um den Körper als Maschine zentriert ist. Seine Dressur, die Steigerung seiner Fähigkeiten, die Ausnutzung seiner Kräfte, das parallele Anwachsen seiner Nützlichkeit und seiner Gelehrigkeit, seine Integration in wirksame und ökonomische Kontrollsysteme – geleistet haben all das die Machtprozeduren der Disziplinen: politische Anatomie des menschlichen Körpers. Der zweite Pol, der sich etwas später – um die Mitte des 18. Jahrhunderts – gebildet hat, hat sich um den Gattungskörper zentriert, der von der Mechanik des Lebenden durchkreuzt wird und den biologischen Prozessen zugrunde liegt. Die Fortpflanzung, die Geburten- und Sterblichkeitsrate, das Gesundheitsniveau, die Lebensdauer, die Langlebigkeit mit allen ihren Variationsbedingungen wurden zum Gegenstand eingreifender Maßnahmen und regulierender Kontrollen: Biopolitik der Bevölkerung.” (Foucault 2019, 134 f.)

Ein Großteil der Literatur zum Thema begreift Biopolitik als eine Form der Disziplinarmacht und geht davon aus, dass Medizin und öffentliche Gesundheit in die mit der Dominanz der kapitalistischen Produktionsweise verbundenen Formen der Machtausübung einbezogen sind. Eine Bestätigung hierfür lässt sich in Foucaults zu seinen Lebzeiten veröffentlichten Schriften finden, insbesondere im ersten Band von “Sexualität und Wahrheit”, gerade wenn man ihn zusammen mit “Überwachen und Strafen” liest. Es trifft zu, dass dies eine überzeugende Kritik an medizinischen Institutionen und ihrer gemeinhin angenommenen „Neutralität“ erlaubt. Später jedoch ging Foucault dazu über, das Konzept der Disziplinarmacht stärker von der eigentlichen Biopolitik abzugrenzen. In seinen Vorlesungen zu “Sicherheit, Territorium, Bevölkerung” unterschied Foucault zwischen Disziplinarmechanismen und “Sicherheitsdispositiven” (Foucault 2017, 19.). Foucault bediente sich des Beispiels der Pest und der Pocken bzw. des unterschiedlichen Umgangs mit diesen beiden Krankheiten, um die Unterscheidung zwischen Disziplinierung und Sicherheit zu erläutern.

“Das Problem stellt sich ganz anders, nicht so sehr dahingehend, eine Disziplin durchzusetzen, obgleich die Disziplin zu Hilfe gerufen wird, das grundlegende Problem ist vielmehr zu wissen, wie viele Leute von Pocken befallen sind, in welchem Alter, mit welchen Folgen, mit welcher Sterblichkeit, welchen Schädigungen und Nachwirkungen, welches Risiko man eingeht, wenn man sich impfen lässt, wie hoch für ein Individuum die Wahrscheinlichkeit ist, zu sterben oder trotz Impfung an Pocken zu erkranken, welches die statistischen Auswirkungen bei der Bevölkerung im allgemeinen sind, kurz: ganz und gar ein Problem, das nicht mehr dasjenige des Ausschlusses wie bei der Lepra ist, das nicht mehr dasjenige der Quarantäne ist wie bei der Pest, sondern vielmehr das Problem der Epidemien und der medizinischen Feldzüge, mit denen man epidemische oder endemische Phänomene einzudämmen versucht.” (Ebd., 25f.)

Foucault bemühte sich, nachzuzeichnen, in welchem Verhältnis das Konzept der Sicherheit zu der Art und Weise steht, wie mit Marktmechanismen auf Probleme bzw. auf einen Mangel reagiert. Er legte dar, wie daraus ein neuer Machtmodus hervorgeht.

“Die Disziplin ist wesentlich zentripetal. Damit will ich sagen, dass die Disziplin in dem Maße funktioniert, wie sie einen Raum isoliert, ein Segment bestimmt. Die Disziplin konzentriert, sie zentriert, sie schließt ein. Die ursprüngliche Geste der Disziplin besteht nämlich darin, einen Raum zu umschreiben, in dem ihre Macht und ihre Machtmechanismen voll und uneingeschränkt zum Tragen kommen. […] Sie isoliert, sie konzentriert, sie schließt ein, sie ist protektionistisch, und sie zentriert ihr Handeln hauptsächlich auf den Markt oder auf jenen Raum des Marktes und was ihn umgibt. Sie sehen, dass die Sicherheitsdispositive, wie ich sie versucht habe nachzuzeichnen, im Gegenteil zentrifugal sind und die Tendenz haben, sich auszudehnen. Es werden ohne Unterlass neue Elemente integriert, man integriert die Produktion, die Psychologie, die Verhaltensweisen, die Arten, wie man Produzenten, Käufer, Konsumenten, Importeure, Exporteure macht, man integriert den Weltmarkt. Es handelt sich also darum, immer weiträumigere Kreisläufe zu organisieren oder sich jedenfalls entwickeln zu lassen.” (Ebd, 73).

Just an dieser Stelle stößt Foucault auf den Liberalismus und erkennt, wie eine gewisse Bewegungsfreiheit zu einem wesentlichen Bestandteil dieser neuen Machttechnologie wird. Als Beispiele nannte Foucault neue Formen der Bekämpfung von endemischen Krankheiten etwa durch Impfung – ein Ansatz, bei dem es nicht einfach um Schutz geht, sondern um ein permanentes Risikomanagement. Darüber hinaus deutet dies auf ein Verhältnis von Regierung und Bevölkerung hin, das sich nicht auf das disziplinierende Element reduzieren lässt. Vielmehr beinhaltet es die Kalkulation, das Management und die Regulierung sowohl von Risiken als auch von Wünschen und Bedürfnissen der Menschen. Hier zeigt sich der Zusammenhang zwischen Biopolitik und dem Aufkommen der politischen Ökonomie und des Liberalismus, den neuen Formen politischer Macht, die mit der Dynamik der kapitalistischen Akkumulation einhergehen, der Beziehung zwischen Gesamtbevölkerung und dem Einzelnen. Kurzum: Hierbei handelt es sich um Foucaults großes Forschungsthema “Gouvernementalität”.

“Mit diesem Wort der ‘Gouvernmentalität’ möchte ich drei Dinge sagen. Ich verstehe [darunter] die aus den Institutionen, den Vorgängen, Analysen und Reflexionen, den Berechnungen und den Taktiken gebildete Gesamtheit, welche es erlauben, diese recht spezifische, wenn auch sehr komplexe Form der Macht auszuüben, die als Hauptziel die Bevölkerung, als wichtigste Wissensform die politische Ökonomie und als wesentliches technisches Instrument die Sicherheitsdispositive hat. Zweitens verstehen ich [darunter] die Tendenz oder die Kraftlinie, die im gesamten Abendland unablässig und seit sehr langer Zeit zur Vorrangstellung dieses Machttypus geführt hat, den man über alle anderen hinaus die ‘Regierung’ nennen kann: Souveränität, Disziplin, und die einerseits die Entwicklung einer ganzen Serie spezifischer Regierungsapparate [und andererseits] die Entwicklung einer ganzen Serie von Wissensarten nach sich gezogen hat. Schließlich denke ich, dass man unter ‘Gouvernmentalität’ den Vorgang oder vielmehr das Ergebnis des Vorgangs verstehen sollte, durch den der mittelalterliche Staat der Gerichtsbarkeit, der im 15. Und 16. Jahrhundert zum Verwaltungsstaat wurde, sich nach und nach ‘gouvernementalisiert’ hat.” (Ebd., 162).

Folglich steht die Erforschung der Biopolitik im Zentrum von Foucaults Entscheidung, sich in seiner Arbeit intensiver den verschiedenen Formen der Gouvernementalität und der “Kunst des Regierens” in der Geschichte zu widmen. Man kann dies als einen Versuch begreifen, über den Ansatz der Disziplinarmacht hinauszukommen. Foucault sollte sich von nun an im Wesentlichen in zwei Richtungen bewegen: Er untersuchte erstens die Verbindung zwischen Liberalismus und Biopolitik, was sich am deutlichsten in den Vorlesungen zur “Geburt der Biopolitik” (Foucault 2006) zeigt. Hier ließ er Fragen der Biopolitik im Grunde beiseite, um der Genealogie des Liberalismus, einschließlich des Proto-Neoliberalismus der deutschen Strömung des Ordoliberalismus, nachzugehen. Zweitens widmete er sich einer Rückbesinnung auf eine potenzielle Genealogie des Denkens über die Regierungskunst seit der Antike. Dies ist der Kontext, in dem er entscheidende Begriffe wie Selbstfürsorge und Parrhesia/Mut zur Wahrheit präsentierte und erörterte, wobei er stets darauf bedacht blieb, bei der Analyse der Machtfrage jeden Fundamentalismus zu vermeiden. Vielmehr bemüht er sich, den bereits im ersten Band von “Sexualität und Wissen” (“Der Wille zum Wissen”) formulierten Ansatz des “Nominalismus der Macht” weiterzuentwickeln.

Bryan Doniger scheint der Ansicht zu sein, dass es aufgrund dieser von Foucault hergestellten Verbindung zwischen Biopolitik (bzw. Biomacht) und liberalen (bzw. neoliberalen) Formen der Gouvernementalität ein riskantes Unterfangen sei, sich in kritischer und emanzipatorischer Absicht diesen Begriff (wieder)aneignen zu wollen. Des Weiteren meint er in meinem unausgereiften Plädoyer für eine demokratische Biopolitik tatsächlich eine Nähe zur neoliberalen Biopolitik zu erkennen, wie sie sich zu Beginn der gegenwärtigen Krise zeigte, als klar wurde, dass die neoliberalen Regierungen es versäumt hatten, sich auf einen solchen Notfall vorzubereiten.

In einem strikten “philologischen” Sinn mag er hier Recht haben. Allerdings vernachlässigt Doninger meiner Auffassung nach den dynamischen und relationalen Charakter von Foucaults Konzepten. Für mich repräsentieren Biopolitik und Biomacht tatsächlich eine neuen Machtmodus, der mit dem Kapitalismus aufkam. Zugleich weisen beide Konzepte auf die Herausbildung eines neuen Terrains von Antagonismen und Auseinandersetzungen hin sowie auf die Möglichkeit, eine andere Form von Biopolitik zu entwickeln, eine, die sowohl dem Paradigma der Souveränität als auch dem Paradigma des Marktes und der politischen Ökonomie entgegensteht und von der Kraft der Kämpfe der Subalternen bestimmt wird. Um eine Analogie zu geben: In seiner Untersuchung zur Entstehung von Hegemonie als einer besonderen Form der Macht- und Herrschaftsausübung in bürgerlichen Gesellschaften formulierte Gramsci zugleich das Projekt der Gegen-Hegemonie der Subalternen, das sich in Form, Inhalt und Praxis von dem der Herrschenden unterscheidet.

Meist wird diesen Spannungen und Dynamiken in Foucaults Denken und Werk nicht genügend Aufmerksamkeit geschenkt. Wie bereits beschrieben, hat dies zu einem reduzierten und schematischen Verständnis von Biopolitik (Biopolitik ist gleich disziplinierende Biomacht) beigetragen. Unterschlagen werden dabei die Unterscheidungen zwischen Disziplin und Sicherheit sowie zwischen Disziplinar- und Biomacht. Bei manchen Autor*innen – so etwa bei Giorgio Agamben und seinem Konzept der Thanatopolitik (Agamben 2002) – wird noch nicht einmal an Foucaults zentraler Unterscheidung zwischen Disziplinar- und Souveränitätsmacht festgehalten.

Hinter meinem Beitrag stand vor allem die Absicht, den bekannten Reflex, bei jeder Diskussion über social distancing gleich laut “Vorsicht Biopolitik” zu rufen, infrage zu stellen. Mir ging es darum, aufzuzeigen, dass solche Maßnahmen, solange sie den Bedürfnissen der Menschen und Gemeinschaften entsprechen, auch als Teil einer umfassenderen kollektiven Anstrengung verstanden werden können, einen praktischen Umgang mit der aktuellen Pandemie zu finden.

Ich finde die Entscheidung von Foucault, sich nicht länger mit Biopolitik, sondern stärker mit Formen der Gouvernmentalität zu befassen und von da aus den Schwerpunkt auf Selbstfürsorge, Parrhesia und den Mut zur Wahrheit zu legen, sehr interessant. In den späteren Bänden von “Sexualität und Wahrheit” und in seinen Vorlesungen am Collège de France nach 1979 deutet sich bereits ein weiteres Forschungsprojekt an, das mit der Genealogie von Subjektivierungspraktiken und der Beziehung zwischen Macht und Wahrheit zu tun hat. Für mich ist dieses Forschungsprojekt eine Erweiterung und zugleich eine Transformation der vorangegangenen Arbeit zum Thema Disziplinarmacht und ich sehe darin – anders als manch andere –  keineswegs eine “neoliberale Abkehr” von dem “wahren Foucault”. Ich bin vielmehr überzeugt davon, dass die späten Arbeiten und Überlegungen Foucaults auf eine höchst originelle agonistische Konzeption des menschlichen Lebens verweisen, die auch heute noch von außerordentlicher Relevanz ist. Das sieht man an der anhaltenden Suche nach Alternativen zum Bestehenden, an der ständigen Produktion von Heterotopien, um einen weiteren Begriff von Foucault zu verwenden. 1984 hielt Foucault seine letzte Vorlesung am Collège de France. Sie endete mit dem Satz:

“Aber was ich zum Abschluss hervorheben möchte, ist folgendes: Es gibt keine Einsetzung der Wahrheit ohne eine wesentliche Setzung der Andersheit; die Wahrheit ist nie dieselbe; Wahrheit kann es nur in Form des Jenseits und des anderen Lebens geben.” (Foucault 2012, 460).

Als ich in meinem Aufsatz den Begriff “demokratische Biopolitik” ins Spiel brachte, ging es mir eher darum, mithilfe von Foucault eine mögliche Alternative zu durchdenken, anstatt ihm im “philologischen” Sinne die Treue zu halten. Deshalb habe ich es gewagt, vorzuschlagen, mithilfe von Begriffen aus dem Spätwerk Foucaults uns eine solche antagonistische Form demokratischer Biopolitik vorzustellen, eine alternative Form der “Selbstfürsorge”, die nicht zu einer dystopischen Biopolitik führt. Man könnte dies als eine Form von Biopolitik jenseits der Disziplinarmacht und des liberalen Konzepts von “Sicherheit” beschreiben. Anknüpfend an weitere Überlegungen, die aus Foucaults späteren Schriften und seinem Forschungsprojekt zur “Kunst des Regierens” stammen, würde ich sogar vorschlagen, die Frage nach einer demokratischen Biopolitik mit dem umfassenderen Projekt der Suche nach einer “kommunistischen Gouvernementalität” zu verbinden – also mit der offenen Frage, wie transformative, partizipatorische, experimentelle und demokratische neue Praktiken der Politik aussehen könnten, die eine Selbstregierung der Subalternen ermöglichen würden. Eine solche “kommunistische Gouvernementalität” verweist auf eine der entscheidenden Herausforderungen, vor denen eine radikale Politik heute steht: Wie kann man statt eines weiteren alternativen politischen Diskurses eine alternative politische Praxis entwickeln – eine Praxis, mit der man sowohl der Falle einer sektiererischen Selbstisolierung entgeht als auch der Versuchung, sich auf traditionelle Wahlkampfpolitik zu beschränken?

Dementsprechend bin ich der Ansicht, dass das, was ich versucht habe, als demokratische Biopolitik zu beschreiben, auch für die gegenwärtigen Herausforderungen in Zeiten der COVID-19-Pandemie relevant ist. Wir müssen eine Alternative zum neoliberalen Zynismus und zu der menschenverachtenden Logik finden, die  Arme und Schutzbedürftige als Teil einer „Überschussbevölkerung“ sieht. Wir brauchen aber auch eine Alternative zur Zwangs- und Disziplinarlogik des Lockdowns (und zur Ausweitung von Überwachungstechnologien), zumal damit Menschen, die kein Zuhause haben, besonderen Schikanen ausgesetzt werden. Diese Politik hatte zudem ein dramatisches Massensterben in Pflegeeinrichtungen und Pflegeheimen zur Folge, weil man versäumt hatte, die nötigen Vorbereitungen zu treffen.

Wie sieht eine Alternative aus? Sie könnte auf einem Verständnis der tatsächlichen “Thanatopolitik” des neoliberalen Kapitalismus aufbauen. Das würde bedeuten, sich mit dem unterschiedlichen Ausmaß des Ansteckungsrisikos zu befassen, das heißt mit der Art und Weise, wie soziale Ungleichheit, Prekarität und sozioökonomischer Stress die Verwundbarkeit bestimmter Bevölkerungsgruppen erhöhen. Zudem müsste eine solche Alternative dem anti-sozialen Prinzip entgegenwirken, das dem social distancing innewohnt und sich dafür stark machen, die Bedingungen für die Wiederherstellung gemeinschaftlicher Fürsorge zu schaffen. Dies könnte verschiedene Formen annehmen: Denkbar wären Forderungen nach mehr sozialer Gleichheit und dem Abbau prekärer Lebensbedingungen, einer Verbesserung der Umweltbedingungen und dem freien und vollen Zugang aller zur Gesundheitsversorgung, wobei ganz oben auf der Liste eine gemeinwohlorientierte Primärversorgung, die Einführung alternativer Pflege- und Betreuungspraktiken zum Schutz der Schwächsten in der Gesellschaft, sichere Arbeitsplätze und der Ausbau von Solidaritätsnetzwerken stehen sollten. Darüber hinaus käme es darauf an, deutlich zu machen, dass öffentliche Proteste und Meinungsäußerungen elementar sind – sie sind wesentliche Aspekte der kollektiven “Widerstandsfähigkeit” einer Gesellschaft.

In einer solchen Perspektive erhält die Forderung nach einer kollektiven “Selbstfürsorge” eine neue Dringlichkeit, zumal sie auf die Notwendigkeit hinweist, gegen die vielen Ökologien von Krankheit, Ausbeutung und Unterdrückung anzukämpfen, die die Reproduktion der kapitalistischen Ausbeutung mit sich bringt: vom Klimawandel bis hin zur “Wohnungsfrage”. Eine solche Perspektive schließt selbstverständlich die kollektive Aufgabe ein, zu klären, wie der Übergang von der vorübergehenden Lahmlegung einiger Teile der Wirtschaft zu einem dauerhaften Prozess der gesellschaftlichen Transformation aussehen kann.

Hier könnte man verschiedene Erfahrungen und Beispiele als Bezugspunkte anführen. In meinem ursprünglichen Beitrag nannte ich ACT UP, es wäre jedoch auch auf die Black Panthers und ihre Strategie “Survival Pending Revolution” (Überleben in der Revolution, Anm. d. Übers.) zu verweisen. Paul Richards [6] und Alex de Waal [7] haben hervorgehoben, wie wichtig eine sozialere Herangehensweise an die öffentliche Gesundheit während einer Pandemie ist. Dazu gehört, die Communities und Nachbarschaften aktiv einzubeziehen und ihren Handlungsrahmen zu verstehen. Communities müssten lernen, aus der Sicht der Epidemiolog*innen zu denken und Epidemiolog*innen umgekehrt aus der Sicht der Communities. Alan Sears [8] hat kürzlich einen wichtigen Beitrag geleistet, indem er die Notwendigkeit einer “Gesundheit von unten” betonte, die “sich auf die Selbstorganisierung besonders gefährdeter Gemeinschaften stützt, die sich mit Mitteln der Mobilisierung und des Wissensaustauschs um das eigene Wohlergehen kümmern”.

Vor einigen Jahren berief sich Fredric Jameson in seinen Ausführungen zur dualen Macht “auf Organisationen wie die Black Panthers oder die Hamas und darauf, wie diese grundlegende soziale Aufgaben übernahmen bzw. übernehmen, darunter die tägliche Essens- und Gesundheitsversorgung, Müllabfuhr, Trinkwasserkontrolle und ähnliche Dinge, um die sich die eigentlich zuständigen (zentral)staatlichen Stellen vielerorts nicht ausreichend kümmern” (Jameson 2016, 4). Alberto Toscano entwickelte von einem ähnlichen Ausgangspunkt das Konzept einer dualen Biomacht. Er schrieb: “Ein möglicher Ansatzpunkt, um mit konkreten Überlegungen für den gesellschaftlichen Übergang zu beginnen, wäre die Berücksichtigung eines entscheidenden Phänomens, das wir als eine Art dualer Biomacht bezeichnen können. Gemeint ist damit der kollektive Versuch, sich Elemente und Bereiche der sozialen Reproduktion, vom Wohnen bis zur Medizin, die Staat und Kapital völlig aufgegeben oder so gestaltet haben, dass ganz viele Menschen ausgeschlossen bleiben, politisch anzueignen.” (Toscano 2016, 228)

Ich bin überzeugt, dass wir mit solchen Interventionen dem näherkommen, was ich versucht habe, als “demokratische Biopolitik” zu umschreiben. Dies geht weit darüber hinaus, vom Staat Eingriffe zum Wohle der öffentlichen Gesundheit zu fordern. Dabei handelt es sich um einen anhaltenden Prozess von Kämpfen der Subalternen, die gegen die unzureichenden Schutzmaßnahmen und Reaktionen der gegenwärtigen neoliberalen Staaten auf die Pandemie aufbegehren – dies eröffnet in der Tat eine Klassenperspektive, die ich in meinem ersten Beitrag womöglich nicht ausreichend betont habe. Die Grundlagen eines solchen Aufbegehrens sind kollektive Militanz und Selbstorganisierung.

Anmerkungen

[1] [9] Vgl. hierzu z.B. “Entrentien inédit entre Michel Foucault et quatre miltants de la LCR, membres de la rubrique culturelle du journal quotidien Rouge (Juli 1977), https:/questionmarx.typeped.fr/files/entrentien-avec-michel-foucault-1.pdf.

[2] [10] “Einerseits war die Theorie der Souveränität im 18. und noch im 19. Jahrhundert ein Instrument zur fortgesetzten Kritik der Monarchie und aller Hindernisse, die sich der Entwicklung der Disziplinargesellschaft in den Weg stellten. Andererseits ermöglichten die Theorie der Souveränität und die Ausarbeitung auf ihr beruhender Gesetzbücher, die Mechanismen der Disziplin einem Rechtssystem zu unterstellen, das deren Verfahrensweise verschleiert und die der Disziplin eigene Herrschaft und immanente Herrschaftstechniken zum Verschwinden brachte. Schließlich garantierte es jedem, mittels der Staatssouveränität seine eigenen souveränen Rechte wahrnehmen zu können.” (Foucault: In Verteidigung der Gesellschaft, 53).

Literatur

Agamben, Giorgio: L’invenzione di un’ epidemia, 26.2.2020, www.quodlibet.it/giorgio-agamben-l-invenzione-di-un-epidemia [3]

Ders, 2002: Homo Sacer. Souveräne Macht und bloßes Leben, Frankfurt a.M.

Doninger, Bryan: Two Problems with Democratic Biopolitics (Critique in times of Coronavirus), Critical Legal Thinking, 28.4.2020, criticallegalthinking.com/2020/04/28/two-problems-with-democratic-biopolitics-critique-in-times-of-coronavirus/ [1]

Foucault, Michel, 2019: Der Wille zum Wissen. Sexualität und Wahrheit I. Berlin

Ders., 2017a: Überwachen und Strafen. Die Geburt des Gefängnisses. Berlin

Ders., 2017b: Sicherheit, Territorium, Bevölkerung. Geschichte der Gouvernementalität I. Vorlesungen am Collége de France 1977–1978. Berlin

Ders., 2015: Die Strafgesellschaft. Vorlesungen am Collège de France 1972–1973. Berlin

Ders., 2012: Der Mut zur Wahrheit. Die Regierung des Selbst und der anderen II. Vorlesung am Collège de France 1983–1984. Berlin

Ders., 2006: Die Geburt der Biopolitik. Geschichte der der Gouvernementalität II. Vorlesung am Collège de France 1978–1979. Berlin

Ders., 2005: Die Macht der Psychiatrie. Vorlesung am Collège de France 1973–1974. Berlin

Ders., 2001: In Verteidigung der Gesellschaft. Berlin

Jameson, Fredric u.a. (Hg.), 2016: An American Utopia. Dual Power and the Universal Army. London.

Sotiris, Panagiotis: Against Agamben: Is a Democratic Biopolitics Possible? [11], Critical Legal Thinking, 14.3.2020, criticallegalthinking.com/2020/03/14/against-agamben-is-a-democratic-biopolitics-possible. [12] Auf Deutsch veröffentlicht in LuXemburg 1/2020, 128–131 [2]

Toscano, Alberto, 20016: After October, Before February: Figures of Dual Power, in: Jameson u.a. (Hg.): An American Utopia. London