| Christentum als Befreiungsbewegung

September 2014  Druckansicht    Druckansicht
Von Philipp Geitzhaus und Michael Ramminger

Es genügt nicht, die Religion als Verschleierung zu ent-decken

In durchaus beachtlichen Teilen der Linken werden Religion und Religionsgemeinschaften häufig noch unter dem Thema Obskurantismus, Fundamentalismus, Aberglauben und Irrationalismus abgehandelt und oftmals per definitionem als gewalttätig verstanden. Abgesehen vom fragwürdigen Standpunkt einer ›aufgeklärten Wissenschaft‹ (wie viele Irrtümer und Verbrechen der Neuzeit sind im Namen der ›Vernunft‹ und mit wissenschaftlichen Erkenntnissen ausgestattet begangen worden?), verdeckt eine solche Religionskritik mehr gesellschaftliche Wirklichkeit und Geschichte, als sie offenzulegen vermag. Zudem verhindert sie eine Diskussion über Möglichkeiten und Grenzen emanzipatorischer Theorie und Praxis.

Wir wagen folgende These: Das Christentum ist selbst eine religionskritische Institution, an deren Anfang eine Befreiungsbewegung, die Jesus-Bewegung, stand. Diese Bewegung stand in der großen jüdischen Tradition der macht- und herrschaftskritischen Propheten. Ihr ging es um Autonomie und Egalität zunächst für das jüdische Volk und gegen die eigene Oberschicht und das römische Imperium. Im frühen Christentum wurde dieser Anspruch dann auch auf die Gojim, die Heiden, ausgeweitet und damit universalisiert. Aus der Dialektik von erfolgreicher Verbreitung und gleichwohl ausbleibendem politischen Erfolg entstand die ›heilige, katholische Kirche‹, von der Alain Badiou (2002, 75) sagt: »Eine Heiligkeit kann sich nur schützen, wenn sie aus sich in aller erforderlichen Härte eine Kirche schafft. Aber diese Kirche macht aus der Heiligkeit ein Priestertum: Der Schutz vor der Korruption durch die Geschichte wird selbst zum Verrat an der Heiligkeit.« Dass das kein spezifisches Problem von Religion ist, sondern auch die kommunistische Bewegung angeht, ist nahe liegend (Žižek 2002, 42ff). Der Zusammenhang von Religion und (schlechter) Ideologie, sprich Aberglauben, oder von Religion und Gewalt taugt nicht als Ausgangspunkt für eine kritische Auseinandersetzung mit Religion.

Welche (Herrschafts-)Geschichte die christlichen Kirchen hervorgebracht haben, ist bekannt. Aber es gibt auch die andere, die Geschichte von unten. Nun könnte man sagen, diese habe nichts mit den real existierenden Kirchen zu tun. Nicht wenige ChristInnen sind selbst zu dieser Überzeugung gekommen und haben die Kirchen hinter sich gelassen. Aber die christliche Geschichte von unten, zum Beispiel die frühe Gleichheits- und Freiheitsgeschichte, die Armutsbewegungen der frühen Neuzeit, Thomas Müntzer, der christliche Frühsozialismus und nicht zuletzt die lateinamerikanische, afrikanische und asiatische Befreiungstheologie waren immer mit der Institution Kirche verknüpft: als Gegen- und als Reformbewegung, und die Kirche war immer mehr oder weniger intensiv mit den Freiheits- und Emanzipationsbewegungen der Menschheit verknüpft. Kirche war vielleicht nie das Reale des Christentums, aber doch die Bedingung seiner Möglichkeit. In diesem Sinne ist die Trennung von Christentum und Kirche unzulässig.

Kirche von unten

Der politische Katholizismus und Protestantismus der 1970er und 1980er Jahre fokussierte vor allem auf eine intensive Solidarität mit den Befreiungsbewegungen in Lateinamerika, Afrika und Asien sowie auf die Friedens- und Anti-AKW-Bewegung – er ist jedoch inzwischen nur noch ein Schatten seiner selbst. Das Rollback innerhalb der katholischen Kirche nach dem durchaus fortschrittlichen Zweiten Vatikanischen Konzil (1962/65; vgl. ITP 2011), für das prominente Gestalten wie Papst Johannes Paul II. und seine rechte Hand Joseph Ratzinger (später Benedikt XVI.) verantwortlich sind, hat vielen Bewegungen und Initiativen die ›Luft zum Atmen‹ genommen. Gleichzeitig präsentierte sich der neoliberale Kapitalismus als Erfolgsmodell und nahm damit auch vielen christlichen Linken die Hoffnung auf eine solidarische Welt. Doch seit einigen Jahren beginnt sich das politische Christentum zu reorientieren. Die Erinnerung an die Aufbrü- che von 1968 (auch in der Kirche) ermöglicht die Abkehr von der Ideologie der Alternativlosigkeit. Man erinnert, dass eine Welt jenseits des Kapitalismus möglich ist. Zu nennen ist insbesondere der Organisierungsprozess zahlreicher basiskirchlicher und linkskirchlicher Initiativen durch die sogenannte Konziliare Versammlung 2012. Die Versammlung wollte den Bruch zur Zeit des Zweiten Vatikanischen Konzils mit der konstantinischen Kirche, sprich der Kirche als Herrschaftsinstitution in Kooperation mit dem Staat, wieder ins Gedächtnis rufen. Und nach langer Zeit wurde wieder ein Austausch unter den verschiedenen Initiativen ermöglicht. Es ging neben typischen ›Kircheninterna‹, wie zum Beispiel demokratische Entscheidungsstrukturen, um Themen wie Kapitalismus, Krise und Krisenproteste (Blockupy), Flucht/ Migration, Armut/Reichtum, Klimagerechtigkeit und vieles mehr. Einer der wichtigen Beschlusspunkte war die Verpflichtung der versammelten Gruppen, die Kooperation mit allen Bewegungen zu suchen, die eine Politik der Autonomie und Egalität verfolgen. Dabei standen zu diesem Zeitpunkt der ›arabische Frühling‹ und die Krisenproteste in Europa im Fokus. Konkret äußerte sich die Kooperation zum Beispiel in der Unterstützung der Blockupy-Bewegung und der Flüchtlingsproteste. Diese Zusammenarbeit gilt es auszubauen und zu verbreitern.

Auch international existieren zahlreiche christliche Bewegungen, die diese ›Geschichte von unten‹ weiterschreiben – nicht zuletzt gegen die eigenen kirchlichen Strukturen und reaktionären Strömungen. Dazu gehören solche Bewegungen, die sich der Befreiungstheologie und der ›Kirche der Armen‹ verpflichtet wissen. In Lateinamerika, Indien und vielen anderen Regionen engagieren sich christliche Initiativen bei Landbesetzungen, gegen Megabauprojekte, in der Menschenrechtsarbeit und vielem mehr. Begleitet werden solche Kämpfe vor Ort von verschiedenen internationalen Konferenzen. Hier sei nur auf die großen ökumenischen Versammlungen des sogenannten Konziliaren Prozesses verwiesen, der auf eine Initiative von Dietrich Bonhoeffer zurückreicht. Diese Versammlungen stellen eine Plattform für die Kirchen des globalen Südens dar und stehen unter dem Motto Gerechtigkeit, Frieden und Bewahrung der Schöpfung. So heißt es zum Beispiel in der 2004 in Accra/Ghana verabschiedeten Erklärung des Reformierten Weltbundes: »Darum sagen wir Nein zur gegenwärtigen Weltwirtschaftsordnung, wie sie uns vom globalen neoliberalen Kapitalismus aufgezwungen wird.«1

Konferenzen haben natürlich ihre Grenzen, da in der Regel über die jeweiligen Dokumente ›lediglich‹ Bekenntnisse und Appelle formuliert werden. Doch belegen sie ein großes Bewusstsein für die Bedeutung internationaler Solidarität und Grenzen überwindenden Denkens und Handelns. Insofern handelt es sich um Versammlungen, die diese Solidarität ausdrücken und repräsentieren wollen. In der globalen Linken hat man dafür die Weltsozialforen eingerichtet.

Päpstliche Kapitalismuskritik

Aktuell erleben wir antikapitalistische und solidarische Aufbrüche in der Kirche von ungewöhnlicher Seite: vom Papst. Das irritiert. Papst Franziskus prangerte den Fetischismus des Geldes an, was in dem viel diskutierten Satz gipfelte: »Diese Wirtschaft tötet.« Dieser Zustand drückt sich, so Franziskus, in einer fürchterlichen »Globalisierung der Gleichgültigkeit« aus, in der es kein Aufsehen erregt, wenn Menschen nicht mehr »nur« verarmen, sondern zu menschlichem Müll gemacht werden. Dass diese Kritik den größten Teil der Kirche verstört, ist kaum verwunderlich. Viele linke KatholikInnen erleben damit seit langer Zeit wieder eine Situation, in der ihnen von dieser Seite wenigstens nicht mehr nur Steine in den Weg gelegt werden. Vielleicht eröffnet die populäre Kritik des Papstes wieder eine größere Bereitschaft – über solche Organisierungsprozesse wie die Konziliare Versammlung hinaus –, aus christlicher Perspektive gegen menschenverachtende und entwürdigende Verhältnisse öffentlich Position zu beziehen.

Dieser unvollständige Aufriss soll zeigen, dass die Kirchen und das Christentum keine ideologisch und politisch homogenen Institutionen sind, vielmehr deren Wahrheitsanspruch auch in den eigenen Reihen immer umkämpft ist. Für eine linke Debatte um das Verhältnis von christlichen (religiösen) Institutionen und Gemeinschaften und nichtreligiösen Bewegungen und Institutionen ist dies der entscheidende Punkt: Welche gesamtgesellschaftliche Bedeutung misst man den Kirchen und religiösen Gemeinschaften bei, und wo gibt es Anknüpfungspunkte und Konvergenzen in den realen Kämpfen um Befreiung und Emanzipation? Auf der Basis solcher Konvergenzen könnte vielleicht auch eine theoretische Auseinandersetzung zwischen nicht-christlichen und christlichen Linken um die Vorstellungen von Freiheit, Hoffnung, Geschichte, Gläubigkeit oder Treue produktiv werden.

Für linke ChristInnen bleibt die Problematik zwischen Wahrheitsanspruch und dem Verrat an der Heiligkeit beunruhigend, aber zugleich verbunden mit der Hoffnung, dass »trotz des ungeheuren Gewichts der religiösen Repräsentation«, so der französische Philosoph Nancy (2008, 13), im Christentum nie nur »eine zweite Welt oder eine Hinterwelt, sondern stets das Andere der Welt« gemeint ist.

 

Anmerkungen

1 1 www.kairoseuropa.de/fix/Accra%20conf %20dtsch%20 final%20offiziell%20GC%2028-g1.pdf

Literatur

Badiou, Alain, 2002: Paulus. Die Begründung des Universalismus, München
Institut für Theologie und Politik (Hg.), 2011: Der doppelte Bruch. Das umkämpfte Erbe des Zweiten Vatikanischen Konzils, Münster
Nancy, Jean-Luc, 2008: Die Dekonstruktion des Christentums, Regensburg
Žižek, Slavoj, 2002: Die Revolution steht bevor. Dreizehn Versuche über Lenin, Frankfurt/M