| Keine mehr!

Ein Gespräch mit Alex Wischnewski über Feminizide und den Kampf um Begriffe

Du bist aktiv bei der Plattform #KeineMehr, die die Debatte über Feminizide nach Deutschland tragen will. Warum sprecht ihr von Feminiziden statt von Mordfällen an Frauen?

Feminizid oder auch Femizid bezeichnet Tötungen an Frauen und Mädchen aufgrund ihres Geschlechts. Alle Feminizide sind Tötungen von Frauen, aber nicht alle Tötungen von Frauen sind Feminizide. Es geht
also nicht darum, einfach die Opfer nach Geschlecht zu differenzieren. Vielmehr soll der Begriff bestimmte Frauenmorde als eine Form von Hasskriminalität sichtbar machen und den Blick auf deren gesellschaftlichen Kontext lenken. Das bedeutet, Feminizide als extremen Ausdruck ungleicher Geschlechterverhältnisse und männlichen Dominanzstrebens zu fassen. Zahlreiche Gutachten zeigen: Das Risiko von Frauen, Gewalt ausgesetzt zu sein, steigt besonders dann, wenn traditionelle Geschlechterarrangements angegriffen werden, insbesondere während und nach einer Trennung oder Scheidung. Die Tötung ist die Zuspitzung dieser Gewalt. Forscher*innen sprechen deshalb auch von der Rache des beleidigten Machismus. Außerdem heißt es, nach den gesellschaftlichen Bedingungen
zu fragen, die es erlauben, dass solche Taten überhaupt stattfinden können. Von Feminiziden zu sprechen, macht diese Tötungen von Frauen nicht nur sichtbar. Es hilft auch dabei, politische Gegenwehr zu mobilisieren.
| mehr »

| Landlose Bewegung. Wie weiter mit der MST in Brasilien?

Von Ana Alvarenga de Castro

Die Bewegungen der Bäuer*innen und Landlosen in Brasilien stehen vor neuen Herausforderungen. Der institutionelle Putsch, mit dem die gewählte Präsidentin Dilma Rousseff 2016 zu Beginn ihrer zweiten Amtszeit abgesetzt wurde, stellte nur den vorläufigen Höhepunkt einer größeren politischen und ökonomischen Krise des Landes dar.
| mehr »

| Wiedergelesen: Das »unmögliche« Prekariat. Wie Klasse neu gedacht und gemacht werden kann

Von Mario Candeias

Der hier vorliegende Text von Mario Candeias widmet sich der Problematik des analytischen Herangehen einflussreicher soziologischer Arbeiten von Bourdieu, Walquant oder Castell über das »Prekariat«. Candeias kritisiert deren brillante, aber einseitige Analyse, da nur die Dekonstruktion der Arbeiterklasse in den Blick genommen wird, nicht aber Elemente ihre Neuzusammensetzung in einem permanenten Prozess des Unmaking und Remaking. Ergänzend stellt er Elemente einer möglichen Formierung des »Prekariats« als neues Klassenfraktion im Werden dar. Diese Arbeit lag bisher nur englischsprachig vor und erscheint hier erstmalig auf Deutsch.


| mehr »

| Aufstand am Anfang der Lieferkette. In Südafrikas Landwirtschaft und Lebensmittelindustrie formiert sich eine neue Arbeiterbewegung

Von Ronald Wesso

Die Arbeiterbewegung in Südafrika befindet sich im Umbruch. Die etablierten Gewerkschaften vertreten vor allem die fest angestellten Beschäftigten, die ein Mindestmaß an Schutz vor den schlimmsten Verwerfungen des Neoliberalismus genießen. Bäuer*innen, Migrant*innen, »outgesourcte« Beschäftigte und Zeitarbeitskräfte, darunter insbesondere Frauen, sind jedoch von den gesetzlichen und institutionellen Mindeststandards ausgenommen, die in den 1990er Jahren von den Gewerkschaften ausgehandelt werden konnten.

| mehr »

| Agrarpopulismus von Rechts oder Links? Wie wir um den ländlichen Raum kämpfen müssen

Von Saturnino ›Jun‹ M. Borras

Populismus ist das bewusste Verbinden von unterschiedlichen oder gar konkurrierenden Klassen- oder Gruppeninteressen zu einer relativ einheitlichen Stimme, mit der zu taktischen oder strategischen Zwecken ein »wir« – etwa »das Volk« – gegen die anderen – etwa »die da oben« – mobilisiert wird. Dieser Ansatz ist nicht notwendigerweise rückschrittlich oder reaktionär. Er ist nicht in einem Schwarz-weiß-Schema zu begreifen, sondern in Schattierungen und Graustufen. Auf diese Weise lassen sich unterschiedliche Stränge und Grade des Populismus und dessen Neigung zu Militarismus, Autoritarismus oder Demokratisierung vergleichen: Mugabe in Simbabwe, Thaksin in Thailand, Duterte auf den Philippinen, Modi in Indien, Trump in den USA, Le Pen in Frankreich, Erdoğan in der Türkei, Putin in Russland, Chávez in Venezuela, Correa in Ecuador oder Lula 
in Brasilien. »Zu fragen, ob eine Bewegung populistisch ist oder nicht, ist von vornherein eine falsche Frage«, erklärt Laclau (2005, 45).
| mehr »

| »Die Fragen des Alltags sind Klassenfragen«

Gespräch mit Rhonda Koch

Wie linke Studierendenpolitik 50 Jahre nach 1968 aussehen kann

Im Dezember ladet ihr zu einem Kongress unter dem Titel »50 Jahre 1968« ein. Viele Großeltern heutiger Studierender gingen damals auf die Straße. Warum ist das Thema für euch wichtig?
Um es ganz grundsätzlich zu sagen: 1968 ist ein Beweis, dass die Geschichte von Menschen gemacht wird. Es war weltweit die Zeit einer kollektiv gelebten, geforderten und vor allem gefühlten konkreten Utopie: Die verschiedensten sozialen Bewegungen und Kämpfe konnten zeigen, dass eine andere Gesellschaft jenseits der kapitalistischen Herrschaft denkbar ist,
| mehr »

| Ein neuer Aufbruch

Von Owen Jones

Es war eine Zeit der Rebellion, der Revolution, des Kampfes, der Besetzungen und Streiks – und der lebenden, atmenden Hoffnung darauf, dass die alte Ordnung kollabiert und eine neue Gesellschaft möglich ist. An 1968 erinnern vielleicht am besten les évenements (die Ereignisse) vom Mai und Juni in Frankreich: ein Tsunami von Demonstrationen, Barrikaden und Besetzungen von Fabriken und Universitäten. Die rote Fahne wurde über Fabriken gehisst, Protestierende sangen die Internationale, und revolutionäre Slogans schmückten Plakate, Banner und Mauern, wie etwa: „Die Menschheit wird nicht eher glücklich sein, als bis der letzte Kapitalist an den Eingeweiden des letzten Bürokraten aufgehängt ist.“
| mehr »

| Warum ich Marxist geblieben bin

Von Bernhelm Booß-Bavnbek

Wir veröffentlichen hier eine leicht gekürzte Fassung des Artikels „Entdeckung des Marxismus 1966/67“, den der Autor vor 30 Jahren in Forum Wissenschaft (4/88) anlässlich des 170. Geburtstags von Karl Marx veröffentlichte.
| mehr »

| Hoch die … Marx als verbindender Politiker der Ersten Internationale

Von Marcello Musto

Marx’ Beitrag zur Internationalen

Die Internationale Arbeiterassoziation (IAA) wurde am 28. September 1864 in London gegründet. Zu ihr gehörten reformistische Gewerkschafter*innen aus England, französische Mutualist*innen, die durch die Theorien von Pierre-Joseph Proudhon inspiriert waren, 1 Antikapitalist*innen und Gruppen, die den Ideen der utopischen Sozialist*innen anhingen. Acht intensive Jahre wirkten sie im ersten transnationalen Experiment der Arbeiterbewegung gemeinsam. Es war die große Leistung von Karl Marx, das Zusammenwirken dieser verschiedenen Strömungen in einer gemeinsamen Organisation ermöglicht zu haben. Sein politisches Talent befähigte ihn, das scheinbar nicht zu Vereinbarende zu vereinbaren. Nur dadurch kam es, dass die IAA nicht den vielen früheren Arbeitervereinigungen folgte, die schnell in Vergessenheit geraten waren. Marx war es, der der Internationalen ein klares Ziel gab. Ihm gelang es, ein politisches Programm durchzusetzen, das eindeutig klassenbasiert war und doch nicht ausgrenzend – ein Programm, das jenseits jedes Sektierertums die Massen gewann. Marx war stets die politische Seele des Zentralrats der IAA: Er entwarf alle wesentlichen Resolutionen und bereitete die Berichte an die Kongresse der IAA vor.
| mehr »

Anmerkungen

  1. Für Mutualist*innen sollte die sozialistische Gesellschaft aus den freien Vereinbarungen der Werktätigen auf der Basis der Wechselseitigkeit (des Mutualismus) hervorgehen. Sie sahen in der weitgehenden Verstaatlichung der Wirtschaft eine Gefahr für die Freiheit der Arbeiter*innen, Bäuer*innen und Kleinproduzent*innen (Anm. d. Ü.).[]

| Wider die Anpassungswissenschaft. Marxistisch sein in der Psychologie

Von Morus Markard

»Herr Markard, wie sind Sie eigentlich zur (marxistischen) Kritischen Psychologie gekommen?«, werde ich gelegentlich gefragt. Die Antwort ist: Nach 17 Semestern Psychologiestudium in Bonn, das meine vielfältigen Aktivitäten im AStA der Universität und im Marxistischen Studentenbund Spartakus begleitete, sah ich zwischen der Mainstream-Psychologie, wie ich sie studiert hatte, und meiner sonstigen Lebenspraxis einen nicht zu überwindenden Graben. Ein biografischer Zufall verschlug mich 1975 nach Berlin, und als sich dort die Gelegenheit bot, mich an der Freien Universität mit der Kritischen Psychologie zu befassen, änderte ich meine Absicht, der Psychologie den Rücken zu kehren.
| mehr »