| Eskalator hoch und runter

Von Manja Präkels

»Die Menschen aus dem Osten sahen aus wie Schauspieler aus einem Maxim-Gorki-Stück, die plötzlich ihre Bühne verloren hatten und auf einer anderen Bühne, in der ein ganz anderes Stück gespielt wurde, gelandet waren.«

Emine Sevgi Özdamar, in »Ulis Weinen«

Soweit ich mich erinnere, hatte ich mich auf das Jahr ’89 gefreut. Der Fahrerlaubnis näher zu kommen. Bald kein Kind mehr zu sein. Das nichts sagen darf. Was ich wirklich nicht erwartet hatte, war, im November des Jahres schamvoll auf der Rolltreppe eines Westberliner Warenhauses zu stehen.


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| Damals

Von Anke Stelling

Ich war nie in der DDR gewesen, aber ich liebte Westberlin. Westberlin gab es nur, weil es die DDR gab. Ich war doch schon in der DDR gewesen, aber nur im Transit, im Auto meiner Eltern oder in dem D-Zug, der sechs Uhr vierzehn am Bahnhof Zoo ankam; das wurde vom GRIPS-Theater besungen, und ich wusste genau, wie es sich anfühlte: sechs Uhr vierzehn, Bahnhof Zoo, und dann in die U-Bahn umsteigen.
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| Die Schildkröte

Von Steffen Mensching

In einem Bändchen mit klassischer koreanischer Lyrik mit dem Titel »Lob des Steinquells« findet sich ein Vierzeiler, ohne Autorenangabe, genannt »Beschwörungsformel«:

Schildkröte oh! Schildkröte oh!
Zeig deinen Kopf! Dass du es weißt
Zeigst du uns nicht den Kopf, wirst du
von uns geröstet und verspeist.


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| Nahaufnahme: Eine kleine Geschichte über den schmutzigen Osten

Von Anna Stiede

Wie fühlt sich eine Generation, die zwischen Freiheitsversprechen, Zerfall und Nazibanden aufgewachsen ist? In einer Gesellschaft der Sprachlosigkeit, in der »Treuhand« ein Fremdwort war.

1997 wechselte ich von der vermeintlichen Landidylle auf das Gymnasium. In diesem Sommer verordnete mir die Gesellschaft eine neue Rolle. Ich und ein paar andere Kinder waren auserkoren, auf das Gymnasium nach Apolda zu gehen. Die zukünftige bürgerliche Elite des Ostens? Wir waren die Kids aus Arzt-, Klein- bis Großunternehmerfamilien oder aus Familien mit alleinerziehenden Müttern, die auf das Gymnasium entsandt wurden. Ab da durchfuhr unsere dörfliche Kinderbande eine tiefe Spaltung.
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| Es war einmal

Von Heike Geissler

Es war einmal ein Mädchen, das hatte zu viele langweilige Nachmittage in seinem unordentlichen Zimmer verbracht und Träume angehäuft. Auch hatte es zu lange an seinem Fenster gestanden und darauf gewartet, dass die Mutter endlich von der Arbeit käme, oder es hatte dem Vater zugesehen, wie er, sich hinter der Gardine versteckend, immer dann gegen die Scheibe klopfte, wenn jemand nicht den Fußweg um die Grünfläche vor dem Haus nutzte, sondern den Trampelpfad. Der Vater freute sich über den Schreck der Leute und das Mädchen fragte sich, wie Erwachsene sich etwas ausdenken. Wie kommt Unfug in die Köpfe Erwachsener, wie bereiten sie ihn vor, wie führen sie ihn aus?
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| Mauerfall Memories

Von Norbert Niemann

Im Jahr des Falls der Mauer schloss ich mein Studium ab. Im Jahr davor saß ich im Oberseminar des Literatursoziologen Jürgen Scharfschwerdt an der Ludwig­Maximilians­Universität München. Scharfschwerdts Schwerpunkt war DDR-Literatur. Ich erinnere mich, dass die dissidenten, in der BRD publizierten Texte für einige von uns – sicher jedenfalls für mich – die mit Abstand relevantesten in deutscher Sprache geschriebenen Texte jener Zeit gewesen sind. In der BRD hatte bereits in den Achtzigern – das wird oft vergessen – eine Kommerzialisierung und Neoliberalisierung des Kulturbetriebs eingesetzt. Gefeiert wurden Romane wie »Die letzte Welt« von Christoph Ransmayr, »Das Parfüm« von Patrick Süskind, »Die Entdeckung der Langsamkeit« von Sten Nadolny. Meine Lesesozialisation ab den späten Siebzigern hatte ganz andere Weichen gestellt und Erwartungen gesetzt. Damals erschienen die Bücher Rolf Dieter Brinkmanns oder Nicolas Borns, »Die Ästhetik des Widerstands« von Peter Weiss und so weiter. Im Westen brach diese Linie in den frühen Achtzigern ab – nicht aber im Osten. Über den Umweg Heiner Müller machte sich dort auch eine politisch und ästhetisch anders konnotierte Lesart französischer Poststrukturalisten wie Michel Foucault und Gilles Deleuze geltend, nicht zuletzt in der Prenzlauer­Berg­Szene. Statt Spiel und »Anything Goes« wie im Westen »Mikrophysik der Macht«.
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| Mehr als ein Mauerfall

Von Annett Gröschner

Je älter ich werde, desto schneller vergeht die Zeit. Im letzten Jahr dachte ich, oh, schon gleich wieder fünf Jahre um, was kommt dieses Jahr in Sachen Erinnerungskultur? Wer hat diesmal die Mauer geöffnet und den Ostdeutschen das Paradies geschenkt? Will ich mich daran beteiligen, indem ich das Ganze von der Seite kommentiere und eine andere Erzählung dagegensetze, oder setze ich mal zehn Jahre aus und sortiere meine Erinnerungen? Wobei das mit der Erinnerung immer so eine trügerische Sache ist. Man erinnert sich nach Jorge Luis Borges ja immer nur an die letzte Erinnerung der Erinnerung.
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| 1989 war ich Underground

Von Enno Stahl

1989 war ich Underground. Und das war gut so. Denn wir wollten ums Verrecken nicht so sein wie die anderen – die Bölls, Grass‘, Walsers. Wenn man Trash und Indierock hört, kann man Wasserglaslesungen mit Blumenbouquet weniger goutieren. Literatur und die dazugehörigen Lesungen sollten Punk sein, was natürlich schwierig ist bis unmöglich. Literatur ist ein weit weniger aufreibendes Medium als harte Gitarrenmusik, besonders körperlich – wenngleich sie hier und da schon für rauschhafte Erfahrungen zuständig sein kann, aber die geschehen bekanntlich mehr im Kopf.
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| Wer schreibt Geschichte? Rückblicke auf die Wendezeit

1989/90 war eine Zäsur in der deutschen Geschichte. Die Hoffnungen auf eine Demokratisierung und Erneuerung des Sozialismus in der DDR wurden schnell von den Ereignissen überrollt und gerieten in ein neues Fahrwasser. Der Mauerfall, Wahlen, der Anschluss der DDR an die Bundesrepublik, eine vorzeitige Währungsunion, die Privatisierung der volkseigenen Betriebe, ein bis dato unbekannter Anstieg der Massenarbeitslosigkeit sowie die Übernahme von Führungspositionen durch Westdeutsche haben die (ost-)deutsche Geschichte und die Biografien der in der DDR aufgewachsenen Menschen nachhaltig geprägt und beschädigt. Die Wunden sind kaum vernarbt und werden erst langsam anerkannt. Aber auch die alte BRD, die manchen Ostdeutschen mit ihrer Reisefreiheit und ihrem hohen Konsumniveau als Sehnsuchtsort galt, veränderte sich. Der Neoliberalismus, entstanden aus der Krise des Fordismus in den 1970er Jahren, entfaltete nun, wo er sich ungehindert globalisieren konnte, seine volle Dynamik und setzte die alte Wohlfahrtsstaatlichkeit der BRD massiv unter Druck.Die deutschsprachige Gegenwartsliteratur hat diese Zäsur(en) in sich aufgenommen und gespiegelt, ver-spiegelt oder zerr-spiegelt ästhetisch verhandelt und die subjektive Seite der Ereignisse von 1989/90 nachgezeichnet. Zahlreiche Romane haben die Einzelgeschichten und Schicksale, die doch immer auch Typen reflektieren und Allgemeines aussagen, erinnerlich gemacht: Ingo Schulze, Annett Gröschner, Regina Scheer, Clemens Meyer, Jenny Erpenbeck, Erasmus Schöfer, Reinhold Andert, Christoph Hein, Manja Präkels, Peter Richter, um nur einige zu nennen. Was denken diese Schriftsteller*innen heute über die Ereignisse von damals? Bewerten sie sie neu? Was hat sich damals eigentlich verändert? Was ging zu Ende und was begann? Und was ist für sie das Allgemeine hinter ihrem konkreten Schicksal? Die Zeitschrift LuXemburg wirft einen Blick auf 30 Jahre seit der Wende und die Folgen. In der Reihe “Wer schreibt Geschichte?” erscheinen Beiträge von Künstler*innen, die sich mit der Zäsur 1989/90 auseinandersetzen.

Eskalator hoch und runter
Von Manja Präkels

Damals
Von Anke Stelling

Die Schildkröte
Von Steffen Mensching

Mehr als ein Mauerfall
Von Annett Gröschner

Mauerfall Memories
Von Norbert Niemann

Es war einmal
Von Heike Geißler

Never back in the USSR
Von Michael Wildenhain

Neunundachtzig Neunzig
Von Ingo Schulze

Die zerfetzte Fahne
Von Erasmus Schöfer

Vergeigt
Von Reinhold Andert

1989 war ich Underground
Von Enno Stahl

 

| NEUNUNDACHTZIG NEUNZIG

Von Ingo Schulze

Je unsicherer die Gegenwart, desto drängender das Bedürfnis, sich in der Vergangenheit des eigenen Herkommens zu vergewissern. Um das dreißigjährige Jubiläum der Friedlichen Revolution vom Herbst 1989 zu feiern, gibt es grob gesagt zwei unterschiedliche Ansätze. Der eine reduziert alles auf den 30. Jahrestag des Mauerfalls, der andere begreift den Herbst als Prozess, in dem die Öffnung der Westgrenze ein Meilenstein war, aber nicht der einzige.

Ich halte den zweiten Ansatz für den angemessenen. Die Ereignisse der Friedlichen Revolution/des Umbruchs/des Herbstes 89 auf den Mauerfall zu konzentrieren, ist allerdings das herrschende Deutungsmuster, nicht nur, weil ein Datum, ein Ereignis griffiger ist als ein Prozess, es für den »Mauerfall« Bilder und Reportagen gibt und der Begriff »Mauer« die Qualität eines mythischen Elementes besitzt, also über sich hinausweist.
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