| Verzweifelt gesucht … Weshalb es mit dem revolutionären Subjekt nicht so einfach ist

Von Mimmo Porcaro

Politische Subjekte sind nicht gegeben, zumal in Zeiten organischer Krise. Ein Subjekt, das bewusst handelt und soziale Realität intentional gestaltet, auf der Grundlage der Verarbeitung von Erfahrungen, existiert nicht – weder als Individuum noch als Gruppe; zumindest nicht als beständiges Subjekt, das sich selbst bewusst und dauerhaft fähig ist, kritisch zu denken und danach zu handeln. Individuen und Gruppen wiederholen vorherige Erkenntnisse, die zu gewohnten Formen der Orientierung in der Welt geworden sind. Sie müssen in einer veränderten Welt Dinge verlernen, um Neues zu denken (ohne alles über Bord zu werfen, bevor eine neue Praxis erkennbar wird). Subjekte vergessen aber auch, was sie gelernt haben, weil sie mit zu vielen Informationen überlastet sind, oder weil sie bestimmte Dinge regelrecht verdrängen – beispielsweise wenn die Erinnerung sie zu Entscheidungen zwingt, die sie nicht anpacken können oder wollen.
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| Marxte noch mal?! − LUXEMBURG 2-3/2017


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| Der tote Hund als Berater. Marx-Consulting und die Gewerkschaften

Von Hans-Jürgen Urban

Alle reden gegenwärtig über Marx. Der junge Marx, der Philosoph, ist zum »Lieblingsautor der evangelischen Akademien« avanciert (Eiden-Offe 2017, 66). Koryphäen des Neoliberalismus konstatieren anerkennend, Marx habe »viele interessante Gedanken geäußert, die nachhaltigen Einfluss auf die weitere Entwicklung und den Erkenntnisprozess der Volkswirtschaftslehre und der anderen Sozialwissenschaften hatten« (Sinn 2017, 73). Und in den Feuilletons der sogenannten Qualitätszeitungen ist Marx geradezu Stammgast. Sind wir heute also alle Marxist*innen (um ein Diktum Ralf Dahrendorfs zu variieren, mit dem er die Verallgemeinerung sozialdemokratischer Ideen am Ende des 20. Jahrhunderts auf den rhetorischen Punkt bringen wollte)?
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| Sozialistische Klassenpolitik

Von Bernd Riexinger

Was die Klassenfrage für die LINKE bedeutet: verbinden statt gegeneinander ausspielen

Seit der Bundestagswahl hat die Diskussion an Fahrt aufgenommen, welche Milieus, sozialen Gruppen oder Klassen DIE LINKE anspricht und ansprechen kann – und wie das zu beurteilen ist. Bereits bei verschiedenen Landtagswahlen war ein Trend zu erkennen, der sich in der Bundestagswahl bestätigt hat: DIE LINKE gewinnt neue Wähler*innen unter jungen, häufig akademisch Gebildeten in den Großstädten und urbanen Zentren. Dort konnte der Zuspruch seit Parteigründung nahezu verdoppelt werden. Der Stimmenzuwachs am 24. September 2017 wäre ohne diese Entwicklung nicht möglich gewesen.
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| LuXemburg Special »New Class Politics«

The question of class rests at the center of a left-Marxist project. Nonetheless, ‘class’ has not really played a role in recent stratecig debates and political praxises. The reasons are manyfold: since the 1970s, social democracy has abandoned the question of class in favor of models that assume a diversity of social strata; distancing themselves from an understanding of class reduced to male industrial labor, new social movements have turned to questions of modes of living, gender relations, the post-colonial legacy and ecology; and the ‘end of socialism’ has also done its part. At the same time, social antagonisms have intensified in Western industrial countries, and the gap between the poor and the rich is greater than ever as a consequence of a financialised capitalism in crisis and declining profit rates. The latter are being ‘compensated’ for by means of flexibilization, downward pressure on wages, and the destruction of public infrastructure, carried out on the backs of the majority of the population. Most recently, the successes on the right – from BREXIT through the Front National and AfD up to the election of Donald Trump in the USA have, in a strange way, put the question of class back on the agenda: the mostly legitimate anger on the part of those who feel they are being held back by this system and aren’t being represented has in many places been expressed by a rightward turn.
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| An Enticing Offer. Die Linke as a Party of Trade Union Renewal

by Bernd Riexinger

The 2007 founding of Die Linke, or the Left Party, in Germany marked a crack in the social-democratic hegemony that characterizes Germany’s trade unions. This hegemony had been eroding since the 1990s, but in the wake of mass protests against the “Agenda 2010” reforms, fractions of the trade unions finally broke with the neoliberalized Social Democratic Party (SPD) to participate in the founding of Die Linke.[1] The party has thus far been able to fill the gap it created and establish itself as a strong minority wing within the trade unions. At the same time, it faces the challenge of extending its support to unionized wage earners and expanding its “use value” within the struggles for better living and working conditions.[2]
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| Die Zumutungen der Klasse. Vielfältige Identitäten und sozialistische Klassenpolitik

Von Alex Demirović

Der Erfolg autoritär-populistischer Politiker*innen und ihrer Kritik an Globalisierung, an Arbeitslosigkeit und Unsicherheit haben zu einer neuen Aufmerksamkeit für die Klassenfrage geführt. Bestärkt wurde das durch Diskussionen über das Buch »Rückkehr nach Reims« von Didier Eribon. In der Debatte wird der Eindruck erweckt, als habe die Linke in den vergangenen Jahren die soziale Frage aus den Augen verloren und sich nur noch für Anerkennungs- und »Identitätsfragen« engagiert, also für Fragen der geschlechtlichen und sexuellen Emanzipation oder der Bekämpfung von Rassismus und Nationalismus. Mit einer solchen Argumentation geht dann die Einschätzung einher, es handele sich um die Lebensweise eines globalisierten und großstädtischen, gut gebildeten Kleinbürgertums, das für neue Kommunikations- und kulturelle Alltagspraktiken offen sei,
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| GEIZ IST GAR NICHT GEIL. ÜBER KONSUMWEISEN, KLASSEN UND KRITIK

Von Mario Candeias und Anne Steckner

Angesichts der Übernutzung natürlicher Ressourcen, immenser Abfallproduktion und fortschreitender Zerstörung der ökologischen Grundlagen des Planeten ist Konsumkritik en vogue. Allenthalben wird der Wahnsinn der Wachstumsgesellschaft und des Massenkonsums beklagt. Gehör verschaffen sich vor allem mahnende Stimmen aus dem wertkonservativen und dem grünbürgerlichen Lager. Jeweils exemplarisch hierfür stehen der Ökonom Meinhard Miegel und der Sozialpsychologe Harald Welzer. Beide Autoren treffen einen Nerv der Zeit. In ihrer Argumentation finden sich kulturpessimistische, neo- liberale und kapitalismuskritische Versatzstücke einer Kritik, die Probleme benennt, Bedrängnis anspricht und Sehnsüchte aufgreift. Zugleich bieten sie ein verkürztes Verständnis von Konsum und Bedürfnisbefriedigung, weil sie Klassenverhältnis- se nicht bedenken und häufig moralisch statt politisch argumentieren. Konsum aber ist eine Klassenfrage.1
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| LuXemburg Spezial zu Neuer Klassenpolitik

Die Klassenfrage steht im Zentrum eines links-marxistischen Projekts. ›Klasse‹ spielte aber zuletzt weder in linken Strategiedebatten noch in der politischen Praxis eine große Rolle. Das hat viele Gründe: Die Sozialdemokratie hat die Klassenfrage seit den 1970er Jahren zu Gunsten von Modellen aufgegeben, in denen eine Vielfalt sozialer Schichten angenommen wird; neue soziale Bewegungen haben sich in Abgrenzung eines auf männliche Industriearbeit verkürzten Klassenverständnisses Fragen von Lebensweisen, Geschlechterverhältnissen, postkolonialem Erbe und der Ökologie zugewandt; und das »Ende des Sozialismus« tat sein Übriges. Gleichzeitig verschärfen sich in westlichen Industrieländern die sozialen Gegensätze – Folgen eines in die Krise geratenen finanzialisierten Kapitalismus und sinkender Profitraten, die durch Flexibilisierung, Druck auf die Löhne und eine Zerstörung öffentlicher Infrastrukturen auf dem Rücken der Vielen »kompensiert« werden.

Letztlich waren es die Erfolge der Rechten – vom BREXIT über Front National und AfD bis hin zur Wahl Donald Trumps in den USA, die auf verquere Art die Klassenfrage zurück auf die Tagesordnung geholt haben:
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| The Class Question at the Checkout Counter. CONSUMPTION, CLASS, CRITIQUE

by Mario Candeias and Anne Steckner

In view of the overexploitation of natural resources, the immense generation of waste, and the ongoing destruction of the planet’s ecological foundations the critique of consumerism is in vogue. On all sides there is criticism of the madness of the growth society and mass consumerism. The dominant critique has come from the social conservative and green bourgeois camps. The economist Meinhard Miegel and the social psychologist Harald Welzer, respectively, can be taken as exam- ples. Both capture the contemporary mood. In their arguments we find the elements – cultural-pessimist, neoliberal, and critical of capitalism – that name the problems, address the distress, and capture people’s desires. But they offer a limited understanding of consumption and the satisfaction of needs, because they do not consider class relations and often argue moralistically instead of politically. Consumption, however, is a class issue.[1]
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