| Queerfeldein. Queer-feministische Perspektiven auf die Bewegung für Ernährungssouveränität

Von Paula Gioia und Sophie von Redecker

The effects of gender stereotypes are present everywhere, and especially in agriculture.
(Land Dyke Manifesto by Land Dyke Feminist Family Farm, Taiwan)

Queerfeminismus ins Feld führen

Acht Jahre nach der Verfassung der Nyéléni-Erklärung (Nyéléni, 2007) äußerte Kelli Malford vom nationalen Koordinationskreis der Landlosenbewegung Brasiliens (Movimento dos Trabalhadores Rurais Sem Terra – MST) im Anschluss an das erste LGBT[1]-Seminar ihrer Organisation 2015, dass es wichtig sei anzuerkennen, dass die LGBT-Community in den Reihen der sozialen Basis, der politischen Aktivist*innen und der politischen Leitung der Bewegung längst präsent sei.
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| Wiedergelesen: Das »unmögliche« Prekariat. Wie Klasse neu gedacht und gemacht werden kann

Von Mario Candeias

Der hier vorliegende Text von Mario Candeias widmet sich der Problematik des analytischen Herangehen einflussreicher soziologischer Arbeiten von Bourdieu, Walquant oder Castell über das »Prekariat«. Candeias kritisiert deren brillante, aber einseitige Analyse, da nur die Dekonstruktion der Arbeiterklasse in den Blick genommen wird, nicht aber Elemente ihre Neuzusammensetzung in einem permanenten Prozess des Unmaking und Remaking. Ergänzend stellt er Elemente einer möglichen Formierung des »Prekariats« als neues Klassenfraktion im Werden dar. Diese Arbeit lag bisher nur englischsprachig vor und erscheint hier erstmalig auf Deutsch.


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| Das Ganze der Arbeit revolutionieren!

Von Gabriele Winker

Zu schnell wenden sich viele Feminist_innen von Karl Marx und seinem Werk ab, weil dort die nicht entlohnte Reproduktionsarbeit nicht ausreichend berücksichtigt ist. Umgekehrt gelingt es Marxist_innen bis heute kaum, diese gesellschaftlich notwendige Arbeit, die überwiegend von Frauen in Familien geleistet wird, in ihre Kapitalismusanalyse aufzunehmen. Ich bin jedoch der Überzeugung, dass sich die nicht entlohnte Reproduktionsarbeit in die Marx‘sche Arbeitswerttheorie integrieren lässt. Auf diesem Weg lassen sich nicht nur soziale Auseinandersetzungen feministisch zuspitzen, sondern es sind auch konkrete Utopien entwickelbar, die auf das Ganze der Arbeit zielen und den Blick für eine solidarische, bedürfnisorientierte Gesellschaft öffnen.
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| Für eine Demokratisierung der Klassentheorie

Von Ariel Salleh

Die vielfältigen Formen des Widerstands im Zeitalter der Globalisierung und der ökologischen Krise legen nahe, dass nicht länger das Industrieproletariat das ›Subjekt der Geschichte‹ ist, sondern die Arbeiter*innen der sogenannten Meta-Industrien. Was das genau bedeutet, möchte ich erläutern, ohne mich in langer Exegese und kleinlicher Abgrenzung von anderen Klassendefinitionen zu verlieren. Marx selbst verzichtet darauf, den Begriff der Klasse eindeutig auszubuchstabieren, wie unter anderem Bertell Ollman (1993) argumentiert, sondern verwendet ihn je nach politischem Kontext. Dieser strategische Zugang ermutigt mich, heute von einer ›meta-industriellen Klasse‹ zu sprechen. Wobei ich Klasse als ein materielles Verhältnis und den bewussten Zusammenschluss von Menschen verstehe, die eine ähnliche Position im System von Produktion und Reproduktion innehaben.
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| Über Marx hinaus. Feminismus, Marxismus und die Frage der Reproduktion

Von Silvia Federici

Marxismus und Feminismus sind zwei der wichtigsten radikalen Bewegungen unserer Zeit. Ihr Verhältnis zu verstehen ist zentral, um die Spaltung des globalen Proletariats zu überwinden und Strategien für eine gerechtere Gesellschaft zu entwickeln. Im Folgenden diskutiere ich, welche Bedeutung Marx’ Werk für die feministische Theoriebildung und Bewegung heute hat und verweise zugleich auf dessen Beschränkungen – Punkte, an denen wir über Marx hinausdenken müssen.
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| Fem-Ma statt Emma. Warum ich Feministin und Marxistin bin

Von Katja Kipping

Vor einiger Zeit begab sich eine Runde linker Frauen in ihrer Erinnerung auf die Suche nach ihrem jeweils ersten Mal. Dem ersten Mal, sich selbst bewusst als Feministin und Marxistin bezeichnet zu haben. Wir hörten so manche Geschichte voll Freude über das Erstaunen des jeweiligen Gegenübers: »Echt jetzt?« Wir hörten amüsante und ermutigende Geschichten. Berichte darüber, wie Erkenntnisse an Widerständen und Widersprüchen wachsen können.

Ich selber bemerkte beim Nachdenken über mein Outing als Feministin und Marxistin, um wie viel zaghafter mein Bekenntnis ausfiel, Marxistin zu sein, und wie viel leichter es mir fiel, mich als Feministin zu bezeichnen.
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| Ein marginales Zentrum. Geschlechterverhältnisse sind Produktionsverhältnisse

Von Frigga Haug

Will man eine Theorie der Geschlechterverhältnisse erarbeiten, welche die Gesellschaftsverhältnisse und ihre Regulierung nicht aus den Augen verliert, gilt es, den Begriff der Produktionsverhältnisse kritisch zu reformulieren. Dies klingt zunächst anmaßend, soweit wir gewohnt sind, diese als Ökonomie und Politik aufzufassen, also als die Weise, wie in Gesamtgesellschaft Waren produziert werden und wie diese Produktionsweise politisch reguliert wird. Schließt diese Bestimmung die Frage nach den Praxen der Geschlechter aus?
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| Auf dem Dachboden der Geschichte kramen

Von Tithi Bhattacharya

Klassengedächtnis, Klassenkampf und die Archivar*innen der Zukunft

Im Jahr 1990 sah ich in dem Film Der Zufall möglicherweise des polnischen Regisseurs Krysztof Kieślowski, ohne damals das lähmende Moment einer bestimmten Szene zu erkennen. Durch Zufall lernt der Protagonist Witek einen alten Kommunisten kennen und entschließt sich in die Kommunistische Partei einzutreten. Später läuft er seiner ersten großen Liebe über den Weg. Nach einer wunderschönen und intensiven Sexszene folgt ein Moment der Ruhe, in dem Witek wie abwesend die Internationale pfeift. Seine Gefährtin murmelt zustimmend, worauf Witek fragt: „Wie würdest du es finden, wenn ich das immer sänge?“ Die junge Frau weicht zurück; sie weiß, dass er in „der Partei“ ist. Dann verlässt sie den Raum und sein Leben.
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| Linker Feminismus gegen rechte Bevölkerungspolitik

Von Susanne Hentschel

Nachdem aktive Bevölkerungspolitik über viele Jahrzehnte hinweg aufgrund ihrer engen Assoziation mit den nationalsozialistischen Rassenhygiene- und Eugenik-Programmen als diskreditiert galt, erlebte sie in den 1990er Jahren ein Comeback in neuem Gewand: Bevölkerungspolitik hieß nicht nur anders, inzwischen sprach man von Demografie, sie hatte zudem auch einen liberalen und modernisierten Anstrich.
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| Die Reproduktionskrise feministisch politisieren. Zwischen neoliberaler Humankapitalproduktion und rechter Refamilialisierung

Von Katharina Hajek

Das Insistieren darauf, dass wir es gegenwärtig mit einer Krise der sozialen Reproduktion zu tun haben, stellt eine der wichtigsten Interventionen der progressiven, queer-feministischen Linken in herrschende Krisendeutungen dar.[i] Gegen eine Individualisierung sollen die strukturellen Ursachen von Erfahrungen aufgezeigt werden, die viele im Füreinanderdasein in seiner unterschiedlichsten Form erleben: Erschöpfung, Überforderung, Frust oder das Gefühl der Unzulänglichkeit. Staatliche Austeritätspolitik, Privatisierungen und der markteffiziente Umbau des Wohlfahrtsstaates werden so als Ursachen einer Prekarisierung von Arbeit im öffentlichen Dienst wie auch der flächendeckenden Aushöhlung der öffentlichen Daseinsvorsorge benannt.
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