| »Socialism for Future« − LuXemburg 3/2019


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| Es war einmal

Von Heike Geissler

Es war einmal ein Mädchen, das hatte zu viele langweilige Nachmittage in seinem unordentlichen Zimmer verbracht und Träume angehäuft. Auch hatte es zu lange an seinem Fenster gestanden und darauf gewartet, dass die Mutter endlich von der Arbeit käme, oder es hatte dem Vater zugesehen, wie er, sich hinter der Gardine versteckend, immer dann gegen die Scheibe klopfte, wenn jemand nicht den Fußweg um die Grünfläche vor dem Haus nutzte, sondern den Trampelpfad. Der Vater freute sich über den Schreck der Leute und das Mädchen fragte sich, wie Erwachsene sich etwas ausdenken. Wie kommt Unfug in die Köpfe Erwachsener, wie bereiten sie ihn vor, wie führen sie ihn aus?
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| Mauerfall Memories

Von Norbert Niemann

Im Jahr des Falls der Mauer schloss ich mein Studium ab. Im Jahr davor saß ich im Oberseminar des Literatursoziologen Jürgen Scharfschwerdt an der Ludwig­Maximilians­Universität München. Scharfschwerdts Schwerpunkt war DDR-Literatur. Ich erinnere mich, dass die dissidenten, in der BRD publizierten Texte für einige von uns – sicher jedenfalls für mich – die mit Abstand relevantesten in deutscher Sprache geschriebenen Texte jener Zeit gewesen sind. In der BRD hatte bereits in den Achtzigern – das wird oft vergessen – eine Kommerzialisierung und Neoliberalisierung des Kulturbetriebs eingesetzt. Gefeiert wurden Romane wie »Die letzte Welt« von Christoph Ransmayr, »Das Parfüm« von Patrick Süskind, »Die Entdeckung der Langsamkeit« von Sten Nadolny. Meine Lesesozialisation ab den späten Siebzigern hatte ganz andere Weichen gestellt und Erwartungen gesetzt. Damals erschienen die Bücher Rolf Dieter Brinkmanns oder Nicolas Borns, »Die Ästhetik des Widerstands« von Peter Weiss und so weiter. Im Westen brach diese Linie in den frühen Achtzigern ab – nicht aber im Osten. Über den Umweg Heiner Müller machte sich dort auch eine politisch und ästhetisch anders konnotierte Lesart französischer Poststrukturalisten wie Michel Foucault und Gilles Deleuze geltend, nicht zuletzt in der Prenzlauer­Berg­Szene. Statt Spiel und »Anything Goes« wie im Westen »Mikrophysik der Macht«.
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| Mehr als ein Mauerfall

Von Annett Gröschner

Je älter ich werde, desto schneller vergeht die Zeit. Im letzten Jahr dachte ich, oh, schon gleich wieder fünf Jahre um, was kommt dieses Jahr in Sachen Erinnerungskultur? Wer hat diesmal die Mauer geöffnet und den Ostdeutschen das Paradies geschenkt? Will ich mich daran beteiligen, indem ich das Ganze von der Seite kommentiere und eine andere Erzählung dagegensetze, oder setze ich mal zehn Jahre aus und sortiere meine Erinnerungen? Wobei das mit der Erinnerung immer so eine trügerische Sache ist. Man erinnert sich nach Jorge Luis Borges ja immer nur an die letzte Erinnerung der Erinnerung.
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| Schaffen wir das? Ehrenamtliche Arbeit in einer Flüchtlingsunterkunft

Von Christiane Markard

Viel ist zu hören über die chaotischen Zustände bei deutschen Behörden im Umgang mit Geflüchteten. Was dabei oft in Vergessenheit gerät, sind die vielen Initiativen aus der Zivilgesellschaft, die solidarisch handeln und damit viel bewirken.

Ich hatte mich nach meiner Pensionierung 2015 schon länger mit dem Gedanken getragen, Flüchtlingskinder beim Deutschlernen zu unterstützen.1 Aber wie finde ich Kinder, die Unterstützung brauchen? Und benötige ich dafür nicht eine Ausbildung? Mir kam ein Zufall zu Hilfe – jemand suchte Ersatz für die Betreuung von Vorschulkindern in der damaligen Notunterkunft im alten Rathaus Berlin-Wilmersdorf. Die dort tätigen ehrenamtlichen Betreuerinnen fragten nicht nach meinen Kenntnissen, sondern nahmen mich freundlich auf.
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Anmerkungen

  1. Ich danke einer Ehrenamtskoordinatorin für einige Informationen, die in diesen Erfahrungsbericht – der nicht beansprucht, eine Analyse der Flüchtlingspolitik zu sein – eingeflossen sind.[]

| Kollektiv fühlen lernen

Von Max Lill

1968 veränderten sich Subjektivitäten massenhaft und in rasender Geschwindigkeit. Musik war ein Mittel, um die Trennwände zwischen Persönlichem und Politischem einzureißen. Ein Erbe, an das die Linke neu anknüpfen muss.

Der Sixties-Jubiläumsreigen neigt sich seinem Ende zu – und angesichts unzähliger, wild zusammengestückelter Flower-Power-Dokus mit weißem Mittelschichts-Bias bin ich versucht auszurufen: Endlich! Die Verkitschung der Achtundsechziger-Mythologien ist ähnlich ärgerlich wie ihre spiegelbildliche Entzauberung nach dem Motto: alles privilegierte Hedonist*innen und dogmatische Polit-Macker, nur ein romantisches Vorspiel des neoliberalen Individualismus. Tatsächlich geht es um eine der großen Wasserscheiden der Geschichte. Und in den aktuellen Kämpfen kommt es auch darauf an, etwas vom damaligen Geist konkreter Utopie wiederzufinden – trotz allem.
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| Investitionen for Future oder Schwarze Null for ever? Linke Strategien gegen die Schuldenbremse

Von Moritz Warnke

Über Jahre wie eine heilige Kuh gehandelt, ist die Schuldenbremse zurück in der Debatte. Fünf Dinge muss die Linke jetzt stark machen, um die grüne Null mit einer guten sozialen Infrastruktur durchzusetzen.


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| Die Steuerungswende – Wirtschaftsplanung im digitalen Zeitalter

Von Simon Schaupp und Georg Jochum

In Zeiten von Big Data werden bisherige Marktmechanismen durch neue Formen der kybernetischen Steuerung abgelöst, bleiben jedoch der Profitlogik verhaftet. Dabei könnten die neuen Technologien ihr Potenzial auch im Sinne des Gemeinwohls entfalten.


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| Das System umbauen – Schritte in eine sozial-ökologische Zukunft

Von Bernd Riexinger

Die Klimakrise kriegen wir nur in den Griff, wenn wir unsere Art zu produzieren und zu leben radikal umbauen. Nur im Bündnis aus Klimabewegung, Gewerkschaften und Beschäftigten kann das gelingen.

Auf den Straßen, in den Schulen und Universitäten drängen immer mehr Menschen auf grundlegende Lösungen und reklamieren die Zukunft für sich. Die Forderung, sich der Wirklichkeit, den wissenschaftlichen Erkenntnissen zu stellen und endlich unsere Lebensweise und die Art, wie wir produzieren, angemessen schnell zu verändern, ist nicht zu überhören. Politische und öffentliche Diskussionen dagegen sind von Durchhalteparolen und Ängstlichkeit gekennzeichnet.
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| Das Fenster ist offen – Für eine linke Erzählung der Klimagerechtigkeit

Von Lorenz Gösta Beutin

Die Linke ist die einzige Partei, die Klimaschutz und soziale Gerechtigkeit zusammenbringen will. Doch muss sie daraus eine klare Botschaft formulieren.

Wer bei den Klimaprotesten dieser Tage und Monate Augen und Ohren aufsperrt – sei es bei Straßenblockaden, beim Brückensperren, bei Waldspaziergängen oder Tagebaubesetzungen –  bekommt in Sprechchören, auf Transparenten und in Gesprächen immer wieder die eine Botschaft zu hören: »System change, not climate change – Systemwende statt Klimawandel«. Ende Gelände, Extinction Rebellion und Fridays for Future, die als aktivistische Speerspitze der Bewegung Mitte September über 1,4 Millionen Menschen in Deutschland auf die Straßen brachten, sie alle verknüpfen die Frage des Klimaschutzes zunehmend mit der Frage nach sozialer Gerechtigkeit in Deutschland und im Rest der Welt.
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