| »AM FRÖHLICHSTEN IM STURM: Feminismus« – LuXemburg 2/2018

Der Wind weht scharf. Autoritarismus und Rechtsradikalismus gewinnen an Zustimmung. Aber auch der Feminismus ist zurück: Women’s marches, Frauenstreiks, #MeToo, »Ni Una Menos« und viele mehr. Ob in den USA, Polen, Spanien, Lateinamerika oder Deutschland – feministische Proteste bilden die einzige transnationale Bewegung, die einen sichtbaren Gegenpol zur Rechten und zum Neoliberalismus markiert; und den Aufbruch in eine bessere Zukunft verkörpert. Sie ist sozial heterogen, plural und thematisch vielfältig – als solche hat sie das Potenzial, ›das Ganze‹ des Herrschaftsknotens anzugehen – AM FRÖHLICHSTEN IM STURM!
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| Weil wir es wert sind. Eine queere Agenda von den Rändern her

Von Southerners On New Ground (SONG)

Zu den besten Traditionen unseres Kampfes als LGBTIQ* gehört es, dass wir uns immer wieder Vereinnahmung und Assimilierung widersetzen. Wir haben Dieins abgehalten, unser Leben auf Pride-Demos aufs Spiel gesetzt, wir waren bereit, Teil des Spektakels zu sein, und sogar willens, den gesammelten Hass auf uns zu ziehen – immer in der Hoffnung, dass uns dieser Einsatz der Emanzipation ein wenig näher bringt. Wir mussten mitansehen, wie sich eine Mainstream-LGBTIQ*-Bewegung herausgebildet und nach und nach von genau dieser Praxis verabschiedet hat. Viele von uns haben in den letzten Jahren eine Menge Zeit in Konferenzsälen und Hotelzimmern zugebracht, um diesem Mainstreaming der Bewegung etwas entgegenzusetzen. Das reicht aber nicht. Wir müssen stattdessen eigene Strategien entwickeln und neue Ressourcen erschließen, um eine Politik der Intersektionalität in wirklich alle gesellschaftlichen Bereiche und in alle Winkel des Landes zu tragen: in die Groß-, aber auch in die Kleinstädte, in die Schlafzimmer, ins Fernsehen, in die Vorstellungswelten der Menschen in diesem Land und auf dem ganzen Globus. Diese Strategien müssen all jene LGBTIQ*-Personen stärken, deren Interessen von der Mainstream-Bewegung nicht vertreten werden – und sie müssen gemeinsam mit bislang eher vernachlässigten Bündnispartnern entwickelt werden.
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| »Wir haben keine Zeit zu verlieren«

Ein Gespräch mit Caitlin Breedlove über SONG und Bündnisse gegen Rechts, ländliche Räume und darüber, wie Politik auch anders geht

SONG wurde 1993 gegründet, um LGBTIQ*-Personen im ländlichen Süden der USA zu organisieren. Nicht leicht in einer Region, in der die rassistische und homophobe Rechte schon immer stark war. Was habt ihr erreicht?

SONG hat einige starke Impulse gesetzt – hier im Süden, aber auch für die Queer- und Trans*-Bewegung in den USA insgesamt. Am wichtigsten ist, dass wir eine tragfähige Basis aufgebaut haben, denn NGOs haben oftmals kaum direkten Kontakt zu denen, die sie angeblich vertreten. Mit mehr als 11 000 Aktiven sind wir inzwischen eine der mitgliederstärksten LGBTIQ*-Organisationen des Landes. Durch gezieltes Organizing und kontinuierliche Arbeit vor Ort ist es uns gelungen, Menschen über die Grenzen von Race, Klasse, Alter und Geschlecht hinweg zusammenzubringen, und zwar um gemeinsame Ziele und Werte herum. Denn es geht neben politischen Interessen auch um die Bereitschaft, uns in dieser Arbeit selbst zu verändern.
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| Die Stofflichkeit von Ausbeutung

Von Ferdinand Muggenthaler

Ulrich Brand und Markus Wissen (2017, 43) schreiben, der Kerngedanke des Begriffs der imperialen Lebensweise sei, »dass das alltägliche Leben in den kapitalistischen Zentren wesentlich über die Gestaltung der gesellschaftlichen Verhältnisse und der Naturverhältnisse andernorts ermöglicht wird: über den im Prinzip unbegrenzten Zugriff auf das Arbeitsvermögen, die natürlichen Ressourcen und die Senken1 1 […] im globalen Maßstab«. Kurz: »Die allermeisten Menschen hierzulande« lebten »auf Kosten der Natur und der Arbeitskräfte anderer Regionen in Europa und im globalen Süden«. (Brand/Wissen 2018)
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Anmerkungen

  1. Mit Senken werden für gewöhnlich die Aufnahmekapazitäten für CO2 bezeichnet. Müllabladeplätze lassen sich aber in unserem Zusammenhang auch dazuzählen.[]

| Das nördliche »Wir« gibt es nicht

Von Stefanie Hürtgen

Thomas Sablowski hat in einem Beitrag in dieser Zeitschrift jüngst die weitgehende Abwesenheit klassentheoretischer Bezüge im Konzept der »imperialen Lebensweise« kritisiert (vgl. Sablowski 2018). Ich möchte diese Kritik aufgreifen und weiterführen, teilweise auch mit Blick auf eigene Forschungsarbeiten. Zur Disposition steht dabei nicht das grundlegende Anliegen von Uli Brand und Markus Wissen, auf einer weltweiten Transformationsperspektive zu insistieren, die eben nicht in der Wiederbelebung des »guten alten« industriellen Klassenkompromisses des Fordismus bestehen kann und soll (vgl. Brand/Wissen 2018). Ein progressives Projekt muss darüber hinausweisen, und es muss – wie Brand und Wissen verdeutlichen – transnational und kosmopolitisch sein. Aber ohne einen kategorialen Bezug zu den gegenwärtigen (kapitalistischneoliberalen) Produktions- und Arbeitsverhältnissen laufen Brand und Wissen Gefahr, mit einer mittelschichts-vorgestellten Durchschnittsexistenz zu operieren, die zudem aufgrund der gewählten Beispiele noch auf »Konsum« oder auch Lebensstil reduziert wird. Damit bleiben nicht nur die alltäglichen Lebenserfahrungen der Vielen außen vor, sondern auch bei ihnen durchaus anzutreffende widerständige Praxen und Denkweisen.
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| Trotz allem! 
Einstiege in eine feministische Transformation

Von Margarita Tsomou

Ich sage es nicht gern, aber ich muss es zugeben: #MeToo war eine Revolution. Ich sage es deshalb nicht gern, weil ich als aktive Feministin Diskussionen um »No Means No« und Alltagssexismus immer als eine Art Einstieg in den Feminismus betrachtet habe. Deswegen verspüre ich heute eine Art enttäuschte Verwunderung darüber, dass Debatten um sexuelle Belästigung für so viel Wirbel sorgen können – als hätte die Öffentlichkeit zum ersten Mal davon gehört! Als hätte die Frauenbewegung nicht spätestens seit den 1970er Jahren sexuelle Gewalt zu einem zentralen Punkt einer feministischen Agenda gemacht. Und als hätten wir uns nicht in überwiegend unbezahlter Arbeit die Finger wundgeschrieben, um Sexismus breiter zu denken als den Kampf zwischen zwei Geschlechtern. Insofern halte ich nichts von der Fixierung auf Heterosexualität und dem Spektakel, das in den #MeToo-Debatten mitschwingt. Dennoch erleben wir gerade, wie sich diese der patriarchalen Heteromatrix anhaftenden Gewissheiten gegen das Patriarchat selbst richten. Also bin ich bereit, den Schritt mitzugehen und ihn produktiv zu machen, unter der Bedingung, dass weitere Schritte folgen werden. #MeToo muss nicht, kann aber als Einstieg in Debatten fungieren, die über Fragen der sexuellen Belästigung hinausweisen, die die unsichtbaren Dynamiken von Benachteiligung und Ausbeutung thematisieren und diese mit einer Kritik an der Funktion von geschlechtlicher Arbeitsteilung im Kapitalismus verbinden.
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| Gender als symbolischer Kitt. Warum das Konzept genutzt werden kann, um progressive Politiken zu delegitimieren

Von Weronika Grzebalska, Eszter Kováts und Andrea Pető

»Gleichwohl lässt sich von ihr sagen, dass sie die Leier spielt, während Rom brennt. Zu ihrer Entlastung sind zwei Tatsachen zu nennen: Sie weiß nicht, dass sie spielt, und sie weiß nicht, dass Rom brennt.« (Leo Strauss)

In seinen Betrachtungen zur neuen Politikwissenschaft charakterisiert Leo Strauss in »Liberalism Ancient and Modern« (1968)
 die Verfasstheit der Politologie mit einem bissigen Hinweis auf Kaiser Nero, der über den Dächern des brennenden Rom die Leier gespielt haben soll. Diese Metapher passt auch auf die fortschrittlichen Eliten im Zeitalter von Brexit und Trump: Sie pflegen eine Weiter-so-Attitüde, während die Grundfesten der liberalen Demokratie bröckeln. Zu dieser Elite zählen Mainstream-Politikerinnen und -Politiker, die dazu aufrufen, die »Demokratie zu verteidigen«, um den Status quo zu erhalten; dazu zählen Menschenrechtsaktivistinnen und -aktivisten, die die Rechtschaffenheit ihres Ansatzes proklamieren; dazu zählen politische Expertinnen und Experten, die technokratische Lösungen wie Gender-Mainstreaming verordnen; und dazu zählen auch feministische Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler, die versuchen, sich gegen Neues und Unbekanntes dadurch zur Wehr zu setzen, dass sie jede Aufforderung, »Kompromisse zu machen oder Verständnis für andere zu zeigen«, kategorisch von sich weisen, wie manche es nach der Wahl von Trump getan haben, und die sich so hinter ihren starren Kategorien verschanzen.
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| Dein Geschlecht gehört Dir, Proletarier*In! Wie wir den Klassenkampf verqueeren können

Von Atlanta Ina Beyer

In linken Debatten wird häufig zwischen queeren Identitäts- und Klassenpolitiken unterschieden. Im richtigen Leben ist das Ganze freilich komplizierter. Denn auch queere Subjekte gehören sozialen Klassen an. Das Prekariat ist weder durchweg heterosexuell, noch lässt
es sich immer nur einem von zwei binären Geschlechtern zuordnen. Aber auch in der Debatte um »verbindende Klassenpolitiken« bleiben queere Perspektiven bislang meist ausgeblendet. Ein Problem der Bestimmung neuer Klassenpolitiken ist, wer als Klasse vorgestellt wird. Politiken der Repräsentation sind dabei bedeutsam: Repräsentation meint Darstellung, Vorstellung und Vertretung, die Spannweite des Begriffs reicht von der Ästhetik bis zur Politik (Schaffer 2008, 83). Diese Ebenen sind ohneeinander nicht zu denken.
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| New Queens on the block. Transfeminismus und neue Klassenpolitik

Von Lia Becker

In der Linken wird derzeit viel über das Verhältnis von Klasse und Identität diskutiert. Feministische, antirassistische oder queere Kämpfe werden dabei häufig als »Identitätspolitiken« begriffen, die sich um die besonderen Interessen von Minderheiten drehen. Dagegen beziehe sich Klassenpolitik auf die objektiven und gemeinsamen Interessen aller Lohnabhängigen und habe somit Vorrang.

Aber wer kommt in den Blick, wenn wir über Klasse sprechen? Wer nicht? Von unsicheren Arbeits- und Lebensverhältnissen sowie von Armut sind Frauen*, Migrant*innen, ältere und junge Arbeiter*innen mit niedrigen Bildungsabschlüssen am stärksten betroffen. Auch die meisten schwulen, lesbischen oder Trans*-Menschen sind Lohnabhängige und viele von ihnen leben und arbeiten unter prekären Bedingungen. Dennoch werden diese Lebensverhältnisse in gewerkschaftlicher wie in schwul-lesbischer Politik selten zum Ausgangspunkt von Organisierungsstrategien gemacht (vgl. kritisch dazu Southerners On New Ground in diesem Heft; Hollibaugh/ Weiss 2015).
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| Von wem und für wen? Feminismen in Nigeria

Von Minna Salami

Aufgewachsen bin ich in den 1980er-Jahren in Lagos, einer chaotischen, aber faszinierenden Stadt in Nigeria, einem Land, das ich liebe, das jedoch von einer Kultur männlicher Dominanz geprägt ist. Bereits als Kind stieß mir auf, dass alle gesellschaftlichen Führungspositionen von Männern besetzt waren und Männer auch in der Familie das Sagen hatten. Bedeutende nigerianische Frauen wie Funmilayo Ransome-Kuti, Margaret Ekpo, Charlotte Obasa, Oyinkan Abayomi, Königin Amina aus Zazzau, die unser Land entscheidend geprägt haben, wurden im Geschichtsunterricht nicht einmal erwähnt. Ich war gerade sieben Jahre alt, als Generalmajor Ibrahim Babangida 1985 in einem Coup Muhammadu Buhari stürzte, der selbst durch einen Militärputsch an die Macht gekommen war. Babangida zerstörte das soziopolitische Gefüge Nigerias völlig: Er löste Arbeiter- und Studentengewerkschaften auf und setzte die lähmenden Strukturanpassungsprogramme (SAP) der Weltbank und des IWF um.
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