| Auf dem Weg in die Hölle im Nahen Osten

Juni 2018  Druckansicht    Druckansicht
Von Michael T. Klare

Die Vorbereitung des Dritten Golfkriegs

Der Weg in den Krieg wird sich als Weg in die Hölle erweisen; und nun, da ein Dritter Golfkrieg am Horizont der Menschheit heraufzieht, scheint er offen. Wieder einmal heißt der Feind Iran. Und wieder, wie im Jahr 2003, ist ein Präsident umgeben von kriegslüsternen Berater*innen, die genau auf einen solchen Krieg aus sind und nach Rechtfertigungen suchen, ihn zu beginnen. Nachdem Donald Trump nun die Entscheidung getroffen hat, das Atomabkommen mit dem Iran in Fetzen zu reißen, ist es Zeit für uns, mit dem Nachdenken über die Frage zu beginnen, was ein Dritter Golfkrieg bedeuten würde. Mit Blick auf die letzten 16 Jahre US-amerikanischer Erfahrung im Nahen Osten lässt sich sagen: Schön wird es nicht.

Neulich berichtete die New York Times, dass Spezialkräfte der US-Armee verdeckt das saudi-arabische Militär gegen vom Iran protegierte Huthi-Rebellen im Jemen unterstützen würden. Dies war nur das letzte Zeichen, das Präsident Trumps Erklärung zum Iran vorausging – die Erklärung, dass Washington sich bereit mache für die Möglichkeit eines weiteren zwischenstaatlichen Krieges in der persischen Golfregion. Die ersten zwei Golfkriege – die  Operation Desert Storm (die 1990 begonnene Kampagne zur Vertreibung irakischer Kräfte aus Kuwait) und die Invasion der USA im Irak 2003 – endeten in US-amerikanischen „Siegen“, die sich vervielfältigende Spannungen durch Terrorismus wie etwa den IS freisetzten, Millionen Menschen entwurzelten und die gesamte Region des Nahen und Mittleren Ostens auf fürchterliche Weise aus dem Gleichgewicht brachten. Auch der Dritte Golfkrieg – nicht gegen den Irak, sondern gegen den Iran und seine Verbündeten – wird unzweifelhaft mit einem weiteren US-amerikanischen „Sieg“  enden; dieser könnte sogar noch grauenvollere Kräfte des Chaos und des Blutvergießens entfesseln.

Wie die beiden ersten Golfkriege, so könnte auch der dritte hochintensive Zusammenstöße zwischen einem Aufgebot US-amerikanischer Truppen und denen des Iran, als einem ebenfalls hochgerüsteten Staat, einschließen. Die USA haben in den letzten Jahren in Nahost und anderswo gegen den IS und weitere terroristische Einheiten gekämpft. Doch haben diese Kriegführungen wenig gemein damit, sich auf die Auseinandersetzung mit einem modernen Staat einzulassen, der entschlossen ist, sein Hoheitsgebiet mit professionellen bewaffneten Kräften zu verteidigen – Kräfte, die den festen Willen, wenn auch vielleicht nicht das nötige Kleingeld haben, den überlegenen US-Waffensystemen militärisch zu begegnen.

Ein Dritter Golfkrieg würde sich von den jüngsten Konflikten im Nahen Osten durch die  geographische Ausdehnung des Kampfes und die Anzahl großer Akteure, die in ihn verwickelt sein könnten, unterscheiden. Überaus wahrscheinlich wäre, dass das Kampfgebiet sich von den Küsten des Mittelmeeres, wo der Libanon an Israel grenzt, bis zur Straße von Hormus hin ziehen würde, wo der Persische Golf in den Indischen Ozean fließt. Als Teilnehmende könnten auf der einen Seite der Iran, das Regime Bashar al-Assads in Syrien, die Hisbollah im Libanon und verschiedene schiitische Milizen im Irak und im Jemen eingeschlossen sein; auf der anderen Seite Israel, Saudi-Arabien, die USA und die Vereinigten Arabischen Emirate. Und falls die Kämpfe in Syrien gänzlich außer Kontrolle geraten, könnten sogar russische Truppen involviert werden.

All diese Akteure und Kräfte haben sich über die letzten Jahre hinweg mit massiven modernen Waffenansammlungen ausgerüstet, sodass sicher ist, dass jeder Konflikt  intensiv, blutig und in grauenvoller Weise zerstörerisch verlaufen würde. Iran hat von Russland ein Sortiment moderner Waffen erhalten und besitzt darüber hinaus seine eigene umfangreiche Waffenindustrie. Umgekehrt hat der Iran selbst das Assad-Regime mit modernen Waffen ausgestattet und steht im Verdacht, eine erhebliche Anzahl von Raketen und Munition an die Hisbollah verschifft zu haben. Israel, Saudi-Arabien und die Vereinigten Arabischen Emirate waren über lange Zeit Hauptempfänger von hochentwickelten US-amerikanischen Waffen im Wert von zehntausenden Millionen Dollar, und Präsident Trump hat versprochen, ihnen noch weit mehr zu liefern.

All dies bedeutet, dass ein Dritter Golfkrieg, einmal entfacht, rasch eskalieren könnte und zweifelsfrei zivile und militärische Verluste in großer Zahl mit sich bringen würde, ebenso neue Flüchtlingsströme. Die Vereinigten Staaten und ihre Bündnispartner würden versuchen, rasch die Kriegsfähigkeit des Iran lahm zu legen – ein Vorhaben, das vielfache Wellen von Luft- und Raketenangriffen notwendig machen würde – einige davon sicherlich auf Einrichtungen in dicht besiedelten Gegenden. Der Iran und seine Verbündeten würden versuchen, mit Attacken auf hochwertige Ziele in Israel und Saudi-Arabien zu antworten, darin eingeschlossen große Städte und Anlagen der Ölindustrie. Von den schiitischen Partnern des Iran im Irak, im Jemen und anderswo könnte erwartet werden, eigene Angriffe auf das US-geführte Bündnis zu starten. Wohin all dies führen würde, wenn es einmal begonnen hat, ist natürlich unmöglich vorauszusagen, doch die Geschichte des einundzwanzigsten Jahrhunderts legt nahe, dass die Geschehnisse sich nicht nach den sorgfältig ausgearbeiteten Plänen  befehlshabender Generäle (oder ihren zivilen Vorgesetzten) richten werden, und dass es weder wie erwartet noch gut enden wird.

Ähnlich unvorhersehbar ist auch, welche Vorfälle oder Abfolgen von Ereignissen es genau sein werden, die einen solchen Krieg entfachen. Gleichwohl scheint offenkundig, dass die Welt sich immer mehr dem Moment nähert, in dem aus einer Reihe von Feindseligkeiten im Vorfeld der Ablehnung des Atomabkommens durch Präsident Trump der richtige (oder vielleicht besser der falsche) Funke hervorspringt,  der zum Krieg führt. Vorstellbar ist beispielsweise eine Konfrontation zwischen israelischen und iranischen Truppen in Syrien, die einen solchen Konflikt auslösen könnte. Die Iraner*innen haben, so wird behauptet, Militärbasen sowohl zur Unterstützung des Assad-Regimes als auch der Hisbollah im Libanon errichtet. Am zehnten Mai griffen israelische Jets mehrere solcher Einrichtungen an, als sie eine Raketenattacke auf die israelisch besetzten Golanhöhen verfolgten, die angeblich von iranischen Soldaten in Syrien ausgegangen war. Sicherlich werden noch weitere solcher israelischen Militärschläge folgen, da Iran mit Hochdruck daran arbeitet, eine sogenannte Landbrücke durch Irak und Syrien zum Libanon zu schaffen und zu kontrollieren. Ein weiterer möglicher Funke zur Entzündung des Krieges könnte in Zusammenstößen oder anderen Vorfällen zwischen US-amerikanischen und iranischen Marineschiffen im Persischen Golf entstehen, wo beide Seeflotten sich häufig auf aggressive Weise begegnen. Was auch immer den ersten Zusammenstoß auslöst: Eine rasche Eskalation und ein Umschlag in umfassende Feindseligkeiten könnten ohne viel Vorwarnung die Folge sein.

All dies bringt eine Frage auf: Weshalb bewegen sich die Vereinigten Staaten und ihre Verbündeten in der Region immer mehr in Richtung eines  weiteren großen Krieges im Persischen Golf? Weshalb jetzt?

Der geopolitische Impuls

Die ersten beiden Golfkriege sind zum großen Teil durch die Geopolitik des Öls angetrieben worden. Nachdem die Vereinigten Staaten nach dem Ende des II. Weltkrieges immer abhängiger von Ölimportquellen wurden, hielten sie sich immer enger an Saudi-Arabien, die führende Ölmacht der Welt. Unter der Doktrin des Präsidenten Carter vom Januar 1980 bekannten sich die USA zum ersten Mal zur Anwendung von Gewalt, falls diese nötig sein sollte, um irgendeine Unterbrechung des Ölflusses von Saudi-Arabien und anderen Golfstaaten ins eigene Land und zu Verbündeten zu verhindern. Ronald Reagan war der erste Präsident, der diese Doktrin implementierte; er verantwortete die Neubeflaggung saudi-arabischer und kuwaitischer Öltanker mit den Sternen und Streifen der USA und ihren Schutz durch die Navy während des achtjährigen iranisch-irakischen Krieges ab 1980. Als iranische Kanonenboote diese Tanker bedrohten, vertrieben US-amerikanische Schiffe sie; so begannen die ersten militärischen Zusammenstöße zwischen den USA und dem Iran. Präsident Reagan fasste die Angelegenheit damals in deutliche Begriffe: „Die Nutzung der Schifffahrtswege des Persischen Golfs wird nicht von den Iranern diktiert werden.“

Die Geopolitik des Öls bestimmte auch hauptsächlich die US-Entscheidung zur Intervention im Ersten Golfkrieg. Als irakische Kräfte im August 1990 Kuwait besetzten und jederzeit bereit schienen nach Saudi-Arabien einzudringen, verkündete Präsident George W. Bush, dass die USA Truppen zur Verteidigung des Königreichs entsenden würden und exerzierte so die Carter-Doktrin in Echtzeit durch. „Unser Land importiert derzeit fast die Hälfte des Öls, das es verbraucht, und sieht sich einer ernsten Bedrohung seiner ökonomischen Unabhängigkeit gegenüber“, erklärte er und fügte hinzu, dass „die souveräne Unabhängigkeit Saudi-Arabiens von vitalem Interesse für die Vereinigten Staaten“ sei.

Auch wenn die Rolle des Öls in der Strategie des zweiten Präsidenten George W. Bush, im März 2003 in den Irak einzumarschieren, auch weniger offensichtlich war, so gab es sie dennoch. Mitglieder seines inneren Beraterzirkels, insbesondere Vizepräsident Dick Cheney, argumentierten dass der irakische Herrscher Saddam Hussein eine Bedrohung für die Sicherheit der Öltransportwege durch den Persischen Golf sei und beseitigt werden müsse. Andere in der Regierung verfolgten begierig die Aussicht auf die Privatisierung der staatseigenen irakischen Ölfelder und sie US-amerikanischen Ölfirmen zuzuschlagen (eine Idee, die offensichtlich bei Donald Trump im Gedächtnis geblieben ist, da er im Zuge der Wahlkampagne 2016 wiederholt feststellte: „Wir hätten das Öl behalten sollen“).

Heute spielt das Öl zwar eine geringere Rolle, doch es ist als Faktor in der Geopolitik um den Persischen Golf nicht gänzlich verschwunden. Andere Themen stehen jetzt im Vordergrund. Für die Überwindung der aktuellen militärischen Pattsituation hat die Eskalation des Kampfes um die regionale Vorherrschaft zwischen dem Iran und Saudi-Arabien (mit einem nuklear bewaffneten Israel drohend im Hintergrund) die größte Bedeutung. Beide Länder sehen sich als Mittelpunkt eines Netzwerks befreundeter Staaten und Gesellschaften – Iran als Führungsmacht der schiitischen Bevölkerungen in der Region, Saudi-Arabien in derselben Weise für die Sunnit*innen – und beide verübeln dem anderen jeden Gewinn. Um die Situation noch komplizierter zu machen, hat sich Präsident Trump – ganz offensichtlich gestützt auf tiefe Antipathien gegen die Iraner*innen – dafür entschieden, an die Seite der Saudis zu treten, während das Israel Benjamin Netanyahus sich aus Angst vor iranischen Fortschritten in der Region dasselbe betreibt. Das Ergebnis davon ist, mit dem Militärhistoriker Andrew Bacevich gesprochen, die “Einführung einer saudisch-amerikanisch-israelischen Achse“ und eine „große Neuausrichtung der strategischen Beziehungen der USA“.

Einige Schlüsselfaktoren können jenen Wandel von einer auf das Öl zentrierten Strategie, die militärische Übermacht betont, zu konventionelleren Kampfformen zwischen regionalen Rivalen erklären, in welche die letzte verbleibende Supermacht des Planeten bereits tief verstrickt ist. Zunächst ist festzustellen, dass die Abhängigkeit der Vereinigten Staaten von importiertem Öl dank einer Revolution in den Bohrverfahren, die es nunmehr ermöglichen, Quellen im Schiefergestein durch fracking massiv auszubeuten, in den letzten Jahren stark abgenommen hat. Im Ergebnis ist die Versorgung aus Quellen rund um den Persischen Golf inzwischen weit weniger bedeutsam für Washington, als sie es in den vergangenen Dekaden war. Laut dem Ölgiganten BP verließen sich die USA im Jahr 2001 zur Deckung ihres Ölbedarfs noch zu 61% auf Importe; bis zum Jahr 2016 sank dieser Anteil auf 37% und fiel weiter – und doch sind die USA weiterhin tief verstrickt in die nahöstliche Region, wie eineinhalb Dekaden nichtendender Krieg, Aufstandsbekämpfung, Drohnenschläge und andere Konflikte schmerzlich beweisen.

Durch die Invasion und Okkupation des Irak im Jahr 2003 hat Washington auch ein zentrales Bollwerk sunnitischer Macht vernichtet, ein von Saddam Hussein regiertes Land, das sich noch zwei Dekaden zuvor gemeinsam mit den USA gegen den Iran gewandt hatte. Die Invasion hatte also in höchst ironischer Weise den Effekt, den schiitischen Einfluss auszudehnen und den Iran zum vorrangigen – wenn nicht einzigen – Gewinner der Jahre nach dem Krieg zu machen. Einigen westlichen Analyst*innen zufolge liegt die größte Tragödie der Invasion, aus geopolitischer Sicht betrachtet, im Aufstieg schiitischer Politiker*innen mit engen Verbindungen nach Teheran und in den Irak. Wenn die Politiker*innen dieses Landes derzeit nach dem Sieg über den IS auch einen eigenen Pfad zu verfolgen scheinen, so unterhalten viele schlagkräftige schiitische Milizen im Irak – eingeschlossen einige, die eine Schlüsselrolle dabei gespielt hatten, den IS aus Mossul und anderen Großstädten zu vertreiben –  enge Verbindungen zu den iranischen Revolutionsgarden.

Die Kriege in Syrien und im Jemen stellen für sich bereits Katastrophen dar; sie haben die Lage auf dem geopolitischen Schachbrett, auf dem sich Washington nun befindet und von dem es sich nicht zurückziehen kann, noch komplexer gemacht. In Syrien hat sich der Iran dafür entschieden, im Bündnis mit Putins Russland für eine Fortsetzung des brutalen Assad-Regimes zu sorgen, indem dieses mit Waffen, Geldern und einer unbekannten Anzahl von Berater*innen der Revolutionsgarden bedacht wird. Die Hisbollah, eine schiitische politische Gruppierung im Libanon mit beachtlichem militärischem Flügel, hat zahlreiche eigene Kämpfer nach Syrien geschickt, um Assads Kräfte zu unterstützen. Es scheint, dass der Iran im Jemen für den Zufluss von Waffen und Raketentechnologie an die Huthis sorgt, die eine autochthone schiitische Rebellengruppe darstellen, welche nunmehr die nördliche Hälfte des Landes inklusive der Hauptstadt Sana’a kontrolliert.

Die Saudis haben in umgekehrter Weise eine immer stärkere Aktivität zur Entfaltung ihrer Militärmacht entwickelt, indem sie in Kämpfe verwickelte sunnitische Gruppen quer durch die Region stärken. Im Versuch, das zu vereiteln und umzukehren, was sie für iranische Erfolge halten, haben sie dabei geholfen, Milizen extremster Sorte und sogar der Al-Kaida angeschlossene Gruppen zu stärken, die sich im Irak und in Syrien unter Druck durch vom Iran unterstützte schiitische Kräfte befanden. Im Jahr 2015 organisierten sie im Jemen eine Koalition sunnitisch-arabischer Staaten, um in einem blutigen Krieg den Aufstand der Huthi-Rebell*innen niederzuschlagen. Dies führte zu einer Blockade des Landes, einer massenhaften Hungersnot und unausgesetzten, von den USA gedeckten Luftschlägen, welche oft zivile Ziele wie Märkte, Schulen und Hochzeiten treffen. Aufgrund dieser Kombination kam es zu geschätzten 10.000 zivilen Toten und einer beispiellosen humanitären Krise in dem ohnehin verarmten Land.

Die Obama-Regierung versuchte angesichts dieser Entwicklungen, die Situation durch Verhandlung eines Nuklearabkommens mit dem Iran und dessen Aussicht auf stärkere ökonomische Verbindungen zum Westen zu beruhigen – als Gegenleistung für eine reduzierte Durchsetzungskraft außerhalb iranischer Grenzen. Jedoch gewann diese Strategie niemals die Unterstützung von Israel oder Saudi-Arabien. Und während der Jahre der Obama-Regierung fuhr Washington fort, diese beiden Länder substanziell zu unterstützen, unter anderem auch durch massive Zulieferungen von militärischer Ausrüstung. Dazu gehörten auch die Betankung saudischer Flugzeuge in der Luft, so dass sie tiefer in den Jemen eindringen konnten, und die Versorgung der Saudis mit Zielinformationen für ihren zerstörerischen Krieg.

Das anti-iranische Triumvirat

All diese regionalen Entwicklungen hatten sich bereits vollzogen, bevor Donald Trump im Amt war. Sie haben sich seitdem nur beschleunigt, und dies in nicht geringem Maße durch die Personen, die in Entscheidungspositionen beteiligt sind. Dier erste Person ist selbstverständlich Präsident Trump. Während seiner Wahlkampagne brandmarkte er regelmäßig den Nukleardeal mit dem Iran, den die USA, Großbritannien, Frankreich, Deutschland, Russland, China und die Europäische Union allesamt im Juli 2015 unterzeichnet hatten. Offiziell bekannt als Joint Comprehensive Plan of Action(JCPOA), zwang das Abkommen den Iran, sein Programm zur Urananreicherung auszusetzen, und bot im Gegenzug die Aufhebung aller Sanktionen, die wegen dieses Programms beschlossen worden waren. Es war ein Plan, an den sich der Iran peinlich genau hielt. Obwohl Präsident Obama, viele erfahrene US-Politiker und die meisten europäischen Staatsführungen argumentiert hatten, dass das JCPOA – was immer seine  Makel sein mochten – dem Iran einen wirkungsvollen Zwang auferlege, seine nuklearen (und andere) Ambitionen nicht weiterzuverfolgen, verwarf Trump dieses immer wieder als „furchtbaren Deal“, da es nicht gewährleiste, auch die letzten Überreste der iranischen nuklearen Infrastruktur zu zerstören oder das Raketenprogramm des Landes zu beenden. „Dieser Deal war ein Desaster“, sagte er im März 2016 gegenüber David Sanger von der New York Times.

Trump hat seine Administration mit Iranhasser*innen besetzt, eingeschlossen seinen neuen Staatssekretär und neuen Sicherheitsberater. Er scheint eine tief verwurzelte Animosität gegen die Iraner*innen zu hegen – vielleicht weil sie ihm nicht mit der Bewunderung begegnen, die er zu verdienen glaubt; hingegen hat er hat eine Schwäche für die saudischen Royals, die es nicht an Huldigung fehlen lassen. Im Mai 2017 absolvierte er seine erste Auslandsreise als Präsident: er reiste nach Riad, wo er mit saudischen Prinzen einen Schwerttanz aufführte und in jene Sorte pompöser Zuschaustellungen des Reichtums eintauchte, die nur Ölpotentat*innen bieten können.

Während seines Aufenthaltes in Riad tauschte er sich intensiv mit dem damaligen Abgeordneten und heutigen Kronprinz Mohammed bin Salman aus, dem 31-jährigen Sohn von König Salman und einem der Architekten des geopolitischen Wettstreits der Saudis mit den Iranern. Prinz Mohammed, der als saudischer Verteidigungsminister fungiert und im Juni 2017 zum Kronprinzen gekürt wurde, ist der antreibende Akteur hinter dem – bisher erfolglosen – Versuch des Königreichs, die Huthi-Rebell*innen im Jemen zu besiegen und er ist bekannt dafür, anti-iranische Ansichten erbittert zu vertreten.

Auf einem früheren Empfang im Weißen Haus im März 2017 scheinen bin Salman und Präsident Trump ein implizites Abkommen über eine gemeinsame Strategie getroffen zu haben, den Iran als regionale Bedrohung darzustellen, das Atomabkommen zunichte zu machen und so die Bühne für einen möglichen Krieg bereiten, um das Land zu besiegen oder zumindest das Regime zu Fall zu bringen. In Riad ließ Präsident Trump die Teilnehmenden an einer Konferenz sunnitisch-arabischer Führer wissen, dass „der Iran Terroristen, Milizen und andere extremistische Gruppen vom Libanon über den Irak bis zum Jemen bewaffnet, trainiert und mit Geldern ausstattet, die Zerstörung und Chaos überall in der Region verbreiten. Es ist eine Regierung, die offen von Massenmord spricht, die Zerstörung Israels und den Tod Amerikas beschwört, und ebenso den Ruin vieler Führer auch in diesem Raum.“

Diese Worte wurden zweifelsohne von den versammelten Saudis, Emiratis, Kuwaitis und anderen sunnitischen Herrschern mit Befriedigung aufgenommen; darüber hinaus gaben sie die Sicht des dritten entscheidenden Players in jenem strategischen Triumvirat wieder, das die Region schon bald in einen offenen Krieg treiben könnte:  die des israelischen Premierministers Benjamin Netanyahu, auch bekannt als „Bibi“. Jahrelang hat dieser sich gegen die iranischen Ambitionen in der Region gewandt und mit Militäraktionen gegen jegliche Bewegung des Landes gedroht, die sich in seiner Sicht die Sicherheit Israels beeinträchtigen könnte. Nun hat er in Trump und dem saudischen Kronprinz die Bündnispartner seiner Träume. In den Jahren der Obama-Regierung war Netanyahu ein scharfer Gegner des Atomdeals mit dem Iran gewesen und nutzte einen seltenen Auftritt auf einer gemeinsamen Sitzung des Kongresses im März 2015, um diesen zu verdammen. Bis zu jenen Tagen, als Trump sich vom Vertrag zurückzog, hat Netanyahu niemals vom Versuch abgelassen, den Präsidenten zu überzeugen, dass das Abkommen annulliert und der Iran zur Zielscheibe werden müsse.

In jener Ansprache vor dem Kongress im Jahr 2015 breitete Netanyahu eine Vision des Irans als systemische Bedrohung aus, die sich Trump und seine saudischen Verbündeten in Riad später zu Eigen machen sollten. „Irans Regime stellt eine schwere Bedrohung dar, nicht nur gegenüber Israel, sondern auch gegenüber dem Frieden in der Welt“, fügte er in einer auf typische Weise überzogenen Äußerung hinzu. „Mit Unterstützung des Iran schlachtet Assad die Syrer ab. Mit Rückendeckung des Iran befinden sich schiitische Milizen auf einem Amoklauf durch den Irak. Und ebenso durch Hilfe des Iran reißen die Huthis die Kontrolle im Jemen an sich und bedrohen die strategisch wichtige Meerenge am Roten Meer. Zusammen mit der Straße von Hormus würde dies dem Iran ein zweites Nadelöhr verschaffen, um Einfluss auf die weltweite Ölversorgung zu nehmen.“

Inzwischen spielt Netanyahu eine Hauptrolle dabei, die ohnehin mit Problemen überhäufte Region in einen Krieg zu zerren, der sie weiter zerstören, noch mehr Terrorgruppen (und terrorisierte Zivilpersonen) produzieren und Verwüstung in womöglich globalem Ausmaß nach sich ziehen könnte – gerade angesichts der Tatsache, dass sowohl Russland als auch China die Iraner*innen unterstützen.

Sich gürten für den Krieg

Messen wir den Worten Netanyahus in Washington und Donald Trumps in Riad die richtige Bedeutung zu. Begreifen wir sie nicht als politische Rhetorik, sondern als finstere Prophezeiung. In den kommenden Monaten werden noch weit mehr an solchen Prophezeiungen zu vernehmen sein, da die Vereinigten Staaten, Israel und Saudi-Arabien sich immer mehr in Richtung eines Krieges mit dem Iran und seinen Bündnispartnern bewegen. Ideologie und Religion werden in dem, was folgt, eine Rolle spielen, doch der eigentliche Impetus ist ein geopolitisches Ringen um die Kontrolle der weiteren Golfregion mit all ihren Reichtümern und zwischen zwei Sorten von Ländern, von denen jede entschlossen ist, zu überdauern.

Niemand vermag, mit Sicherheit vorauszusagen, wann oder ob diese mächtigen Kräfte einen verheerenden neuen Krieg oder eine Reihe von Kriegen im Nahen Osten auslösen werden. Andere Erwägungen — ein unerwartetes Aufflackern auf der koreanischen Halbinsel, falls Präsident Trumps Gespräche mit Kim Jong-Un mit einem Scheitern enden, eine neue Krise mit Russland, ein globaler ökonomischer Zusammenbruch – könnten die Aufmerksamkeit auf andere Orte lenken und die Wichtigkeit des Wettstreits im Persischen Golf verblassen lassen. Eine neue Führung in irgendeinem der entscheidenden Länder könnte in ähnlicher Weise zu einer Kursänderung führen. Netanyahu beispielsweise steht derzeit vor dem Risiko, aufgrund einer fortschreitenden Ermittlung der israelischen Polizei wegen angeblicher Korruption die Macht zu verlieren. Und Trump – nun, wer kann das sagen? Ohne solche Entwicklungen oder zumindest einer solchen Entwicklung scheint der Weg in den Krieg, der sich sicherlich als Weg in die Hölle erweisen wird, jedoch offen – als düsteres  Bild zeichnet sich ein Dritter Golfkrieg am Horizont der Menschheit ab.

Der Text erschien zuerst bei TomDispatch und wurde von Corinna Trogisch übersetzt.