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Am Ende war das Wort

Von Nicola Bullard

Die Geschichte ist voll von Wörtern, die von rechts gekapert und entleert, von der Werbeindustrie sterilisiert und aller Bedeutung beraubt, schließlich auf den Schrottplatz fehlgeschlagener politischer Projekte geworfen wurden.

Freiheit, das schönste Wort von allen, genießen nur Finanzmärkte. Der Rest von uns darf sie nur im Supermarkt erleben, wo wir die Wahl zwischen 45 Sorten Shampoo haben. Revolution ist schick (besonders wenn sie diese arabischen Diktatoren trifft), solange keine Probleme für Militärbasen oder Öllieferungen entstehen und die Muslimbrüder nicht gewählt werden. Sozialismus war einmal eine wunderbare Utopie. Heute ist er ein hässlich trister Ort, mit leeren Regalen in den Supermärkten (an dem es Freiheit definitiv nicht gibt). Ein ähnliches Schicksal hat auch jüngere Einträge im Wörterbuch emanzipatorischer Bewegungen ereilt. Nachhaltige Entwicklung ist kaum mehr als ein Deckmantel für die Täuschungsmanöver von Großunternehmen. Und das Einzige, was an der grünen Ökonomie wirklich grün ist, ist die Farbe der Dollars, die mit ihr verdient werden sollen.

Wie steht es um den »grünen Sozialismus«? Ich bin keineswegs gegen die Idee. Aber mir ist nicht ganz klar, was das sein soll. (Oder wie ein Freund mal spottete: »Ich mag meinen grünen Sozialismus mit Walnussöl.«) Ernster gefragt: Ist eine Sache wirklich leichter zu erlangen, wenn wir ihr einen Namen geben? Oder wird dadurch nicht nur eine Trennlinie geschaffen, die dafür sorgt, dass Linke (bzw. bestimmte linke Fraktionen) sich die Idee zu eigen machen? Setzt es uns Angriffen von rechts aus, während es die Diskussion mit allen anderen abwürgt? Ich komme nicht aus einer linken Parteitradition (und manche werden darin den Grund sehen, dass sie mit dem Folgenden nicht übereinstimmen). Ich bin nicht daran interessiert, minutiös darüber Rechenschaft abzulegen, welcher linken Minifraktion ich entstamme. Tatsächlich glaube ich, dass die Linke sich keinen Gefallen tut, wenn sie auf Etiketten beharrt, anstatt die wirklichen Probleme zu beschreiben, und mit Gesprächen und politischer Bildungsarbeit den notwendigen strategischen Dialog mit unpolitischen oder nicht engagierten Menschen beginnt.

Brauchen wir das Etikett »grüner Sozialismus«? Der Zweck von solchen Namensgebungen ist doch, Gedanken Wirklichkeit zu verleihen und Unterstützung für unsere Vorschläge zu gewinnen. Doch es gibt vielleicht noch andere Wege, dies zu erreichen, die zugleich die Dynamik verändern und die Debatten bereichern. Was wäre, wenn wir das Ganze einfach umkehrten? Anstatt der Sache zuerst einen Namen zu geben, könnten wir damit beginnen, die Sache selbst zu erschaffen. Was wären Ideen und Prozesse, die uns dabei weiterbringen?

Nüchtern betrachtet hat es die Linke nicht geschafft, den neoliberalen Kapitalismus zu schwächen. Da dies nach wie vor notwendig ist, weil kein anderer Weg aus der bestehenden (unnachhaltigen und ungerechten) ökologischen, gesellschaftlichen und ökonomischen Ordnung hinausführt, müssen wir Mittel und Wege finden, breitere Unterstützung für einen Systemwechsel zu gewinnen. Wir müssen Alternativen erarbeiten, die attraktiv genug sind, um uns aus unseren Fesseln zu lösen (als Konsumenten und als Arbeiter).

Die Herausforderung besteht darin, Verfahren zu erarbeiten und Debatten anzusto- ßen, die geeignet sind, die breite Gesellschaft (»die 99%«) einzubinden und die erst noch zu benennende Sache auf unserem Weg gleich mit zu erschaffen. Die Einbindung muss praktischer Natur sein. Sie muss im wirklichen Leben der Menschen verankert sein und gleichzeitig Türen und Tore für emanzipatorisches Denken und neue Ideen öffnen.

Es geht mir nicht darum, in »Fokusgruppen« den kleinsten gemeinsamen Nenner des politisch Machbaren zu bestimmen. Ich schlage vor, Verfahren und Raum dafür zu schaffen, Diskussionen mit Ideen zu öffnen, statt sie durch Etikettierung zu schließen. (Mich erinnert das an »altmodische« Konzepte wie Arbeiterbildung oder lebenslanges Lernen, die mehr sind als Politgruppentreffen.)

Derzeit lassen sich drei wichtige Ideen ausmachen, die in verschiedenen Kontexten und Ländern Zugkraft gewinnen und etwas von dem Zeitgeist unserer chaotischen Gegenwart einfangen: » buen vivir« (das gute Leben und die Rechte der Natur), die (praktische) Wiederaneignung von Gemeingütern (commons bzw. commoning) und die Idee der wahren bzw. partizipativen Demokratie (Chomsky 2012). Sie überschneiden sich und keine ist gänzlich neu oder originell. Doch sie antworten auf je unterschiedliche Weise auf unsere größte Herausforderung: Wie können wir unsere Gesellschaften sowie unsere Beziehungen zueinander und zur Natur auf nachhaltige und gerechte Weise (re-) organisieren? Sie könnten das Fundament für eine andere Zukunft bilden, sofern noch eine dringend benötigte Dosis Feminismus hinzukommt (mehr dazu unten).

Auf der Suche nach dem buen vivir

Indigene Bewegungen und Intellektuelle in Lateinamerika haben der Idee des buen vivir internationale Aufmerksamkeit verschafft. Sie ist ein Gegenentwurf zu westlichen Vorstellungen vom »guten Leben« und zu Entwicklungsvorstellungen, die sich zerstörerisch auf Natur und Gesellschaft auswirken. Zusammen mit dem Begriff der »Rechte der Natur« steht buen vivir dafür, das Verhältnis zwischen den Menschen und dem Nicht-Menschlichen, zwischen Gesellschaft und Natur als Harmonie und Gleichgewicht statt als Unterwerfung und Wettbewerb zu denken. Schon die Frage: »Was bedeutet es, gut zu leben?«, nötigt uns, andere Kosmologien, andere Weltbilder und Sichtweisen anzuerkennen. Sie zwingt uns, aus unserem eurozentrischen, westzentrierten und anthropozentrischen Standpunkt herauszutreten und Vielfalt und Pluralismus anzuerkennen. Buen vivir ist in einem spezifischen Kontext und aus spezifischen Traditionen entstanden (vgl. LuXemburg 2/2010). Der Begriff sollte nicht mit dem des »Bruttonationalglücks« in einen Topf geworfen werden, und es geht auch nicht um eine neue »Heilslehre«. Dennoch: »die in Lateinamerika gemachten Erfahrungen sollten uns eine Einladung zum Dialog sein. Wir stehen erst am Anfang der neuen Wege, die wir erkunden. Wir sollten uns stets des Kontexts bewusst sein, in dem buen vivir entstand. Allerdings müssen wir nicht zum Pachamamismus konvertieren oder Mutter-Erde-Kultstätten in unseren Kleingärten einrichten, um am Dialog teilzunehmen.« (Fatheuer 2011, 29)

Wiederaneignung von Gemeingütern

Ob naturgegeben oder vom Menschen gemacht, ob lokal oder global, ein Gemeingut kann per definitionem weder warenförmig sein, noch andere Personen von der Nutzung ausschließen. Der Begriff passt zu unserer Ablehnung, Leben zu privatisieren und zur Ware zu machen, drückt aber keine simple »Anti-Haltung« aus. Die Nutzung und Reproduktion von Gemeingütern ist im Süden nach wie vor weit verbreitet und auch im Norden erstaunlich langlebig. An diese Tradition ließe sich anknüpfen. Gleichzeitig entstehen neue Formen der Erzeugung von Gemeingütern, etwa in der Produktion und Verbreitung von Wissen. Versuchen, Gemeingüter dem Staat und dem profitorientierten Privatsektor wieder zu entreißen, wohnt erhebliches Transformationspotenzial inne. Die Ausdehnung natürlicher, sozialer, wirtschaftlicher und kultureller Gemeingüter – durch Genossenschaften, nicht gewinnorientierte Banken, Gemeindegärten, Kinderbetreuung usw. – kann einzelne Wirtschaftssektoren aus der Geldzirkulation herausnehmen und dadurch Lohnabhängigkeit reduzieren. Außerdem setzt die Erzeugung von Gemeingütern direkte Partizipation oder zumindest aktives Delegieren voraus. Sie ist daher geeignet, Demokratie zu vertiefen. Der wichtigste Punkt aber ist: Das Wesen der Reproduktion von Gemeingütern besteht darin, auf sie acht zu geben, damit sie nicht erschöpft werden und anderen Gemeindemitgliedern sowie zukünftigen Generationen auch noch zur Verfügung stehen (Aguiton 2012).

Wahre Demokratie praktizieren

Die Bewegung der Platzbesetzer in Europa und USA, Indignad@s und Occupy Wall Street (OWS), haben sich von den Aufständen des arabischen Frühlings inspirieren und vom Ärger über die Macht des Finanzkapitals zum Handeln bewegen lassen. Sie werden auch von dem Wunsch nach »wahrer« Demokratie befeuert. Der Slogan »Wir sind die 99%« hat Anklang in der ganzen Welt gefunden. Er hat dem tief sitzenden Gefühl Ausdruck verliehen, dass mit »dem System« etwas ganz fundamental nicht stimmt. Die Praktiken der Indignad@s und von OWS – vom »Mic Check« über nicht-hierarchische und konsensorientierte Verfahren, das Sprechen im eigenen Namen (statt als Repräsentant einer Organisation oder Gruppe), bis hin zu praktischen Aktionen zur Wiederaneignung von Gemeingütern – stehen für ein lebendiges Experimentieren mit neuen Formen des Demokratischen. Ihr Potenzial, strapazierfähige Formen partizipativer Demokratie zu erschaffen, die über die Einzelperson und den jeweiligen Moment hinausgehen, ist jedoch begrenzt. Sie in diese Richtung weiterzuentwickeln, ist eine gewaltige Herausforderung.

Hegemoniale Männlichkeit überwinden

Wohlgemerkt: Die Idee des buen vivir mit Leben zu füllen, Gemeingüter wiederanzueignen und wahre Demokratie zu praktizieren, reicht nicht aus, um neue Formen der Politik und Ethik zu erschaffen. Diesem ohnehin turbulenten Ideengebräu muss dringend eine öko-feministische Agenda hinzugefügt werden. Meine Inspiration hole ich mir hierzu bei Ariel Salleh und der mittlerweile verstorbenen Teresa Brennan (2003).

Unsere ökologischen und gesellschaftlichen Probleme sind nicht nur Resultat des Kapitalismus, sondern auch von Patriarchat und Männlichkeit. Salleh argumentiert, dass die Erderwärmung durch die »Lebensstile wohlhabender weißer Männer« betrieben wird (Canavan et al. 2010, 183ff). In diesem System ist Wettbewerb wichtiger als menschliches Wohlergehen, Produktion wichtiger als Reproduktion und Akkumulation wichtiger als ein intaktes Ökosystem.

Das »Ende des Kapitals ist eine notwendige, aber keine hinreichende Bedingung für Nachhaltigkeit. Der Kapitalismus ist lediglich eine moderne Version patriarchaler Gesellschaftsformen. Es braucht gleichzeitig eine Dezentralisierung politischer Macht. Mit anderen Worten: das Band zwischen hegemonialer Männlichkeit und der Abwertung von Frauen und Natur muss erst zerschnitten werden.« (Ebd., 187)

Für die Linke ist dies eine gewaltige Herausforderung. Wenn Nachhaltigkeit und Gerechtigkeit unsere wichtigsten Ziele sind – und warum sonst sollte man die Wörter »grün« und »Sozialismus« zusammenfügen –, dann ist die Überwindung von Patriarchat und hegemonialer Männlichkeit hierfür eine Vorbedingung, nicht zweitrangig. Ich schlage vor, dass wir die neuen Begriffe und Praxen, die in den Bewegungen indigener Völker, bei Occupy Wall Street und bei Gemeingutaktivisten entstehen, begeistert aufgreifen und sie als Anlass und Ort für eine Praxis nutzen, die die geschlechterdifferenzierende Funktionsweise von Kapitalismus und Produktivismus aktiv dekonstruiert und überwindet und die Eingebettetheit des Menschen in die Natur wieder anerkennt. Hierfür aber müssen wir unsere Ideen aus den Konferenzräumen hinaus in die Gesellschaft tragen – in der Hoffnung, am Ende Wörter zu finden, die die Menschen tatsächlich verstehen.

Aus dem Englischen von Julian Müller

 

Literatur

Aguiton, Christophe, 2012: Biens communs, sphère publique et »gauche de transformation sociale«, vecam.org/ [1] article1259.html , 22.7.
Brennan, Teresa, 2003: Globalization and Its Terrors: Daily Life in the West, London
Canavan, Gerry, Lisa Klarr und Ryan Vu, 2010: Embodied Materialism in Action: An Interview with Ariel Salleh, in: Polygraph 22, 183ff
Chomsky, Noam, 2012: Destroying the Commons: How the Magna Carta became the Minor Carta, www.tomdispatch. com/blog/175571, 29.7.2012
Fatheuer, Thomas, 2011: Buen Vivir: A brief introduction to Latin America’s new concepts for the good life and the rights of nature, Heinrich Böll Stiftung, Schriften zur Ökologie, Bd. 17, www.boell.de/publications/publications-buen-vivir-12636.html